Tolkien (2019) Film

Tolkien (2019) – Filmkritik

Die Figur Tolkien

Beginnend um 1916, u.a. durch seine eigenen traumatischen Erlebnisse als Soldat während des 1. Weltkriegs in Frankreich, erschuf John Ronald Reul Tolkien mit DER HOBBIT, DER HERR DER RINGE und dem SILMARILLION über Jahrzehnte eine erfundene Welt mit eigenen Rassen, Völkern und neuen Sprachen. Mit ihnen kreierte er eine Jahrtausende umspannende, komplett ausgearbeitete, fiktive Mythologie mit den unterschiedlichsten Helden im Ringen um Freundschaft, Liebe und der Erlösung vor dem unaussprechlichen Bösen. In ihr spiegelte er mythische Sagen wie BEOWULF, oder DIE NIBELUNGEN, aber auch seine persönliche Passion für die Entstehung von Sprachen und einen ganz eigenen, künstlerischen Blick auf seine, ihn direkt umgebende Realität. Hier wurde sein MITTELERDE geboren.

J.R.R. Tolkien (Nicholas Hoult) // © 2019 Twentieth Century Fox

Die Handlung

Ebene 1

Der Film beginnt bildgewaltig genau an diesem kriegerischen Geburtsort, weitab von England, in einer der grausamsten Schlachten an der Somme. Von Senfgas gelborange schimmernde Rauchwolken über von blutenden Schützengräben durchzogenen Leichenfeldern geben schemenhaft die Silhouette eines Drachen preis. Das unvorstellbare Grauen des Krieges erhält eine Form. Der gut 25-jährige Tolkien (Nicholas Hoult, u. a. bekannt aus den vier neuen X-MEN Filmen als Beast/Dr. McCoy) kann sich vom Fleckenfieber kaum mehr auf den Beinen halten. Und doch nährt er seine zukünftig literarische Welt durch Fieberwahn, Fantasie und einer alles durchdringenden Loyalität zu einem Freund aus besseren Zeiten. Genau diesen Freund will er in den Wirren des Gemetzels finden und widersetzt sich so einer unmittelbaren Evakuierung vom Schlachtfeld. Mit Hilfe eines ihm unterstellten Rekruten namens Sam (Craig Roberts) macht er sich auf die Suche nach dem in Gefahr geglaubten Geoffrey (Anthony Boyle). Hier erahnen wir bereits den Geist der GEFÄHRTEN aus Band 1 von DER HERR DER RINGE.

Ähnlich wie in GOODBYE CHRISTOPHER ROBIN (Regie, Simon Curtis) über Alan Milne, dem erfolgreichen Kinderbuchautor von WINNIE THE PUUH, hat der erste Weltkrieg hier nachhaltigen Eindruck auf das spätere Schaffen eines Künstlers. Während dieser Aspekt dort szenisch nur kurz gestreift wird, erhält der Krieg in TOLKIEN eine zwar nicht ganz gleichberechtigte aber durchgehende Parallelhandlung zur eigentlichen Geschichte.

