Titane (2021) – Filmkritik

„Ein Film zum Niederknien“

Julia Ducournau machte 2016 mit ihrem ebenso intensiven wie herausragenden Debütspielfilm RAW von sich reden. Gerade im Genre-, bzw. noch spezifischer im Horrorbereich, können solche Bombastdebüts aber auch gefährlich sein, schließlich hängen am Nachfolgefilm umso größere Erwartungen, Jordan Peele und Ari Aster können davon sicher ein Lied singen. Ducournaus zweiter Film TITANE ist eine nahtlose Fortsetzung der bereits in RAW behandelten Themen. Es handelt sich wieder um eine Adoleszenzerzählung, ging es in RAW noch um das sexuelle Erwachen, steht in TITANE das Thema „Mutterwerdung“ im Mittelpunkt.

© Carole Bethuel

Da die Handlung von TITANE dermaßen viele Haken schlägt und am besten komplett unvorbereitet genossen werden sollte, möchte diese Rezension wirklich nur die allergröbsten Eckpfeiler des Goldene-Palme-Gewinners umreißen:
Als kleines Mädchen hatte Alexia (Agatha Rousselle) einen schweren Autounfall und lebt seitdem mit einer in ihrem Schädel implementierten Titanplatte. Als junge Frau bestreitet sie ihren Lebensunterhalt als Hostess auf Automessen, wo sie sich regelmäßig den extremst übergriffigen, gaffenden Fans (bewusst nicht gegendert) erwehren muss. Darüber hinaus ereignet sich eine mysteriöse Mordserie in der handlungstagenden Stadt, und was hat es eigentlich mit all den verschwunden Personen auf sich, deren Fahndungsposter die Plakatwände zieren?

© Carole Bethuel

Ducournaus Filme lassen sich wohl am ehesten dem Genre des Bodyhorrors zuordnen. In beiden ihrer Filme ist die Zerstörung und Transformation des menschlichen Körpers der Hauptlieferant von geradezu viszeraler Schmerzempfindung von Seiten der Zuschauer:innen. Meint man zunächst noch, der Körper Agatha Rousselles würde doch etwas zu sehr ausgestellt, wird einem spätestens zur Halben-Stunden-Marke ganz anders, wenn unsere Hauptdarstellerin durch eine unvergleichliche Tour De Force gehen muss, in der wirklich jedes Körperteil in Mitleidenschaft gezogen wird. Julia Ducournau zeigt uns in TITANE häufig etwas Erotisches, Anziehendes oder Attraktives, um es sofort ins Gegenteil zu biegen.

© Carole Bethuel

Zudem zeichnen sich ihre Filme durch ein gehöriges Maß an Provokation aus, sei es in RAW noch die Carnivorisierung einer bekennenden Veganerin und jetzt hier in TITANE, um einiges radikaler, das Infragestellen sämtlicher mühsam menschlich konstruierter Werte. TITANE ist nichts heilig, und das macht in so wunderbar. Nichts ist hier so, wie es scheint. Die Regisseurin hat eine diebische Freude daran, den Zuschauer:innen mit zunächst bekannt erscheinenden Genreszenarien zu konfrontieren, um diese dann in etwas völlig anderes umzukehren. Aus einer, in gängigen Slasherfilmen, erschöpft erscheinenden Situation (nackte Frau kommt aus der Dusche – was war das für ein komisches Geräusch?) – wird in einem Sekundenbruchteil etwas völlig anderes. Genregrenzen, Sympathien, Gender und Sexualität – alles in diesem Film ist fluide und ständig in Bewegung. Ruben Impens Kamera tut ihr Übriges, um die/den Zuschauer:in vollständig in den Bann von TITANE zu ziehen. Allein die Anfangsszene, in der Alexia ihrer Arbeit auf der Automesse nachgeht, und der Kamerablick von einer beobachtenden Overshoulder zu einer maximal unangenehmen Abbildung der geifernden Blicke der Beobachter wird, allein das würde schon sämtliche Kamerapreise dieser Welt rechtfertigen.

© Carole Bethuel

Bewusst ist diese Rezension etwas kürzer gehalten als üblich, denn TITANE ist ein Film, der ohne viel Vorwissen erlebt werden will. Der viele Leerstellen bietet (zugegeben, auf diese Art der Erzählung muss man Lust haben, hier ist eben auch vieles Interpretationssache bzw. Baut auf mitdenkende Zuschauer:innen), eine facettenreiche und Diskussionen anregende Geschichte erzählt und die letzten Herrschaftsgedanken der Menschheit in ihren Grundfesten erschüttert.

Ein performatives, viszerales Erlebnis, das völlig zurecht mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und unbedingt, der totalen Immersion bzw. des totalen Ausgeliefertseins wegen, im Kino erlebt werden sollte. Nur werdenden Eltern zeigt man TITANE vielleicht besser nicht.

Für Fans von: CRASH (1996), BEAU TRAVAIL (DER FREMDENLEGIONÄR, 1999), SHE’S THE MAN (2006) und Filmen von Lucio Fulci.

© Fynn

Titel, Cast und CrewTitane (2021)
Poster
RegisseurJulia Ducournau
ReleaseKinostart: 08.10.2021
Trailer
BesetzungAgathe Rousselle (Alexia / Adrien)
Vincent Lindon (Vincent)
Garance Marillier (Justine)
Laïs Salameh (Rayane)
Mara Cisse (Jeantet)
Marin Judas (Charrier)
Diong-Kéba Tacu (Sissoko)
DrehbuchJulia Ducournau
KameraRuben Impens
SchnittJean-Christophe Bouzy
Filmlänge108 Minuten
FSKAb 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.