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Yi Yi (2000) – Filmkritik

„A One and a Two”

Es gibt sie noch, die Neuentdeckungen der Filme aus der Zeit, die einen selbst am meisten geprägt haben. Im Fall von YI YI aus der Zeit des Jahrtausendwechsels hat es etwas gedauert, denn für den taiwanesischen Film wurde nie eine deutsche Synchronisation erstellt. Aber als Cineast hält so etwas einen nicht auf, und jetzt konnte ich mir endlich einmal dieses Familienporträt ansehen, das in einer Vielzahl von Listen der besten Filme aller Zeiten zu finden ist. YI YI erscheint durch das Independent Label Rapid Eye Movies zum 25. Jubiläum erneut in den Kinos – gewissenhaft in 4K restauriert.

© Rapid Eye Movies

Handlung

Eine große Hochzeit führt die Familie zusammen. Die Braut ist bereits hochschwanger und man versucht diesen traditionellen Fauxpas mit dem Termin am Tag des Glücks zu verschleiern. Doch es gibt schon die ersten kleinen Probleme. Die Exfreundin des Bräutigams ist immer noch an seiner Gesellschaft interessiert und taucht auf der Hochzeit auf. Die Großmutter (Ru-Yun Tang) will sich das gar nicht antun und lässt sich nach Hause fahren. Sie wohnt bei ihrer Tochter Min-Min (Elaine Jin) und ihrem Mann N.J. (Wu Nien-jen). Beide haben eine jugendliche Tochter namens Ting-Ting (Kelly Lee) und einen Sohn, den Grundschüler Yang-Yang (Jonathan Chang). Die Großmutter hat jedoch ein paar Tage später einen Schlaganfall auf dem Weg zu den Mülltonnen. Ihre Pflege zu Hause stellt alle emotionalen auf die Probe, auch wenn sich die Mittelstandsfamilie eine tägliche Pflegekraft leisten kann. Tag um Tag lernt man jedes Familienmitglied kennen, die Großen wie auch die Kleinen.

© Rapid Eye Movies

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Edward Yangs YI YI erinnert an Ensemblefilme wie jene von Robert Altman. Eine Hauptfigur gibt es nicht. Die geradlinige Handlung bewegt sich zwischen gleichberechtigten Figuren hin und her. Mit langen statischen Aufnahmen, die manchmal auch nicht die Personen zeigen, deren Dialog man gerade hört, bekommt die Erzählweise eine spirituelle Ruhe, ohne zu bedeutungsschwer zu werden. Man lernt hier Menschen zu beobachten, Fähigkeiten zu erkennen und manchmal auch Gedanken zu lesen. Auch wenn die Emotionen manchmal etwas überdrehen, was vielleicht auch kulturelle Hintergründe haben, ist YI YI universell verständlich. N.J. trifft auf seine alte große Liebe aus der Jugend und hinterfragt sein jetziges Leben. Die Mutter sieht auf ihr Leben zurück und erkennt nur triste Alltäglichkeit und sucht deshalb Antworten in einem Tempel. Der Schwager hat sich ein Luftschloss aus Schulden gebaut, aus denen es anscheinend kein Entkommen gibt. Aber so richtig ans Herz wächst YI YI über die jüngste Generation.

© Rapid Eye Movies

Die Ruhe vor dem Sturm

Zu Zeiten des Jahrtausendwechsels haben die Menschen noch nicht einen Großteil ihres Lebens an kleinen Displays verbracht. Hier hieß es noch hinauszugehen, Freundschaften zu schließen, die Umwelt zu betrachten und irgendwie herauszubekommen, was ein erfülltes Leben bedeutet. Mit philosophischer Neugier bewegt sich der junge Yang-Yang durch seine Welt. Der Vater hat auch nicht immer Antworten auf seine Fragen, warum sich Erwachsene anschreien oder ein Lehrer ihn anscheinend nicht leiden kann. Es ist eine Freude, dem jungen Jonathan Yang in YI YI zuzusehen, wie er die Welt betrachtet und zu verstehen versucht. Die Menschen sehen immer nur die Hälfte der Wahrheit, weil sie keine Augen am Hinterkopf haben. Deswegen macht er Fotos von Hinterköpfen.

