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Triangle of Sadness (2022) – Filmkritik

„Endzeit: Luxusurlaub”

Den reichsten 1 % der Bevölkerung gehört über 35 Prozent des weltweiten Vermögens. Wer reich ist, ist nicht nur freier und selbstständiger, sondern lebt gesünder und ist besser ausgebildet[1]. Reiche bleiben bekanntlich unter ihresgleichen, haben meist durch wohlhabende Eltern einen glänzenden Start ins Leben und werden auch privilegierte Nachkommen in die Welt setzen. Warum sich an dieser Arm-Reich-Schere, die durch steigende Preise und die Klimaerwärmung weiter auseinander getrieben wird, nichts ändert, hat viel mit der Welt in die wir hineingeboren werden zu tun. Somit bleibt uns restlichen 99 % die Welt des Luxus verwehrt. Gut, dass es den schwedischen Filmemacher Ruben Östlund mit seinem Cannes-Filmpreisgewinner TRIANGLE OF SADNESS gibt. Wir bekommen nicht nur einen Blick auf das Deck einer Edelkreuzfahrt – Kategorie Hubschrauber-Expresslieferung von drei Gläsern Nutella, weil ein Gast gern die Schokocreme frühstückt – nein, wir sind live dabei, wenn Östlund die Welt der Reichen mit Kiel nach oben im Meer versenkt, traditionelle Benimmregeln durchstreicht und genüsslich die obere Oberschicht auf einen Überlebenstrip schickt.

© Fredrik Wenzel / Alamode Film

Handlung

Das minder erfolgreiche Model Carl (Harris Dickinson) und seine Partnerin die Influencerin Yaya (Charlbi Dean Kriek) dürfen kostenlos an einer Luxuskreuzfahrt teilnehmen. Mit ihnen ist eine Handvoll Superreicher an Bord, die nach allen Gesetzen der Tourismusbranche verwöhnt und behandelt wird. Auch wenn beide ihre kleinen Beziehungsprobleme mitbringen, ist es zu Beginn eine angenehme Fahrt voller „interessanter“ Mitreisender. Da wäre der Milliardär Dimitry (Zlatko Burić) mit seiner Frau Vera (Sunnyi Melles) und Tochter. Dimitry hat sein Vermögen dank des Verkaufs von Zitat „Scheiße“ gemacht, er ist Monopolist in der Düngemittelindustrie. Dann gibt es den schnell zu Reichtum gekommenen Programmierer Jorma (Henrik Dorsin), der aus einsamer Dankbarkeit für ein gemeinsames Foto schon einmal eine Runde Rolex-Uhren schmeißt. Oder ein nettes älteres britisches Ehepaar, was sich jedoch als Besitzer einer großen Rüstungsfirma entpuppt („Die Handgranate ist der Bestseller.“). Es gibt aber auch einen Kapitän, der lieber betrunken in seiner Kabine singt als auf der Brücke zu sein: Thomas Smith (Woody Harrelson). Doch irgendwann muss auch er sich blicken lassen. An einem stürmischen Abend, dem Captains Dinner, wird die motorisierte Yacht so durchgeschüttelt, dass die erlesene Gourmetküche nicht im Magen der Gäste bleiben will. Am nächsten Morgen, als das umfangreiche Personal die Sauerei bereits wegputzt, wird das Schiff auch noch von Piraten angegriffen. Das Chaos bricht los und wenige Gäste, wie auch das Personal, retten sich auf eine einsame Insel. Es wird Zeit die Klassengesellschaft neu aufzustellen, was die ehemalige Toilettenmanagerin Abigale (Dolly de Leon) eindrucksvoll unter Beweis stellt.

© Fredrik Wenzel / Alamode Film

Das sind wahre Probleme

Man kommt nie unbelastet zum Filmsehen. Irgendwelche Themen schweben einem immer bei Filmbeginn durch den Kopf, wollen organisiert oder erledigt werden. Ständig hämmert die allgemeine Weltuntergangsstimmung sowieso noch auf unsere Gefühle und Bedenken. TRIANGLE OF SADNESS eicht uns geschickt auf ein Level ein mit dem jungen Carl. Carl will den nächsten Modeljob, zeigt welche zwei Gesichtsausdrücke er kann und muss halbnackt vor dem Casting-Tisch zeigen, wie gut er laufen kann. Dann Abendessen mit Freundin Yaya, die vom sterilen Licht ihres Smartphones magisch angezogen wird. Die Rechnung kommt: „Danke, dass du zahlst.“ Carl will aber nicht zahlen, sondern hat Bock auf eine Gleichheit-der-Geschlechter-Grundsatz-Diskussion. Sie dauert eine gefühlte Ewigkeit. Okay, denken wir, die haben „Probleme“ und schon sind wir in der Welt der Superreichen.

