Das größte Filmmusical kehrt zurück. Die Spielfilmadaption WEST SIDE STORY (1961) nach dem gleichnamigen Broadwaystück (1957) brilliert mit virtuosen Tanzchoreografien, wunderschöner Ausstattung (Kostüme, Frisuren, Bühnenbild) und einer zeitlos ergreifenden Geschichte um Rivalität, Toleranz und Liebe. Das mit zehn Oscars prämierte Meisterwerk erschien soeben im restaurierten 4K-Mediabook mit wertiger Ausstattung.
Immigration Songs
Jets vs. Sharks. Weiße Amerikaner gegen puerto-ricanische Einwanderer. Wir schreiben die 1950er Jahre in der New Yorker West Side in Manhattan. Die Stadt, das ganze Land, ist in Bewegung. Für viele gilt es als Zeit des Aufschwungs nach dem Krieg, als goldene Ära… doch für einige zählt jeder Tag, um zu (über-)leben. Die puerto-ricanische Bande um Bernardo (George Chakiris) muss sich im Armenviertel gegen die weißen Jets unter deren Anführer Riff (Russ Tamblyn) durchsetzen. Schwierig, wenn man gerade erst in die Stadt gekommen ist, dem allgegenwärtigen Rassismus und obendrein einem gemeingefährlichen Polizei-Sheriff trotzen muss. Für die neuen Sharks soll Amerika das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bleiben, doch die Grenzen sind schnell gezogen.

Hollywood-Veteran Robert Wise teilte sich bei diesem Mammutprojekt die Regie mit Broadway-Virtuoso Jerome Robbins, der vorrangig für die Choreografien verantwortlich zeichnete. Die ersten zwanzig Minuten von WEST SIDE STORY zeigen, wohin die Reise bei durchgehaltener Konsequenz hätte hingehen können: Die Kamera tanzt unentwegt mit, die Figuren und ihre Motivation werden zunächst rein über Musik und Bewegung definiert. In den ersten Sequenzen, gleich nach der Eröffnungsgrafik, die ins New Yorker Stadtbild überleitet, erleben wir ein makellos gefilmtes Musical ohne Kompromisse. Freilich braucht ein publikumswirksamer Spielfilm in der Folge auch die nötige Erdung, glanzvolle Schauspielarbeit mit bestmöglich transportierten Emotionen sowie spektakuläre Filmtechnik in Bild und Ton. Für letzteres war vorrangig Wise zuständig, er ließ in Super Panavision 70 drehen, das dabei entwickelte Filmnegativ war 65-Millimeter (Eastman 50T 5251), woraus wahlweise 35-Millimeter- und 70-Millimeter-Kopien gezogen wurden. Bereits für die Bildqualität lässt sich entsprechend festhalten, dass die Technicolor-Farben sowie die gesamte Detailtreue von WEST SIDE STORY ähnlich aufwändigen Monumentalfilmen sehr eindrucksvoll wirken.

Zudem setzt Wise im Erzählverlauf fotografische Tricks und farbige Überlagerungen ein, die bisweilen einen geradezu halluzinatorischen Effekt auf die Zuschauer haben. In Verbindung mit der berühmten Musik von Leonard Bernstein entsteht in manchen Sequenzen eher eine gefühlsmäßige Erfahrung, vermittelt durch den Film, als eine bloße erzählerische Abfolge von Bildern.
Wenn wir von der Musik sprechen, muss man Songschreiber Stephen Sondheim, der wie Bernstein, Robbins und weitere bereits bei der Musicalvorlage involviert war, gesondert hervorheben. Seine bereits fürs Musical prämierten Songs stellen vielleicht den Höhepunkt der an Höhepunkten nicht armen Musicalgeschichte dar. Seine Lyrics spiegeln den damaligen Zeitgeist, die politischen wie sozialen Missstände sowie die Hoffnung und den Antrieb einer ganzen Generation. Hits wie „America“, „Tonight“ oder „Somewhere“ sind aus dem Kanon der englischsprachigen Liederkultur nicht wegzudenken. Im sehr aufschlussreichen Special (Songspezifischer Kommentar) geht Sondheim auf die Konzeption und die Struktur seiner Songs ein, und wie dies in der Filmversion entsprechend umgesetzt wurde.

