Unbelievable (2019) – Serienkritik | Netflix-Empfehlung

„Wechsel der Perspektive“

Serienproduktionen stehen derzeit unter starkem Konkurrenzdruck. Das Angebot ist scheinbar unendlich und mit den eigenen Freizeitkapazitäten nicht mehr zu meistern. Jede Geschichte muss sofort in der ersten Folge überzeugen, damit die Zuschauer bei Langeweile oder Missfallen nicht gleich zur nächsten Empfehlung hinüberwischen. Eine Serie unabhängig von Programmplanung, Werbepause und wirtschaftlichem Interesse zu produzieren, das kann man dem Streaminganbieter Netflix hoch anrechnen. Netflix hat das Format Serie aus den starren Sender-Konventionen befreit. Eine Folgenlänge richtet sich nun klar nach dem Inhalt und die Dramatik im Drehbuch muss nicht auf Unterbrechungen angepasst sein und – wie in diesem Fall – tauchen Hauptdarsteller auch mal nicht in der ersten Folge auf. UNBELIEVABLE hätte niemals ohne diese Freiheit und die finanzielle Courage von Netflix entstehen können. Es wurden keine Kompromisse gemacht und das sollte man bei dieser Thematik auch nicht.

© Netflix

Handlung

2008 wird Marie Adler (Kaitlyn Dever) in Lynnwood, Washington nachts in ihrer Wohnung überfallen und vergewaltigt. Der jungen Marie hat das Leben bereits hart zugesetzt. Seit ihrem dritten Lebensjahr wird sie von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht. Immer wieder gerät sie an die falschen Menschen, was tiefe Narben in ihrer Persönlichkeit hinterlässt. Die Vergewaltigung scheint ein weiteres Kapitel in einer traurigen Jugend zu werden. Die Detectives Parker (Eric Lange) und Pruitt (Bill Faggerbakke) nehmen die Ermittlung auf. Sie arbeiten nach Vorschrift, lassen sich aber durch die Andeutung einer ehemaligen Pflegemutter leicht zu einer schnellen Lösung des Falls locken: Marie soll sich die Vergewaltigung nur ausgedacht haben, um Aufmerksamkeit zu erhalten.

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2011 ermittelt Detectiv Karen Duvall (Merritt Wever) in Colorado ebenfalls an einem ähnlichen Vergewaltigungsfall. Karens Ehemann, der in einem anderen Zuständigkeitsbereich als Polizist arbeitet, erkennt Details in einem weiteren offenen Fall seines Reviers wieder: Detectiv Grace Rasmussen (Toni Collette) sucht seit Wochen den Täter einer Triebtat mit ähnlichem Vorgehen. Die beiden ungleichen weiblichen Detectives sind überzeugt, dass es derselbe Mann sein muss und bestreiten ab sofort gemeinsam die Ermittlung.

Immer wieder wechselt die Erzählung zwischen Marie Adler, ihrem Kampf als angebliche Lügnerin im Jahr 2008 und den Ermittlungen von Duvall und Rasmussen im Jahr 2011, denen nur wenig Zeit bleibt bis der Vergewaltiger ein neues Opfer gefunden hat.

Photo by Beth Dubber – © Netflix

Ein bekanntes Format

Serien-Straftäter, die von einem äußerst ambitionierten Cop oder einem asozialen Grenzgänger als Gesetzeshüter gesucht werden, haben eine lange Filmtradition. Eine starke weibliche Polizistin konnte erst das Meisterwerk DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (1991) oder der Cop-Thriller BLUE STEEL (1990) bieten. Auch wenn in diesen beiden Filmen eine emanzipierte Jägerin dem Bösen auf der Spur ist, um Recht zu sprechen, prangerten beide Geschichte auch die bestehende weibliche Minderheitenrolle in diesem Beruf an. Beide Frauen gerieten sogar ins Fadenkreuz der männlichen Monster und wurden selbst zum Opfer.