Es ist wie eine sanfte Gehirnwäsche, unsere Alltagsprobleme wie „Wie teuer wird meine nächste Betriebskostenabrechnung?“ sind auf einmal verschwunden. Denn die Urlauber auf diesem Schiff machen sich auch nicht solche Gedanken. Geld ist schließlich ein Problem von armen Menschen. Um nochmal ein Gefühl für diese ferne Welt zu bekommen ein Beispiel: Carl denkt daran in der Beziehung von Yaya endlich auf Ganze zu gehen, er lässt sich die Verlobungsringe im Bord-Shop zeigen. 28.000 Dollar … Okay, dann vielleicht später.

© Fredrik Wenzel / Alamode Film

Wenn man kurz davor ist, sich auf die Seite des jungen Pärchens zu schlagen, denn sie sind nur reich an Jugend, Schönheit und digitalen Klicks, stellt der Film den Rest der Crew und Gäste in geschickt satirischer Art und Weise vor wie es nur Skandinavier können. Man denkt nicht nur einmal an Roy Andersons Filme. Auch wenn der Humor immer die Oberhand gewinnt, das war in Östlunds vorherigem Cannes-Erfolg THE SQUARE (2017) nicht so, ist immer genug Raum für Gesellschafts-, Klassen- und Systemkritik. Zum großen Captains Dinner – das ähnlich in die Filmgeschichte eingehen wird wie das Tortenwettessen in STAND BY ME (1986) – bekommt der Film seinen frühzeitigen Höhepunkt. Die Schiffswelt geht im Wellengang aus menschlichen Exkrementen unter. Währenddessen diskutieren der Kapitän und der russische Milliardär, welche Gesellschaftsform die bessere ist, mit Zitaten berühmter Persönlichkeiten, im Vollsuff und über die Notfall-Sprechanlage. So zynisch-satirisch wurde der Weltuntergang noch nie in einem Film gespielt, ein Fest für alle, die einen stabilen Magen auf der dystopischen See namens Weltpolitik haben.

© Fredrik Wenzel / Alamode Film

Der Rest Gesellschaft

Dann gibt es noch einen zweiten Teil in dieser Geschichte, der das Überleben auf einer Insel beschreibt. Reichtum ist nichts mehr wert, sondern das Wissen über Fischfang, Feuermachen und Ressourcenmanagement. Nicht gerade die Stärken von Models, Influencern und Oligarchen. Somit werden Geschlechter- und Machtrollen neu vergeben und eine neue Art der Gesellschaft entsteht. TRIANGLE OF SADNESS gelingt diese Anklage wie auch Belustigung der Rollen mit einer solchen Leichtigkeit, dass keine der Figuren wirkt, als ob sie nach Political-Correctness-Agenda erstellt wurde. Selbst die Figur Therese (Iris Berben), die sich nach einem Schlaganfall nur noch mit den Worten „In den Wolken“ verständigen kann, bekommt in der Gruppe nie den Stempel aufgedrückt, den jeder andere Drehbuchschreiber gleich zur Hand genommen hätte. Und das Finale entlässt uns mit unserer Fantasie, unseren Gedanken und Wünschen, wie es vielleicht weitergeht.

Fazit

TRIANGLE OF SADNESS ist eine cineastische 5-Sterne-Weltuntergangsparty voller schräger Typen. Die maßgeschneiderte Inszenierung von Ruben Östlund lässt und uns mit tränenden Augen den Kinosaal verlassen, einem lachenden Auge und einem weinenden. Eine Lösung gibt er uns nicht mit auf den Weg, wir können ja schließlich nicht alle Assistenz einer Influencerin werden, oder doch?

© Christoph Müller

[1] DIW Berlin 2020 (https://www.diw.de/documents/publikationen/73/diw_01.c.793785.de/20-29-1.pdf)

 

Titel, Cast und CrewTriangle of Sadness (2022)
Poster
RegieRuben Östlund
ReleaseKinostart: 13.10.2022
Trailer
BesetzungHarris Dickinson (Carl)
Charlbi Dean (Yaya)
Vicki Berlin (Paula)
Dolly De Leon (Abigail)
Alicia Eriksson (Alicia)
Woody Harrelson (Cpt. Thomas Andrews)
Zlatko Buric (Dimitry)
Sunnyi Melles (Vera)
Carolina Gynning (Ludmilla)
Iris Berben (Therese)
Henrik Dorsin (Jarmo)
Arvin Kananian (Darius)
Jean-Christophe Folly (Nelson)
DrehbuchRuben Östlund
KameraFredrik Wenzel
SchnittMikel Cee Karlsson
Ruben Östlund
Filmlänge147 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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