Vor uns das Meer Rachel Weisz Colin Firth

Vor uns das Meer – Filmkritik

„Zum Wahnsinn getrieben“

Die Weite des Ozeans ist eine der letzten unbesiedelten Zonen auf diesem Planeten. 71 % der Erdoberfläche sind mit Meeren bedeckt. Sie bleiben, trotz technischem Fortschritts, eines der letzten großen Abenteuer für die Menschheit. Allein um die Welt zu segeln, der Natur und dem Wetter zu trotzen, war schon oft das Thema von beeindruckenden Filmen wie „All is Lost“, „Life of Pi“ oder die aktuelle deutsche Produktion „Styx“.
Die Geschichte um Donald Crowhurst, der als schnellster Einarm-Segler Ende der 60er Jahre die Welt umrunden wollte, ist von James Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) einfühlsam in „Vor uns das Meer“ (Originaltitel: „The Mercy“) verfilmt worden.

Vor uns das Meer Rachel Weisz Colin Firth
© 2018 STUDIOCANAL

Inhalt „Vor uns das Meer“

Donald Crowhurst, gespielt von Colin Firth („The King Speech“, „A Single Man“), ist der Erfinder eines Funkpeilgeräts namens Navicator, welches eine bessere Orientierung auf hoher See ermöglicht. Da die Engländer Ende der 60er Jahre lieber in Ufernähe blieben, verkauft sich das alleinige Produkt seiner Firma Electron Utilisation Ltd. leider sehr schlecht. Donald wird während einer Bootsmesse auf das Golden Globe Race aufmerksam. Hier geht es darum, allein mit einem Segelboot einmal um die Welt zu segeln ohne einen Fuß an Land zu setzen und dabei den aktuellen Rekord von Sir Francis Chichister zu schlagen. Crowhurst sieht darin die Chance, seine Frau, gespielt von Rachel Weisz („The Fountain“, „Der ewige Gärtner“), und seine vier Kinder vor der Armut zu bewahren, denn das Preisgeld ist beachtlich. Problematisch ist jedoch, dass Donald kein Profisegler ist und außerdem kein geeignetes Boot besitzt. Mit Hilfe der Finanzierung durch Presse und lokale Unternehmen, lässt er sich einen Trimaran bauen und geht dabei ein hohes Risiko ein. Da alle Teilnehmer bis zum 31. Oktober gestartet sein müssen, begibt er sich sich am letzten Tag mit einer Vielzahl von Defekten an seinem Boot in die Wellen des Atlantischen Ozeans. Aber die Geschichte, die von den Medien um ihn herum aufgebaut wird, nimmt stärkeren Einfluss auf Donald, als er erwartet hat.

Vor uns das Meer Colin Firth
© 2018 STUDIOCANAL

Der Mann und die See

Der Zuschauer wird nicht mit Donald Crowhurst und dessen massiven Problemen auf dem Boot, der Teignmouth Electron, allein gelassen. Rückblenden auf glückliche Momente mit seiner Familie als auch die aktuelle Euphorie in seiner Heimatstadt, wegen seines Erfolgs beim Rennen, unterbrechen die tristen Tage auf Donalds Boot. Man bekommt auch ein Gefühl für die Situation seiner Frau Clare, die ohne Einkommen in den nächsten Monaten vier Kinder ernähren muss. Das wechselt die Erzählperspektive immer wieder ab und macht „Vor uns das Meer“ wesentlich vielschichtiger. Jedoch schlagen die Szenen mit dem stark abbauenden Donald auf dem Segelboot dann umso tiefer in die Magengrube des Zuschauers. Colin Firth spielt sich beeindruckend die Seele aus dem Leib und schafft stufenlos den Übergang von einem motiviertem Salesman zu einem ängstlichen Segler bis hin zu einem hoffnungslosen Ehemann. Rachel Weisz zeigt Clare als starke Frau, die mit vielen Gesichtsausdrücken tiefe Einblicke in ihre Gedanken zeigen kann. Diese Hausfrauenrolle spielt sie mit viel Stolz, aber auch Einfühlsamkeit und wird so zu einer Ehefrau, die sich viele Männer wünschen würden. Die Kamera von Eric Goutier („Into the Wild“) zeigt sich in den richtigen Szenen distanziert, weiß aber wenn nötig in Bewegung zu kommen und klettert mit Donald auch in luftige Höhen. Die Farbgebungen in manchen Szenen wirkt leider teilweise etwas zu gewollt, um dem Zuschauer Orientierungshilfen bei den unterschiedlichen Handlungsorten zu geben. Aber das ist ein klarer Fall von  Unterschätzung des eigenen Publikums.

Vor uns das Meer Rachel Weisz
© 2018 STUDIOCANAL

Jóhann Jóhannsson und das Meer

Der Filmkomponist verstarb überraschend am 9. Februar 2018 und hinterlässt mit seinen mutigen und neuen Filmkompositionen eine große Lücke für zukünftige Filme. Jóhannssons Filmmusik zu „Vor uns das Meer“ war die zweite Zusammenarbeit mit dem Regisseur James Marsh („Die Entdeckung der Unendlichkeit“). Es ist ein einfühlsamer Soundtrack geworden, mit Themennutzung bereits veröffentlichter Stücke aus den Alben „Orphée“, „Englabörn“, „Free The Mind“ und „Copenhagen Dreams“. Jóhannsson, geboren und aufgewachsen auf Island, hat einen respektvollen Bezug zum Meer und dies spürt man bei seinem Zugang zu dieser Geschichte. In einem Interview erklärte er, dass für ihn die Veränderung der Psyche Crowhurst am interessantesten war: Vom Mut zur Angst, zu den Lügen und dann zum Wahnsinn. Mit Wehmut wurde mir selbst bewusst, dass es wohl eines der letzten Male gewesen ist, seine Musik in einem Kino gehört zu haben. Es werden in diesem Jahr noch zwei weitere seiner bereits fertiggestellten Musikarbeiten zu den Filmen „Maria Magdalena“ und „Mandy“ veröffentlicht.

Vor uns das Meer Rachel Weisz
© 2018 STUDIOCANAL

Fazit

Es ist ein beklemmendes Drama über einen Mann, der zu viel will und darüber seinen Verstand verliert. Seine Frau Clare ist die stärkste Person in diesem Film, die wohl überlegt das Richtige tut. Deswegen gehören ihr in „Vor uns das Meer“ auch die letzten Sätze. Wer stark genug für dieses Drama ist, welches auf einer wahren Geschichte beruht, wird einen Film sehen, der noch lange, wie auch die Musik von Jóhann Jóhannsson, in den eigenen Gedanken weitertreiben wird.

Titel, Cast und Crew

Vor uns das Meer (2016)
OT: The Mercy

Poster

Vor uns das Meer Poster Rachel Weisz Colin Firth

Kinostart/
Veröffentlichung

29.03.2018

Regisseur

James Marsh

Trailer

Schauspieler

Colin Firth (Donald Crowhurst)
Rachel Weisz (Clare Crowhurst)
David Thewlis (Rodney Hallworth)
Ken Stott (Mr. Best)

Drehbuch

Scott Z. Burns

Kamera

Eric Gautier

Musik

Jóhann Jóhannsson

Schnitt

Jinx Godfrey
Joan Sobel

Filmlänge

112 Minuten

FSK

ab 6 Jahren
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20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter