Unser allerbestes Jahr – David Gilmour | Buchkritik

Als Filmverrückter Tipps für die Abendunterhaltung auszusprechen, ist immer ein bisschen als ob man jemanden anderen in seinem Tagebuch lesen lässt. Digitale Netzwerke wie Letterboxd machen so ein emotionales Blankziehen auf Filmebene schon lange möglich. Hier kann man in einer Art Facebook-Umgebung sehen, welche Filme gerade von Gleichgesinnten geschaut, bewertet oder empfohlen werden, ein eigenes freizugängliches Filmtagebuch inklusive. Und da Filme immer auch emotionale Quelle wie auch Projektionsfläche sind, meint man zu wissen, was in dem anderen gerade vorgeht, wenn er/sie etwas schaut. Rückblickend seine eigenen Erfahrungen vor dem Fernseher oder im Kino nachzuverfolgen, ist manchmal wie ein Blättern durch alte Fotoalben. Dies als literarische Form möchte ich mit dem Roman UNSER ALLERBESTES JAHR von David Gilmour vorstellen, der ebenfalls über seine Erlebnisse vor dem Flimmerkasten berichtet, aber auf besondere Art und Weise, nämlich mit seinem schulabbrechenden Sohn.

Inhalt

Was soll man tun, wenn die Kinder nicht mehr in der Schule zurechtkommen und jegliche Motivation für diese Herausforderung verloren haben? Die Noten von Sohn Jesse fallen seit den letzten Jahren stetig ab und immer wieder ruft die Schule an, um anzumerken, dass er wieder im Unterricht gefehlt hat. Die Eltern leben in Scheidung, sind aber befreundet und die Mutter beschließt, der Sohn müsse beim Vater leben, damit er wieder in die Spur kommt. Das hilft auch nicht und die Eltern machen das Abwegigste: Jesse muss nicht mehr zur Schule gehen. Der Vater stellt jedoch zwei Bedingungen: Keine Drogen und Jesse muss mit ihm 3-4 Filme in der Woche sehen, die er aussucht. Der Vater ist ein Filmfan und kann aus seiner beruflichen Fernsehkarriere so manche Anekdote zum Besten geben. Die Filme werden zu einem Ventil und einer Basis für eine sehr ehrliche Vater-Sohn-Beziehung.

Schulschluss oder Auszeit?

Viele Eltern kennen diese Situation: Die Kinder sind in der emotionalen Achterbahn der Pubertät gefangen und die Noten in der Schule gehen bergab. Was soll geschehen? Nachhilfe, eine andere Schule oder sogar den Jahrgang wiederholen? In diesem autobiografischen Roman entscheidet sich David Gilmour mit seiner Frau für etwas, was wohl die wenigsten machen würden, den Rückzug. Er weiß, dass sein Sohn Jesse intellektuell dem Schulstoff gewachsen ist, ihn verlässt nur jegliche Energie etwas dafür zu tun.

Das Buch heißt im Original treffender THE FILM CLUB, weil es eben nicht nur ein Jahr ist, welches Vater und Sohn auf der Couch verbringen, sondern drei. Die Auflage, dass Jesse sich die Filmauswahl seines Vaters ansehen muss, ist zuallererst eine Kontrollinstanz, aber auch Routine, die jeder junge Mensch braucht. Vater David macht natürlich aus den Filmen auch Unterricht. Zu jedem gibt er Jesse eine kleine Einführung bzw. Aufgaben. Und die Wahl der Filme ist fein abgestimmt. So beginnen Sie mit SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN (LES QUATRE CENTS COUPS, 1959) von Francois Truffauts. Nouvelle Vague zu Beginn hört sich schwerfällig an, aber es soll gleich klar werden, dass keine Berieselung auf der Couch stattfindet, sondern dass Jesse ein paar Lebensweisheiten lernen soll.

Als Leser muss man mit dem Schritt, sein Kind vor dem Abschluss von der Schule zu nehmen, schon etwas hadern. Aber Gilmour schafft es mit viel Sprachgefühl und der guten Kenntnis seines Sohnes uns auf seine Seite zu ziehen. Immer wieder plagen aber auch ihn Zweifel, was man spätestens nachvollziehen kann, wenn sein Sohn fragt, wo eigentlich Florida liegt. Es soll erwähnt sein, dass es sich um eine kanadische Familie handelt, aber ein 17-Jähriger wird auch hierzulande hoffentlich wissen, wo zum Beispiel Italien liegt.

UNSER ALLERBESTES JAHR ist für seine Leser ein etwas zweischneidiges Lesevergnügen. Das liegt nicht an der unorthodoxen Erziehungsmethode vor der Glotze, sondern in Hinblick auf die Erwartungen an den Roman. Für Filmfans ist so eine Auslese von hauptsächlich alten Filmen viel wert (Hier könnt ihr die Liste auf Letterboxd nachlesen). Vor allem die Einführungen und Hintergrundinformation sind im Buch ein wahrer Genuss. Immer wieder streut Gilmour Anekdoten aus den Produktionen ein, um den Teenager bei Laune zu halten. Der Filmclub tritt aber ab der Buchhälfte in den Hintergrund, wenn Vater und Sohn beginnen sich über das Leben zu unterhalten. Jesse ist zum ersten Mal richtig verliebt und muss danach auch erkennen, dass die erste Liebe auf keinen Fall eine perfekte ist. So wird manchmal etwas zu detailliert über Beziehungen und das Mysterium Frau zwischen beiden analysiert. Aber wir alle kennen die Erfahrung sich in jungen Jahren unglücklich zu verlieben und dieser Schmerz ist einer der ersten harten Erkenntnisse, die zum Erwachsenwerden dazugehören.

Fazit

Das Buch macht aber vor allem einfach Spaß zu lesen. Der Literaturprofessor erzählt mit einfachen Worten und viel Gespür für Stimmung realistische Momente zwischen Vater und Sohn. Manchmal ein bisschen gruselig wie gut er die Launen seines Sohnes lesen kann, aber Vater David gibt auch viel von seinen eigenen Lebensumständen zu jener Zeit preis. Denn Zeit für so ein Unterfangen, haben sicherlich die Wenigsten. So wird aus UNSER ALLERBESTES JAHR auch ein Entwurf wie es Eltern gelingen kann, die lange Leine in der Pubertät ihrer Kinder eben nicht zerreißen zu lassen.

© Christoph Müller

  • UNSER ALLERBESTES JAHR
  • OT: THE FILM CLUB
  • Autor: David Gilmour
  • Übersetzer: Adelheid Zöfel
  • 272 Seiten Maße: 12,3 x 2,5 x 19 cm
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