WEST SIDE STORY bleibt eine – zeitlos aktuelle – Musicalversion von jugendlicher Sinnsuche entlang von Bandengewalt und Generationenkonflikt, und hierbei liefert die Geschichte einen zentralen emotionalen Aufhänger. Ausgerechnet der Älteste, der dem halbstarken Leichtsinn der Riffs bereits entwachsene Tony (Richard Beymer), verliebt sich in ein Mädchen des Shark-Umfelds: Maria (Natalie Wood) ist die jüngere Schwester von Bernardo, der mit Tonys Bruder Riff im Dauerkonflikt steht und sogar Kriegsrat abhält. Die verbindende Lovestory um Tony und Maria ist das Schlüsselelement der Erzählung, stellt Zuspitzung und Lösung des Konflikts gleichermaßen dar – wenngleich zu einem dramatischen Preis.
In seinen Songs und Dialogen erzählt WEST SIDE STORY entsprechend von geradezu universellen Aspekten wie Durchsetzungsfähigkeit und Toleranz. Was als virtuos choreografiertes Gewimmel unter jungen Männern beginnt, entwickelt sich zur Geschichte einer missverstandenen Liebe, die in ihrer jungen Reinheit und Unschuld nicht sein darf. Am Ende hat die junge Maria „zu hassen gelernt“, die Zeit der Unschuld ist endgültig vorbei – und man betrauert schließlich gemeinsam, und nicht mehr gegeneinander, die persönlichen Opfer. WEST SIDE STORY ist eine perfekte Coming-of-Age-Geschichte in Musicalform und die intime filmische Dramaturgie überragt an einigen Stellen die bühnenhafte Theatralik des Broadway-Musicals. Beides sind Meisterwerke, beide Versionen überdauern. Steven Spielberg wollte sechzig Jahre später mit seiner Neuverfilmung (2021) auch nicht mehr und nicht weniger, als dem zeitlos guten Stoff filmtechnisch Tribut zollen und ihn einem jüngeren Publikum nahebringen.

Das Mediabook von capelight pictures
Bei einer Klassiker-Auswertung ist eine Sache entscheidend: die filmgetreue Restaurierung und entsprechende technische Präsentation auf Scheibe. Während über die technisch-mediale Re-Produktion von Filmen an sich ganze Bücher geschrieben wurden (z. B. Franziska Heller: „Update! – Film und Mediengeschichte im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit“, 2020), ist jede neue Heimkinoveröffentlichung anfangs eine kleine Black Box. Es obliegt den Labels, ob und in welcher Ausführlichkeit sie potenzielle Käufer über bevorstehende Details der technischen Spezifikationen ihrer Titel informieren. Glücklicherweise zählen capelight, die nun auch für WEST SIDE STORY verantwortlich zeichnen, zu den transparentesten Anbietern. Im Rahmen ihrer lizenztechnischen Möglichkeiten versuchen sie eigentlich immer das filmisch Beste für die Kunden herauszuholen.

Im Fall von WEST SIDE STORY wurde geklotzt, und nicht gekleckert. Der ursprünglich für Dezember 2025 veranschlagte Release wurde um ganze acht Monate verschoben, jedoch nicht aufgrund irgendwelcher Produktionsprobleme. Stattdessen bekam man kurzfristig Zugriff auf ein brandneues 4K-Master, das offiziell lizenziert werden konnte auf Grundlage eines neu erstellten 8K-Scans (!) vom 65-Millimeter-Originalnegativ. Das Ergebnis zu den bisherigen HD-Veröffentlichungen ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. In Verbindung mit notwendigen Bildreparaturen erstrahlt der Film nunmehr in nie dagewesener Pracht – wie er höchstens damals in frischen Kinokopien bewundert werden konnte. Die Farben, die so wichtig für die erzählte Geschichte sind (Diversität, Lebensfreude, bestimmte Signalfarben) erscheinen kräftig und kontrastreich, jedoch nie künstlich übersteuert. Die Details und Schärfe sind in exakt fokussierten Szenen (je nach Kameraeinstellung) sehr gut bis brillant. Noch aus deutlicher Entfernung erkennt man Texturen wie Haare, Gewebe und Fassadenmuster, was bei einem Film dieses Alters bemerkenswert ist. Nochmals: Hier wurde nichts künstlich nachgeschärft oder gefiltert. Das spektakuläre Ergebnis geht aus dem aufwendigen Scan und dem filmgetreuen Re-Master hervor. Entsprechend durchzieht ein feines Filmkorn durchgängig das Bild und lässt uns immer den analogen Charme dieser frühen Sechzigerjahre-Produktion spüren. (Das Bildseitenverhältnis ist nun korrekt 2,28:1.) Durch diese hervorragende Restaurierung gewinnt auch die der filmischen Perspektive inhärente Raumebene: Man hat das Gefühl, immer mittendrin zu sein, ganz nah bei den Figuren zu stehen, mit ihnen zu tanzen.

