Vierzig Gewehre (1957) – Filmkritik

Mitte der 1950er musste Hollywood einen ersten Tiefschlag in der unerschöpflichen Gewinnsträhne einstecken. Der Fernseher machte ihnen Konkurrenz. Die Geräte wurden für jede Familie im Erwerb immer günstiger, aber auch das Programm qualitativ besser. Die langen Schlangen vor den Kinos wurden kürzer und die Menschen blieben Zuhause vor der Mattscheibe. Vor allem der Western ritt mit günstigen TV-Produktionen reihen- und auch serienweise durch die Wohnzimmer. Die Filmindustrie zog nach und brachte, neben den häufigen Farbfilmen, auch das Cinemascope auf die Leinwand. Ein noch breiteres Format als das 16:9-Breitwand. In einem 21:9 Seitenverhältnis ist die unerschöpflich Weite der Western-Prärie geradezu dafür geschaffen. Samuel Fuller drehte 1957 seinen letzten Western, nicht in Farbe, aber dafür in weiten, expressionistischen Bildern, endlosen Kamerafahrten und in so gut wie keinen Studios. VIERZIG GEWEHRE (FORTY GUNS) ist fast zügellos in seiner Inszenierung, aber auch seiner Geschichte, denn eine Frau stiehlt den Männern die Show: die damals 50-jährige Barbara Stanwyck als Großgrundbesitzerin Jessica Drummond.

© Twentieth Century Fox

Handlung

1880, Arizona, die drei Bonnell-Brüder kommen mit einer Kutsche in die kleine Westernstadt Tombstone. Griff (Barry Sullivan) und Wes (Gene Barry) sind US-Marshals und haben einen Haftbefehl für einen Postkutschen-Dieb in der Tasche. Als sie in der Stadt eintreffen, schießt gerade der betrunkene Brockie (John Ericson) einen alten kurzsichtigen Marshal nieder und ballert mit seinen Freunden in die Läden und Schaufenster. Griff, eine Legende unter den Revolverschützen, geht auf Brockie zu, schlägt ihn nieder und steckt ihn ins Gefängnis. Brockie ist aber der kleine Bruder der einflussreichsten Person in der Gegend: Jessica Drummond (Barbara Stanwyck). Ihr folgen stets 40 bewaffnete, wie auch einflussreiche Männer. Darunter befindet sich auch der Sheriff Ned Logan (Dean Jagger), der Brockie gleich wieder frei lässt. Marshal Griff und die Großgrundbesitzerin kommen sich trotz Rivalität näher. Kann es gut ausgehen, wenn beide auf verschiedenen Seiten des Gesetzes stehen?

© Twentieth Century Fox

Filmgeschichte

VIERZIG GEWEHRE legte für die Neuentwicklung des Western durch Sergio Leone, Sam Peckinpah oder Clint Eastwood die Weichen. Vor allem in der Produktion war Samuel FullerRegisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion – wegweisend und experimentierfreudig. Es wurde auf dem Studiogelände von FOX gedreht, welches eine komplette Westernstadt bot. Legendär ist die minutenlange Kamerafahrt, die die Bonnell-Brüder aus dem oberen Stockwerk ihres Hotels über die Straße zur Telegrafenstation hin- und wieder zurückbegleitet, an deren Ende sie auf die 40 Reiter treffen. 300 Meter der Straße wurden für die Kamerakranschienen asphaltiert. Wenn man genau hinhört, kann man bei den Schauspielern hören, wie ihnen beim Laufen  die Luft zum Sprechen ausgeht. Die Szene ist nicht nur technisch ausgefeilt, sondern auch inhaltlich relevant, denn die Figur von Griff ist ein Mann, der nicht anhält. Er geht schnurgerade seinen Weg und man sollte ihm nicht im Weg stehen, wie schon einer der Vandalen zu Beginn feststellt. Mit festem Blick – eine Nahaufnahme der Augen, die Sergio Leone später zu einem seiner Markenzeichen machen wird – geht er zu Beginn auf Brockie zu, der wie angewurzelt stehen bleibt und aus Angst seinen Revolver nicht hochheben kann.

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Die weiten Landschaften lassen die Cinemascope-Aufnahmen förmlich erstrahlen und wenn die Kamera in die Häuser mit den Figuren hineinschlüpft, kann man durch die Fenster die Straßen sehen auf denen immer etwas los ist. Bemalte Hintergründe, die damals noch weit verbreitet waren, wurden von Fuller und seinem realitätsnahen Anspruch gemieden. Selbst Hauptdarstellerin Stanwyck lässt sich in der Tornado-Szene vom Pferd fallen und in den Steigbügeln mitschleifen. Heute wird immer wieder kritisiert, dass Frauen im mittleren Alter keine guten Filmrollen mehr bekommen, aber VIERZIG GEWEHRE setzte damals den Hauptdarsteller und seine weibliche Kontrahentin, beide im mittleren Alter, gleichberechtigt auf die Filmplakate, wie auch in den Vorspann.

© Twentieth Century Fox

Die versteckte Protagonistin

„High Ridin’ Woman With a Whip “ wie es in einer von zwei Balladen, die in VIERZIG GEWEHRE direkt in der Handlung gesungen wird, so schön heißt, gibt Jessica Drummont das Kommando. Ihren ersten Auftritt zu Beginn lässt den Zuschauern und auch die Bonnell-Brüder ehrfürchtig erzittern. Ganz in schwarzer Reiteruniform gekleidet, schwingt sie auf ihrem weißen Hengst die Peitsche und lässt 40 Reiter eine Staubwolke hinter ihr aufwirbeln, die meilenweit zu sehen ist. Man muss auch mal schmunzeln, wenn Jessica ihre ersten Auftritte immer in Begleitung ihres Gefolges vollführt. Vor allem durch den Staub, sind auch die frisch gebadeten Bonnell-Brüder nicht minder erstaunt.

