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Wege zum Ruhm (1957) – Filmkritik

„Im Krieg gibt es keine Gerechtigkeit“

Zu den schönen Momenten in meinem Studium gehörte ein Wahlfach namens „Filmanalyse“. Konkret bedeutete das, ein ganzes Semester die komplette Filmografie von Stanley Kubrick zu sehen und darüber zu reden. Kubrick packt seine Filme voll von inszenatorischen Raffinessen, Bedeutungen und Anspielungen. So etwas schärft die Sinne für weitere Filmerfahrungen. Das war vor über 20 Jahren und seitdem habe ich WEGE ZUM RUHM nicht mehr gesehen. Ich konnte mich vor dem Einlegen dieser tollen Restauration auf Blu-ray Disc von Capelight Pictures nur noch an ein Schachfeldmuster auf dem Boden einer Gerichtsverhandlung erinnern. Kubrick liebte Schach und baute solche Motive immer wieder in seine Filme ein. Unvergessen ist natürlich auch Kirk Douglas wie er seine Truppen in den nahenden Tod befehligt und später wegen Feigheit verteidigt. Deswegen war ich umso neugieriger, wie der Film mich heute noch in seinen Bann ziehen würde. Die erste Erkenntnis, nach dem Staunen über diese perfekte Bildqualität: Die Handlung ist traurigerweise aktueller als vor 20 Jahren.

© Capelight Pictures

Handlung

1916, Erster Weltkrieg, der Frontverlauf zwischen den Deutschen und Franzosen ist zum Stillstand gekommen. Eine Zone, in der Menschenleben täglich in hohen Zahlen vernichtet werden, bewegt sich kaum noch. Frankreich will wieder Erfolge vorweisen, um die Truppen, die Öffentlichkeit und die Presse an diesen erbitterten Kampf und einen möglichen Sieg glauben zu lassen. Divisionsgeneral Georges Broulard (Adolphe Menjou) befiehlt Brigadegeneral Paul Mireau (George Macready) eine Stellung der Deutschen mit den Namen Höhe 19 oder Ameisenhügel einzunehmen. Mireau ist unsicher, da der Hügel extrem schwer einzunehmen ist, selbst die Möglichkeit der Beförderung stimmt ihn nicht sofort um. Doch dann wird er bei seinem Stolz gepackt und ist entschlossen den Plan durchzuführen. So etwas ist für die Generäle eine risikolose Angelegenheit, denn die bleiben weit hinter den Stellungen oder residieren in herrschaftlichen Schlössern, welche als Kommandozentralen dienen. Der Befehl wird an Colonel Dax (Kirk Douglas) weitergereicht, der bei seinen Männern zwar beliebt ist, aber selbst bei dieser Selbstmordmission nicht alle Soldaten in den sicheren Tod befehligen kann. Als der General sogar die eigenen Reihen von Artillerie beschießen lassen will, weil die Truppen nicht vorrücken, gilt die Mission als gescheitert. Jetzt soll ein Exempel statuiert werden, die Mannschaft wieder auf Spur gebracht werden. Drei Soldaten werden stellvertretend für die verlorene Schlacht dem Militärgericht wegen „Feigheit vor dem Feind“ vorgeführt. Ein Urteil würde Hinrichtung durch ein Erschießungskommando bedeuten. Colonel Dax, der vor dem Krieg als Strafverteidiger gearbeitet hat, wird die Verteidigung der Soldaten übernehmen. Doch einen fairen Prozess wird es und soll es nicht geben.

© Capelight Pictures

Welches Gesetz?

