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Todesträume (1989) – Filmkritik

„Bevor SIEBEN in die Kinos kam“

Bevor sie gemeinsam die Fernsehproduktion TODESTRÄUME (Murder by Night, 1989) inszenierten, hatten der Regisseur Paul Lynch und der Drehbuchautor Alan B. McElroy bereits Erfahrung im Slasher-Genre gesammelt: Lynch drehte 1980 den legendären Teenager-Horrorfilm PROM NIGHT und McElroys erste Arbeit für einen Langfilm war das Skript zu HALLOWEEN 4: DIE RÜCKKEHR DES MICHAEL MYERS (Halloween 4: The Return of Michael Myers, 1988, Regie: Dwight H. Little). Zwischenzeitlich ist McElroy bekannt für seine Drehbücher zu WRONG TURN (2003, Regie: Rob Schmidt) und THR3E (2006, Regie: Robby Henson). Ein wichtiger Einfluss auf Lynch und McElroy war möglicherweise DIE ERSTE TODSÜNDE (The First Deadly Sin, 1980, Regie: Brian G. Hutton). Dieser im Fahrwasser von William Friedkins CRUISING (1980) entstandene Thriller handelt von einem Mörder, der in New York mehrere Menschen mit einem hammerähnlichen Gegenstand tötet. Der Ermittler (Frank Sinatra in seiner letzten Filmrolle) ist zudem mit der schweren Erkrankung seiner Ehefrau konfrontiert. In TODESTRÄUME findet sich zwar nicht die gleiche, aber eine ähnliche Figurenkonstellation.

Handlung

Eine Frau läuft nachts durch ein Parkhaus, verfolgt von einem unbekannten Mann. Zunächst kann sie sich in ihr Auto retten, verunglückt jedoch kurz darauf damit. Ein Jogger (Robert Urich), der sich unmittelbar in der Nähe der Explosion befand, wacht mit einer schweren Amnesie im Krankenhaus auf. Er glaubt, sich an eine schemenhafte Gestalt erinnern zu können. Bei dem gewaltsamen Tod der Chefsekretärin einer Werbeagentur handelt es sich bereits um das dritte Verbrechen eines unheimlichen Mörders, der aufgrund des benutzten Werkzeugs in den Medien der Klauenhammer-Killer genannt wird. Der unter enormen Druck stehende Lt. Carl Madsen (Michael Ironside) verhört den Mann ohne Gedächtnis zunächst als Zeugen, lässt diesen aber bald spüren, dass er ihn verdächtigt, der Täter zu sein. Parallel ermittelt auch die Polizeipsychologin Karen Hicks (Kay Lenz), Madsens geschiedene Frau, die vermutet, dass es eine Verbindung zwischen den Mordopfern gibt und die schließlich eine Affäre mit dem geheimnisvollen Mann beginnt, der seinen Ausweispapieren zufolge ein extrem zurückgezogen lebender Künstler namens Allan Strong ist, der erfolgreich ein Luxus-Restaurant betreibt. Dort wurde er noch nie vom Personal gesehen. In einem Tagebuch finden sich Erinnerungen Strongs, dass er als kleines Kind miterlebte, wie seine Mutter von dem Mann vergewaltigt wurde, der seinem Vater einen kleinen Laden vermietete. Nachts wird der Mann, dem weiterhin jede Erinnerung fehlt, von furchtbaren Albträumen gequält, die sich am nächsten Tag als wahr herausstellen: ein Mann wird erschlagen in einem U-Bahn-Schacht aufgefunden, in der Nähe des Tatorts liegt ein Schlüsselanhänger in Form eines Einhorns, der Strong gehört. Als eine weitere Leiche gefunden wird, erwacht er in seinem Apartment, seine Kleidung und die Bettwäsche blutgetränkt.[1]

Interpretation

TODESTRÄUME steht in den späten 1980er Jahren am Ende einer Reihe ähnlich inszenierter, düsterer Thriller wie IN DER STILLE DER NACHT (Still of the Night, 1982, Regie: Robert Benton) oder BESTIE IN SCHWARZ (Blackout, 1985, Regie: Douglas Hickox) und verweist zugleich auf die kommenden Jahrzehnte: die in Madsens Büro hängenden chronologisch geordneten Bilder grausiger Verbrechen, dunkle Aufnahmen des nächtlichen New Yorks und ein blutverschmierter Hammer lassen TODESTRÄUME wie eine finstere Hommage an die unheimlichen Geschichten Clive Barkers erscheinen.[2] Der Schlüssel zur Lösung liegt in der Zahl Sieben, was TODESTRÄUME zu einer Skizze für einen der herausragendsten Serienmörder-Thriller überhaupt werden lässt: In SIEBEN (Se7en, 1995, Regie: David Fincher) geht der Ermittler in die Bibliothek, um in literarischen Werken Hinweise auf das Mordmotiv zu finden.[3]

