Yellowstone – Staffel 1 | Serienreview

„Make Cowboys great again“

Cowboys und Pferde, zwei untrennbare Sinnbilder, wenn man an das Profil der Rocky Mountains denkt. Ein Zeichen für Freiheit, aber auch harte Arbeit und Einsamkeit. Als die TV-Serie YELLOWSTONE angekündigt wurde, war ich nicht nur wegen Hauptdarsteller Kevin Costner als Ranchbesitzer ganz erfreut, sondern hauptsächlich wegen dem kreativen Kopf hinter der Serie: Taylor Sheridan. Der, wie konnte es anders sein, auf einer Ranch aufgewachsene Sheridan begann seine Karriere als Nebendarsteller im Showgeschäft. 2015 begeisterte er mit seinem Debüt als Drehbuchautor von SICARIO (2015). Mit dem Drehbuch zu HELL OR HIGH WATER (2016) versetzte er dem Neo-Western eine tiefgründige Realität und mit WIND RIVER (2017) fügte er seiner Vita einen eiskalten Krimi in der menschenleeren Gegend Alaskas und ein Regiedebüt hinzu. Der Mann hat Talent und scheut sich weder vor Gegenwartsdramen noch vor komplexen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen. Die Spielfilmlänge reichte für seine Geschichten nicht mehr aus und es war an der Zeit für eine Serie. Aber nicht von der Sorte wie sie gerade über die Streamingkanäle flimmert, die das letzte bisschen Freizeit bzw. gesunden Schlaf ihrer Zuschauer aussaugt und werbewirksam mit dem nächsten Spannungsbogen vor der Nase wedelt. Nein, YELLOWSTONE ist eine grundsolide Fernsehserie, die sich nicht dem Kino-Narrativ anbiedert oder ein Millionenbudget durch die digitalen Effekterechner bläst. YELLOWSTONE lebt von seinen erstklassigen Schauspielern, dem uns unbekannten Leben im Bundesstaat Montana und den verknüpften Interessen einer Vielzahl von Figuren in diesem ausgeklügelten Schachspiel.

© 2021 Spike Cable Networks Inc. All Rights Reserved. Paramount Network is a trademark of Paramount Pictures Corporation.

Klischee ade

Bei jeder Art von Western und Cowboy-Epos bin ich immer gespannt, ob eine der beliebtesten Genre-Szenen zu sehen ist, um die Hauptfigur zu definieren: Der Gnadenschuss am treuen Pferd. Inflationär benutzt, ist es immer wieder ein neuer Gedankenanstoß für uns Nicht-Cowboys. Ein Pferd ist für den Reiter ein Nutztier, bricht es sich ein Bein und kann nicht mehr laufen, ist es am Ende. Selbst bei treuer Liebe zum Vierbeiner, muss man der Realität ins Auge sehen. So ein Tier ist viel zu schwer, um es in der Prärie zum nächsten Veterinär zu bringen und eine Verletzung wie ein Knochenbruch heilt selten vollständig, so dass es im Stall nur noch Kosten verursacht als Nutzen stiftet. Deswegen, ein letzter tiefer Blick in die Augen des Tieres, den Revolverabzug spannen, ein Knall und schon galoppiert es auf den unendlichen Wiesen im Pferdehimmel.

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Warum erzähle ich von der Gnadenschuss-Pferd-Szene? Ich hatte mich vor der Serie gefragt, ob Taylor Sheridan, der auch komplett für die erste Staffel von YELLOWSTONE die Regie begleitet, diesen zum Klischee verkommenen Moment aufgreifen wird. Und er tat es, gleich in der allerersten Minute. Bei einem Verkehrsunfall gerät John Dutton (Kevin Coster) mit seinem Truck fast unter einen Schwerlasttransporter einer Baufirma. Sein Pferd im Anhänger ist schwer verletzt und eingeklemmt. Nach ein paar letzten einfühlsamen Worten an den treuen Hengst zieht er seinen silbernen Revolver und schickt den Gaul ins Jenseits. Okay, hätten wir das von der Liste abgehakt. Ganz so oberflächlich ist es dann doch nicht, denn YELLOWSTONE ist nicht das, was es vorzugeben scheint. Keine naturverbundene Sinnsuche der Charaktere, keine lichtdurchfluteten Sonnenuntergänge als Zeichen des Allmächtigen und kein kuscheliges Liebesgeflüster in der Blockhütte am Kaminfeuer. Solche Momente betreten zwar alle die Bühne der Western-Fernsehserie, aber nur um sie als menschliche Hoffnung zu demaskieren, die es in der Realität nicht gibt. Die Natur ist in der Welt von YELLOWSTONE ein wertvoller Rohstoff, der Allmächtige ist politische Macht, die man mit Geld kauft und für Liebe gibt es in der Wildnis aus Habgier keinen Platz, außer sie ist ein Werkzeug.

