Under the Silver Lake – Filmkritik

„Das Fenster zum Hinterhof Hollywoods“

Die kreativen Köpfe Hollywoods hatten sicherlich auch Phasen, in denen sie nichts zu Papier brachten. Ein Spaziergang durch die Straßen von Los Angeles hat da so manche Schreiberblockade beendet und neue Ideen geliefert. Diese Stadt der Träume – und auch Verbrechen – bietet allerlei Erzählstoff. Deswegen beschäftigen sich Filmthemen zu gern auch mit sich selbst oder zumindest die Handlung spielt an ihrem Entstehungsort. Durch die Filmschaffenden, die wilden Partys und so manchen Drogenrausch, hat sich L. A. auch selbst die ein oder andere urbane Legende angeeignet. Vor allem der Stadtteil Silver Lake, der vor allem zur Stummfilmepoche seinen Höhepunkt erfuhr, kann einige verrückte und gruselige Geschichten vorweisen. Viele Stars und Studios siedelten sich in den 20er-30er Jahre hier an und verpassten der hügeligen Landschaft ihr Äußeres mit Häusern der Moderne, herrschaftlichen Villen und Motels mit Palmen am Pool. Auch wenn Silver Lake heutzutage schon einige Risse im Fundament bekommen hat und nicht mehr so schick wie zu dessen glorreichen Filmzeiten ist, versprüht der Bezirk rund um den namensgebenden Staudamm immer noch viel Zauber. In dieser Szenerie spielt David Robert Mitchells neuster Film: UNDER THE SILVER LAKE. Mitchell hatte 2014 mit IT FOLLOWS für viel Aufmerksamkeit im Indie-Horror-Genre gesorgt und auch mit diesem Film wird er sicher anerkennendes Nicken von Filmfans erhalten.

Under The Silver Lake Kritik zum Film
Millicent Sevence (Calli Hernandez) und Sam (Andrew Garfield) // © Weltkino Filmverleih

Inhalt

Sam (Andrew Garfield) scheint nie so richtig seine Jugend verlassen zu haben. Er ist ein Faulpelz wie er im Buche steht, verträumt den Tag mit Comics, Super Nintendo und einem stetigen Blick in den Innenhof seines Apartment-Blocks. Sein alltägliches Highlight, wenn die Nachbarin im Alter seiner Mutter oben ohne über den Balkon gegenüber schlendert, wird jedoch eines Tages unterbrochen, als der bildschöne Neuzugang Sarah (Riley Keough) sich auf einem Liegestuhl am Pool räkelt. Sam ist jedoch kein schüchterner Kerl und macht ihr, eigentlich erst einmal ihrem Hund, den Hof. Beide kommen sich an einem Abend zärtlich näher, jedoch verschwindet Sarah am nächsten Morgen ohne Kommentar und hinterlässt eine leere Wohnung. Sam ist sichtlich verliebt und hat endlich wieder eine Aufgabe im Leben gefunden: Sarah zu suchen. Doch Silver Lake ist zu süßen Träumen recht grausam und führt ihn durch schräge Partys, seltsame Schach-Nachmittage und diverse Drogentrips. Da passt es nur zu gut, dass er gern geheime Botschaften entschlüsselt und der ein oder anderen Verschwörungstheorie nicht abgeneigt ist.

Under The Silver Lake Kritik zum Film
Hier wird kein Mord beobachtet, sondern die Oberweite der Nachbarin // © Weltkino Filmverleih

Seine Hausaufgaben gemacht

Jeder, auch diejenigen, die der Filmgeschichte nicht so zugetan sind, wird merken, dass UNDER THE SILVER LAKE ganz großes Referenz-Kino ist. Es erweist sich jedoch als schwierig, ein konkretes Genre oder eine Epoche dafür zu definieren. Die Stummfilmzeit wird genauso zitiert wie auch Filme der 40er- und 50er-Jahre. Da wird sich nicht einmal Mühe zur Geheimhaltung gegeben, denn jede Menge alte Filmposter zieren die Räume der Szenen. Auf Sarahs Fernseher läuft zum Beispiel der Klassiker WIE ANGELT MAN SICH EINEN MILLIONÄR (1953). Als ob das nicht schon ausreichen würde, müssen auch noch die Merchandise-Puppen der Jean Negulesco-Komödie perfekt arrangiert neben der Glotze stehen.