Ebenso leistete man Pionierarbeit beim Ton: „Mit dieser Veröffentlichung hat es die vom originalen 70-mm-6-Kanal-Magnetton restaurierte englische Fassung erstmals auf ein Heimkinomedium geschafft. Die Dialoge der daraus generierten deutschen 5.1-Fassung klingen druckvoll und warm und wurden darüber hinaus in aufwendiger, präziser Nachbearbeitung analog zum englischen Original auf die gesamte Bildbreite verteilt. Das Ergebnis ist ein beeindruckendes Klangerlebnis, wie es so noch nie zuvor im Heimkino zu hören war! Zudem wurde die deutsche Mono-Tonspur von allen Störgeräuschen und Artefakten befreit und klingt nun frisch und kraftvoll.“ (Rückseite C-Card, Produktionsnotiz vom Label)

Im Ergebnis liegt hier, als Weltpremiere, ein filmhistorisch bedeutender Klassiker in schlichtweg bestmöglicher Qualität vor, was gerade im deutschen Heimkinomarkt besonderes Augenmerk erfährt, da hierzulande häufig reine Bild- und Tonübernahmen bisheriger Editionen bzw. früherer Spezifikationen (Ton) stattfinden.
Zu den Extras: Hier wurde außer dem lesenswerten, üppig bebilderten Booklet-Text von Kathrin Horster zwar nichts grundlegend Neues produziert, jedoch eine Fülle an bewährtem, hör- und sehenswertem Bonusmaterial lizenziert, teilweise technisch verbessert sowie stets deutsch untertitelt. Die meisten Extras sind 2011 im Rahmen der damaligen Blu-ray-Veröffentlichung zum 50. Jubiläum entstanden. Der Einfachheit halber seien die kompletten Specials der Discs 1-3 hier listenweise aufgeführt:
Inhaltsgleicher Bonus auf Disc 1 (UHD) und Disc 2 (Blu-ray)
- Songspezifischer Audiokommentar von Stephen Sondheim (2011, 19:37 Min., opt. dt. UT) – Tonspur muss separat angewählt werden!
- Musikbox (85:09 Min.)
- Alternative Ouvertüre (5:07 Min.)
- Diverse Trailer
Die Bonus-Blu-ray (Disc 3) beinhaltet folgende bewährte Extras:
- „POW!“ – Die Tänze der West Side Story (2011, 19:12 Min.)
- „A Place For Us“ – Das Vermächtnis von West Side Story (2011, 29:28 Min.)
- Dokumentation: Erinnerungen an die West Side Story (2003, 55:55 Min.)
- Vom Storyboard zum Film (4:50 Min.)
Einziger Authoring-Fehler ist beim szenenspezifischen Kommentar von Stephen Sondheim festzustellen: Wenn man diesen im Menü auswählt, starten die zugrunde liegenden Szenen (15 Songs, ausschnittsweise, insgesamt knapp 20 Minuten Laufzeit), jedoch ist die falsche Tonspur voreingestellt. Um den Audiokommentar von Sondheim wirklich hören zu können, muss man im Player-Menü (nicht Disc-Menü) die Tonspur manuell einstellen (Track 4 von 4). Abseits dieses kleinen Fauxpas’ verdient die technische Präsentation aber makellosen Beifall.
Fazit
Mit der Mediabook-Veröffentlichung von WEST SIDE STORY liefern capelight den Klassiker-Release des Jahres. Technisch perfekt bei optimaler Auswertung des originalen Filmmaterials, mit Stunden an wertigem Bonusmaterial und in einem hochqualitativen Packaging erstrahlt das berühmteste Filmmusical in nie dagewesenem Glanz fürs Heimkino. Ein zeitloser Klassiker in einer herausragenden Mediabook-Edition. Wir geben fünf von fünf möglichen Fluxpunkten.
| Titel, Cast und Crew | West Side Story (1961) |
|---|---|
| Poster | ![]() |
| Release | seit dem 20.08.2026 im 3-Disc Mediabook (Ultra HD Blu-ray + Blu-ray + Bonus Blu-ray) und auf Einzel-Blu-ray und DVD erhältlich. Direkt beim Label bestellen. |
| Trailer | |
| Regie | Robert Wise Jerome Robbins |
| Besetzung | Natalie Wood (Maria) Richard Beymer (Tony) Russ Tamblyn (Riff) Rita Moreno (Anita) George Chakiris (Bernardo) Simon Oakland (Lieutenant Schrank) William Bramley (Officer Krupke) Ned Glass (Doc, Ladenbesitzer) Tucker Smith (Ice) Tony Mordente (Action) Eliot Feld (Baby John) David Winters (A-Rab) Susan Oakes (Anybodys) Jose DeVega (Chino Martin) |
| Drehbuch | Ernest Lehman |
| Musik | Leonard Bernstein Stephen Sondheim |
| Kamera | Daniel L. Fapp |
| Schnitt | Thomas Stanford |
| Filmlänge | 151 Minuten |
| FSK | ab 12 Jahren |
Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen


