Two Thousand Maniacs! (1964) vs. 2001 Maniacs (2005)

Two Thousand Maniacs! (1964)

Bei aller Liebe gegenüber alten Klassikern, die bei mir bekanntermaßen stark ausgeprägt ist: Nicht alles ist gut, was nostalgisch glänzt. Bei BLUTGERICHT IN TEXAS (THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE, 1974), der bis heute als extrem brutal verteufelt ist, fragt sich der Rezipient verwundert nach der Erstsichtung: „Moment, habe ich was verpasst?“. Brutal im Sinne von Splatter ist er, wie jeder weiß, nicht. Er regt stattdessen die Gewalt im Kopf des geneigten Zuschauers ungemein an. So entstehen schnell falsche Hoffnungen und Erwartungen, denn nicht jeder hat ein lebendiges Kopfkino. Bei TWO THOUSAND MANIACS! ist es ähnlich und man reibt sich am Ende überrascht die Augen: „Das soll nun ein Meilenstein des Horrorfilms sein?“. Mitnichten, doch der Lorbeerkranz wiegt schwer, viel zu schwer.

Einigen wir uns auf seine Wichtigkeit als Geburtsstunde für den Splatterfilm. Damit kann der Film wesentlich besser Leben, wie auch der Rezipient. Denn das Herschell Gordon Lewis mit seiner „Blood Trilogy“, bestehend aus BLOOD FEAST (BANNED, 1963), COLOR ME BLOOD RED (1965) und dem hier besprochenen TWO THOUSAND MANIACS! Entwicklungsarbeit leistete, ist unbestreitbar. Doch Lewis hat nicht nur den Splatter-Film auf die Leinwand gebracht, sondern auch ein eigenes Sub-Genre mit TWO THOUSAND MANIACS! kreiert: den sogenannten Backwoods-Film, auch als Hillbilly- oder Redneck-Horror bekannt. Beste Beispiele für diese Unterart sind unter anderem SPIDER BABY (1967), BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE (DELIVERANCE, 1972), BLUTGERICHT IN TEXAS (THE TEXAS CHAIN SAW MASSACRE, 1974), HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (THE HILLS HAVE EYES, 1977), WRONG TURN (2003), FRONTIERS (2007), EDEN LAKE (2008) wie auch die geniale Parodie TUCKER AND DALE VS. EVIL (2010).

Inhalt

Die Story ist schnell erzählt: Auf ihrem Weg durch die Südstaaten werden einige Nordstaatler unfreiwillig in das abgelegene Dörfchen namens Pleasant Valley gelenkt. Kaum angekommen, begrüßt sie der Bürgermeister Major Buckmann (Jeffrey Allen) als Ehrengäste für die anstehende Hundertjahrfeier. Die Gruppe beschließt zu bleiben und sich an den Feierlichkeiten zu beteiligen. Am nächsten Tag werden die Besucher getrennt und zu ungewöhnlichen Attraktionen gelockt, die jedoch ihr blutiges Ende bedeuten. Die Feier ist eine Blutrache an allen Nordstaatler, die vor 100 Jahren den kleinen Ort, samt seiner Bewohner, vernichtet haben.

Amateure unter sich

Wenn wir an die Zeit denken als TWO THOUSAND MANIACS! in den Kinos präsentiert wurde, können wir erahnen, wie schockiert das Publikum damals gewesen sein muss. Vor allem, wenn man bedenkt, dass etwa die Hammer-Filme FRANKENSTEINS RACHE (THE REVENGE OF FRANKENSTEIN) oder DRACULA (HORROR OF DRACULA) 1958 bei ihrem Erscheinen schon einen Skandal aufgrund ihrer expliziten Gewaltdarstellung auslösten. Die beiden Streifen waren beileibe nicht so garstig wie dieser hier. Von daher kann man erahnen wie Lewis‘ Werk auf das Publikum gewirkt haben muss. Roger Corman war bekannt für seine minimalen Budgets, doch Herschell Gordon Lewis, auch als „The Godfather of Gore“ bekannt, schlägt ihn um Längen.

Sicher ist, dass bei einem Etat von etwa 62.000 Dollar und einer Handvoll Amateure, kein sehenswertes zeitloses Werk entstehen kann, was dann auch im fertigen Film mehr als deutlich wird: angefangen bei den unbeholfenen Darstellern und ihren stumpfsinnigen Dialogen, einer Kameraführung, die ein Kind besser zuwege gebracht hätte bis hin zur mehr als nervigen Musikbeschallung. Das Ganze versteht sich als Mix aus Parodie und Rachemotiv, doch der Sarkasmus, die Witze und der Humor zielen immer wieder ins Leere, wie ein mieser Schütze. Die Stadt, die für Pleasant Valley herhalten musste, wurde durch Zufall entdeckt. Seine ahnungslosen Bewohner rekrutierte Herschell Gordon Lewis kurzerhand gleich mit. So entstand eine Kulisse, die rein gar nichts mit einem verschlafenen Kaff gemein hat, dass schon über hundert Jahre alt ist und aus dem Bürgerkrieg stammen soll. Zusätzlich zum kaum existierenden Budget musste alles sehr schnell gehen, für großartige Proben und experimentierfreudige Aufnahmen war schlichtweg keine Zeit.

Was den Splatter betrifft, sind nur eine Handvoll Szenen von Bedeutung. Davon sticht vor allem der Mord an Bea (Shelby Livingston) heraus, der sogleich der erste und wohl auch bekannteste des ganzen Films sein dürfte. Erst verliert die blonde Schönheit ihren Daumen, um kurz darauf ihren ganzen Arm mittels einer Axt beraubt zu werden. Schon ist alles vorbei und Bea liegt tot und blutüberströmt auf dem Tisch. Ganz sicher gab es in diesem Moment im damaligen Kinopublikum auch einige Schreck-Tote. Zumal dieser kurze Augenblick durchaus als Gruppenvergewaltigung interpretiert werden kann. Vier Männer überfallen die arme Bea, einer von ihnen ist mit der Axt bewaffnet, die als Phallussymbol dient. Das Abtrennen des Armes symbolisiert die Penetration des wehrlosen Opfers. Die restlichen Morde sind allesamt äußerst sadistisch in ihrer Art, gleichzeitig simpel und billig visualisiert. Einfache Tricks, die mit viel künstlichem Blut und Körperattrappen umgesetzt wurden. Dagegen war die zwei Jahre später stattfindende Pfählung der Barbara Shelley in BLUT FÜR DRACULA (DRACULA: PRINCE OF DARKNESS) ein Meisterwerk.

Fazit

Dieses filmhistorische Werk hat seinen Platz in den Horrorarchiven sicher. Als Kultfilm von Herschell-Gordon-Lewis-Fans gefeiert, wird er ganz sicher weitere Freunde finden, doch der Großteil sollte die Finger davonlassen. Wer allerdings Freude daran hat, Laien bei ihrer krampfhaften Arbeit vor der Kamera zu beobachten und mit billig gemachten Filmen etwas anfangen kann, der greife gerne zu. Bedauerlich ist nur, dass TWO THOUSAND MANIACS! von einigen „Experten“ maßlos überbewertet wird, was grundlos falsche Hoffnungen und Erwartungen beim Publikum schürt.

Titel, Cast und CrewTwo Thousand Maniacs! (1964)
Poster
Releaseseit dem 29.08.2017 im Mediabook (Blu-ray+DVD)

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RegisseurHerschell Gordon Lewis
Trailer
BesetzungConnie Mason (Terry Adams)
William Kerwin (Tom White)
Jeffrey Allen (Major Buckmann)
Shelby Livingston (Bea Miller)
Ben Moore (Lester MacDonald)
Jerome Eden (John Miller)
Linda Cochran (Betsy)
DrehbuchHerschell Gordon Lewis
KameraHerschell Gordon Lewis
FilmmusikLarry Wellington
SchnittRobert L. Sinise
Filmlänge86 Minuten
FSKindiziert

 

2001 Maniacs (2005)

Die Story, wie auch die Akteure sind in Tim Sullivans Remake identisch. Lediglich die „Nordstaaten-Touristen“ wurden um zwei Personen erweitert. Einen Afroamerikaner und seine lateinamerikanische Freundin. Das hat sich selbst ein Herschell Gordon Lewis in den 1960er-Jahren nicht zugetraut. Durch die Verpflichtung von Mushond Lee ruft Sullivan ganz bewusst die Sklaventhematik auf den Plan, die bei Erwähnung der Südstaaten unweigerlich jedem in den Sinn kommt. Im Original gab es davon, wie erwähnt, nicht die geringste Spur. So verwundert es nicht weiter, wenn im Verlauf des Films von den Südstaatlern einige unschöne Wörter benutzt werden, die heute als nicht mehr politisch korrekt gelten. Tim Sullivan und sein Team interessiert political correctness nicht die Bohne, sie nennen die Dinge beim Namen, die in jenen Zeiten, ja selbst heute noch, und das nicht nur in den USA, ihre Verwendung finden.

© Sunfilm Entertainment

Hier passen die Kulissen, zu dem, was uns die Geschichte mitteilen möchte. Ein kleines, verschlafenes Kaff namens Pleasant Valley, weit über hundert Jahre alt, das mitsamt seiner Bewohner aus der Zeit gerissen scheint. So kommt das ganze Szenario mit Rachegeistern, den Morden und der verfluchten Geisterstadt viel glaubhafter zur Geltung. Parodie und Witz gehen mit der Story Hand in Hand, zu keiner Zeit kommt Langeweile auf. Die ersten Minuten entwickeln sich wie so viele beliebige Teenie-Slasher. Spätestens, wenn Robert Englund als Major Buckman seinen großen Auftritt hat, dreht sich der qualitative Wind zum Positiven. Eine erste Ahnung, was folgt, beschleicht den Zuschauer, der sich in freudiger Erwartung die Hände reibt. Ein diffuses Unbehagen mischt sich unter den komödiantischen Grundton der Story, der bis zum Ende anhält.

Über die technischen Feinheiten der Todesarten gibt es immer Diskussionen, denn das Vierteilen, wie es in beiden Filmen gezeigt wird, ist so nicht möglich. Das Seil straff in der Hand halten reicht bei Weitem nicht aus, um einen Menschen zu zerreißen. Dasselbe sollte zumindest am Sattelknauf befestigt werden, ansonsten reißt es die Reiter einfach von den Pferden. Das trifft auch auf alle anderen Hinrichtungen zu, da es sich aber um eine Komödie handelt, nimmt man die anatomischen Missachtungen gern hin. Am eindrucksvollsten gestaltet sich der Mord an Ricky (Brian Gross), als ihm das Milchmädchen (Christa Campbell) die angebliche Flasche mit Schnaps ins Schlafzimmer bringt. Das Getränk entpuppt sich als Salzsäure, die dem guten Ricky – in Gedanken schon mit dem Milchmädchen zugange – nicht so gut bekommt. Prost!

© Sunfilm Entertainment

Auge um Auge…

Die Kamera bleibt während der Tat anwesend, doch nimmt sie einen neutralen Blickwinkel auf das Geschehen ein, der nicht jedes Detail dokumentiert. Obwohl die Morde bewusst brutal ausgeführt werden, passiert alles mit einem Lächeln auf den Lippen. Dem Zuschauer ergeht es ebenso, keiner bleibt schockiert oder verstört zurück. Das ist der einzige Punkt, den Tim Sullivan von Lewis Vorlage übernommen hat. Während 1964 den Kinobesuchern das Lachen im Hals stecken blieb, ist das heute kein Problem mehr. Von daher verwundert es nicht, dass Sullivan das Ende von 2001 MANIACS ein klein wenig anders gestaltete als bei seinem bekannten Vorgänger.

© Sunfilm Entertainment

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Cameo-Auftritt des bekannten Regisseurs, Darstellers und Produzenten Eli Roth (HOSTEL, 2005) als Justin. Ebenso, dass Tim Sullivan einen „Auftritt“ in JEEPERS CREEPERS – ES IST ANGERICHTET (2001) hat. Bild und Name von Sullivan sind auf einem Fahndungsplakat in der Polizeistation zu sehen. Brad Parker, der Storyboard-Künstler des Films, ist ein Freund von selbigen und ermöglichte den kleinen Auftritt. Fünf Jahre später kehrt Regisseur Tim Sullivan zurück nach Pleasant Valley mit 2001 MANIACS: FIELD OF SCREAMS. Wie so viele Fortsetzungen krankt es auch dieser an fehlender Substanz und Inhalt. Leider konnte Robert Englund für die charismatische Rolle des Major Buckmann nicht erneut gewonnen werden. Dafür steigt Bill Moseley in den Ring. An seiner Seite überzeugen erneut die wunderbare Lin Shaye als Granny Boone und der Eyecatcher Christa Campell in der Rolle des Milchmädchens.

© Sunfilm Entertainment

Fazit

Das Remake von Tim Sullivan, ein echter Horror-Maniac wie seine Filmografie eindrucksvoll beweist, macht einen Heidenspaß. Endlich eine Neuauflage, die eine spürbare Verbesserung gegenüber dem Original darstellt. Mit viel Liebe für Details entstaubt Sullivan Lewis‘ Film und transportiert ihn in die Neuzeit. Kein Wunder das 2001 MANIACS in kürzester Zeit zum Kultfilm avancierte. Auf überzeugende Art und Weise gelingt es Sullivan und seinen Darstellern ihre stereotypen Charaktere auf die Spitze zu treiben. Allerdings verkommen sie nie zu Witzfiguren, wie es in vielen anderen Horrorkomödien immer wieder der Fall ist. Ihre Interaktion ist geprägt von leidenschaftlicher Spielfreude und trockenem Humor. Alles wirkt in sich stimmig und homogen. Auffällig sind vor allem die zwei Altstars Robert Englund und Lin Shaye. Durch ihr einnehmendes Auftreten und ihr grandioses Spiel heben sie das Niveau des Films noch einmal deutlich an.

© Stefan F.

Titel, Cast und Crew2001 Maniacs (2005)
Poster
Releaseseit dem 03.07.2017 auf Blu-ray

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RegisseurTim Sullivan
Trailer
BesetzungRobert Englund (Major Buckman)
Lin Shaye (Granny Boone)
Giuseppe Andrews (Harper Alexander)
Jay Gillespie (Anderson Lee)
Marla Malcom (Joey)
Dylan Edrington (Nelson)
Matthew Carey (Cory)
Gina Marie Heekin (Kat)
Brian Gross (Ricky)
Mushond Lee (Malcolm)
Christa Campbell (Milchmädchen)
DrehbuchChris Kobin
Tim Sullivan
KameraSteve Adcock
FilmmusikNathan Barr
SchnittMichael Arlen Ross
Filmlänge87 Minuten
FSKab 18 Jahren

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