© Rapid Eye Movies

Das Mädchen Ting-Ting schließt Freundschaft mit ihrer neuen Nachbarin, die bereits einen Freund hat. Die Mutter scheint ständig ihre Männer zu wechseln und die junge Liebe scheint auch ihre Verständigungsprobleme zu haben. Ehe es Ting-Ting merkt, geht sie mit dem Jungen ins Kino und verliebt sich zum ersten Mal. Das alles geschieht ganz ohne große Aufregung, aber mit viel Schüchternheit und einer Neugier, wie man es nur als junge Person fühlt. Dennoch ist sie auf einmal mitten in einer Dreiecksbeziehung, die dramatisch endet.

© Rapid Eye Movies

Wiederholen die Kinder das Leben der Eltern?

Dies ist vielleicht die grundlegendste Frage, die man in YI YI erkennt. Der Vater ist in Japan auf Geschäftsreise und versucht einen Vertrag mit einem japanischen Spieleentwickler abzuschließen. Dass Mr. Ota (Issei Ogata) ihn eher als Mensch kennenlernen und die Bedeutung von Kunst im Leben diskutieren will, darauf war er nicht gefasst. Zusätzlich trifft er auf seine große Jugendliebe. Ihre Gefühle füreinander scheinen ungebrochen, doch das Leben ist schon zu weit fortgeschritten, so dass man die Vergangenheit nicht zurückholen kann. Wenn der Vater seine Jugend und seine Interessen aus der Schule beschreibt, werden immer wieder Szenen seiner Kinder zu diesem Zeitpunkt in Taipeh gegenübergestellt.

© Rapid Eye Movies

Wie viel steckt von seiner Persönlichkeit in seiner Tochter und seinem Sohn? Und müssen sie die gleichen Erfahrungen und Fehler durchmachen, die auch er erlebt hat? Regisseur Edward Yang zeigt echtes Leben, mit viel Gespür für Bildeinstellungen und jeder Menge Räume, in denen wirklich Menschen leben. Es werden nie aus ästhetischen Gründen Möbel verschoben. Im Zweifel sieht die Kamera vielleicht nur die Hälfte. Wenn die Kinder an ihren Schreibtischen sitzen und über etwas nachdenken, begibt man sich selbst wieder in die eigene Kindheit und hat wieder dieses Gefühl von Unendlichkeit der Zeit mit einem Hauch Langeweile. Die Schönheit der Zeit, in der man wenige Verpflichtungen hat. Keine sozialen Medien, die die jungen Synapsen schmelzen lassen und kostbare Zeit stehlen.

© Rapid Eye Movies

Fazit

YI YI beginnt mit einer Hochzeit und endet mit einem Begräbnis. Dazwischen gibt es jede Menge feinfühlig erzähltes Leben einer taiwanesischen Familie, in der man immer wieder sein eigenes erkennen kann. Wundervolle drei Stunden voller Filmmagie mit einer wichtigen und einfachen Erkenntnis, die ein wertvolles Leben ausmacht: „Wenn man nicht das tut, was man mag, wie soll man da glücklich sein?“

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewYi Yi – A One and a Two (2000)
OT: 一一
Poster
ReleaseKinostart: 14.06.2001
RegieEdward Yang
Trailer
BesetzungWu Nien-jen (N.J., Vater)
Kelly Lee (Ting-Ting, Tochter)
Jonathan Chang (Yang-Yang, Sohn)
Elaine Jin (Min-Min, Mutter)
Issei Ogata (Mr. Ota)
Ko Su-yun (Sherry)
Chen Hsi-sheng (Ah-Di)
Chuan-cheng Tao (Dada)
Shu-shen Hsiao (Xiao-Yan)
Adriene Lin (Li-Li)
Pang Chang Yu (Pangzi)
Tseng Hsin-yi (Yun-Yun)
Ru-Yun Tang (Großmutter)
DrehbuchEdward Yang
MusikPeng Kai-li
KameraYang Wei-han
SchnittChen Bo-wen
Filmlänge173 Minuten
FSKab 6 Jahren

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