© 2019 Twentieth Century Fox

Ebene 2

Dies ist die Geschichte des jungen Tolkien (Harry Gilby), der mit seiner verwitweten Mutter und seinem Bruder unter der Fürsorge des katholischen Paters Francis Morgan (Colm Meany, STAR TREK – THE NEXT GENERATION) vom geliebten Landleben in die industrialisierte Arbeiterstadt Birmingham umsiedeln muss, weil nur dort eine gesicherte Zukunft gesichert scheint. Doch Tolkiens Mutter (Laura Donnelly) erschafft ihren Jungs trotz aller Umstände ein liebevolles, belesenes und vor allem ein Kreativität bejahendes Heim. Durch sie kennt Tolkien die hohe Literatur und kennt Geoffrey Chaucer auswendig im mittelenglischen Original. Ihr früher Tod zerstört einerseits dieses Eden inmitten von Not und Elend, eröffnet jedoch Pater Morgan die Möglichkeit die beiden Brüder bei einer gestrengen Dame der Gesellschaft als Mündel unterzubringen. Durch sie erhält Tolkien nun Zugang zu einer ihm bis dahin unerreichten Welt: die Welt der akademischen Bildung. Ein weiterer Schritt Richtung MITTELERDE. Durch ihre Fürsprache erhält er ein Stipendium für die Aufnahme an der renommierten King Edwards School. Nach leichten Anlaufschwierigkeiten mit seinen adligen Mitschülern erarbeitet er sich durch seine aufrechte Grundhaltung und seine hohe Intelligenz den Respekt einer kleinen Gruppe Gleichgesinnter im Geiste. Er hat nun seine GEFÄHRTEN gefunden. Sie gründen einen literarischen Zirkel, in dem sie sich gegenseitig beim Studium und ihrem kreativen Schaffen unterstützen. Dieses Glück wird noch durch die hübsche und ebenfalls künstlerisch begabte Edith (Mimi Keene, später dargestellt von Lily Collins, MIRROR MIRROR) komplettiert. Wie Tolkien ist auch sie ein Mündel der alleinstehenden, auf Tugendhaftigkeit in ihren Wänden, bedachten Dame. Er verliebt sich nicht nur langsam in sie, sondern findet in Edith eine echte Seelenverwandte. Durch – und für sie – wächst sein kreativer Drang dem Unsichtbaren im Leben eine wertvolle Stimme zu geben.

Durch beide Erzählebenen folgen wir nun Tolkien auf seinem Weg zu seinem ersten Romanerfolg DER HOBBIT.

Tolkien (2019) Film
© 2019 Twentieth Century Fox

Ein Film zum Verlieben

Bereits mit seinen ersten Bildern zieht Tolkien in seinen Bann. Wer es zulässt, kann sich hier bereits verlieben und einer ganz eigenen Schönheit folgen, die der Film, besonders in seinen Dialogen und zwischenmenschlichen Momenten auf mitreißende Art verströmt. Der Zustand des Verliebtseins hat ja die besondere Qualität, dass wir in ihm Dinge vollkommen ausblenden können, die uns sonst bei einer anderen Person stören würden. Anders als sonst konzentrieren wir uns einzig und allein auf die schönen Momente. Und von denen hat dieser Film wirklich einige zu bieten. Dazu später noch etwas mehr. Denn in TOLKIEN geht es weder um die historisch akkurate Darstellung seiner Hauptfigur, noch um den genauen Prozess der Entstehung seiner zukünftigen Geschichten. Wer also erwartet, ständig auf weitere Metamorphosen der Realität in eine sich langsam entwickelnde Fantasiewelt, wie dem Drachen am Anfang, zu stoßen, wird sicher enttäuscht werden. Bis auf einen weiteren visionär schöpferischen Moment Tolkiens, in dem ein Ringgeist ähnlicher Reiter auf einem von Leichen übersäten Schlachtfeld die Szene kreuzt, kommen Anspielungen und Vorwegnahmen auf sein späteres Werk, wenn überhaupt, nur subtil und beiläufig vor. Tolkien ist noch auf der Reise ein Autor zu werden. Der Film bereitet lediglich den Weg  dafür. Auch die oft eher oberflächliche Behandlung echter Konflikte zwischen den einzelnen Figuren mag den nicht verliebten Zuschauer sogar verärgern. Wer ein akkurates Biopic über konkrete Schaffensprozesse eines Künstlers erwartet, muss zwangsläufig enttäuscht sein. Einen solchen Film sehen wir hier nicht. Wer sich aber vom Drehbuch des Schreiberduos David Gleeson, Stephen Beresford (PRIDE) und der sehr feinfühligen Regie des finnischen Filmemachers Dome Karukoski(TOM OF FINNLAND) von Anfang an verführen lässt, wird schnell zum Kern dieses Films vordringen können.

Tolkien (2019) Film
© 2019 Twentieth Century Fox

Das Thema des Films: Die Kraft von Gefährten

Erst durch die richtigen Menschen an seiner Seite, kann die Hauptfigur ihre eigentliche Bestimmung erkennen und umsetzen. In sehr fein und klug geschriebenen Dialogen zwischen Tolkien und diesen Menschen entwickeln sich für den angehenden Autor die entscheidenden Auslöser für sein weiteres Handeln. Durch diese unterschiedlichen GEFÄHRTEN kann er soziale Ungleichheit, den Verlust der Mutter, ein vorläufiges Scheitern seines Studiums, ja sogar den Ersten Weltkrieg überwinden. Die Studienfreunde, seine große Liebe Edith, aber auch Pater Morgan und Tolkiens Philologieprofessor Wright (Derek Jacobi) werden zu diesen wichtigen Begleitern eines echten Schöpfers neuer Welten. Erst mit ihnen kann seine Reise nach MITTELERDE beginnen.

