Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs (1970) – Filmkritik

Polizisten und San Francisco gehören einfach zusammen wie Donuts und Kaffee. BULLITT (1968), DIRTY HARRY (1971) oder PRESIDIO (1988) sind nur ein paar Empfehlungen für alle Fans von Kriminalgeschichten und der hügeligen Stadt an der pazifischen Bucht. San Francisco galt schon immer als recht freigeistige Stadt, was den vielen Bewohnern aus der Hippie-Bewegung Ende der 60er zu verdanken ist, die dort leben. Ein Beispiel eines geschichtlichen Eckpunktes in Form einer berühmten Persönlichkeit ist zum Beispiel Harvey Milk, der erste offen schwule amerikanische Politiker, der einen Sitz im Stadtrat innehatte. Seine Geschichte ist wunderschön von Gus Van Sant in MILK (2008) mit Sean Penn in der Hauptrolle verfilmt. So ist es unausweichlich, dass der erste berühmte schwarze Filmpolizist auch seinen Dienst in dieser Stadt verrichtet: Virgil Tibbs (Sidney Poitier). In IN DER HITZE DER NACHT (1967) muss Mr. Tibbs quasi im Außendienst in einer von Rassismus geprägten Kleinstadt in Mississippi einen Mord aufdecken. Der erfolgreiche Spielfilm zog zwei Fortsetzungen nach sich: DIE ORGANISATION (1971) und der hier vorgestellte ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS (1970).

© MGM & Wicked Vision

Handlung

Ein Hausmeister findet die Prostituierte Joy Sturges in ihrer Wohnung tot auf. Er meldet es sofort dem Vermieter Rice Weedon (Anthony Zerbe) eine Etage darüber, der ihn fragt, wen er zuletzt in der Nähe der Wohnung gesehen hat. Der Hausmeister meint, Logan Sharpe (Martin Landau) ein paar Stunden vorher im Treppenhaus gesehen zu haben. Rice kommt dieser Verdacht beruflich gelegen und gibt einen anonymen Anruf bei der Polizei ab. Virgil Tibbs (Sidney Poitier) ist sofort an dem Fall dran, da er Sharpe schon viele Jahre kennt. Nun heißt es, Beweise finden und die persönlichen Belange hintenanstellen. Aber der Fall kommt in einer ungünstigen Zeit, da Logan Sharpe nicht nur Priester ist, sondern sich gerade für Proposition No. 4 medienwirksam stark macht, die die Einwohner bei Bezirksentscheidungen einflussreicher macht. Das würde weitreichende Folgen für die Strukturen der Stadt nach sich ziehen. Die negativen Schlagzeilen über einen Mordverdacht bei einem politischen Anführers kommt ungelegen und heizt die Demonstrationen gegen die Organe der Stadt weiter an. Die Polizei würde als politisches Organ dastehen, das einen Gegner zu einem unpassenden Zeitpunkt des Mordes anklagt.

Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs (1970)

© MGM & Wicked Vision

Ein schwieriger Fall?

Der eigentliche Kriminalfall ist nicht sonderlich spannend, die große auflösende Kehrtwende zum Finale etwas unbefriedigend, da die Beweislage nicht mit einem Aha-Effekt einhergeht. Gute Kriminalgeschichten funktionieren am besten, wenn der Zuschauer schon zu Beginn das alles entscheidende Indiz sieht, aber noch nicht weiß, dass es von Bedeutung ist. ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS folgt ernüchternden Teppichfusseln und Glassplittern, denen jede Gewichtung fehlt. Was macht Mr. Tibbs nun zu einem guten Detectiv?

© MGM & Wicked Vision

Genau, der richtige Riecher für die krummen Dinger und bösen Schurken. Grandios von Regisseur Gordon Douglas in der Sequenz umgesetzt, wenn Tibbs seelenruhig in das Büro des Großimmobilienbesitzers Woody Garfield (Edward Asner) schlendert, die Ehefrau und Teilhaberin im Vorzimmer dezent wegen der verbrecherischen Nebengeschäfte ihres Mannes nervös macht, sich schöne Augen von der Sekretärin machen und den Schurken aus seinem Büro rennen lässt. Die Polizei-Kollegen stehen schon längt in den Autos vor dem Gebäude parat, um die Verfolgung aufzunehmen. Mit einem lässigen Klopfen an die Fensterscheibe gibt er ihnen das Kommando, den Rest koordiniert er von der Zentrale aus. So ist der Style von Tibbs, sein ruhiges Auftreten, die Coolness, selbst im Angesicht gegen einen Freund wegen Mordes zu ermitteln, das Besondere an ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS. Als Zuschauer muss man sich auf die sehr ruhige Arbeitsweise einpegeln. Vor allem die Innenszenen, die selten mit Musik unterlegt sind und einige Längen im Dialog aufweisen, beschweren die Augenlider des Zuschauers. Gut, dass es nicht nur um den Fall geht und unser Held auch mal rauskommt und den Bösewichten hinterherrennt. Denn dann fliegt auch die Kamera in feinster 70er-Jahre-Manier durch die engen Gassen San Franciscos und der treibende Sound von Quincy Jones im Soundtrack feuert den Cop an.

