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Utoya 22.Juli Filmkritik

Utøya 22. Juli (2018) – Filmkritik

Ein filmisches Requiem für 77 Tote und einer der mitreißendsten Filme der letzten Jahre – gedreht in einer einzigen Einstellung.

Am 22. Juli 2011 erschütterte eine unfassbare Bluttat das bis dato als sicher und tolerant geltende Land Norwegen und darüber hinaus die ganze Welt. Ein rechtsradikal fanatischer Unmensch zündete an diesem Tag gegen 15:00 eine Bombe im Regierungsviertel von Oslo. Zwei Stunden später entlud sich sein verblendeter Hass auf der kleinen Insel Utøya in einem Akt kaltblütiger Grausamkeit an Kindern und Jugendlichen, die dort in einem Feriencamp der sozialistischen Arbeiterpartei Ihren Sommer verbringen wollten. Mit einer Halbautomatik richtete er 77 junge Menschen hin und verletzte an die 300 schwer. Dieses Martyrium dauerte 72 Minuten.

Genau mit diesen 72 Minuten befasst sich UTØYA 22. JULI. Auf Augenhöhe mit den Betroffenen tauchen wir ein in ein unfassbares Grauen. Wie gnadenlose Bauchschüsse bohren sich seine Bilder und Geräusche direkt in unsere Seele.

Utoya 22.Juli Filmkritik

© Agnete Brun

Die Handlung

Inspiriert von den Erlebnissen vieler echter Überlebender tauchen wir ein in eine fiktive, aber dadurch nicht weniger wahre Realität der Ereignisse. Begleitet werden wir dabei von der erfundenen 18-jährigen Kaja (Andrea Berntzen). Sie ist eine der erfahrenen Campteilnehmer und hat schon einige Sommer dort verbracht. Ihre jüngere Schwester Emilia ist zum ersten Mal mit dabei. Seit kurzem ist die Nachricht des Bombenanschlags in Oslo zu den meisten im Camp durchgedrungen. In diese leicht verunsicherte Stimmung fällt ein Streit zwischen Kaja und ihrer ausgelassen spielenden Schwester. Diese verhalte sich in Kajas Augen kindisch und zeige gegenüber der aktuellen Krisensituation im Land keinen Respekt. Beide gehen unversöhnlich auseinander.

Kaja gesellt sich wieder zu den anderen. Die Verunsicherung unter den Jugendlichen nimmt durch lebhafte Gespräche zu. Sie diskutieren über die Motive und über die Möglichkeit islamistischer Hintergründe dieser Tat. Sie sind zwar betroffen und in Sorge, fühlen sich aber auf der 30 km entfernten Insel grundsätzlich sicher. Kurz danach fallen die ersten Schüsse. Obwohl niemand genau weiß was wirklich genau passiert, laufen alle los und suchen instinktiv, aber völlig planlos, nach Schutz. Nach einem ersten Fluchtmoment wird Kaja erst bewusst, dass sie nicht weiß wo Emilia ist. Bis zu einem verstörenden Finale weichen wir Kaja auf der Suche nach ihrer Schwester nicht mehr von der Seite.

Utoya 22.Juli Filmkritik

© Agnete Brun

Die Inszenierung

In einer einzigen One-Take-Einstellung von Kameramann Martin Otterbeck atemberaubend umgesetzt und ohne Musik, auf einer realen Nachbarinsel von UTØYA gedreht, stößt uns Regisseur Erik Poppe mitten in ein gnadenlos brutales Inferno. Dabei sind es keine Gore-Exzesse und ballettartig inszenierten Slashergemälde, die uns fasst körperlich attackieren. Statt direkter Gewalt entfaltet er vor uns ein sich langsam ausbreitendes Grauen. Die tödlichen Schüsse finden nahezu komplett im Off, also auf der reinen Tonebene statt. Das aber mit einer brutalen Wahrhaftigkeit, welche die Qualität der Straßenschlacht in HEAT (1996, Michael Mann) erreicht. Kaum merklich geraten wir als Zuschauer so in einen immer stärker werdenden Sog unmittelbarer Todesangst. Dabei bekommen wir den Attentäter bis auf zwei kurze, schemenhafte Momente nie zu sehen. Da kein erkennbarer Gegner aus einer eindeutigen Richtung auszumachen ist, erwächst immer mehr das Gefühl keinerlei Einfluss auf das eigene Schicksal zu haben. Der so körperlose Killer wird dadurch zu einer willkürlichen Macht des Schicksals.

Utoya 22.Juli Filmkritik

© Erik Buras Studio

Die Wirkung

Das ist dramaturgisch und inszenatorisch aus zwei Gründen eine wirkungsvolle Entscheidung. Zum einen verweigert der Film so dem faschistoiden Killer jegliche Bühne, um seiner kranken Weltsicht auch nur einen Millimeter fruchtbaren Boden zu geben. Darüber hinaus versetzt uns Poppe mit seinem Ansatz in genau die Situation seiner Figuren. So werden wir, soweit das durch einen Film überhaupt möglich ist, zu unmittelbaren Zeugen dieser verstörenden, oft endlosen Minuten. Auf dieser Augenhöhe verbinden wir uns auch über die Laufzeit des Films hinaus mit den Opfern.

Dabei entzieht sich der Film nahezu allen filmdramaturgischen Regeln. Nichts passiert nach einem bestimmten Zeitschema. Es sind keine klassischen Turning-Points erkennbar, noch gibt es ein genretypisches Timing. Im Vordergrund stehen die real wirkenden 72 Minuten dieses wahrgewordenen Alptraums. So entstehen in all dem Chaos auch gedehnte Momente, in denen nichts passiert was die Handlung in eine bestimmte Richtung lenken könnte. In diesem fast schon schmerzhaften Verharren eines Augenblicks, losgelöst von Zeit und Raum, entstehen kurze Momente einer trügerischen Sicherheit, um uns dann schussartig in erneutes Chaos zu stürzen. Diese Willkür lässt der Film uns fast körperlich spüren und über das Ende hinaus aufrichtig mitfühlen.