Der Mann, der seine eigene Identität nicht kennt, liest viel – Tagebuchaufzeichnungen, kriminologische Fachliteratur über Serienmörder – im Krankenhaus sieht er ARZT UND DÄMON (Dr. Jekyll and Mr. Hyde, 1941, Regie: Victor Fleming) mit Spencer Tracy in der Titelrolle, eine freie Adaption der berühmten Novelle von Robert Louis Stevenson. Die Lösung findet sich in den Klassikern der politischen Ökonomie. Adam Smiths berühmte Metaphern über sichtbare und unsichtbare Hände[4] tauchen immer wieder in TODESTRÄUME auf: Demagogen versuchen die Mitglieder einer Gesellschaft wie Schachfiguren zu führen. In TODESTRÄUME, wo eine ähnliche Manipulation stattfindet, wird eine Schachpartie gezeigt – der Mann, der sich am Ende als der Mörder herausstellt, gewinnt. Der Soziologe Harry Braverman führte den betriebswirtschaftlichen Begriff des Managements auf die lateinischen Wörter manus (Hand) und agere (führen) zurück: „Das englische Verb to manage (…) bedeutete ursprünglich ein Pferd in allen Gangarten zu üben, es veranlassen, die Übungen der Reitbahn (manège) auszuführen.“[5] Der zerbrochene Einhorn-Anhänger wirkt wie eine Persiflage dieser Theorie.

Die unsichtbare Hand bei Smith soll über Marktmechanismen Differenzen in einer Gesellschaft ausgleichen und den Wohlstand anheben. Geschäftsbeziehungen werden häufig in TODESTRÄUME thematisiert: Strongs Vater ließ seine Kunden die Namen notieren, um ihnen Werbung und Geschenke zukommen zu lassen, was aus heutiger Sicht wie ein Vorgriff auf Algorithmen und personalisierte Online-Werbung klingt. In vielen Kriminalgeschichten werden gerade diese Marktbeziehungen für Kunden/Konsumenten zu einer tödlichen Bedrohung. Es ist lebensgefährlich, beim Goldschmied Cardillac aus E.T.A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ (1819) Schmuckstücke zu erwerben. Es ist lebensgefährlich, in Bates‘ Motel aus Alfred Hitchcocks PSYCHO (1960) einzuchecken. Es ist lebensgefährlich, in TODESTRÄUME sich handschriftlich in die siebte Zeile eines Gästebuchs einzutragen.

Fazit

Auch wenn einzelne Dialoge unglaubwürdig klingen und manche Szenen nicht immer logisch nachvollziehbar sind, ist TODESTRÄUME ein origineller Thriller, der Literatur- und Filmzitate gekonnt in die Handlung einsetzt. Traumata, Gewalt, aber auch gesellschaftskritische Ansätze werden inszeniert vor der Kulisse eines sogar am Tag bedrohlich wirkenden New Yorks. Obwohl einzelne Aspekte von SIEBEN vorwegnehmend, ist TODESTRÄUME heute fast völlig vergessen.

© Stefan Preis

Quellen:

  • [1] In einer Traumsequenz tastet sich der Protagonist am Vorsprung der oberen Etage eines Hochhauses entlang – die Szene erinnert deutlich an eine Episode aus der Stephen-King-Verfilmung KATZENAUGE (Cat’s Eye, 1985, Regie: Lewis Teague).
  • [2] In Barkers HELLRAISER (1987) wird ebenfalls ein Hammer als Waffe bei einem Serienmord verwendet. CABAL – DIE BRUT DER NACHT (Nightbreed, 1990) inszenierte Barker nach seinem bereits 1988 erschienenen Roman: ein verzweifelter Mann wird mehrerer Morde beschuldigt, an die er sich nicht erinnern kann. Die deutlichste Parallele besteht zu der erst 2008 von Ryūhei Kitamura verfilmten, 1984 veröffentlichten Erzählung THE MIDNIGHT MEAT TRAIN: in der New Yorker U-Bahn tötet ein geheimnisvoller Schlachter Fahrgäste mit einem riesigen Hammer.
  • [3] Kaufmann, Anette (1998): Blut-Bilder. Serial Killer im amerikanischen Thriller, in: Jürgen Felix (Hrsg.): Unter die Haut – Signaturen des Selbst im Kino der Körper. Mainz. S. 193–216.
  • [4] Eine umfassende Darstellung zu dieser Thematik findet sich in Hannelore Bublitz et al. (2013) (Hrsg.): Unsichtbare Hände. Automatismen in Medien-, Technik- und Diskursgeschichte. Paderborn.
  • [5] Zitiert bei Kurz, Robert (2002): Schwarzbuch Kapitalismus – Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. München. 2. Auflage. S. 211.

 

Titel, Cast und CrewTodesträume (1989)
OT: Murder by Night
Poster
Release19.07.1989 (USA)
RegiePaul Lynch
BesetzungRobert Urich (Allan Strong)
Kay Lenz (Karen Hicks)
Jim Metzler (Kevin Carlisle)
Richard Monette (Stuart Kessler)
Michael Ironside (Det. Carl Madsen)
Geoffrey Bowes (Young Doctor)
DrehbuchAlan B. McElroy
MusikPaul Zaza
KameraBrian R.R. Hebb
SchnittNick Rotundo
Filmlänge93 Minuten
FSKab 16 Jahren

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