Wir (2019) Review

Wir (2019) – Filmkritik

„Das Wunderland hat geschlossen“

Jordan Peele hebelte mit GET OUT die Horrorkonventionen aufs angenehmste aus. Nun schaut die Welt gespannt auf das Release seines neuen Werkes WIR (Originaltitel US). Den Film begleiten dabei diese elenden Fragen, die bei Zweitfilmen immer gestellt werden à la: Ist Peele etwa nur eine Eintagsfliege (Hallo, Richard Kelly)? Bleibt der jetzt auf ewig im Horrorgenre? Man kennt es. Und, fragt der interessiert-ungeduldige Leser, ist er eine Eintagsfliege? Weiß WIR an die Genialität des Vorwerkes anzuknüpfen? Langsam, Sunny Jim, immer mit der Ruhe. Soviel sei aber schon einmal gesagt: WIR ist tatsächlich die konsequente Weiterentwicklung von GET OUT. Und grundsätzlich sollte jeder, der diese Zeilen liest, auch ins Kino rennen. Denn WIR dürfte der kathartischste Film seit MARTYRS sein.

Wir (2019) Review
© Universal Pictures

Treffen Sie Familie Wilson, bestehend aus Adelaide (Lupita Nyong’o) und Gabe (Winston Duke) sowie den beiden Kindern Jason (Evan Alex) und Zora (Shahadi Wright Joseph). Typische Vertreter der oberen, amerikanischen Mittelschicht, inklusive Ferienhaus am See und (charakterstarkem) Bötchen. Die Tage im Urlaub verbringt man mit aktivem Nichtstun, zum Erlebnishöhepunkt gereicht das gegenseitige Überprotzen mit der befreundeten Familie Tyler (Elisabeth Moss und Tim Heidecker), die wirklich nur ein leichtes Alkoholproblem haben.
Aber irgendetwas ist anders in diesem Sommer. Adelaide hatte als Kind am Strand des Ferienortes ein traumatisches Erlebnis, von dem sie sich nie ganz erholt hat. Und was sind das für seltsame Gestalten, die da nächtens in der Wilsonschen Auffahrt stehen?

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© Universal Pictures

Die Titelsequenz von WIR zeigt eingesperrte Kaninchen. Ein Wunderland wird man hier also nicht finden, eher den puren Albtraum. Peele verfolgt dabei ein höchst interessantes Konzept. Erfahrene Kinozuschauer dürften die Geheimnisse des Filmes nach etwa 10 Minuten entschlüsselt haben. Und das ist auch durchaus so gewollt. Gab GET OUT dem Zuschauer in seiner grandiosen Schlusspointe ordentlich zu denken, ja hielt ihm den sprichwörtlichen Spiegel vor, so tut WIR dies eigentlich die ganze Zeit (schließlich sind Spiegel ein zentrales Handlungsmotiv). Es ist der verfilmte Mittelfinger an all die hyperintelligenten CinemaSins-Zuschauer, denen eine „logische“ Handlung über Atmosphäre und Schauspiel geht. Und an die Internetschreiber, die ganz bestimmte Vorstellungen von ihrem Lieblingsfranchise haben (wir gucken galant in die Richtung von Marvel und DC), tatsächliche Überraschungen nur durch exzessive Beschimpfungen verarbeiten zu wissen. WIR ist das Fazit dieser Publikumsentwicklung. Ein zu jeder Zeit absolut offensichtlicher Film ohne Überraschungen und Spannung.

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© Universal Pictures

Dies mag negativ klingen, doch sollte man WIR in diesem Fall wirklich eher als zeitgeistlichen Essayfilm lesen, denn als Horrorblockbuster. Das die spießige Profitschmiede Blumhouse solch einen subversiven Spaß produzieren ließ, grenzt an ein Wunder und Jordan Peele durfte sich erfolgreich als der wohl smarteste kontemporäre Drehbuchautor präsentieren. Das zweite große Thema des Filmes ist währenddessen ein Metastreifzug durch die Historie des Horrorfilmes und der Schauergeschichten. Die Ausgangslage der im Ferienhaus terrorisierten Familie scheint bekannt aus dem Werke eines misanthropischen Österreichers. Die Kamera fährt durch dessen Gänge, als habe DoP Mike Gioulakis das Seeambiente irgendwie mit dem Overlook Hotel verwechselt. Die auf dem Covermotiv so prominent in Szene gesetzten Scheren wecken Erinnerungen an den Cannon Klaus Kinski Giallo SCHIZOID. Es ist kurzum eine Liebeserklärung an das Horrorgenre, verbunden mit der bitteren Erkenntnis, das vielleicht ja eben doch schon alles gesagt ist. Denn schauen wir auf die Kinocharts, dann ist der „konventionelle“ Horror schon länger tot. Monster, Mumien, Vampire und Irrenanstaltausbüxer machen uns keine Angst mehr. Es braucht dieses gewisse etwas, das Familiendrama eines HEREDITARY, die bedrückende
Historizität von THE WITCH, den philosophischen Oberbau der MARTYRS oder eben den Rassismuskommentar in GET OUT, um die Genrefans noch hinter dem SUSPIRIA Mediabook hervorlocken zu können.

Wir (2019) Review
© Universal Pictures

WIR ist aber nicht nur auf dieser theoretischen Ebene wunderbar, die Bilder auf der Leinwand brennen sich auf die Netzhaut ein und bleiben erstmal dort. Das Titelthema geht direkt ins Ohr. Und obendrauf gibt es noch einen ganz herrlichen Gag mit einem „voice controlled home system“
als Amazons „Echo“ Box.

Kurzum: WIR ist Liebes- und Schwanengesang auf den Horrorfilm. Regisseur Peele belässt es aber nicht beim Jammern, er findet den Schuldigen und fordert ihn zu Besserung auf: Es ist der Zuschauer, der, statt sich über cinematografische Herausforderungen zu freuen, zum besserwissenden Miesepeter geworden ist. Und wozu das Ganze, fragt der Film im Abspann. Für 120 kantenlose Minuten, nur um Erwartungen zu befriedigen? Die Lösung: Sich darauf besinnen, warum wir ursprünglich mal angefangen haben, uns mit diesem Medium zu beschäftigen: Weil wir Filme lieben.

Titel, Cast und CrewWir (2019)
OT: US
Poster
Releaseab dem 21.03.2019 im Kino
ab dem 20.12.2019 auf UHD. Blu-ray und DVD
Bei Amazon bestellen:
RegisseurJordan Peele
Trailer
BesetzungLupita Nyong'o (Adelaide Wilson / Red)
Winston Duke (Gabe Wilson / Abraham)
Elisabeth Moss (Kitty Tyler / Dahlia)
Tim Heidecker (Josh Tyler / Tex)
Shahadi Wright Joseph (Zora Wilson / Umbrae)
Evan Alex (Jason Wilson / Pluto)
Yahya Abdul-Mateen II (Russel Thomas / Weyland)
Anna Diop (Rayne Thomas / Eartha)
Cali Sheldon (Becca Tyler / Io)
Noelle Sheldon (Lindsey Tyler / Nix)
Madison Curry (Young Adelaide Wilson / Young Red)
Ashley Mckoy (Teenage Adelaide Wilson / Teenage Red)
DrehbuchJordan Peele
KameraMike Gioulakis
MusikMichael Abels
SchnittNicholas Monsour
Filmlänge116 Minuten
FSKab 16 Jahren

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