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In dämonischem Schwarzweiß beschreibt Kubrick die Welt des Krieges zwischen Frankreich und Deutschland aus Sicht der französischen Streitkräfte. Die Generäle residieren in Schlössern, die Soldaten sitzen im Dreck langer hölzerner Gräben in denen der Tod nur ein paar Meter entfernt ist. Das Drehbuch, welches auf dem gleichnamigen Roman von Humphrey Cobb beruht, begleitet den Befehl die Anhöhe einzunehmen, von ganz oben nach ganz unten. Aus glorreichen prunkvollen Räumen wird freundschaftlich über den Befehl debattiert, dann geht der Befehl weiter Richtung Front, wird an Colonel Dax weitergegeben und der muss seine Männer auf Selbstmordmission schicken. Es gibt sogar noch eine kleine Untergruppe, die bei Nacht die Lage prüfen soll. Hier zeigt sich der ranghohe Lieutenant Roget als extrem ängstlich und sprengt sogar einen der eigenen Soldaten in die Luft. Caporal Paris, der Zeuge dieser Tat wird, ist auch einer der Angeklagten. So werden praktischerweise Zeugen aus dem Weg geräumt. Es wird die ganze Zeit von Mut, Ehre und Männlichkeit gesprochen, doch kaum einer der Befehlshaber handelt danach. Mutig sind allein die, die sich an die Regeln halten und Menschenleben schützen, wie Dax oder der Artillerie-Kommandant, der nicht auf den eigenen Frontabschnitt feuern lässt. Der Krieg wird zu einem rechtsfreien Raum und durch den unfairen Gerichtsprozess wird alles ad absurdum geführt.

© Capelight Pictures

Soldat ohne Chancen

In WEGE ZUM RUHM gibt es verschiedene Arten von Soldaten, jedoch kann keiner über sein Schicksal bestimmen. Die Seele ist mit dem Kriegseintritt an die Willkür der Befehlshaber verkauft. Kirk Douglas wird, wie schon immer auch Clint Eastwood, oberkörperfrei eingeführt. Sauberkeit ist an der Front nicht mehr zu verlangen, aber Colonel Dax macht dieses Benehmen zu einer tragenden Figur, die noch nicht aufgegeben hat. Doch im Angesicht des Todes kann auch er seine Männer nicht dazu treiben einen Schritt von den anderen zu tun. Die Soldaten sind durch die Menge an gefallenen Kameraden wie zu Stein erstarrt. Man mag vielleicht kurz auf den Hoffnungsschimmer hereinfallen, dass Dax mit seiner juristischen Karriere vor dem Krieg die drei Angeklagten retten wird. Doch schnell wird bei der Verhandlung klar, dass hier keine juristischen Protokolle greifen. Die Verurteilung soll schnell ausgesprochen werden, man hat keine Zeit, sich mit so etwas zu behelligen. Es ist noch ein Krieg zu gewinnen. Doch dass dieses Urteil sich negativ auf die Moral der Truppe auswirken wird, scheint keiner der Generäle zu glauben.

© Capelight Pictures

Man muss nur ein Exempel statuieren, damit die Männer wieder auf Kurs gebracht werden. Solche militärischen Vergleiche hört man leider auch zu gern in heutigen, politischen Debatten. Das Drehbuch führt das Ganze ins Absurde, wenn das Urteil gefällt wird und einer der Verurteilten nach einer Kopfverletzung nicht mehr stehen kann. Er soll an eine Trage gebunden werden, um vor dem Erschießungskommando zu „stehen“. Ein Arzt vermutet, dass er sowieso in ein paar Tagen an seiner schweren Kopfverletzung sterben wird. Die drei verurteilten Soldaten stellen auch verschiedene Zustände dar: Ohnmacht, Zorn und Leugnung. Bei der Henkersmahlzeit kann nur einer etwas essen. Selbst der Priester, der die Beichte abnimmt, gibt keinerlei Zuspruch, dass Leben doch wichtiger ist als wegen falscher Befehle erschossen zu werden. Die Beichte muss für den Himmel reichen, vielleicht gibt es dort Gerechtigkeit.

