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Visum für die Hölle (1972) – Filmkritik

„Jim-Brown-Show“

1972 nimmt das Blaxploitation-Kino richtig Fahrt auf, vor allem dank Richard Roundtree in SHAFT (1971). Im Fahrwasser dieses Erfolgs begibt sich der Ex-Football-Superstar Jim Brown in dessen Fußstapfen mit VISUM FÜR DIE HÖLLE (BLACK GUNN) und den im selben Jahr erschienenen SLAUGHTER (1972). VISUM FÜR DIE HÖLLE unterscheidet sich stark von SLAUGHTER, der eher wie eine günstige James-Bond-Alternative wirkt, dafür verfügt BLACK GUNN aber über wesentlich mehr James-Bond-Darsteller-Power (Luciana Paluzzi aus FEUERBALL und Bruce Clover aus DIAMANTENFIEBER). Die Person Jim Brown mit all ihren biografischen Eigenschaften findet in VISUM FÜR DIE HÖLLE die perfekte cineastische Metapher. Wenig emotionales Schauspiel, viel männliche Präsenz, Rassismus-Bekämpfer mit Schrotflinte und schöne Frauen, egal welcher Hautfarbe, liegen ihm zu Füßen. Das funktioniert als actionlastiger Unterhaltungsfilm mit 1970er-Jahre-Grobheit gut, jedoch kommt dem Film im Mittelteil die Spannung völlig abhanden und im Finale erkennt man die fehlende Routine des britischen Regisseurs Robert Hartford-Davis für einen krachenden Abschluss. Aber VISUM FÜR DIE HÖLLE ist ein waschechtes Kind seiner Zeit, voller schwarzer Revolutionäre, organisiertem Verbrechen und Rassismus auf jeder Gehaltsstufe.

© Wicked Vision

Handlung

Dieses Wettbüro ist das falsche für einen Überfall. Scott Gunn (Herbert Jefferson Jr.) klaut mit seiner Gang nicht nur Bargeld, sondern auch ein paar Bücher aus dem Safe. Die sind viel wertvoller als die Geldbündel, lassen sich aber schlecht gegen Bares umtauschen, was die Gruppe B.A.G. (Black Action Group) für Waffen und Anwälte gut gebrauchen kann. In den Büchern stehen alle Schmiergeldempfänger der Mafia, von politischen Ebenen bis zum Polizeirevier. Der angehende Westküstenboss Capelli (Martin Landau) will die Beweise zurück, die eine Welle der Verhaftungen in L.A. auslösen würde. Er schickt seinen irren Lakaien Ray Kriley (Bruce Glover), der ohne Gewissen und mit Rassismus im Blut auf der Suche nach den Räubern ist. Scott Gunn taucht so lang bei seinem Bruder (Jim Brown) unter, der einen erfolgreichen Club mit dem kreativen Namen Gunn’s Club führt. Gunn passt das Verhalten seines kleinen Bruders gar nicht in die neutralen Geschäftspläne, doch die Mafia hat sich spätestens bei ihm, mit dem Falschen angelegt.

© Wicked Vision

Guter Start

VISUM FÜR DIE HÖLLE beginnt spannend. Mit filmischen Bildmontagen steigt es in den Überfall ein. Die Übersicht nach dem Schusswechsel verliert man schnell und wir wissen nur eines: Das sehr fragile Gleichgewicht des organisierten Verbrechens wird ab diesem Zeitpunkt ins Wanken geraten. Überraschenderweise lässt sich das Drehbuch für die Vorstellung seines Showrunners viel Zeit. Zuvor wird der Mob mit dem als Gebrauchtwagenhändler getarnten Capelli vorgestellt und sein ständig unter Anspannung stehender Mann fürs Grobe: Ray Kriley. Jim Brown taucht als Gunn verhältnismäßig spät auf. In seinem Club wirkt er etwas behäbig, kann aber mit einer Geschichte zur Herkunft seines Namens Interesse schüren. Brown ist kein Schauspieler, eher eine Präsenz, die gut gekleidet werden will und dem jede Frau an die Oberarme und mehr will.

© Wicked Vision

Im Mittelteil des Films fehlt es an investigativen Szenen und Action. Ein Schusswechsel mit der B.A.G. ist leider zu schnell vorbei und der Mafia hätte man noch ein paar deftigere Szenen bei der Suche nach den Schmiergeldbüchern geben können. Es werden die altbekannten Blaxploitation-Markenzeichen abgeklappert. Zudem verirrt sich der Film in zu langatmige Dialoge und im Präsentieren seines Hauptdarstellers. Mehr Szenen an Originalschauplätzen hätte diese Zeitreise wesentlich lebendiger gemacht.

