Vivarium (2019) – Filmkritik

„Generation: Kinderlos“

Es gibt nichts Schlimmeres als sein Publikum zu unterschätzen. Wenn dem Zuschauer die simpelsten Metaphern und gesellschaftlichen Symbole direkt vor Augen geführt werden und dann vielleicht noch minutenlang mit dem Finger darauf gedeutet wird: „Schaut mal, wie schlau wir Filmemacher sind. Das hat noch etwas anderes zu bedeuten.“ So etwas ist einfach sinnlos. Ich werde lieber im Kino gefordert als für dumm verkauft. Nur so hat man Lust über das Erlebte nachzudenken und darüber zu sprechen oder in diesem Fall darüber zu schreiben. VIVARIUM ist voll von einfachsten Symbolen, Metaphern und gesellschaftskritischen Verweisen. Selbst Redewendungen, werden hier offen in die Tat umgesetzt. Dieses ungestüme Werk, das sich so gar nicht in Genrekonventionen pressen lässt, hat eine solche Kraft auf uns Zuschauer, dass man am liebsten auf den Pauseknopf drücken möchte, um seinen Sitznachbarn zum Filmgespräch aufzufordern. VIVARIUM ist ein Füllhorn mit Aspekten, die eine ganze Generation beschäftigen. Jedoch so simpel und bildhaft erzählt, dass es einen immer wieder wie einen Blitz trifft. Ein Deutschlehrer auf der Suche nach zeitgenössischen Geschichten würde sich die Finger nach einer Geschichte wie VIVARIUM lecken und Kafka mal Kafka sein lassen.

Handlung

Wer sagt, die Realität schreibt die besten Geschichten, sollte mal einen Blick in die Natur werfen. Der Kuckuck hat vielleicht so einige Sympathiepunkte in Kinderliedern bekommen, aber sein Fortpflanzungsverhalten widerspricht jeder ethischen Moralvorstellung. Das Intro von VIVARIUM zeigt dieses Verhalten des Nestraubs mit gnadenloser Genauigkeit.

Gemma (Imogen Poots) ist Erzieherin und Tom (Jesse Eisenberg) ist Landschaftspfleger. Sie sind glücklich zusammen und suchen ein Haus, um endlich ein eigenes Zuhause zu haben. Der äußerst schräge Makler Martin (Jonathan Aris) bringt sie in die Siedlung Yonder, wo ein Haus dem anderen gleicht. Trotz der sauberen und biederen Atmosphäre ist kein anderes Lebenszeichen zu sehen. Martin zeigt ihnen das bereits fertig eingerichtete Haus bis hin zum möblierten Kinderzimmer mit blauen Wänden. Gemma ist weder schwanger, noch ist zu erkennen, ob beide überhaupt Kinder möchten. Als sie den synthetisch leuchtenden Garten besichtigen, verschwindet der Makler spurlos.

Beide schmunzeln in sich hinein und sind froh endlich dieser peinlichen Situation zu entfliehen. Aber es scheint kein Ausweg aus dieser Siedlung zu geben. Mit null Handyempfang fahren beide in einer Art Endlosschleife ihren Tank leer. Sie kommen direkt vor Hausnummer 9, wo sie sich das Domizil angesehen haben, zum Stehen. Erst einmal schlafen gehen, morgen ist dieser Alptraum vorbei. Dem ist aber nicht so. Beide können dieser künstlichen Welt nicht entfliehen. Eine Kiste mit Lebensmitteln landet immer wieder vor der Haustür, bis nach ein paar Tagen ein Karton mit einem Säugling vor der Tür steht. Darauf ist zu lesen: „Zieht es auf und ihr seid frei.“ Aber der Junge ist so gar nicht menschlich.

Surrealismus

Was leicht mit außerirdischen Wesen in der Handlung hätte abdriften können, bleibt immer ganz nah bei unserer Gesellschaft und dem Leben in einer Beziehung. Jeder der selbst einmal den Wunsch nach einem Eigenheim nachgegangen ist, den Prozess des Kaufen oder Bauen hinter sich gebracht hat, wird unweigerlich von den Darstellern absorbiert. Alle anderen sind mit Gemma und Tom in eine Welt eingesperrt aus der es kein Entkommen gibt. Vor allem das Findelkind der gruseligen Sorte wird bei Personen mit und ohne Kinderwunsch sich die Nackenhaare aufstellen lassen. Der Junge, genial von Senan Jennings verkörpert, bekommt keinen Namen und hört morgens erst auf zu schreien, wenn er seine Schale Cornflakes hat. Er wächst jeden Tag ein paar Zentimeter und die jungen „Eltern“ stehen nicht nur seiner permanenten unangenehmen Beobachtung gegenüber, sondern auch seiner Perfektion, Stimmen und Verhalten zu imitieren. Außerdem wollen beide auch aus dieser verdammten, unechten Welt fliehen, dem Tom mit Graben eines Lochs im Garten stoisch nachgeht. Spätestens hier macht der Film beim Zuschauer klick. Denn jetzt beginnt er über die Metapher des Kuckucks hinaus zu wachsen und unsere Gesellschaft, sogar das Leben als solches, gnadenlos darzustellen.

