Tideland Terry Gilliam Filmkritik

Tideland – Filmkritik

Dass der amerikanisch-britische Regisseur Terry Gilliam ein Ausnahmetalent ist, muss hier wohl nicht extra erläutert werden. Weltweite Bekanntheit erlangte er durch seine Zusammenarbeit mit John Cleese und der Gründung der Monthy-Python-Gruppe. Aber auch durch solch visuelle Meisterwerke wie TIME BANDITS, BRAZIL und 12 MONKEYS erregte Gilliam große Aufmerksamkeit bei Kritikern und Zuschauern. Sein Regiedebüt gab er 1975 zusammen mit Terry Jones für den Film DIE RITTER DER KOKOSNUSS. Sein erster eigener Film als Regisseur erblickte schließlich 1977 das Licht der Welt: JABBERWOCKY, zu der er auch das Drehbuch mitverfasste. TIDELAND schließt nahtlos an seine bildgewaltigen Vorgängerfilme an, ist jedoch thematisch komplett anders gewichtet.

Tideland Terry Gilliam Filmkritik
© Studiocanal/Arthaus

Inhalt

Nachdem die Mutter der zehnjährigen Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) ihren Abschied vom irdischen Dasein mittels Drogen vollzogen hatte, packte der ebenfalls drogensüchtige Vater Noah (Jeff Bridges) seine Tochter ein und zog mit ihr ins Nirgendwo. Eigentlich wollte Noah gerne nach Jütland, wo die Wikinger leben. Doch als sie ihr Ziel erreichen, landen die Beiden in einer menschenleeren Prärie, in der lediglich ein altes, verfallenes Haus steht. Kurz nach ihrer Ankunft berichtet Noah stolz, dass er hier mit seiner Mutter aufgewachsen sei, ehe er sich mit einem letzten Drogencocktail endgültig ins Jenseits befördert. Ganz auf sich alleine gestellt, mit dem Leichnam des Vaters im Wohnzimmer, zieht sich Jeliza-Rose mehr und mehr in eine dunkle, morbide Fantasiewelt zurück.  Hier entdeckt sie die Geheimnisse des Hauses. Sie erlebt verrückte Abenteuer und findet schnell neue, skurrile Freunde. Da wäre die immer in Schwarz gekleidete Dell (Janet McTeer) und ihr geistig zurückgebliebener Bruder Dickens (Brendan Fletcher), der ein eigenes U-Boot besitzt und auf der Jagd nach einem Killerhai ist.

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Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) und Noah (Jeff Bridges) // © Studiocanal/Arthaus

Auf nach Jütland

Schon der Einstieg in den Film ist mehr als verstörend, wenn Jeliza-Rose mit den Drogen ihres Vaters Noah hantiert, seinen nächsten Schuss zubereitet, damit er auf die Reise gehen kann. Aber diese verstörenden Momente, es kommen noch weitere, treiben Jeliza-Rose immer weiter und tiefer in ihren Kaninchenbau hinein, um sich mithilfe ihrer Fantasiewelt vor dem Schrecken der Realität zu schützen. Jeliza-Rose ist das dunkle Gegenstück zu einer „Alice im Wunderland“, aber um ein Vielfaches bizarrer und morbider. Groteske und grausame Momente wechseln sich mit tragisch-komischen und auch sehr einfühlsamen Szenen ab. Für lange Zeit sind Jeliza-Roses Freunde lediglich vier abgetrennte Puppenköpfe, die sie auf ihrer wundersamen Reise begleiten.