© 2019 Twentieth Century Fox

Die Highlights:

Lily Collins als Edith Bratt

Es wirkt fast wie gewollt, dass Nicholas Hoult, als der ältere Tolkien, erst durch seine Filmpartner zu einer wirklichen Figur werden kann. Der sonst oft etwas eindimensional wirkende Hoult entwickelt gerade im Zusammenspiel mit der hinreißend natürlich spielenden Lily Collins einen wirklich erlebbaren Charakter. Überhaupt wird der Film erst durch sie in ihrer fast elbenhaften Erscheinung wirklich lebendig. Mit jeder Geste verströmt Lily Collins nicht nur den Geist einer Arwen aus HERR DER RINGE, sondern auch den einer starken, fast emanzipierten Frau in einer noch rein von Männern dominierten Gesellschaft. Anders als Tolkien steht ihre Edith offen zu ihren Gefühlen und kann ihre Sehnsüchte ehrlich benennen. Durch sie wird Tolkien zu einem besseren Menschen und Nicholas Hoult fast zu einem richtig guten Schauspieler.

Tolkien (2019) Film
Lily Collins als Edith Bratt // © 2019 Twentieth Century Fox

Beispielhaft für dieses harmonische und wirklich bewegende Zusammenspiel der beiden Figuren durch ihre Darsteller ist eine Szene in der Tolkien Edith in die Oper ausführen möchte. Passenderweise wird gerade ein Teil aus dem Ring der Nibelungen von Richard Wagner gegeben. Da sie zusammen nicht genügend Geld für noch freie Plätze aufbringen können, führt Tolkien sie zur Hinterbühne des Opernhauses, um mit ihr zumindest die Ouvertüre rein musikalisch erleben zu können. Doch Edith gibt sich damit nicht zufrieden und ermutigt Tolkien mit ihr zusammen die komplette Oper in umherliegenden Requisiten und Kostümen hinter der Bühne nachzuspielen. Das ist grandios inszeniert und mitreißend gespielt. Hier zeigt sich die Seele des Films. Mit dem richtigen Menschen kann wahre Magie im Leben entstehen.

© 2019 Twentieth Century Fox

Derek Jacobi als Prof. Wright

In einer Minirolle brilliert die britische Theaterlegende Derek Jacobi, der im Film leider eher auf Nebenrollen, wie in Ridley Scotts GLADIATOR oder Kenneth Branaghs MORD IM ORIENT EXPRESS, gebucht wird. Mit kleinsten Nuancen verkörpert er einen wahrhaftigen Lehrer, wie ihn sich jeder Schüler und Student nur wünschen kann. Mit absoluter Hingabe für sein Fach, der Erforschung von Sprachen, hält er einen zu Herzen gehenden Monolog, der Tolkien und uns Zuschauer verzaubert. In seinen Worten erklingen vollkommene Sehnsucht, sowie Trauer über den Verlust eines Augenblicks im Strom der Zeit. Erst durch die Benennung durch ein bestimmtes Wort, welches allein durch seinen Klang die Wertigkeit eines bestimmten Gegenstands, Ortes, oder Zeitpunkts für uns Menschen wiedergibt, kann die Vergänglichkeit eines Moments festgehalten werden. Ein Wort ist immer mehr als nur seine Bedeutung, sondern zugleich auch eine ganze Welt, die man mit ihm verbindet.

Diese und eine weitere Szene zwischen Tolkien und Edith in einem Restaurant stellt die Macht von Sprache in den Mittelpunkt des Films.

