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Wuthering Heights (2026) – Filmkritik

„Eine schwache Brise“

Der gleichnamige Roman (der deutsche Titel ist „Sturmhöhe“) von der englischen Schriftstellerin Emily Brontë wurde schon vielfach verfilmt – ein Klassiker zum Beispiel ist die 1939er Verfilmung von William Wyler. Das spricht für die literarische Vorlage, die immer wieder zu neuen Interpretationen inspiriert. Es stellt aber auch die Frage in den Raum: Warum braucht es erneut eine Verfilmung? Fast im Fünf-Jahres-Takt wurden zuletzt Verfilmungen von „Sturmhöhe“ veröffentlicht. Zum ersten Mal liegt die Produktion in den Händen einer prominenten Regisseurin. Emerald Fennell hat mit PROMISING YOUNG WOMAN (2020) ihr Publikum entweder begeistert oder enttäuscht (Filmkritik) und mit SALTBURN (2023) positiv wie negativ die Streaming-Gemeinde unterhalten. Die Erwartungen sind an Fennell ordentlich hoch und der Trailer mit schwitzenden Körpern, stürmischen Liebesschwüren und theatralischen Kulissen lässt auf pulsierendes Kino hoffen. Doch die Sturmwarnung wird zurückgezogen. Nach ersten starken Böen lässt der Wind nach und zwei trübe Stunden voller englischer Theaterbühne werden die Augenlider schwer machen.

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Handlung

Das Leben im 18. Jahrhundert in England war für wenige von Wohlstand und Glück geprägt. Das Volk ist zum großen Teil ungebildet und steht mit Krediten oder Pachten in der Abhängigkeit der Reichen und Adligen. Die junge Catherine Earnshaw (Charlotte Mellington) verdankt dem Besitz ihres Vaters ein besseres Leben als dem Durchschnitt. Doch Mr. Earnshaw (Martin Clunes) versäuft und verlebt das Geld des Hauses immer weiter. Außerdem macht das Anwesen „Wuthering Heights“ seinem Namen alle Ehre. Wenn es nicht regnet, stürmt es unter dem stark bewölkten Himmel. Sonnenstrahlen sucht man vergebens.

Mr. Earnshaw bringt eines Abends einen Jungen (Owen Cooper) aus dem Ort mit. Laut seinen Erzählungen hat er ihn aus den brutalen Händen seines Vaters „befreit“. Bei seinem Pflegevater erwartet ihn jedoch nichts anderes außer der innigen Freundschaft von Catherine, die jedoch nie von Gleichstellung geprägt ist. Sie nennt ihn Heathcliff. Zu Beginn ist er für sie ein Haustier und wird dann zum Spielgefährten.

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Die Jahre vergehen, und die Kinder sind erwachsen. Heathcliff (Jacob Elordi) arbeitet weiterhin auf dem Hof und Catherine (Margot Robbie) hält Ausschau nach einem vermögenden Ehemann, damit die hohen Schulden die Familie nicht in den Ruin treiben. Zum Glück zieht der enorm reiche Textilienmogul Edgar Linton (Shazad Latif) mit seiner Schwester Isabella (Alison Oliver) ins benachbarte Anwesen. Catherine beeindruckt ihn, entscheidet sich für sein Vermögen und gegen die Liebe zu ihrem Kindheitsfreund Heathcliff. Und wie es sich für eine Tragödie gehört, werden die Protagonisten dafür bestraft, nicht ihrem Herzen gefolgt zu sein.

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Die Doppelmoral

Auffällig ist im Vergleich zur Romanvorlage, dass WUTHERING HEIGHTS (2026) den Fokus auf Catherine setzt und nicht auf Heathcliff. Das ist bei einer Regisseurin, die auch das Drehbuch verfasst hat, nicht ungewöhnlich. Jetzt ist aber die Frage, was diese über 200 Jahre alte Erzählung heute interessant macht. Zuallererst fällt der Umgang mit Gewalt und Sex auf, und das gleich in den ersten Filmminuten. Bei den ersten Namen des Casts auf schwarzem Grund ist heftiges männliches Keuchen zu hören, das sich immer weiter steigert. Material knarzt rhythmisch dazu. Das Publikum erwartet bereits seinen ersten verstohlenen Blick auf menschliche Lust. Doch es kommt anders. Das erste Bild: Ein Mann wird auf dem Marktplatz gehängt und haucht seinen letzten Lebensatem aus. Die Zuschauenden der Hinrichtung sind nicht am Todesurteil interessiert, sondern an der sichtbaren Erektion des Gehängten. Jubel bricht aus und der „Galgentag“ wird zum sündigen Gelage. Uns, dem Kinopublikum, diesen Spiegel der Erwartung vorzuhalten ist offensiv und direkt. Es gibt zunächst keinen Sex zu sehen, sondern Gewalt und Voyeurismus. Diesen Umgang mit Sex und Gewalt kennt man aus Filmen der letzten Jahrzehnte zur Genüge. Sex nein, Gewalt ja. Die vom Christentum geprägte Doppelmoral ist auch heute noch in sozialen Medien zu finden, wenn „nackte Haut“ schneller blockiert wird als Gewaltdarstellungen. Man kann diese ersten Minuten auf der Metaebene drehen und wenden, aber eines ist klar: Der Film will Aufmerksamkeit und die hat er, auf eine irgendwie unangenehme Art und Weise. Aber jetzt muss natürlich mehr geschehen, was einem über zwei Stunden hinweg diese Aufmerksamkeit abverlangen kann.