Tideland Terry Gilliam Filmkritik
Jeliza-Rose (Jodelle Ferland) // © Studiocanal/Arthaus

Besonders hervorheben muss man Jodelle Ferland in der Rolle der Jeliza-Rose, aber man sollte auch einen Brendan Fletcher als Dickens nicht vergessen. Beide haben eine spannende und sehr umfangreiche Filmografie. Ferland glänzte in Filmen wie SILENT HILL, THE CABIN IN THE WOODS und THE TALL MAN. Brendan Fletcher, der mehr in Serien wie ARROW oder IZOMBIE aktiv ist, hat auch einige interessante Filme vorzuweisen: THE REVENANT, RAMPAGE, RAMPAGE: CAPITAL PUNISHMENT oder auch FREDDY VS. JASON. Was die beiden Schauspieler mit ihren Charakteren hier auf den Bildschirm zaubern, ist ganz großes Kino. Vor allem die kleine Jodelle Ferland, denn gerade mit ihrer Rolle steht und fällt der ganze Film. Hätte sie nicht überzeugt, wäre alles für die Tonne gewesen, aber so muss man wirklich den Hut vor dieser grandiosen, zum Teil schon beängstigend, fantastischen Performance ziehen. Einfach nur bezaubernd, wie unbekümmert die elfjährige Jodelle Ferland vor der Kamera agiert.

Tideland Terry Gilliam Filmkritik
Dell (Janet McTeer) // © Studiocanal/Arthaus

 

Der eine oder andere Rezipient wird sich sicherlich daran stören, dass es keinen echten Spannungsbogen in TIDELAND gibt. Aber man sollte sich vor Augen führen, dass der Film eine Reise ohne Plan ist, von Tag zu Tag, ohne jedes Ziel und das konsequent aus der Sicht eines Kindes. Die Dinge passieren einfach so, was einen für Hollywood typischen Handlungsverlauf unnötig macht. TIDELAND ist nicht arm an morbiden und verrückten Momenten. Aber auf genau diese Augenblicke kommt es an, sozusagen das Benzin, was den Motor, die Story, am Laufen hält. Dieser naive, kindliche Umgang mit lebensbedrohenden Situationen oder gar dem Tod. Der Überlebenskampf ist verpackt in eine Fantasiewelt ohne die Schrecken der realen Welt.

 

Die Blu-ray

Tideland Terry Gilliam Filmkritik
Die Blu-ray von Arthaus

Das Bild der Remastered-Version erstrahlt mit schönen gesättigten Farben und ist überaus kontrastreich, eine durchgehende Schärfe und Klarheit ist von Anfang bis Ende gegeben. Der Ton, 5.1 DTS-HD Master in Deutsch und Englisch, ist etwas leiser als normal abgemischt, aber durchgehend gut ausbalanciert, soweit ich das beurteilen kann. Die Dialoge sind jederzeit gut verständlich und die Soundeffekte präzise. Als Bonusmaterial gibt es lediglich eine Featurette „Getting Gilliam“ und den Trailer, da hätte ich mir doch etwas mehr gewünscht. Gerade, weil auf der alten DVD-Ausgabe jede Menge an Dokus, Interviews, Audiokommentaren und sogar ein Making-of vorhanden sind.

Tideland Terry Gilliam Filmkritik
© Studiocanal

Fazit

TIDELAND ist kein Mainstream und erst recht kein Film für Menschen, die ausschließlich mit erwachsenen Augen auf die Welt blicken. Als Zuschauer muss man sich in die absurde Welt der kleinen Jeliza-Rose hinein versetzen können und das absurde Tun der Erwachsenen mit Kinderaugen betrachten, sonst wird der Film nur als langweilige Aneinanderreihung von seltsamen, unlogischen Szenen empfunden. Gleichzeitig erhaschen wir einen naiven und unschuldigen Blick auf unsere eigene kleine verrückte Welt, in der wir leben. Kein leichter Film, aber bei Gilliam gibt es keine leichten Filme.

Titel, Cast und CrewTideland (2005)
PosterTideland Terry Gilliam Filmkritik

Release
ab dem 20.12.2018 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen (Affiliate Link)
RegisseurTerry Gilliam
Trailer
DarstellerJodelle Ferland (Jeliza-Rose)
Janet McTeer (Dell)
Brendan Fletcher (Dickens)
Jennifer Tilly (Queen Gunhilda)
Jeff Bridges (Noah)
DrehbuchTony Grisoni
Terry Gilliam
MusikJeff Danna Mychael Danna
KameraNicola Pecorini
SchnittLesley Walker
Filmlänge120 Minuten
FSKab 16 Jahren
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