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Das Schlachtfeld

Im Zentrum der neun Folgen umfassenden ersten Staffel von YELLOWSTONE steht die Familie Dutton. John als patriarchischer Vater und Multimillionär; Lee Dutton (Dave Annable) der älteste Sohn, der sich um die Rinder und Pferde kümmert; Jamie Dutton (Wes Bentley) Familien- und angehender Generalstaatsanwalt; die alkoholsüchtige Hedgefond-Managerin Beth Dutton (Kelly Reilly) und Kayce Dutton (Luke Grimes), der der Familie den Rücken gekehrt und eine Ureinwohnerin Amerikas geheiratet hat: Monica Long Dutton (Kelsey Asbille). Die Mutter der Familie ist vor vielen Jahren bei einem Reitunfalls ums Leben gekommen. An diesem Schicksalsschlag begann die Familie auseinanderzubrechen, trotz der harten Regeln, die vor allem einem dienen: Das Imperium Yellowstone, was ein ganzes Tal in Montana umfasst, an die nächste Generation Duttons weiterzugeben.

Beth Dutton (Kelly Reilly) // © 2021 Spike Cable Networks Inc. All Rights Reserved. Paramount Network is a trademark of Paramount Pictures Corporation.

Und das ist nicht leicht, denn die Großstadt drängt mit Wohnungen immer weiter in die menschenleere Natur. Größter Konkurrent ist der reiche Kalifornier Dan Jenkins (Danny Huston), der mit Luxusimmobilien ein großes Stück von der atemberaubenden Landschaft abhaben will. Dann gibt es die Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner, die im Reservat in tiefster Armut leben und nicht mit ansehen wollen, wie immer mehr Reichtum aus ihrem Boden gepumpt und gepresst wird. Als ihr Anführer stellt sich Chief Thomas Rainwater (Gil Birmingham) mit Casinos, elitärer Bildung und enormen Ressourcen den Duttons entgegen. Hinzukommen noch allerlei gesellschaftliche Blüten, wie Naturschutz, Touristen, politische Intrigen, Waffenbesitz, Drogenlabore, Landesverteidigung und Gesetzlose.

Chief Thomas Rainwater (Gil Birmingham) // © 2021 Spike Cable Networks Inc. All Rights Reserved. Paramount Network is a trademark of Paramount Pictures Corporation.

Beim Thema Gesetz schreibt YELLOWSTONE seine eigenen Regeln. Bundesgesetze haben keine Wirkung, Korruption und Vetternwirtschaft sind an der Tagesordnung, Menschen und Beweise verschwinden auf Privatbesitz und alles nur um an der Macht zu bleiben. Was besonders gut gefällt, ist, dass in diesem kartellartigen Familiennetzwerk Geld nicht im Vordergrund steht. Reichtum bekommt mehr Facetten, wie Grundbesitz, politischer Einfluss, treue Arbeiter und familiäre Loyalität. Die Yellowstone-Ranch ist beeindruckend, aber auch nicht luxuriös übertrieben gestaltet. Es ist ein Ort zum Schlafen und Trinken am späten Feierabend, sonst wird nur gearbeitet und das gilt auch für das Familienoberhaupt John Dutton. Kevin Costner in diese Rolle zu stecken, ist ein kleiner Geniestreich. Ich bin mir sicher Serienschöpfer Sheridan und sein Co-Autor John Linson haben beim Schreiben der Geschichte sein Gesicht vor Augen gehabt. Costner ist dank DER MIT DEM WOLF TANZT (1990) westerntauglich, als Über-Vater in MAN OF STEEL (2013) glaubwürdig und kann auch eine bösartige Tiefe zeigen, wie er es in MR. BROOKS (2007) als Serienkiller getan hat.

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Das Netzwerk

Um John Dutton dreht sich das Imperium aus elitären Kreisen und Beziehungen. Im inneren Ring sitzt die Familie, welche erste Risse durch den abtrünnigen Sohn Kayce und der psychisch labilen Tochter Beth zeigt. Mit dem Enkelsohn versucht Großvater John die Risse zu schließen, was das Schicksal aber nicht zulassen wird. Dann gibt es die Angestellten, die mit den „Gebrandmarkten“ ebenfalls einen elitären Zirkel bilden. Es sind ehemalige Kriminelle, die durch ein Y-förmiges Brandzeichen auf der Brust zum lebenslangen Eigentum der Ranch werden. In die Welt der harten Cowboys führt uns Jimmy Hurdstorm (Jefferson White) mit all ihren Ritualen und Schmerzen ein. Anführer dieser Gruppe ist Rip Wheeler (Cole Hauser), der mit eiserner Härte die Bruderschaft anführt und als eiskalter Killer sogar Anton Chigurh aus NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007) die Stirn bieten könnte. Cole Hauser ist neben Costner das schauspielerische Highlight der Serie. Er vermag lautlos vom Mörder zum unterwürfigen treuen Angestellten und verliebten Cowboy zu wechseln. Und das zum Großteil nur mit den Augen und seinem Auftreten, vom Schatten ins Licht und wieder zurück.