UNBELIEVABLE verweigert sich dieser schwächenden Perspektive jedoch und wird, vor allem durch den Bestand, dass die Geschichte auf wahren Tatsachen beruht, zu einer echten Ermittlung ohne dabei Klischees zu bedienen. Vor allem nimmt sich das Drehbuch Zeit seine drei Protagonistinnen in einzelnen Folgen vorzustellen. Marie Adler (Folge 1), Karen Duvall (Folge 2) und Grace Rasmussen (Folge 3) werde dadurch zu echten Menschen mit Ehemännern, Freunden, Familien und Interessen. Vor allem die Detectives haben ein echtes Leben, ohne Alkohol in billigen Kneipen, kalter Pizza zum Frühstück und Kettenrauchen im Auto. Frauen, die mit beiden Beinen souverän in unserer Welt stehen.

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Karen und Grace werden auch durch ihre Ehemänner zu Frauen ohne die Härte, die der Beruf fordert. Beide pflegen unterschiedliche Arten von Beziehungen: Karen mit zwei Kindern, liebevollem Ehemann und sonntäglichen Kirchenbesuchen und Grace als Hobbyschrauberin mit zwei Hunden und ihrem Mann, dem Staatsanwalt. Als Zuschauer erwartet man immer Szenen des Streits, wie sich die Überstunden der Ermittlung große Stücke aus der harmonischen Beziehung klauben, aber die Paare haben sich längst mit der beruflichen Welt des Verbrechens arrangiert, ohne emotional zu verhärten. In UNBELIEVABLE findet man dafür Szenen, die feinfühlig geschrieben sind und immer auch dem gerade entstandenen Spannungsbogen dienen oder neue Aspekte noch einmal verstärken.

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Die Gespräche

Durch die Regisseurinnen Susannah Grant und Lisa Cholodenko bekommt auch die Inszenierung eine weibliche Perspektive. Was man in UNBELIEVABLE wieder schätzen lernt, sind echte Dialoge mit Pausen und Überlegungen der Akteure. Ein Telefonat ist kein perfekt getimter Wortwechsel, sondern ein ehrliches Gespräch mit einfachen Worten. Der Dialog gibt den Darstellern Raum zum Spielen und macht die Schauspieler zu einem Highlight der Serie, was auch noch einmal hervorhebt, dass selbst die kleinste Rolle perfekt besetzt ist. Die Opfer des Vergewaltigers reagieren alle unterschiedlich, weil es eben unterschiedliche Persönlichkeiten sind. Nach spätestens der zweiten Folge verlassen den Zuschauer die Erwartungen nach Hollywood-Klischees, wie weiblicher Hysterie oder dramatisches Heulen und man kann voll und ganz in die Geschichte eintauchen.

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Weiblicher Cop, männlicher Cop

Die Diversität in den Rollen zeigt sich besonders in den ersten beiden Folgen in den unterschiedlichen Ermittlungen von männlichen und weiblichen Detectives. Man kann den beiden männlichen Polizisten die herzlose Verfahrensweise nicht vorwerfen, denn der Fall wird zu einem komplexen Gespinst, was sich vor allem in der fragilen Persönlichkeit von Marie Adler entfaltet. Aber jeder wird erkennen, dass bereits in den ersten Stunden nach der Tat extrem hoher Druck auf die junge Frau ausgeübt wird. Als Zuschauer auf ihrer Seite zu stehen, beginnt durch diesen herzlosen, bürokratischen und medizinischen Prozess der Ermittlung.

Der eingeschlagene Blickwinkel öffnet die Sicht zur ungewöhnlichen Persönlichkeitsentwicklung dieser jungen Frau. Es gibt eine entscheidende Szene in der letzten Folge, wie jemand anhand von Maries Meinung zum Film ZOMBIELAND zu ihr durchdringt. UNBELIEVABLE zollt stets Respekt, den Menschen gegenüber, die familienlose Kinder aufnehmen, Halt geben und an gesellschaftliche Regeln gewöhnen. Alle versuchen mit ihren Fähigkeiten das Beste und agieren immer nachvollziehbar. Aber auch dieses System bricht zusammen, wenn es zu so einer grausamen Tat kommt.

