West Side Story (2021) – Filmkritik

“The jets are gonna have a date, tonight (again)”

Das Musicalgenre wird regelmäßig totgesagt, auf dass man bei der Veröffentlichung eines neuen Big Budget Werkes seine Wiedergeburt groß und werbeträchtig behaupten kann, siehe CHICAGO, HAIRSPRAY, LES MISERABLES und zuletzt LA LA LAND. Und dann gibt es ja auch noch Lin Manuel-Miranda, der seit seinem Smash Überraschungshit HAMILTON Disney fest in seiner Hand hat. Sakrilegig will man jetzt die internationale Kinogemeinde mit dem Remake eines der ikonischsten Filme aller Zeiten zu Weihnachten in die Kinos locken: WEST SIDE STORY kommt zurück, aber warum, fragen wir uns.

© 20th Century Studios

Zunächst ist es natürlich spannend, sich zu fragen, warum das Remake an sich im Kino so verhasst ist. Wiederaufführungen, bzw. Neuinterpretationen Kanonhüter:innen von Goethe bis Sybille Berg sind an der Tagesordnung (in Hamburg macht besonders Jette Streckel mit ihren kongenialen Shakespeareadaptionen auf sich aufmerksam) und auch in der Musikwelt schaffen begabte Künstler:innen mit Coverversionen bereits existierender Titel zuteilen großartiges. Auf der Leinwand blicken wir aber erst skeptisch auf ein Remake, was dahin paradox ist, dass Filme wie DAS DING, DIE FLIEGE oder auch die DOLLAR-Filme Leones nicht nur die Top Listen der internationalen Filmcommunity anführen, sondern eben auch, oh Schock, oh weh, Remakes sind! Wir verbinden im Kino die Idee des Remakes irgendwie immer erst mit einer gewissen Faulheit, mit Geldgier, als mit der vielleicht willkommenen Möglichkeit, einem alten Stoff neue Relevanz für die Moderne abzugewinnen. Dass Steven Spielberg, der die 1980er Jahre im Hollywood Kino praktisch selbst definierte, auf dem Regiestuhl von WEST SIDE STORY 2021 sitzt, macht natürlich neugierig. Was hat einer der letzten überlebensgroßen Regisseure unserer Zeit zu sagen über einen Film, bei dem jedes Bild, jeder Song, jede Pose, Popkultur ist, pure Ikonografie (laufen Sie schnipsend durch eine wie auch immer geartete Großstadt und fühlen Sie sich wie ein Jet/Shark)?

© 20th Century Studios

Leider ziemlich wenig. Spielbergs Anliegen, die „gute alte Zeit“ des Hollywoodkinos zurückzubringen, ist durchaus zu respektieren. Aber dementsprechend unkantig ist WEST SIDE STORY (2021) am Ende des Tages geworden. Seine größte Existenzberechtigung gegenüber dem Original dürfte sein, einen diverseren Cast einzuführen. Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen, das Original ist ziemlich genial, aber sein „Puerto Rican Facing“ ist aus heutiger Sicht natürlich nicht mehr tragbar, das hat Spielberg erkannt und präsentiert uns nun „echte“ Puerto Ricaner:innen als Sharks. Rita Moreno, die Originale Anita, darf die Rolle der neutralen Shopbesitzerin einnehmen, und wenn diese Grand Dame des „alten“ Kinos die Leinwand betritt, dann durchzieht WEST SIDE STORY (2021) eine wahrlich magische Atmosphäre. Die Austauschbarkeit des restlichen Castes wirkt dadurch leider noch eklatanter. Wir haben es hier nicht mit harten, von ihrer Lebensrealität enttäuschten Straßenjungs zu tun, sondern mit H&M Models, die jetzt zufällig in der Postwar-Collection gelandet sind. Jede Narbe, jeder Fleck auf Hose und Hemd ist totdesigned, Aseptik statt Immersion ist hier das Stichwort.