Sarah (Riley Keough) mimt Marylin // © Weltkino Filmverleih

Als Filmfan ertappt man sich dabei auf jeden kleinen Hinweis zu achten und schon ist man in die paranoide Welt von Sam eingetaucht. Na ja, wenn einem selbst nur ein paar dieser Dinge passieren würden, die Sam zustoßen, würde man sicherlich auch an seinem gesunden Verstand zweifeln. Ein Beispiel gefällig? Auf einer Party mit der Liveband „Jesus & The Brides of Dracula” bekommt Sam einen Keks als Einladung für das nächste Konzert in einer Leichenhalle. Der Keks darf nicht bis zum Event beschädigt sein. Als Sam vor dem Gebäude steht und stolz seinen intakten Cookie zeigt, bittet der Türsteher ihn von der süßen Eintrittskarte abzubeißen. So kann man sich einem berauschten Publikum auch sicher sein. Sam stolpert von einer seltsamen Situation in die nächste, manche sind witzig, manche tief traurig, manche gruselig und manche so seltsam, dass man sich selbst fragt, nicht auch von seinem Kinoticket genascht zu haben. Jedoch hat UNDER THE SILVER LAKE zum Glück stets zwei beruhigende Konstanten: Ein schauspielerisch glänzender Andrew Garfield als Sam und eine permanente Zitierung von Filmen aus vergangenen Tagen.

Under The Silver Lake Kritik zum Film
Detectiv Sam bei der Arbeit // © Weltkino Filmverleih

Unterhaltung in Filmgeschichte

Stellt sich die Frage, ob UNDER THE SILVER LAKE auch ohne diesen filmgeschichtlichen Hintergrund bestehen kann. Definitiv, denn dieses Detektiv-Spiel macht ungeheuren Spaß und ganz nebenbei bekommt man eine Führung jenseits der Touristenpfade durch diesen berühmten Stadtteil in schönstem Cinemascope geboten. Denn auch in Silver Lake wird aktuell gentrifiziert und somit zeichnet David Robert Mitchell mit seinem Film als Zeitzeuge eine gegenwärtige Abbildung für die Geschichtsbücher.

Under The Silver Lake Kritik zum Film
Die Live-Band im Film: Jesus & The Brides of Dracula // © Weltkino Filmverleih

Der Soundtrack trifft fast schon perfide genau die Balance aus guten Songs und einer düsteren, fast schon Klassiker-des-Horrorfilms-Score von Disasterpeace, der schon IT FOLLOWS vertont hatte. Andrew Garfield spielt souverän die 139 Minuten durch und selbst Leute, die nichts mit ihm anfangen können, fühlen sich durch seine nicht gerade sympathische Figur Sam bestätigt und freuen sich, wenn er immer weiter in den dunklen Kaninchenbau L.A.‘s hineinkriecht. Wenn man auf hohem Niveau meckern darf, dann über das recht abrupte und aussagenfreie Ende. Die doch eher traurige Darstellung von Sex und Erotik hemmt ebenfalls etwas das Filmvergnügen und hat nur den Charme eines welligen Tittenheftchens einer Männer-WG.

Under The Silver Lake Kritik zum Film
Das anstrengende Leben eines Retro-Slackers // © Weltkino Filmverleih

Fazit

Diese Führung durch einen der berühmtesten Stadteile L. A.‘s sollte man im Kino auf keinen Fall verpassen. Auch ohne 50er Jahre-Filmbildung hat man mit dieser surrealen Welt der Stars, Schauspieler und Künstler seinen Spaß und die Erkenntnis, was die Musik der eigenen rebellischen Jugend wirklich ist, gibt es noch oben drauf. Nicht verpassen!

Titel, Cast und Crew

Under the Silver Lake (2018)


Poster

Under the Silver Lake Kinoposter


Kinostart

ab dem 06.12.2018 im Kino

Regisseur

David Robert Mitchell

Trailer

Besetzung

Andrew Garfield (Sam)
Riley Keough (Sarah)
Grace Van Patten (Balloon Girl)
Jimmi Simpson (Allen)
Riki Lindhome (The Actress)
Calli Hernandez (Millicent Sevence)
Patrick Fischler (Comicautor)

Drehbuch

David Robert Mitchell

Kamera

Mike Gioulakis

Musik

Rich Vreeland (als Disasterpeace)

Schnitt

Julio Perez IV

Filmlänge

139 Minuten

FSK

ab 16 Jahren

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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