Im Song geht der Text auch in der Hinsicht weiter, dass erst noch der richtige Mann für die erfolgreiche Frauen kommen muss. Es ist nun einmal das Jahr 1957 und in der Handlung sogar 1880, so dass eine Frau es erst richtig geschafft hat, wenn sie einen Mann an ihrer Seite hat. Mit dem Fall ihres Imperiums während der Handlung, fällt auch ihre Rolle immer mehr in die eines weiblichen Klischees im Western-Genre. Zum Ende verliert sie alles auf einen Schlag, muss als Geisel herhalten und darf kurz vorm Abspann noch der Kutsche ihres Helden im Kleidchen hinterherrennen. Zum Glück ist ihr erster Auftritt, wie auch die Dialoge mit den Männern so einprägsam, willensstark und respektvoll, dass man Samuel Fuller dieses finale Eingeständnis an die Besuchererwartungen verzeiht. FORTY GUNS ist ein Western, der seine starke Protagonistin hinter einem Mann in der Geschichte etwas verstecken will, wie es bereits JOHNNY GUITAR (1954) mit Joan Crawford als Vienna getan hat. Aber die Heroine vergisst man im Gegensatz zum Revolverhelden nicht mehr.

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PENG

Nicht nur wegen seiner imposanten Protagonistin ist VIERZIG GEWEHRE spannende Western-Kost. Das Drehbuch schafft es seine Zuschauer mit freundlichen Dialogen und einer süßen Liebe in Form von Büchsenmacherin (Gunsmith) Louvenia Spanger (Eve Brent) und Wes Bonnel gefühlvoll einzuwickeln. In dieser Nebenhandlungs-Beziehung darf auch feinste Hays-Code-Umgehung nicht fehlen, die über die Fähigkeiten des richtigen “Holzes” für ein ordentliches Schießeisen und mit dem Körperbau einer Lady wie der einer Waffe genug sexuell aufgeladenen Subtext liefert. Auch der Junior der drei Brüdern Chico Bonnell (Robert Dix) sorgt für Lockerungen in der angespannten Situation. Die fröhlichen Momente gibt es aber nur zum Preis der gnadenlosen Überraschung, wenn ein Schuss ohne Vorwarnung das Leben beendet und die Harmonie vernichtet.

© Twentieth Century Fox

Die Welt ist eben nicht so wie sie scheint, was auch in dem selbstreflektierenden Monolog von Griff Bonnell über den Revolverhelden in sich, der nur noch ein Freak ist, zum Vorschein kommt. Der Wilde Westen ist nicht mehr das, was er war und Griff hat seit zehn Jahren keinen Revolver mehr gezogen. Sein Hintergrund steht der von Jessicas Geschichte und ihrer Verbindung zu ihrem rebellischen Bruder gegenüber. Samuel Fuller war nicht nur ein Regisseur, der versuchte die Kameraperspektive von ihrer schwerfälligen Position zu befreien, sondern wollte auch seinen Figuren wesentlich mehr tragische Facetten verleihen als es der damalige Zuschauer gewohnt war. Im ursprünglichen Original-Drehbuch von Fuller, erschießt Griff am Ende, Geiselnehmer und Geisel, schreitet über ihre leblosen Körper hinweg und wirft seine Waffe in den Staub der Straße. Das war dann doch zu starker Tobak und die Heldin kam dann doch noch mit einer gezielten Schussverletzung davon.

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Fazit

Diese 80 Minuten bilden einen bedeutsamen Eckpfeiler in der Filmgeschichte und das nicht nur im Western-Genre. Die Kamera verlässt ihre starren Blickwinkel, nimmt den Zuschauer mit auf das schicksalsträchtige Leben im Wilden Westen. Pistolenschüsse knallen unerwartete Wendung aus den Drehbuchseite und eine der ersten großen Heldinnen findet in Barbara Stanwyck eine moderne Verkörperung. Man könnte Dutzende Filme benennen, die von VIERZIG GEWEHRE beeinflusst wurden oder aber den Film selbst immer wieder schauen, um stets neue Dinge zu entdecken.

© Christoph Müller

Gesehen im Zuge meiner Filmchallenge FLUXScorseseMasterclass.

Titel, Cast und CrewVierzig Gewehre (1957)
OT: Forty Guns
Poster
RegisseurSamuel Fuller
Releasenur als UK-Import auf Blu-ray erhältlich

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Trailer

Englisch
BesetzungBarbara Stanwyck (Jessica Drummond)
Barry Sullivan (Griff Bonell)
Dean Jagger (Sheriff Ned Logan)
John Ericson (Brockie Drummond)
Gene Barry (Wes Bonell)
Robert Dix (Chico Bonell)
Jidge Carroll (Barney Cashman)
Paul Dubov (Judge Macy)
Gerald Milton (Shotgun Spanger)
Ziva Rodann (Rio)
Hank Worden (Marshal John Chisum)
Neyle Morrow (Wiley)
Chuck Roberson (Howard Swain)
Chuck Hayward (Charlie Savage)
DrehbuchSamuel Fuller
FilmmusikHarry Sukman
KameraJoseph F. Biroc
SchnittGene Fowler Jr.
Filmlänge80 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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