Tolkien (2019) Film
© 2019 Twentieth Century Fox

Sprache als Schlüssel zur Seele

Trotz seiner sehr authentischen Ausstattung und seinen klug gewählten Kostümen liegt der Fokus in diesem Historienfilm eindeutig auf der Sprache. In kunstvoll geschriebenen und von den Darstellern überzeugend belebten Dialogen wird sie fast zu einer weiteren Figur im Film. So bekommen wir eine entfernte Ahnung, was die Hauptfigur so an ihrer Erforschung und Weiterentwicklung von komplett neuen Formen fasziniert. Klug gewählte Worte zeugen hier nicht nur von hoher Bildung, sondern auch von der Fähigkeit schwer greifbaren Gefühlen eine Stimme zu geben. Diese ausgewählten, besonderen Worte werden so zu Schlüsseln, die nur auf bestimmte Schlösser besonderer Menschen passen. Als müsse man sich ihnen, wie dem einen Ring, würdig erweisen, werden sie zu besonderen Boten zwischen den Seelen von Menschen, die einander etwas bedeuten.

Tolkien Film (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Die Kamera

Neben seinen Worten und lebendigen Darstellern ist Tolkien über weite Strecken ein filmisches Gemälde auf großer Leinwand. Der dänische Kameramann Lasse Frank Johannessen, der bislang für skandinavische Produktionen wie die Polit-TV Serie BORGEN und diverse Werbeclips die bildgestalterische Verantwortung trug, gibt hier mit seinem visuellen Können eine starke Visitenkarte für Hollywood ab. Gerade die Kriegsszenen atmen großes Gespür für Licht, Bild- und Farbkompositionen. Hier kann man in Ansätzen den meisterhaften Bruno Delbonell für MATHILDE – EINE GROSSE LIEBE, oder eine ähnliche Handschrift wie die von Seamus Mc Garvey für ABBITTE erkennen.

Tolkien Film (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox

Die Musik

Ein gekonnter Begleiter in die Seele dieses Films ist der verspielte Score von Thomas Newman (AMERICAN BEAUTY, PASSENGERS, DIE VERURTEILTEN). Nach einigen großen klassischen Orchesterpartituren, u.a. für die letzten beiden JAMES-BOND-Filme, wählt der bereits 14-fach für den OSCAR nominierte, amerikanische Komponist wieder einen eher sphärischen Ansatz für den er einst bekannt wurde. Einzelne keltisch anmutende Klänge aus Klavier, Flöten, Harfe und Schlaginstrumenten ergänzen sich mit elektronisch veränderten Sing- und Sprechstimmen zu einem mystisch vibrierenden Hymnus, der die Geschichte fast meditativ, statt reißerisch dramatisch untermalt. So schafft er einen wehenden Vorhang, hinter dem die magischen Worte und kunstvollen Szenen des Films wie leichtfüßige Balletttänzer hervortreten können. Bestimmt nicht seine beste Arbeit, wenn man sie eigenständig hört, aber sehr effektiv und zweckdienlich für die Tonalität dieses Films.

Tolkien (2019) Film
© 2019 Twentieth Century Fox

Fazit

Ein sehr sehens- und hörenswerter Film für alle, die sich auf Themen wie wahrhaftige Schönheit und aufrichtige, tief empfundene Freundschaft einlassen möchten, ohne sich an historisch nicht ganz akkuraten Vereinfachungen zu stören. Weniger ein Film für Fans der HERR-DER-RINGE-Filme, noch weniger für Historiker und angehende Literaturwissenschaftler. Ganz besonders aber ein Film für kreativ lebende Menschen, die sich nicht mit Gesetzmäßigkeiten einer rationalen Realität zufrieden geben möchten. Ein Film für Künstler, Träumer, Idealisten und Menschen, die sich gerne verlieben – auch in einen Film. So wie ich.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewTolkien (2019)
Poster
Tolkien Film (2019)
© 2019 Twentieth Century Fox
Releaseab dem 20.06.2019 im Kino
ab dem 02.11.2019 auf Blu-ray und DVD
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RegisseurDome Karukoski
Trailer
BesetzungNicholas Hoult (J.R.R. Tolkien)
Lily Collins (Edith Bratt)
Patrick Gibson (Robert Gilson)
Anthony Boyle (Geoffrey Smith)
Tom Glynn-Carney (Christopher Wiseman)
Derek Jacobi (Professor Wright)
DrehbuchDavid Gleeson
Stephen Beresford
KameraLasse Frank Johannessen
MusikThomas Newman
SchnittChris Gill
Harri Ylönen
Filmlänge112 Minuten
FSKab 12 Jahren

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