Antike Tragödie

Utoya 22.Juli Filmkritik

Trotz seiner sich fast allen Genrekonventionen entziehenden Machart, ist dieser Film eine ganz klassische Tragödie. Dadurch, dass wir alles, ohne Schnitt in Echtzeit erleben, entsteht wie im antiken Theater eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung.

Im Vergleich zu anderen Filmen mit ähnlicher Herangehensweise macht hier die komplexe Umsetzung, alles in einer einzigen Einstellung zu zeigen, wirklich auch inhaltlich Sinn. Während beim deutschen Film BARCELONA z. B. die arg konstruierte Handlung und eine im Kern wenig mitreißende Geschichte das Endergebnis eher wie ein filmisches Experiment erscheinen lässt, erreicht Erik Poppe mit seiner meisterhaften Regie eine Unmittelbarkeit der wahren Ereignisse, die durch eine konventionelle Filmsprache kaum zu erzielen wäre.

Die Hauptfigur

Poppe stellt dem Ganzen noch eine Art klassischen Prolog vorweg, den Andrea Berntzen direkt in die Kamera spricht:

„Das wirst du nie verstehen.  Aber hör mir einfach mal zu, okay?“

Währenddessen dreht sie sich bereits wieder von uns ab und lässt erkennen, dass sie eigentlich gerade mit ihrer Mutter telefoniert. Ab jetzt ist sie ganz Kaja, der wir bis zum Schluss folgen werden. Durch sie sehen, hören und erfahren wir dieses Grauen. Dabei ist sie keine am Hollywood-Reißbrett entworfene Heldin, die klug und überlegt handelt, sondern ganz Mensch in einer unbegreiflichen Situation. Und obwohl sie klar von ihrer Angst, immer wieder in die Irre geführt wird, lässt sie dennoch ihren wertvollen Charakter erkennen. Alles was sie tut, ist tief in ihrer menschlichen DNA verwurzelt und keimt immer wieder in mitfühlenden und selbstvergessenen Handlungen auf. Dass sie dabei ihr eigentliches Ziel, nämlich ihre Schwester zu finden, immer wieder aus den Augen verliert, ist zwar erschreckend, aber durch die Situation auch nachfühlbar.

Die Darsteller

Gänzlich mit Laiendarstellern gedreht, sind die schauspielerischen Leistungen gerade dadurch besonders authentisch. Mit Andrea Berntzen sehen wir vielleicht sogar einen zukünftigen, europäischen Filmstar in der Hauptrolle. Souverän trägt sie mit ihrer nahezu durchgehenden Präsenz diesen Film. Mit welcher Natürlichkeit sie emotional zwischen Angst, Verzweiflung, Fürsorglichkeit und Entschlossenheit agiert, ist beeindruckend. Eine weitere schauspielerische Entdeckung ist Solveig Koløen Birkeland als ein schwer verletztes Mädchen, das auf Kaja trifft. Ihre gemeinsame Szene ist der emotionale Höhepunkt dieser filmischen Grenzerfahrung.

Die Blu-ray

Die Blu-ray von Weltkino

Diese Veröffentlichung beinhaltet nicht nur einen herausragenden Film, sondern auch diesem Projekt würdige Extras. Bevor wir ins Menü starten, empfängt uns Regisseur Erik Poppe mit einer sehr persönlichen Einleitung. Der Film sei aus der Wut entstanden, dass bereits kurz nach dem Massaker politische und ideologische Themen in den Vordergrund rückten und die Opfer in den Hintergrund gedrängt wurden. Er wolle mit diesem Film eine Verbindung zu den Toten und den vielen traumatisierten Überlebenden herstellen und dabei weder den Zuschauer, noch sich selbst schonen. Man spürt in seinen Worten die tiefe Anteilnahme an den Ereignissen und kann seine wütende Trauer förmlich spüren. Diese persönliche Herangehensweise wird auch in einem sehr berührenden Making-Of und zwei Interviews mit ihm und Hauptdarstellerin Berntzen in vielen Momenten spürbar. Durch die Mitwirkung dreier Überlebender und ihrer Erfahrungen beim Dreh, sowie ihrer Einschätzung des fertigen Films gegenüber, erhalten wir eine weitere sehr direkte Verbindung zu den was am 22. Juli auf UTØYA passierte.

Eine würdige Ehrung durch eine unbedingt empfehlenswerte Heimkino- Veröffentlichung.  

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewUtøya 22. Juli (2018)
PosterUtoya 22.Juli Filmkritik

Release
ab dem 15.02.2019 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen
RegisseurErik Poppe
Trailer
DarstellerAndrea Berntzen (Kaja)
Aleksander Holmen (Magnus)
Solveig Koløen Birkeland (Injured Girl)
Brede Fristad (Petter)
Elli Rhiannon Müller Osbourne (Emilie)
Jenny Svennevig (Oda)
Ingeborg Enes (Kristine)
Sorosh Sadat (Issa)
Ada Eide (Caroline)
Mariann Gjerdsbakk (Silje)
Daniel Sang Tran (Even)
DrehbuchSiv Rajendram Eliassen
Anna Bache-Wiig
Abspann-MusikWolfgang Plagge
KameraMartin Otterbeck
SchnittEinar Egeland
Filmlänge97 Minuten
FSKab 16 Jahren

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