© Capelight Pictures

Inszenierung

WEGE ZUM RUHM kann man als einen der ersten großen Studiofilme von Kubrick ansehen. Er ist aber auch die Generalprobe dafür, dass der Regisseur in seinen weiteren Werken immer weniger Kompromisse eingehen wird. Kirk Douglas wird er in SPARTACUS (1960) wieder in einer Hauptrolle besetzen. Und in PATHS OF GLORY finden seine langen, gut durchdachten Kameramontagen, bereits in den Schützengräben ihre Generalprobe. Beeindruckend ist auch die Mission bei Nacht, in der das Schwarzweiß und die Motive gekonnt eingesetzt werden, um Dinge zu verschleiern. Man sieht ein abgestürztes Flugzeug auf einer Anhöhe das beleuchtet wird, der Rest scheint Dreck und Stacheldraht zu sein. Doch dann erscheint ein Signallicht und man erkennt die vielen Leichen, die überall verstreut liegen, aber vorher nicht zu sehen waren (Ich habe zurückgespult, sie lagen bereits vorher dort).

© Capelight Pictures

Kubrick war in seiner Kindheit und Jugend ein talentierter Fotograf (siehe Buchreview), was er auch mit seinem Gespür für die Bilder in WEGE ZUM RUHM einfließen lässt. Bei der Schlacht war er mit der Handkamera stets dabei und filmt später bewusst die Gerichtsverhandlung in Totalen als in üblichen Nahaufnahmen, wie zum Beispiel beim Gerichtsdrama WER DIE NACHTIGALL STÖRT (1962), üblich. Die Story gliedert sich in drei Teile: das Kriegsgeschehen, die Verhandlung und die Hinrichtung. Es ist auch kein einziger deutscher Soldat als Feind zu sehen. Das Überleben hängt von den Launen der Generäle ab. Berühmt ist die letzte Szene, in der eine verängstigte, deutsche Zivilistin von der Truppe französischer Soldaten anstößig bejubelt wird, aber dann durch ein trauriges Lied alle zum Weinen und wehmütig mitsummen bringt, auch wenn sie den deutschen Text nicht kennen. Die Sängerin wird von Christiane Harlan gespielt, die später Kubrick heiratet. Eine immer wieder verwirrende letzte Szene, die einen melancholisch zurücklässt.

© Capelight Pictures

Fazit

Die aktuellen politischen Debatten in den Medien werden immer militärischer. Das mag am Ukrainekrieg und den geopolitischen Spannungen liegen, aber WEGE ZUM RUHM zeigt über ein halbes Jahrhundert später, dass nicht nur die Gefahr vom Krieg ausgeht, sondern auch vom blinden Gehorsam in der Befehlskette. Da kann ein Los oder die Beziehung zum Vorgesetzten bereits zum Todesurteil führen. Das neue Mediabook mit Ultra HD Blu-ray und Blu-ray Disc ist die beste Gelegenheit darüber nachzudenken, dass Krieg vor allem verhindert werden muss, denn danach gibt es keinerlei Gerechtigkeit mehr.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewWege zum Ruhm (1957)
OT: Paths of Glory
Poster
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Trailer
RegieStanley Kubrick
BesetzungKirk Douglas (Colonel Dax)
Ralph Meeker (Caporal Philippe Paris)
Adolphe Menjou (Général de division Georges Broulard)
George Macready (Général de brigade Paul Mireau)
Wayne Morris (Lieutenant Roget)
Richard Anderson (Commandant Saint-Auban, Ankläger)
Joe Turkel (Soldat Pierre Arnaud)
Timothy Carey (Soldat Maurice Ferol)
Susanne Christian (deutsche Sängerin)
Jerry Hausner (Cafébesitzer)
Peter Capell (Vorsitzender des Kriegsgerichts)
Emile Meyer (Pater Duprée)
Bert Freed (Sergent Boulanger)
Kem Dibbs (Soldat Lejeune)
Fred Bell: Traumatisierter Soldat
John Stein: Capitaine Rousseau
Harold Benedict: Capitaine Nichols
DrehbuchStanley Kubrick
Calder Willingham
Jim Thompson
MusikGerald Fried
KameraGeorg Krause
SchnittEva Kroll
Filmlänge83 Minuten
FSKab 12 Jahren

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