Vice: Der zweite Mann (2018) – Filmkritik

„So gar nicht die zweite Geige“

Es ist Februar, Berlinale-Zeit, und somit wird die deutsche Hauptstadt wieder für eine Woche von Filmkritikern, Filmschaffenden und Filmliebenden belagert. Das Filmfestival stimmt die gesamte Branche auf den nächsten großen Termin (24.02.2019), die Oscars®, ein. Nicht verwunderlich ist daher, dass neben Filmen aus aller Welt auch große Produktionen aus Amerika sich einen Platz im Festivalprogramm sichern. Ganz vorn stellt sich das Biopic VICE: DER ZWEITE MANN über den ehemaligen amerikanischen Vizepräsidenten Dick Cheney auf. Bereits zu den Golden Globe Awards hagelte es Nominierungen. Hauptdarsteller Christian Bale (THE DARK KNIGHT, THE FIGHTER) ergatterte bereits mit seiner Performance in VICE die begehrte Auszeichnung für den besten Hauptdarsteller und ist somit ein heißer Kandidat auch auf den Oscar. Insgesamt ist das neue Werk von Regisseur und Autor Adam McKay (THE BIG SHORT, ANT-MAN) für acht Oscars nominiert. Ob der Hype mit dem bitterbösen satirischen Blick auf einen der mächtigsten Männer der Neuzeit gerechtfertigt ist, haben wir uns vorab angesehen. Wer keine Lust auf Berlinale-Ticket-Stress hat, kann bereits ab dem 21. Februar VICE: DER ZWEITE MANN auch im normalen Programmkino sehen.


© UNIVERSUM FILM

Inhalt

Die Geschichte des Mannes, der die Fäden einer der mächtigsten Nationen der Welt halten soll, beginnt im beschaulichen Nebraska. Nachdem er bereits mehrmals wegen Alkoholmissbrauchs aufgefallen ist und dadurch auch sein Platz an der Universität in Yale verloren hat, arbeitet Dick Cheney (Christian Bale) als einfacher Arbeiter an Stromleitungen. Sein Leben in einer Sackgasse sehend, beschließt Cheney 1965 einen neuen Anfang, schreibt sich an der Universität Wyoming ein und schafft den Abschluss in Politikwissenschaften. Ab hier beginnt der politische und gesellschaftliche Aufstieg des Mannes, der einmal der einflussreichste Mann im Hintergrund des Weißen Hauses werden sollte. Immer an seiner Seite und treibende Kraft des Aufstiegs, seine Frau Lynne Cheney (Amy Adams).


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Nur ein Mann für den Job

Adam McKay hat mit seinem Film THE BIG SHORT über die Finanzkrise des amerikanischen Imobilienmarkts bereits bewiesen, dass er komplexe und trockene Sachverhalte geschickt mit ironischen und satirischen Mittel zu einem bemerkenswerten Unterhaltungsfilm aufbereiten kann. In THE BIG SHORT bedient er sich einer Riege erstklassiger Schauspieler, humorvoller Kommentare, Nachrichten-Aufnahmen und dem Brechen der vierten Wand (Das Sprechen der Darsteller mit seinen Zuschauern direkt in die Kamera). Genau dieses Konzept wiederholt McKay nun für VICE: DER ZWEITE MANN. Bereits während der Recherche für den Film erklärt der Regisseur, dass es nur eine Person für die Hauptrolle gab: Christian Bale. In zahlreichen Rollen beweist dieser immer wieder, wie kein anderer, seine Fähigkeit sich in Figuren zu verwandeln. Auch für diese Rolle gibt Bale die vollen einhundert Prozent. Unter der Aufsicht eines Arztes nimmt Bale, wie bereits auch in seiner Rolle in AMERICAN HUSTLE, drastisch zu. Hinzu kommen intensive Recherchen, Sprachtraining und ein großes, hochkarätiges Make-Up-Team, welches aus dem Schauspieler Vizepräsident Dick Cheney macht. Bale dominiert den Film und verdeutlicht mit welch einer Ausstrahlung ein Trunkenbold und Faulenzer zum Vizepräsidenten wurde. Ebenfalls hervorragend und überzeugend spielt Amy Adams. Die Frau an Cheneys Seite ist Antrieb und Anker für den Politiker. Als intelligente und zielstrebige Frau weiß sie genau, wie sie die Position ihres Mannes zu nutzen hat. Beide Schauspieler kennen sich bereits aus der Produktion zu AMERICAN HUSTLE und performen wunderbar harmonisch. Dem Power-Ehepaar Cheney sollte man sich auch im Film nicht entgegenstellen.

