Total Recall (1990) – Filmkritik

„Die totale Sci-Fi-Schwarzenegger-Erinnerung“

Filme machen Träume war. Vor allem als junger Heranwachsender ist das Kino oder der Fernseher die Gelegenheit in fremde Welten zu entfliehen, mit Schönheiten zu flirten oder in die Zukunft zu reisen. Wenn der Film vorüber ist, fühlt es sich nie wie ein harter Bruch an, sondern man schwelgt in seinen Erinnerungen an den Film. Man war ja dabei: Die Fiktion eines anderen wird zur eigenen Vergangenheit. Für diese symbiotische Beziehung zum Medium Film gibt es wohl keinen besseren Stellvertreter als TOTAL RECALL, vor allem wenn man in den 1990er-Jahren aufgewachsen ist, gerne solche Oberarme wie Arnie haben wollte und ein Ticket für das futuristische Weltraumreisen lösen wollte. Selbst als Erwachsener funktioniert der Eskapismus in Paul Verhoevens Science-Fiction-Actioner immer noch hervorragend. Vielleicht hat man die Muskelberge anhand eigener Faulheit aufgegeben und Sharon Stone lächelt einen nicht verführerisch jeden Morgen an, aber auf den Mars fliegen will man noch immer. Oder ist es nur ein eingepflanzter Wunsch aus einer Filmerinnerung der Kindheit, als man vom Kinosessel aus auf der Marsoberfläche spazierte?

Traum, Illusion oder der beste Science-Fiction-Actionfilm aller Zeiten? // © Studiocanal

Handlung

2084, der Mars ist kolonialisiert und wird seiner Rohstoffe beraubt. Wo Bergbauminen sind, gibt es wirtschaftliche Interessen, zwielichtige Etablissements und der Geruch von Revolution liegt in der Luft. Für Erdbewohner Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) ist der Mars aber nur ein Traum in weiter Ferne, wenn auch ein äußerst intensiver, der ihn immer wieder heimsucht. Seine Faszination für den roten Planten ist ungebrochen, aber seine Frau Lori (Sharon Stone) lenkt ihn im dünnen Nachthemd und mit Plänen für Kreuzfahrten vom Fernweh ab. Außerdem strebt der Mars mit Waffengewalt nach Unabhängigkeit, ist also kein ruhiges Reiseziel. Als Quaid auf dem Weg zur Arbeit – 2084 braucht man immer noch Bauarbeiter, die einen Drucklufthammer bedienen – eine Werbung in der U-Bahn sieht, erkennt er die Möglichkeit auf den Mars zu reisen ohne die Erdoberfläche zu verlassen. Die Firma REKALL Inc. wirbt mit Reiseangeboten der besonderen Art: als Erinnerung. Die schönsten Erlebnisse werden direkt ins Langzeitgedächtnis gespeichert ohne dass man eine unsichere, strapaziöse Reise auf sich nehmen muss. Quaid holt sich einen Termin. Kein langweiliger Urlaub soll es werden, er bucht das Extrapaket: Als Geheimagent landet er auf dem Mars und gerät in die Arme der schönen Melina (Rachel Ticotin). Aber es gibt Komplikationen mit der neuen Erinnerung, Quaids Hirn wurde schon einmal überschrieben. Seine Wunscherinnerung wird schneller Realität als ihm lieb ist.

© Studiocanal

Detailreiches Handwerk

Wenn alte Filme restauriert werden und wie in diesem Fall in bester 4K-Qualität für daheim zur Verfügung stehen, sind die Bilder so scharf, dass Masken oder Modellaufnahmen zu erkennen sind. Schlimm wird es bei Filmproduktionen, die Anfang des CGI-Zeitalters, als die Animationen keine hohe Texturdichte besaßen, entstanden sind. Sie wirken wie aus einem alten Atari. Wenn aber Profis bei den Kostümen, den Modellen oder den praktischen Spezialeffekten am Werk waren, können selbst 16 Millionen Pixel pro Sekunde eine realitätsnahe Illusion erzeugen. In TOTAL RECALL ist es Eric Brevig und Rob Bottin zu verdanken, dass diese Illusion fast schon physikalisch greifbar wird. Der Modellbau der Marskolonie sieht lebendig aus und wenn sich Quaid seinen Peilsender aus der Nase zieht, denkt man, dass Arnold Schwarzenegger alles mitgemacht hat. Was ebenfalls immer noch cool aussieht, ist, wenn Quaid mit der Waffe in der Röntgen-Sicherheitsschleuse entdeckt wird. Das Skelett schaut erst zur Seite, wo noch mehr Knochenmänner mit roten Waffen in den Händen auftauchen. Eine neonfarbene Interpretation von SINDBADS SIEBTE REISE (1958). Diese Szene bleibt auch deswegen ikonisch im Langzeitfilmgedächtnis haften, weil Quaid durch die Röntgenscheibe und durch die Leinwand bzw. den Fernsehbildschirm auf den Zuschauer zuspringt. Ein Bruch mit der vierten Wand.

Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) // © Studiocanal

Die Schwarzenegger-Show

Das Muskelpaket trägt zum Unterhaltungswert von TOTAL RECALL erheblich bei. Vor allem wenn er noch zu Beginn den naiven und ahnungslosen Ehemann spielt. Dieses vertrauensvolle Lächeln in seinem Knetgesicht ist eine Wohltat. Man bedenke, dass ein Jahr später sein Gesicht als T-800 in TERMINATOR 2 – TAG DER ABRECHNUNG (1991) mimisch einfrieren wird. Der Charakter Quaid macht in diesem Szenario auch einfach Spaß. Während die Geschichte und Regisseur Paul Verhoeven zum wiederholten Male die Filmrealität in Frage stellen, hält Quaid mit automatischem Waffenfeuer und Kopfnüssen an seinem Weg fest. Wie eine Dampfwalze arbeitet er sich durch die Reihen der Bösewichte.

Es gibt auch ein kleines Easter-Egg auf die Person Arnold Schwarzenegger, als er wählen soll, welches Ego er in seiner aufregenden Mars-Erinnerung haben möchte: Neben dem handlungsrelevanten Spion, kann er auch ein millionenschwerer Playboy, Spitzensportler oder Wirtschaftsmogul sein. Arnold Schwarzenegger verkörpert auch diese drei Karrieren: Millionär mit einem Händchen für hübsche Frauen, Bodybuilding-Weltmeister und seine erste Million hat er tatsächlich mit Immobilienhandel verdient. Natürlich dürfen eingängige One Liner, wie „Sie sind nur ein dummer Traum, weiter nichts.“ „Nun, alle Träume enden einmal!“ nicht fehlen. Und sind wir mal ehrlich, wenn Arnold Schwarzenegger mit einem nassen Handtuch auf dem Kopf sich ins Johnnycab (Stimme von Robert Picardo) schwingt und es dann selbst steuert wie einen fliegenden Teppich, kann Popcornkino aus den 1990ern kaum besser sein.

© Studiocanal

Das ist nur eine Illusion, richtig?

TOTAL RECALL ist aber auch deswegen immer noch ein gelungener Filmabend, weil er seine Zuschauer zum Mitdenken anregt. Das Drehbuch basiert auf der Kurzgeschichte „Erinnerungen en gros“ von Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, der schon Vorlagen für BLADE RUNNER oder MINORITY REPORT geschrieben hat. Die Inszenierung fügt noch Bösewichte wie Cohaagen (Ronny Cox) und Richter (Michael Ironside) mit wirtschaftlichen Interessen hinzu und zieht dem Zuschauer auf dem Gebiet der Illusion immer wieder den Teppich unter den Füßen weg.

Ex-Frau Lori (Sharon Stone)© Studiocanal

Schon zu Beginn stirbt die Hauptfigur in einem Traum. Dann sucht sich Quaid sein Lieblingsszenario in einem Erinnerungsurlaub aus, was eine weitere Illusion darstellt. Jetzt kippt auf einmal die Welt des einfachen Ehemanns und die Ehefrau und der Lieblingskollege wollen ihn umbringen, wieder ein Realitätsbruch. Quaid ist nicht Quaid, wie ihm sein altes Ich, der Geheimagent Hauser, in einer Videobotschaft erklärt. Jetzt klingt alles verdächtig nach einer Erinnerung aus dem Katalog von REKALL Inc. Auf dem Mars angekommen wird die Realität in Form eines Notfallsystems mit Dr. Edgemar (Roy Brocksmith), was nur eine List ist, wieder in Frage gestellt. Kurz vor dem Finale kommt doch noch einmal alles anders und das Alter Ego Hauser entpuppt sich als Bösewicht, der sich mit Absicht in Quaid verwandelt hat, um die Marsrebellen zu infiltrieren. Quaid gefällt seine alte Fiesling-Persönlichkeit aber nicht und so entscheidet er sich bewusst für das künstlich erzeugte Ich. Es ist eben doch immer besser einer der Guten zu sein, die bekommen nämlich am Ende auch das Mädchen.