Rip Wheeler (Cole Hauser) // © 2021 Spike Cable Networks Inc. All Rights Reserved. Paramount Network is a trademark of Paramount Pictures Corporation.

Nicht alles ist hervorragend

Die Besetzung und das Szenario sind frisch, düster, überraschend und komplex. Leider ist die Sehgewohnheit für die Serie etwas altbacken, was vor allem an visuell epochalen Meilensteinen wie BREAKING BAD (2008-2013) liegt, die den Anspruch der Zuschauer angehoben haben. Der Vergleich YELLOWSTONE vs. BREAKING BAD drängt sich geradezu auf, wegen seiner moralisch fragwürdigen, aber sympathischen Figuren und einer unverbrauchten amerikanischen Landschaft. BREAKING BAD erzählt stets kleine Prologe und Kurzgeschichten, die später in die Handlung eingreifen oder sie beeinflussen. Das fühlt sich trotz der Vom-liebenden-Vater-zum-Multimillionen-Drogenhändler-Story sehr organisch an. In YELLOWSTONE geschehen immer wieder Dinge, die wie vom Schicksal heraufbeschworen werden, was einer künstlich treibenden Kraft des Drehbuchs zu verdanken ist.

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Sohn Kayce und seiner Familie passieren zu viele unerwartete Dinge hintereinanderweg, so dass man glaubt in einer 90er-Soap-Opera zu sein. Die Momente beschreiben zwar gekonnt das diffuse Netz, was es bedeutet dort zu leben, hätte aber auch durch eine fokussierte Begleitung bestimmter Personen gelingen können. Auch wenn Kayce als eine Art Grenzgänger zwischen seiner Familie, den Landräubern und den Ureinwohnern symbolisiert wird, könnten alle anderen Figuren auch mehr moralischen Zwiespalt in sich selbst vertragen. Aber dort steckt sicher die Entwicklung der kommenden Folgen (4 Staffeln und eine Prequel-Serie ist in Planung, Stand: August 2021).

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Fazit

Die erste Staffel von YELLOWSTONE ist etwas, was man so nicht mehr sieht oder nicht mehr zu sehen bekommt. Der Inszenierung fehlt zwar etwas der bildersprachliche Fokus und auch die Folgen könnten thematisch stimmiger sein, aber dieser aktuelle Westernkosmos aus Gier, Macht und Skrupel ist etwas völlig Neues in der heutigen Serienwelt. Der Cowboy mit Helikopter, automatischer Waffe, kugelsicherer Weste und Bruderschafts-Codex ist etwas unerwartet Spannendes aus unserer Gegenwart. Der Kampf, das Alte zu bewahren, an der Familie und deren Reichtum festzuhalten, entwickelt sich in YELLOWSTONE zu einem Spiegelbild der wohlhabenden, westlichen Welt. Wenn man will, dass alles so bleibt, muss man über Leichen gehen und stetig wachsen, sonst ist man im Herzen der USA Futter für die Wölfe.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewYellowstone (2018- )
Poster
RegisseureTaylor Sheridan
Stephen Kay
John Dah
Guy Ferland
Ed Bianchi
Ben Richardson
Christina Voros
Releaseseit dem 15.07.2021 auf DVD

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Trailer
BesetzungKevin Costner (John Dutton)
Luke Grimes (Kayce Dutton)
Kelly Reilly (Beth Dutton)
Wes Bentley (Jamie Dutton)
Cole Hauser (Rip Wheeler)
Kelsey Asbille (Monica Dutton)
Brecken Merrill (Tate Dutton)
Jefferson White (Jimmy Hurdstrom)
Gil Birmingham (Thomas Rainwater)
Ian Bohen (Ryan)
Forrie J. Smith (Lloyd)
Denim Richards (Colby)
Danny Huston (Dan Jenkins)
DrehbuchTaylor Sheridan
John Linson
Brett Conrad
John Coveny
Eric Jay Beck
Ian McCulloch
KameraBen Richardson
Jim Denault
Christina Voros
Adam Suschitzky
William Wages
David Johnson
MusikBrian Tyler
Breton Vivian
SchnittGary Roach
Evan Ahlgren
Chad Galster
John Coniglio
Michael N. Knue
Chris G. Willingham
FilmlängeStaffel 1: Pilotfolge (130 min) und 9 Folgen mit ca. jeweils 45 Minuten
Staffel 2 à 10 Folgen mit ca. jeweils 45 Minuten
Staffel 3 à 10 Folgen mit ca. jeweils 45 Minuten
Staffel 4 à 10 Folgen mit ca. jeweils 45 Minuten
FSKab 16 Jahren

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