© MGM & Wicked Vision

Pädagogik-Tipps vom Mr. Tibbs

Einen ungewöhnlich hohen Anteil in diesem Krimi nimmt das Privatleben des Ermittlers ein. Das ist Absicht, denn Tibbs‘ Profil im Originalteil ist ein unbeschriebenes Blatt. Dem Klischee nach haften guten Ermittlern eine kleine dreckige Wohnung, ein Vertrauensverhältnis zu Prostituierten und keinerlei Freundschaften an. Tibbs hat jedoch ein schönes Haus mit Aussicht auf die Bucht, eine liebende, Abendessen kochende Ehefrau (Barbara McNair) und zwei Kinder. Ganz so rosig ist sein Familienleben doch nicht, da vor allem Sohn Andy unter die Kategorie pubertär schwierig fällt. Das wirkt zwar insgesamt alles etwas aufgesetzt, ist aber durchaus nachvollziehbar. Die Tochter ist Vaters Liebling und der Sohn muss zum Erfolg angespornt werden, was ihn aber nur noch trotziger macht.

Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs (1970)

© MGM & Wicked Vision

Als der Vater seinen Sohn beim Rauchen erwischt, muss er gleich mit „Vati“ Zigarre rauchen und Hochprozentigen trinken, damit er erkennt, dass so etwas als Kind einfach nicht schmeckt. Im wahrsten Sinne des Wortes sogar zum Kotzen ist. Auch wenn man Tibbs‘ erzieherischem Weg nicht unbedingt folgen muss, stößt vor allem negativ auf, dass die Tochter in ihren Fähigkeiten als „begrenzt“ von ihm angesehen wird, aber der Sohn nur zu faul ist sein Potential auszuschöpfen. Dabei will Andy als Zweitbester in der Schule einfach seine Ruhe und die Tochter ist eben noch kindlich in ihren Vater vernarrt und will dessen Aufmerksamkeit.

Black Cinema in HD

Zehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs (1970)

Das Blu-ray-Cover

Nach dem Blaxploitation-Kracher SLAUGHTER geht es mit ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS in die zweite Runde der Black-Cinema-Collection von Wicked Vision. Zum ersten Mal in HD in Deutschland ist dem Bild ein zeitgemäßer Transfer gelungen. Auch der Ton, Englisch wie auch Deutsch, lässt keine Wünsche übrig. Es gibt ein 24-seitiges Booklet mit einem lesenswerten Text von Thorsten Hanisch. Die Extras mit einem Audiokommentar und dem neu produzierten Featurette „Von Mr. Tibbs zu John Shaft: Neue Stars und Perspektiven“ runden das Paket ab. Etwas schwermütig schaut man zur Blu-ray-Veröffentlichung vom Vorgängerfilm IN DER HITZE DER NACHT (1967) in Deutschland, die wesentlich dünner ausfällt und leider auch schon out of print ist.

Fazit

Auch wenn man sich auf das gemäßigte Tempo dieser Kriminalgeschichte einstellen muss, begeistert ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS mit einem schönen San Francisco der 1970er-Jahre, einem coolen Sidney Poitier und einem starken Finish. Das Ende trifft perfekt die pessimistische Stimmung, die so langsam ihre filmgeschichtlichen Krallen in dieser Zeit ausfährt. Sollte man ruhig mal gesehen haben, vor allem wer Tibbs ersten Kinoauftritt 1967 mochte.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewZehn Stunden Zeit für Virgil Tibbs (1970)
OT: They Call Me Mister Tibbs!
Poster
Regisseur Gordon Douglas
Releaseseit dem 18.12.2020 auf Blu-ray in der Black-Cinema-Collection

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Trailer

Englisch
BesetzungSidney Poitier (Virgil Tibbs)
Martin Landau (Logan Sharpe)
Barbara McNair (Valerie Tibbs)
Anthony Zerbe (Rice Weedon)
Edward Asner (Woody Garfield)
Jeff Corey (Captain Marden)
Norma Crane (Marge Garfield)
Juano Hernandez (Mealie Williamson)
David Sheiner (Lieutenant Kenner)
Beverly Todd (Puff)
Ted Gehring (Sergeant Deutsch)
DrehbuchAlan Trustman
James R. Webb
FilmmusikQuincy Jones
KameraGerald Perry Finnerman
SchnittBud Molin
Filmlänge109 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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