Cohaagen (Ronny Cox) und Richter (Michael Ironside) // © Studiocanal

Wenn aber zum Schluss der Traum vom Filmbeginn fast grausame Realität wird, ist man als Zuschauer nun schon so skeptisch, dass es vielleicht doch nur eine Simulation ist. Zum Beispiel als Quaid sich von Dr. Lull (Rosemary Dunsmore) bei REKALL Inc. das Szenario aussucht, kommen bei den Grafiken Ähnlichkeiten zur kommenden Handlung auf: Die riesige, thermale Konstruktion der Außerirdischen in der Höhle, die zum Showdown auftaucht oder das zweiköpfige Monster, was eine Anspielung auf den Mutant George/Kuato (Marshall Bell) ist.

© Studiocanal

Und mit dem Abspann wird jedem Zuschauer klar, dass es sich um die fiktive Welt von Künstlern gehandelt hat und wir es gar nicht selbst erlebt haben. Wenn Neo in THE MATRIX (1999) noch die Wahl zwischen einer blauen Alles-Bleibt-So-Pille und einer roten Der-Schritt-In-Den-Kaninchenbau-Pille hat, musste Quaid in TOTAL RECALL immer wieder ein erneutes Hinterfragen seiner Welt hinnehmen.

© Studiocanal

Neuauflage

UHD-Steelbook-Cover

Wir sprechen jetzt hier nicht vom durchschnittlichen Reboot aus dem Jahr 2012 mit Colin Farrell in der Hauptrolle. Nein, Studiocanal hat sich dem Original aus dem Jahr 1990 angenommen und es mit einer neuen 4K-Abtastung remastered. Am Ende kam eine Produktpalette heraus, die kaum Wünsche offenlässt: DVD, Blu-ray und zwei limitierte Steelbook-Versionen (Blu-ray und UHD). Das Cover ist von STRANGER-THINGS-Künstler Kyle Mabert, der hier seinen Stil voll zur Geltung bringt und fällt unter die Kategorie Geschmackssache (Anm.: Der Autor dieser Zeilen mag es). Das neue HD-Bild der Blu-ray ist gegenüber der 2016er-Version wesentlich authentischer abgebildet und verliert nicht seinen comichaften Touch mit kräftigen Farben. Dafür sorgte auch die persönliche Aufsicht von Paul Verhoeven bei der Restauration.

Das neue 4K-Bild // © Studiocanal

Der Ton (DTS-HD MA 5.1 und Stereo) macht Spaß und man muss nicht bei den Dialogen die Lautstärke regeln. Definitiv ein Guilty Pleasure, was in letzter Zeit leider immer weniger wird. Man versteht ja, dass eine Explosion lauter sein muss als ein Schrei, aber auf der Couch sollte man mit gutem Gehör keine Qualen erleiden, sorry Christopher Nolan. Auf welchem Qualitätslevel die UHD, mit Dolby Vision und Dolby Atmos im Gepäck, mitspielt, sollen die fachkundigen Kollegen (er)klären. Schmankerl ist das Bonusmaterial, allen voran mit der neuen Doku über das Produktionsstudio Carolco Pictures (u. a. ANGEL HEART, RAMBO, JACOB’S LADDER). Hinzu kommen noch Audiokommentare, Videos zu den Spezialeffekten, zum Making of, der Produktionsgeschichte, der Filmmusik und, und, und. Ein Nachmittag lässt sich mit den Extras auf der Bonus-Blu-ray bequem verbringen.

© Studiocanal

Fazit

Ein ganz exquisites Science-Fiction-Actionspektakel mit einem Arnold Schwarzenegger, der hiermit die besten Jahre seiner Schauspielkarriere einleitet. Immer wieder bringt die flotte Handlung ein paar Synapsen ihrer Rezipienten zum Leuchten und das ganze World Building, inklusive der besten Effekte jener Zeit, machen auch dem Publikum, was nicht mit diesem Film aufgewachsen ist, einen Heiden Spaß. Schaut euch TOTAL RECALL an und macht es zu eurer Erinnerung!

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewTotal Recall (1990)
Poster
RegisseurPaul Verhoeven
ReleaseKinostart: 26.07.1990
ab dem 19.11.2020 restauriert auf Blu-ray und DVD, sowie im UHD- und Blu-ray-Steelbook

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
Trailer
BesetzungArnold Schwarzenegger (Douglas Quaid / Hauser)
Rachel Ticotin (Melina)
Sharon Stone (Lori)
Ronny Cox (Vilos Cohaagen)
Michael Ironside (Richter)
Michael Champion (Helm)
Marshall Bell (George / Kuato)
Rosemary Dunsmore (Dr. Lull)
DrehbuchRonald Shusett
Dan O’Bannon
Gary Goldman
RomanvorlageNach der Kurzgeschichte "Erinnerungen en gros" von Philip K. Dick
FilmmusikJerry Goldsmith
KameraJost Vacano
SchnittFrank J. Urioste
Filmlänge113 Minuten
FSKAb 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.