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Hintergrund

Die Netflix-Serie basiert auf wahren Begebenheiten, die sich in den Jahren 2008-2011 abgespielt haben. Publik wurde die Geschichte durch die beiden Journalisten Ken Armstrong und T. Christian Miller, die – wie auch die beiden Detectives in der Serie – voneinander bei ihrer Recherche erfahren haben. Miller forschte an dem Fall in Colorado und Armstrong an den Fällen im Bundesstaat Washington. 2015 wurde der Artikel bei der Non-Profit Nachrichten-Organisation The Marshall Project und ProPublica veröffentlicht. Man kann den Artikel hier finden und die beiden echten Ermittlerinnen Det. Stacy Galbraith und Sgt. Edna Hendershot sehen sowie die vielen Details des Falls, welche auch in der Miniserie vorkommen, nachlesen. Man erkennt auch, wie gut die beiden Polizisten, die Marie Adler zum Widerruf ihrer Aussage gedrängt haben, porträtiert werden. Es war unglaublich wichtig, dass dieser Fall an die Öffentlichkeit gelangt, denn viele Frauen werden dadurch bestärkt Gräueltaten dieser Art anzuklagen. Die Autoren Armstrong und Miller erhielten mehrfache Preise für ihre Arbeit sowie den Pulitzerpreis.

Der echte Triebtäter heißt Christopher McCarthy. Das Vorgehen und seine persönliche Entwicklung zu einem Vergewaltiger kann jeder im Internet nachlesen, würde aber hier den Fokus von dieser herausragenden Serie ablenken. Dies ist eine weitere Stärke der Inszenierung, die Taten detailreich zu erzählen ohne aber zu viel zu zeigen. Die Perspektive bleibt erstaunlich objektiv, geht aber durch die Darstellung der Opfer dem Zuschauer sehr ans Herz.

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Fazit

Es ist nicht nur ein Plädoyer, dass jede Vergewaltigung zur Anzeige gebracht werden muss oder sich Frauen besser schützen sollen. Es ist auch ein Aufruf dafür, dass bei solchen Fällen ein weiblicher Detective ein viel besseres Einfühlungsvermögen besitzt als ein männlicher. Man kann nur hoffen, dass es in Zukunft mehr Frauen geben wird, die das Gesetz in hohen Positionen vertreten, damit solche Taten nicht im Papierstapel verschwinden. Die herausragende Serienproduktion UNBELIEVABLE hat bewiesen, dass eine weibliche Perspektive viel wichtiger sein kann ohne zu sehr mit dem Finger auf Geschlechterrollen zu zeigen. Man wünscht sich keine weiteren Fälle dieser Art, aber mit Duvall und Rasmussen würde man gern ein weiteres Mal auf Verbrecherjagd gehen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewUnbelievable (2019)
Poster
ReleaseIm Stream auf Netflix
RegisseurLisa Cholodenko
Michael Dinner
Susannah Grant
Trailer
BesetzungKaitlyn Dever (Marie Adler)
Toni Collette (Detective Grace Rasmussen)
Merritt Wever (Detective Karen Duvall)
Blake Ellis (Chris McCarthy)
Dale Dickey (RoseMarie)
Liza Lapira (Mia)
Kai Lennox (Steve Rasmussen)
Omar Maskati (Elias)
Austin Hébert (Max Duvall)
Eric Lange (Detective Robert Parker)
Scott Lawrence (Special Agent Billy Taggart)
Danielle Macdonald (Amber Stevenson)
DrehbuchSusannah Grant
Michael Chabon
Ayelet Waldman
KameraQuyen Tran
Xavier Grobet
MusikWill Bates
SchnittJeffrey M. Werner
Keith Henderson
Laufzeit8 Episoden mit insgesamt 389 Minuten
FSKab 16 Jahren

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