Themen

Als Actionfilm geht VISUM FÜR DIE HÖLLE nicht in die Geschichtsbücher ein, jedoch in seiner politischen Bissigkeit. Der britische Regisseur Robert Hartford-Davis scheute nicht, den Konflikt auch als ein Kampf der Hautfarbe darzustellen. Verachtung kommt in jedem Dialog zwischen Mafia und der militanten Bürgerrechtsgruppe B.A.G. immer wieder zum Vorschein. Es wird auch thematisiert, dass viele Afroamerikaner vom Vietnamkrieg zurückkehren und weder als Helden noch als freie Menschen in ihrem Vaterland gefeiert werden. Sie finden in revolutionären Bewegungen, wie damals die Black Panther Party, einen Platz, um gegen diese Ungerechtigkeiten mit allen Mitteln zu kämpfen.

© Wicked Vision

Politische Korruption ist ebenfalls nur einen Wimpernschlag entfernt und die Polizei scheint nur noch dank Schmiergelder zu arbeiten. Interessant ist, dass selbst im Finale der leitende Police Lieutenant (Jim Watkins) auf Unterstützung seiner Kollegen verzichtet und sich lieber von der bewaffneten B.A.G. Rückendeckung geben lässt. Eine Überwindung der Unterdrückung von People of Colour in den 1970er-Jahren scheint VISUM FÜR DIE HÖLLE nicht zu interessieren. Die Rolle der Frau wird sicherlich auch schon damals kritisiert worden sein. Judith (Brenda Sykes) ist ausschließlich mit der Stärke versehen, zu erkennen, was ihrem Gunn auf dem Herzen liegt, als dass sie aktiv in die Handlung eingreift. Sehr schade, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit Pam Grier in anderen Kinosälen als knallharte Actionikone gefeiert wurde.

© Wicked Vision

Auf Blu-ray

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Zum ersten Mal in Deutschland kann man nun VISUM FÜR DIE HÖLLE auf Blu-ray erleben. Als Nummer 9 in der Black Cinema Collection von Wicked Vision gibt es den Film auf Blu-ray und DVD. Trotz Ankündigung des Labels vor Filmbeginn mit schlechtem Bild und Ton rechnen zu müssen, ist die Restaurierung geglückt. Tolle Kontraste und Farben finden in dieser günstigen Filmproduktion genau die richtigen Einstellungen. Einzig der Ton, Deutsch wie auch Englisch, schwankt in der Lautstärke, so dass man doch ab und zu zur Fernbedienung greifen muss. Ein 38-seitiges Booklet bieten einen Text zum Hauptdarsteller Jim Brown und verweist auf seine lange Liste an Konflikten mit dem Gesetz. Ein weiterer Text ordnet die Besetzung und das Filmteam in ihre Filmografien ein. Im Bonusmaterial können wir wieder den kleinen Essay von Black-Cinema-Kenner Andreas Rauscher mit „Jim Brown und die Spielregeln des Blaxploitation“ empfehlen.

© Wicked Vision

Fazit

Eine reine Blaxploitation-Kür für Jim Brown. VISUM FÜR DIE HÖLLE scheut sich nicht die Konflikte seiner Hauptfiguren in die Handlung knallhart einzuflechten. Leider scheitert der Selbstjustizstreifen auf der Ebene der Action, die oft schlecht geschnitten und im finalen Schusswechsel ziemlich stümperhaft im Dunklen zusammengeflickt wurde. Ein Nischenfilm im Nischen-Genre.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewVisum für die Hölle (1972)
OT: Black Gunn
Poster
RegisseurRobert Hartford-Davis
Releaseseit dem 04.02.2022 auf Blu-ray in der Black-Cinema-Collection

Am besten direkt beim Label bestellen.

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Trailer

Englisch
BesetzungJim Brown (Gunn)
Martin Landau (Capelli)
Brenda Sykes (Judith)
Luciana Paluzzi (Toni)
Bruce Glover (Ray Kriley)
Toni Holt Kramer (Betty)
Herbert Jefferson Jr. (Scott Gunn)
DrehbuchFranklin Coen
FilmmusikTony Osborne
KameraRichard H. Kline
SchnittPat Somerset
Filmlänge96 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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