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Der Klassenkampf

Die Chancen auf Reichtum und Wohlstand sind heute so ungerecht verteilt wie noch nie. Das könnte doch eine gute Annäherung an angestaubte Literatur sein. Doch WUTHERING HEIGHTS interessiert sich nur zu Beginn dafür, die damaligen Verhältnisse darzustellen, verliert sich jedoch zusehends in Reichenlangeweile. Der junge Heathcliff wird einfach von seinem Vater genommen oder abgekauft. Der Missbrauch schwebt über seiner Kindheit. Mr. Earnshaw ist ein Scheusal, der ohne seine Angestellten nicht überleben würde. Das Personal bleibt unter sich, macht sich lustig über ihre Herrschenden, sieht jedoch keine Chance auf Gleichstellung. Catherine sieht auch nur ihre Chance durch eine Heirat das Familienvermögen zu vermehren und die Möglichkeit, die Räume des Anwesens zu verlassen. Das gelingt ihr. Das ist das gesellschaftspolitische Pulverfass, das die Vorlage liefert. Doch es kommt anders.

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WUTHERING HEIGHTS lebt sich im Reichtum der Lintons inszenatorisch vulgär aus. Ein Superlativ und eine Absurdität jagt die andere. Von überladen gedeckten Esstischen, über eine endlose Auswahl an Juwelen an Margot Robbies schlankem Hals bis hin zur Schlafzimmerwanddekoration basierend auf der Hautfarbe Catherines – inklusive Schönheitsfleck. Der Reichtum der Lintons scheint unermesslich. Sie sind nett und bedanken sich bei ihrem gut gekleideten Personal. Mr. Linton wird als „Selfmade-Milliardär“ gepriesen und er ist nicht zu müde seine Frau mit Geschenken zu überhäufen. Selbst die Pflichten im Ehebett erfüllt er konservativ, zum gelangweilten Missfallen seiner Frau. Als Catherine endlich schwanger ist, verliert er jedoch direkt das Interesse, um „ihrer Kräfte zu schonen“. Sie trägt schließlich den Erben unter ihrem Herzen.

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Die Superreichen werden hier vielfach unterwandert. Zum einen von einer bankrotten Adligen (Cathrine), von der Haushaltshilfe Nelly (Hong Chau) und dann von einem armen Jungen, der auf einmal als Gentleman mit Goldzahn und -ohrring (Heathcliff) zurückkehrt. Jetzt könnte WUTHERING HEIGHTS wunderbar mit dem Arm-Reich-Verhältnis und der Möglichkeiten sie durchbrechen eine spannende Dramaturgie aufbauen, doch es passiert nicht. Hinter ihnen schließen sich die Türen einer möglichen Revolution gegen den Feudalismus und man muss diesem vulgären Spiel aus Eifersucht, Leidenschaft, Untreue und Masochismus beiwohnen. Gerade jetzt, wenn wirklich körperliches Verlangen in Form von Sex auf die Leinwand projiziert wird, bleibt es bei hauchendem Geflüster und kurzen Nummern mit drei Unterröcken, Hemd und Weste. Hier schlägt die Doppelmoral wieder voll zu. Gewalt, Blut, Leid und Unterdrückung: Ja! Sexualität, Verlangen, Leidenschaft, Rhythmus und Ekstase: Nein!

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Wenn wenigstens der Kampf um das Vermögen spannend erzählt würde, könnte man sich zufrieden und politisch geladen das Kino verlassen. Aber nein, man muss schmachtende Blicke und Versteckspiele der untreuen Ehefrau erstragen, hinzu kommt eine biedere SM-Beziehung zwischen Heathcliff und Isabella, die nicht nur das letzte bisschen Feminismus aus dem Film vertreibt, sondern auch in ihrer Ausübung an die Fifty-Shades-of-Grey-Belanglosigkeit erinnert. Außerdem endet der Film leider auch genau dort in der Buchvorlage, bevor Heathcliff zu dem wird, was er nie werden wollte. Die frische Filmmusik inkl. aktueller Songs von Charli XCX und ein üppiges Szenenbild mit raffinierten Kostümen können leider nicht über die schwache Aussage hinwegtäuschen.

© 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Fazit

WUTHERING HEIGHTS wird zum Opfer seiner widersprüchlichen Erwartungen. Diejenigen, die eine Geschichte voller Drama, Herzklopfen und Leidenschaft suchen, werden mit einem kratzigen Filmbeginn und sexuellen Trockenübungen oberhalb der Gürtellinie enttäuscht. Wer hingegen Antihelden sehen will, die sich gegen die herrschende Klasse auflehnen, wird in einem bunten Requisitenrausch der Langeweile eingelullt, sodass die Motivation, solch einseitigen Wohlstand zu eliminieren, im Keim erstickt.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewWuthering Heights – Sturmhöhe (2026)
OT: Wuthering Heights
Poster
ReleaseKinostart: 12.02.2026
RegieEmerald Fennell
Trailer
BesetzungMargot Robbie (Catherine Earnshaw)
Jacob Elordi (Heathcliff)
Hong Chau (Nelly Dean)
Shazad Latif (Edgar Linton)
Alison Oliver (Isabella Linton)
Charlotte Mellington (junge Catherine)
Owen Cooper (junger Heathcliff)
DrehbuchEmerald Fennell
VorlageNach dem gleichnamigen Roman von Emily Brontë
MusikAnthony Willis
KameraLinus Sandgren
SchnittVictoria Boydell
Filmlänge136 Minuten
FSKab 16 Jahren

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