Martin (Jonathan Aris)

Produktion

Imogen Poots und Jesse Eisenberg beweisen wieder einmal ihr Talent als Schauspieler. Für diese geniale Idee von Lorcan Finnegan und Garret Shanley treten sie sogar als Executive Producers auf. Auch wenn man VIVARIUM das niedrige Budget anmerkt, ist die einfache künstliche Umgebung mehr als dienlich. Ein Szenenbild der Unauffälligkeit, was bis ins kleinste Detail stimmig ist, macht die obskure Pappmaschee-Welt auf der Leinwand fast greifbar. Man schmeckt das künstliche Essen, riecht das große Nichts und fühlt die unwirkliche Welt. Im Drehbuch finden sich immer wieder Szenen, welche diese Stimmung stärken. Gemma und Tom fliehen ab und zu in ihr Auto, weil es sie an ihr Zuhause, die echte Welt erinnert, allein durch dessen Geruch. Tom gräbt sich durch einen wirren Mix aus Sand, Stein und Knetmasse, was den mühseligen Prozess zeigt und wie wenig es hier ein Vorankommen gibt. Aber auch das Fehlen von jeglicher Industriemarke, abgesehen von der Firma, der die Siedlung gehört, macht es jedem Zuschauer leicht in die bequemen, unmodischen Klamotten von Gemma und Tom zu schlüpfen. So ertappt man sich immer wieder selbst in diesen Musterhausräumen, gefangen mit einem absonderlichen Kind ohne jede Hoffnung auf ein eigenes Leben.

Welche Ideen hätte man selbst in einer solchen Situation? Von Ignoranz und Mordgedanken (Tom) bis hin zur Resignation und Erziehung (Gemma) ist alles dabei. Als wenn diese Zwangselternschaft mit Fluchtkomponente nicht schon spannend genug wäre, bekommt man mehr als deutlich den undankbaren Kreislauf des Lebens im Zeitraffer serviert.

Tom (Jesse Eisenberg) und Gemma (Imogen Poots)

Deutungsebene

Wer VIVARIUM noch blauäugig erleben will, sollte über diesen Absatz einen Sprung machen und direkt zum Fazit scrollen. Wer aber ein paar Denkanstöße zur Interpretation braucht, kann sich hier von meinen inspirieren lassen.

Die Metapher des Kuckucks ist klar: Martin zwingt dem liebenden Paar ein Säugling seiner Rasse auf, damit sie ihn in ihrem geborgenen Umfeld aufziehen können. Tom und Gemma werden von der Außenwelt isoliert und abhängig von der Nahrung, die ihnen immer wieder vor die Tür gestellt wird. Ein trostloses Konsumieren ohne Wahl auf individuelle Vielfalt ist auch ein Hinweis auf unsere industrialisierte Konsumwelt.

Beide sollen ein Kind großziehen, ganz im Rahmen ihrer Geschlechterrollen: Toms Beruf, er gräbt sprichwörtlich sein eigenes Grab (Zu Filmbeginn vergräbt er auch die zwei toten Vogelküken, eine Anspielung auf das Filmende) und deutet auf einen sinnlosen Beruf hin. Er muss es aus einem Bedürfnis tun, was nicht nachzuvollziehen ist und riskiert sogar seine Gesundheit. Gemma macht den Haushalt und bleibt mit der Erziehung des Jungen zurück. Sie versucht zu ihm einen gefühlvollen Zugang zu finden, aber dessen Natur ist so absonderlich und abstoßend, dass sie keine mütterlichen Gefühle aufbringen kann. Beides sind ganz klassische Elternrollen, die von Vater und Mutter.

Der Junge schaut im Fernseher eine wirren Mix aus Labyrinthen und Rorschachtests. Sie verstehen nicht, was er da sieht. Viele Eltern werden sich auch gefragt haben, welchen Mist ihre Kinder da im Fernsehen sehen. In einer Welt voller zombiehafter Menschen, die in jeder Situation gebannt auf ein kleines Display in ihrer Hand starren, eine gar nicht so abwegige Situation. Die ältere Generation verliert völlig den Draht zur jungen.

Am stärksten ist jedoch VIVARIUM in den Momenten, wenn es den Übergang einer Beziehung hin zu einer Familie darstellt. Ein harmonisches Zweier-Team wird durch ein fremdes Wesen gestört. Beide müssen immer wieder ganz stark kämpfen, dass sie ihre Liebe zueinander behalten. Die Angst im Umgang mit dem Kind, die Eifersucht um Aufmerksamkeit und der triste Lebensalltag werden zu Liebeskillern. VIVARIUM zeigt eine traurige Zeitraffer-Version: Ein liebendes Paar, welches über den Nachwuchs auf Distanz zueinander geht, nur um am Ende von der eigenen Brut sogar vor die Tür gesetzt zu werden.

Fazit

VIVARIUM ist voll von simplen Metaphern und Bildern, welche immer wieder zum Nachdenken anstiften. Das surrealistische Werk zeigt auf beklemmende Art, wie der Kreislauf des Lebens für den wohlhabenden Menschen im 21. Jahrhundert aussieht. Sicher kein Film, den man beschwingt in Erinnerung behält, aber der auffordert das eigene Leben so frei wie möglich zu genießen und immer wieder aus steifen Konventionen auszubrechen.

// Gesehen beim Fantasy Filmfest 2019

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewVivarium (2019)
Poster
Releaseauf dem Fantasy Filmfest 2019
- noch kein deutscher Verleih in Sicht -
RegisseurLorcan Finnegan
TrailerClip
BesetzungImogen Poots (Gemma)
Jesse Eisenberg (Tom)
Jonathan Aris (Martin)
Senan Jennings (The Boy)
Eanna Hardwicke (The older Boy)
Danielle Ryan (Mom)
Olga Wehrly (Young Woman)
Molly McCann (Molly)l
DrehbuchLorcan Finnegan
Garret Shanley
KameraMacGregor
MusikKristian Eidnes Andersen
SchnittTony Cranstoun
Filmlänge137 Minuten
FSKunbekannt

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