© 20th Century Studios

In diesem Gefühl der Künstlichkeit spielt auch herein, dass Spielberg wirklich jede einzelne Musicalnummer totinszeniert. Still steht die Kamera fast nie, es ist alles so lächerlich dynamisch, dass man bereits nach einer halben Stunde erschöpft im Kinosessel zusammensackt. Die Musik von Bernstein und Sondheim ist natürlich immer noch wunderbar, aber wenn den Lyrics und den Kompositionen von der Inszenierung kein Raum zur Entfaltung gegeben wird, weil letztgenannter ständig allzu penetrant auf sich hinweist, dann verblassen sämtliche Emotionen, dann haben wir Überforderung und Verweigerung statt emotionalem Einfühlen. Das Original mag etwas spröde wirken, aber markante Plotpoints wie das legendäre Opening (Schnipp Schnipp), der Schultanz (Mambo!) und der fatale Gangwar blieben nachhaltig im Gedächtnis, eben weil sie sich von der sonstigen Gestaltung des Filmes abhoben. In der 2021er Variante wirkt das alles sehr beliebig, allzu sehr auf die nachträgliche Verwertung in den sozialen Medien bedacht. Eine einzige Songnummer verzaubert und begeistert, schon die zweite überfordert. Perfekt also, um dann später einzeln auf YouTube konsumiert zu werden. Absurd, denn statt das Kinoerlebnis wieder attraktiv zu machen, veranschaulicht Spielberg eher die Vorteile des asynchronen Konsums.

© 20th Century Studios

Rachel Zegler als Maria gefällt, durch ihr junges Alter (geboren 2001) gibt sie ihrer Rolle eine Verletzlichkeit, die Miss Natalie Wood natürlich allein, ob ihres Star Status nie erreichen konnte. Leider wurde ihr mit Ansel Elgort eine absolut talent- und charismafreie Oberfläche entgegengesetzt. Sicher, der junge Mann ist conventionally attractive, man nimmt ihm aber weder den Gangveteran noch den verliebten Teenager ab. Ein bisschen wirkt das alles so, als habe ihn seine Mama versehentlich am Filmset vergessen und er wartet jetzt auf seine Abholung.

© 20th Century Studios

Frederic Jameson stellte einst fest, dass die Pastiche (Nachahmung des Stiles und der Ideen eines Autors) die vorherrschende Textgattung der Postmoderne sei und die Pastiche darüber hinaus ob ihrer Veranlagung (Hallo, Genette) niemals mehr als Parodie sein könnte. Dieser Satz kommt einem beim Schauen von WEST SIDE STORY (2021) sehr häufig in den Kopf. All dieser Aufwand, diese totale Inszenierung, sie bewirkt das genaue Gegenteil von dem, was die Reminiszenz an die großen Hollywood-Musical-Tage eigentlich bewirken sollte. Da könnte auch ein spannender Kommentar drinstecken, aber Spielberg interessiert sich hier leider nie für mehr als für die durchgestylte Oberfläche. Dass die Jets, die von der Historie zu den Helden hochstilisiert werden, auf der discourse Ebene im heutigen politischen Kontext eigentlich hassenswerte Trump Supporter wären, dafür interessiert sich der Film nicht. Dass das Original auch etwas über eine verlorene Jugend nach dem Weltkrieg erzählte, über Adoleszierende, die sich in ihrer Tristesse nur noch durch Gewalt zu helfen wissen und die Kriegserzählungen ihrer Eltern nun auf dem Spielplatz fortführen, auch das interessiert Spielberg nicht.

WEST SIDE STORY (2021) ist ein zum verrückt werden harmloser Film, ob dessen Play-It-Safe-Attitüde es am Ende des Tages wirklich fraglich ist, welches Publikum hier angesprochen werden soll.

© Fynn

Titel, Cast und CrewWest Side Story (2021)
Poster
RegieSteven Spielberg
ReleaseKinostart: 10.12.2021
Trailer
BesetzungAnsel Elgort (Tony)
Rachel Zegler (Maria)
Rita Moreno (Valentina)
David Alvarez (Bernardo)
Ariana DeBose (Anita)
Mike Faist (Riff)
Corey Stoll (Lieutenant Schrank)
Brian d’Arcy James (Sergeant Krupke)
Curtiss Cook (Abe)
Ana Isabelle (Rosalia)
DrehbuchTony Kushner
FilmmusikLeonard Bernstein
David Newman
KameraJanusz Kamiński
SchnittMichael Kahn
Filmlänge157 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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