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Tod auf dem Nil (2022) – Filmkritik

„Zuckerguss“

Ein Detektiv, nein, der beste Detektiv der Welt, hat wieder einen schwierigen Fall zu lösen. Agatha Christies Hercule Poirot läuft in Form von Kenneth Branagh – vor wie auch hinter der Kamera – zu Hochtouren auf. Der Zug aus MORD IM ORIENT-EXPRESS (2017) wird gegen einen Luxus-Dampfer auf dem Nil eingetauscht. Die Gäste/Verdächtigen sind wieder exzentrisch geheimnisvoll, die Morde dramatisch und die Ausstattung eine Augenweide. Des Rätsels Lösung wird Fans des cleversten Schnurrbarts der Krimigeschichte sicher bekannt sein, aber man schaut die Geschichte schließlich auch wegen der Darsteller und Kulissen. Das bietet TOD AUF DEM NIL in vollem Umfang und wir schwelgen im Luxus der Ausstattung, Kostüme und Schauspieler. Zudem wurde auf 65-mm-Film gedreht, was eine schöne Ehrerbietung am lebendigen fotografischen Prozess darstellt und hoffentlich auf der großen Leinwand, vielleicht sogar mit der passenden 70-mm-Filmkopie, von euch genossen werden sollte.

© 2022 20th Century Studios.

Handlung

Die belgische Detektiv-Legende Hercule Poirot (Kenneth Branagh) liebt einen spannenden Fall genauso wie das luxuriöse Reisen. In diesem Fall lässt sich beides zufällig verbinden. Bei einem Urlaubstag zu den Füßen der Sphinx trifft er auf seinen Freund Bouc (Tom Bateman) und dessen Mutter Euphemia (Annette Bening). Über ihn gelangt er in die Gesellschaft einer Hochzeit der wohlhabenden Linnet Rigeway Doyle (Gal Gadot) und dem charmanten Simon Doyle (Armie Hammer). Nach der rauschenden Trauung im kleinen Kreis, ist auch Simons Ex-Verlobte ohne Einladung unter den Gästen zu finden: Jaqueline de Bellefort (Emma Mackey). Sie taucht nicht nur im feurig roten Kleid zur Zeremonie auf, sondern will vor allem ihre alte Liebe zurück. Die Pistole in ihrer Handtasche ist nicht das Gefährlichste an ihr. Das junge Ehepaar möchte sich jedoch von einer alten Liebe ihre Hochzeitsreise nicht verderben lassen und bucht spontan für sich und alle geladenen Hochzeitsgäste den Luxus-Schaufelrad-Dampfer „Karnak“ für eine mehrtägige Reise auf dem Nil. Linnet gelingt es, Detektiv Poirot das Versprechen für ihren Schutz abzuringen und somit begleitet auch er die erlesene Gesellschaft. Nach einigen Tagen werden auch andere Passagiere auf dem Schiff aufgenommen, so auch Jaqueline de Bellefort und mit ihr hält der Tod Einzug. Jedoch bleibt es nicht bei einer Leiche und alle Gäste haben die verschiedensten Mordmotive wie auch Alibis. Die ideale Herausforderung für den Meisterdetektiv.

© 2022 20th Century Studios.

Wer ist die eigentliche Hauptfigur?

Nach dem eisigen, aber nicht weniger ausstattungsreichen MORD IM ORIENT-EXPRESS, geht es in die flirrende Hitze Nordafrikas. TOD AUF DEM NIL gelingt es, die Sehnsucht nach exotischen Orten wieder heraufzubeschwören, wo es beim Reisen noch ums Entdecken ging und nicht um die eigene fotografische Selbstdarstellung. Mit der unerreichbaren Gesellschaft der Reichen und Wohlhabenden haben wir wenig gemein, aber ihre Kriminalfälle wollen wir dennoch lösen. Der Neid auf eine solch erstklassige Reise ist auch heute noch bei uns Zuschauerinnen und Zuschauer ungebrochen. Das machen die Geschichten von Agatha Christie aus: Mord macht vor der Oberschicht nicht Halt. Die Schauspieler in ihren aufwändigen Kostümen und aufregenden Rollen sind ein Fest für die Sinne wie auch ihre kleinen Geschichten, die mit dem Fall zu tun haben.

© 2022 20th Century Studios.

Neben den beiden Schauspielerinnen Gal Gadot und Emma Mackey – die stetig unsere Blicke anziehen– schafft es die Inszenierung von Kenneth Branagh vor allem sich selbst, also Hercule Poirot, in den Mittelpunkt zu stellen. Seine Obsession für edle Dinge und Symmetrie spiegeln sich in den Bildern wider. Das Schiff gleicht zum Beispiel einem gläsernen Wintergarten, in dem dennoch drei Morde unbeobachtet geschehen. Und auch die Kamera ist geradezu verliebt darin, Poirots Auftreten stets symmetrisch und theatralisch ins Bild zu rücken. Das Spannendste in TOD AUF DEM NIL ist die Figur Poirot selbst. Der Prolog mit seinem Einsatz im Ersten Weltkrieg offenbart eine Seite der Figur, die uns bis jetzt verschlossen blieb und lässt zudem in die Tiefe der verletzten Seele eines Einzelgängers blicken. Auch wenn der Fall mit neuen Hinweisen und Verdächtigungen stets unsere Aufmerksamkeit einfordert, ist der Wunsch ungebrochen mehr aus der Vergangenheit des Detektivs zu entdecken.

© 2022 20th Century Studios.