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Kein HOUSE OF CARDS

Mit einem weltklasse Cast lockt Adam McKay die Zuschauer in seinen Film. Auch andere Nebenrollen wie Steve Carell, Eddie Marsan und Sam Rockwell liefern hervorragende Arbeit. Einen Dämpfer bekommt VICE aus einer ganz anderen Richtung. Die Geschichte von Cheney, so spannend sie am Ende auch sein mag, ist immer noch die Geschichte eines Politikers. Bereits bei dem Wort Politik schaltet die Mehrheit der Zuschauer ab oder um. Obwohl Adam McKay sich große Mühe gibt, den Werdegang aufregend und unterhaltsam zu gestalten, fühlt sich besonders die erste Hälfte des Zwei-Stunden-Films mehr nach Dokumentation und weniger nach Unterhaltung an. Da helfen auch die vielen verschiedenen, meist humorvollen und vor allem sarkastischen Kommentare des Off-Sprechers Kurt (Jesse Plemons) nicht. Der Humor will in VICE: DER ZWEITE MANN oft nicht zünden und auch sonst tut sich der Film schwer richtig anzulaufen. Hinzu kommt, dass die Erfolge und Tätigkeiten, die Cheney in seiner Laufbahn erreicht, nicht wie zum Beispiel bei THE BIG SHORT oder HOUSE OF CARDS erklärt werden. Generell läuft ein Biopic schnell Gefahr, nur eine Aneinanderreihung von Daten zu werden. Hier schafft es VICE nicht spannend zu bleiben und das, obwohl McKay fast schon krampfhaft versucht, den Zuschauer zu überraschen. Besonders für diejenigen, die sich mit der amerikanischen Politik nicht befasst haben, ist das Ganze ein Abarbeiten von Stationen. Leider ist diese Hälfte des Films trotzdem nötig, um zu verstehen, was dazu geführt hat, dass amerikanische Politik heute ist wie sie ist. Dies hätte aber auch knackiger und unterhaltsamer dargestellt werden können. Für den Zuschauer bleibt es zäh und langatmig.

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Verbesserung in der zweiten Halbzeit

Deutlich mehr Fahrt nimmt der Film erst wieder in der zweiten Hälfte auf. Die Jahre als Vizepräsident sind ausschlaggebend für das Vermächtnis Cheneys in der Politik. Niemand vor oder nach ihm hat aus der rein symbolischen Position des Vizepräsidenten die Machtfigur gemacht, die er innehatte. Hier spielt Adam McKay seine Stärke aus und lässt den Zuschauern das Lachen im Halse stecken bleiben. Man erwischt sich immer wieder beim Gedanken: „Das kann doch nur ausgedacht sein!”. Ist es tragischerweise nicht. Die Konsequenzen spüren wir heute noch. Neutral möchte VICE definitiv nicht sein. Immer mehr verliert auch die Figur Cheney an Sympathie. Damit stellt sich McKay hinter die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung. Cheney verlässt die politische Bühne als unbeliebtester Vizepräsident aller Zeiten. Trotzdem erlaubt das Filmportrait Cheney am Ende einen Monolog. Dieser bekommt somit auch die Möglichkeit dem Zuschauer den Spiegel vors Gesicht zu halten.

Fazit

Dass VICE: DER ZWEITE MANN einer der besten Unterhaltungsfilme 2018 sein soll, erkennt man nicht unbedingt. Unterhalten kann der Film nur knapp über fünfzig Prozent, der Rest wirkt fast schon krampfhaft nach Oscar-Anlauf. Hier bleibt er hinter den Erwartungen und wird somit wohl auch nicht die breite Masse begeistern. Mehr als fünfzig Prozent reichen aber, um als absolute Mehrheit zu gelten und so kann man die Schauspielqualität der Darsteller und die technische Leistung von Makeup und Kamera nicht von der Hand weisen.

Titel, Cast und CrewVice: Der zweite Mann (2018)
OT: Vice
PosterFilm Poster
Kinostart/
Veröffentlichung
21.02.2019
RegisseurAdam McKay
Trailer
BesetzungChristian Bale (Dick Cheney)
Amy Adams (Lynne Cheney)
Steve Carell (Donald Rumsfeld)
Sam Rockwell (George W. Bush)
Alison Philll (Mary Cheney)
Eddie Marsan (Paul Wolfowitz)
LisaGay Hamilton (Condoleezza Rice)


DrehbuchAdam McKay
KameraGreig Fraser
MusikNicholas Britell
SchnittHank Corwin
Filmlänge132 Minuten
FSKab 6 Jahren

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