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Weißes Rauschen (2022) – Filmkritik

„Eine Kapitulation“

Manchmal passt die zelluloidsche Adaption von Autor:innen absurd gut zu den jeweiligen Regisseur:innen: Fassbinder und Fontane, Gerwig und Alcott, Visconti und Mann, Baumann und Jaud. Oder, um schonmal ins Thema einzuleiten: Cronenberg und DeLillo. Dass der Meister des kalten und skeptischen Bodyhorros einen gemeinhin als postmodernen (oder ist der das?), kalten und skeptisch rezipierten Autoren wie Don DeLillo mit COSMOPOLIS (2012) adaptierte, das lag auf der Hand. Das sich jetzt Noah Baumbach, der sich eher im Bereich der bedachten, zwischenmenschlichen Dramen hervorgetan hatte, mit WHITE NOISE einem der einflussreichsten und komplexesten Texte DeLillos annimmt, das überrascht dann schon eher. Vor allem, weil WHITE NOISE einer dieser Texte ist, der gemeinhin gerne mit dem Kapitulationsprädikat „unverfilmbar“ versehen wird.

© Netflix

Dieses Adjektiv macht uns zunächst stutzig. Auch DER HERR DER RINGE oder AMERICAN PSYCHO galten gar längstens als unverfilmbar, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und sicherlich sind diese Romane in ihrer Textur allzu sehr literarisch, ohne mit bedachten Kürzungen oder eben gänzlichst anderem Mindset verfilmt zu werden. Regisseur Peter Jackson machte aus der linguistischen Sagenabhandlung Tolkiens drei astreine Fantasyabenteuer, fügte der Vorlage also eine eigentlich nicht vorhandene Oberflächlichkeit hinzu, während Regisseurin Mary Harron die reine Oberfläche von Ellis nicht als handlungstreibende Traurigkeit begriff, sondern zur puren Lächerlichkeit transformierte.
WHITE NOISE ist ein Roman von unverfrorener Oberflächlichkeit. Sein Schlüssel ist zweifelsohne Frederic Jamesons Standardwerk POSTMODERNISM OR THE CULTURAL LOGIC, auch wenn es erst sechs Jahre nach dem 1985 veröffentlichen WHITE NOISE erschien.

Weißes Rauschen (2022)

© Netflix

DeLillo schildert ein Amerika am Ende der Bedeutung. Die ganze Welt ist zum Simulacrum geworden. Was nicht auf Bildschirmen gesendet wurde, ist nicht geschehen, die universitäre Lehre hat jegliche Textur verloren. Ausdefiniert wird dies an unserem Protagonisten Jack Gladney (in der Verfilmung Adam Driver), Professor für Hitler Studies am College on the Hill. Dieses akademische Forschungsfeld hat Gladney selbst erfunden und natürlich geht es hier nicht um die Beschäftigung mit dem Faschismus an sich, die Hitler Studies sind ein rein ästhetisches Beschäftigungsfeld. Deutsch spricht Gladney auch nicht. Das College wird bevölkert von turbokapitalistischen Professor:innen, denen es weniger um Wissensvermittlung geht als darum, irgendwie ein letztes, noch nicht durchvermarktetes Beschäftigungsfeld zu finden, auf das man seinen Namen setzen kann. Und dann geht es um den Missbrauch eines mysteriösen Medikamentes, dem Jacks neueste Ehefrau Babette (Greta Gerwig) mehr und mehr zuspricht. Und um eine Chemiekatastrophe.

Weißes Rauschen (2022)

© Netflix

Aber so richtig interessiert das alles weder DeLillo noch seinen Protagonisten. Am Ende müssen alle Figuren vor dem totalen System der kapitalistischen Logik kapitulieren, oder um es etwas prägnanter mit Timothy Morton zu formulieren: Individuals don’t matter. Und der Plot sowieso nicht. Stattdessen speist DeLillo seinen Text mit einer Vielzahl interessanter Motive, die einem Orientierung geben können in diesem Zeichenlabyrinth, dieses kubistische Essay aber auch nicht vollständig lösen können. Ist WEISSES RAUSCHEN eine einzige große Amerika-Synekdoche? Schließlich beginnt der Roman zum Semesterstart und Protagonist Gladney ästhetisiert die Ankunft der Studierenden als verkürzte Manifest Destinity, und dann heißt die Universität ja auch noch College on the Hill. Ist es eine Konsumsatire, in der alle Wege von `68 tatsächlich nur in den Supermarkt geführt haben? Eine Verschwörungsposse? Es sind all diese spannenden und nicht vollends lösbaren Deutungsangebote, die WEISSES RAUSCHEN auch fast 30 Jahre nach seinem Erscheinen zur gewinnbringenden Lektüre machen. Auch, weil der Roman uns beunruhigend viel über unsere jetzige Gegenwart erzählen kann.

© Netflix

Und gerade dieser Weitblick macht eine Verfilmung von WHITE NOISE auch so schwierig. Er beeindruckt uns ob der Historizität des Romantextes, würde in einer 2022er Verfilmung aber sicherlich plump und ungelenk wirken. Wer möchte schon einen Film sehen, indem die 80er eigentlich die 2020er seien sollen?

Weißes Rauschen (2022)

© Netflix

Nach der Filmsichtung bleibt die Antwort auf die Frage, was genau Baumbachs Ziel der Adaption war, aus. Er scheint DeLillos reine histoire erstaunlich ernst zu nehmen, spart aber die Zwischentöne aus. Das macht etwa eine, in Ermangelung eines besseren Wortes, Vorlesung von Gladney und einem Kollegen (Don Cheadle), deren Inhalt im Wesentlichen darin besteht, ob nun Hitler oder Elvis die größeren Muttersöhnchen waren, leidlich amüsant, lässt die tiefere Satire DeLillos aber vermissen. Etwas willkürlich pastichisiert sich Baumbach zunächst über eine Spielbergsche Familenästhetik zum DePalmaschen B-Thriller, aber ohne einen tieferen Sinn dieses Modus erkennen zu lassen. Vielleicht geht es Baumbach aber auch um etwas anderes. Die WHITE NOISE Verfilmung ist in erster Linie ein Produkt, sowohl durch ihre expliziten filmischen Emulationen als auch durch die paratextuelle Platzierung als Netflix-Produktion. Sind wir als Zuschauer:innen am Ende gleich mit den Figuren des Filmes, die zu einem LCD SOUNDSYSTEM Song durch einen stilisierten Supermarkt voller Content tanzen, diesem aber keine Bedeutung beimessen? Ist WEISSES RAUSCHEN die erste echte Entsprechung einer neuen ästhetischen Kategorie, der totalen Postmoderne, die gar nicht mehr entschlüsselt werden möchte und kann?

© Fynn

Titel, Cast und CrewWeißes Rauschen (2022)
OT: White Noise
Poster
RegieNoah Baumbach
ReleaseKinostart: 08.12.2022

ab dem 30.12.2022 auf Netflix im Stream.
Trailer

Englisch
BesetzungAdam Driver (Jack Gladney)
Raffey Cassidy (Denise)
Greta Gerwig (Babbette-9
Don Cheadle (Murray Siskind)
Jodie Turner-Smith (Winnie Richards)
Lars Eidinger (Arlo Shell)
Gideon Glick (Simuvac Technician)
André 3000 (Elliot Lasher)
DrehbuchNoah Baumbach
VorlageNach der Romanvorlage "White Noise" von Don DeLillo
KameraLol Crawley
MusikDanny Elfman
SchnittMatthew Hannam
Filmlänge136 Minuten
FSKtba

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