Leidenschaft

In jedem Bild ist die Liebe zur Geschichte zu erkennen. Die handgefertigten Kostüme der 1930er-Jahre, ein 240 Tonnen schweres Schiff, das in einem riesigen Wassertank in den Longcross Studios treibt oder der Nachbau des Tempels von Abu Simbel. Eine umfangreiche Darstellung vergangener Zeiten ist nur im Filmstudio so detailliert möglich, was vielleicht hier und da das Gefühl für Realität abkommen lässt. Diesen Anspruch hat man bei einem „Whodunit“ jedoch nicht. Die Fantasie der Kriminalgeschichte versteckt sich nicht, sondern erstrahlt in malerischen Aufnahmen und pompösen Requisiten. Das Hauptmotiv des Films, wie auch der Morde und Verdächtigungen ist eines der gefährlichsten und sinnlichsten: Die Liebe, welche sich perfekt in der Rahmenhandlung unserer charakterlichen Erzählung von Poirot widerspiegelt. Schade ist jedoch, dass die Verhöre und die Lösung des Falls inhaltlich zu einfach erzählt werden. Wenn man zum Beispiel an den Geniestreich von Rian Johnsons KNIVES OUT (2019) denkt, dem es mit jedem weiteren Hinweis gelingt, uns auf eine neue Fährte zu locken, ist TOD AUF DEM NIL klassisch linear aufgestellt. Im Theater würde die Handlung ohne Veränderungen genauso gut funktionieren wie auf der Leinwand. Eine cineastische Anpassung geschieht nicht nur auf der visuellen Ebene, die hier bis zum Überlaufen voll ist, sondern auch in anderen Aspekten. Ein Verbund des Drehbuchs mit raffinierten Montagen bei Rückblicken oder verschiedensten Blickwinkeln, hätte TOD AUF DEM NIL sicher für unerfahrene Agatha-Christie-Leserinnen und -Leser spannungsreicher gestaltet.

© 2022 20th Century Studios.

2022 vs. 1978

Im Jahre 1978 gab es bereits eine erfolgreiche Verfilmung von TOD AUF DEM NIL von John Guillermin. Als Detektiv Poirot ist der unübersehbare Sir Peter Ustinov vertreten und neben ihm eine Vielzahl Stars der damaligen Zeit wie Mia Farrow, Bette Davis, Maggie Smith oder Angela Lansbury. Im Gegensatz zur aktuellen Verfilmung wurde fast ausschließlich an Originalschauplätzen gedreht. Der Ausstattung fehlt es somit an Glanz, der im Studio leichter zu Erzeugen ist. Am interessantesten sind jedoch die inhaltlichen Änderungen, die Branagh und Drehbuchautor Michael Green vorgenommen haben. Die bereits erwähnten Einblicke in die Persönlichkeit und Vergangenheit von Hercule Poirot sind neu. Zudem gelingt es Branagh, wie schon bei MORD IM ORIENT-EXPRESS (2017) dem Protagonisten mehr Stärke und Autorität zu verleihen. Von der rundlichen, karikierten und unselbständig wirkenden Ustinov-Figur bleibt lediglich der belgische Akzent und die Liebe zu süßem Gebäck übrig. Ein tapferer und mutiger Hercule Poirot ist heute wesentlich glaubwürdiger.

© 2022 20th Century Studios.

In TOD AUF DEM NIL (2022) wird viel bewusster auf die Zeit der 1930er in politischen, gesellschaftlichen und ethnischen Aspekten eingegangen. Die Rollen der beiden People of Colour Rosalie Otterbourne (Letitia Wright) und Salome Otterbourne (Sophie Okonedo) sind stimmig in die Handlung verflochten und glaubhaft gespielt. Kenneth Branagh hat mit seiner Interpretation der Kriminalromanvorlage, nicht nur von der 1978er-Version den Staub abgeklopft, sondern sie regelrecht hinfort gefegt und leidenschaftlich wie auch sexy auf Film gebannt.

© 2022 20th Century Studios.

Fazit

Film besteht aus vielerlei Kunstformen. In TOD AUF DEM NIL werden uns besonders die visuellen und darstellerischen Elemente auf einem exklusiven Silbertablett serviert. Auch wenn der Mordfall in seinem Motiv und der Lösung etwas altbacken auf der Leinwand erzählt wird, ist vor allem Branaghs Gespür dafür, Poirot ein dunkles, interessantes Persönlichkeitsprofil zu verleihen, der eigentliche Höhepunkt des Films. Kabine buchen und den Schampus öffnen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewTod auf dem Nil (2022)
OT: Death on the Nile
Poster
RegieKenneth Branagh
ReleaseKinostart: 10.02.2022
ab dem 14.04.2022 auf UHD-BD, BD und DVD

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Trailer
BesetzungKenneth Branagh (Hercule Poirot)
Gal Gadot (Linnet Ridgeway Doyle)
Annette Bening (Euphemia)
Armie Hammer (Simon Doyle)
Letitia Wright (Rosalie Otterbourne)
Tom Bateman (Bouc)
Emma Mackey (Jacqueline de Bellefort)
Rose Leslie (Louise Bourget)
Sophie Okonedo (Salome Otterbourne)
Adam Garcia (Syd)
Ali Fazal (Andrew Katchadourian)
Rick Warden (Monsieur Blondin)
Russell Brand (Dr. Windlesham)
Jennifer Saundes (Marie Van Schuyler)
Dawn French (Mrs. Bowers)
DrehbuchMichael Green
Buchvorlagebasiert auf dem gleichnamigen Roman von Agatha Christie
FilmmusikPatrick Doyle
KameraHaris Zambarloukos
SchnittÚna Ní Dhonghaíle
Filmlänge127 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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