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Three Thousand Years of Longing (2022) – Filmkritik

„Angenehm anders“

Im Kino sind originelle Geschichten im Stile von Märchen und Mythen kaum noch im Programm. Stets werden die gleichen Stoffe, Fortsetzungen oder Genrebaupläne verfilmt. Zu den alten Legenden und Erzählungen traut sich kaum einer etwas filmisch Neues zu erzählen. Regisseur George Miller ist da mutiger. Der australische Filmemacher, dessen Arbeiten nicht unterschiedlicher sein könnten – Endzeit-Action, Tier-Animation und Musical – konnte sich der Faszination einer Kurzgeschichte namens „The Djinn in the Nightingale’s Eye“ der britischen Schriftstellerin A.S. Byatt nicht entziehen. THREE THOUSAND YEARS OF LONGING (übersetzt: „Dreitausend Jahre der Sehnsucht“) ist nun die Filmadaption, die schon seit Jahrzehnten in den kreativen Gedanken des Regisseurs und Produzenten herumkreiste. Es ist aber viel mehr als eine willkommene Abwechslung voller erzählerischer Magie und orientalischer Geschichten. Es ist der spannende Dialog einer Frau mit einem Zauberer über die existenziellen Fragen unseres Lebens und das Schönste in diesem Dasein: die Liebe.

© LEONINE Studios

Handlung

In der Wissenschaft der Narratologie ist sie eine Koryphäe. Alithea (Tilda Swinton) forscht in den Geschichten und Mythen der alte Reiche bis in die Neuzeit. Sie lebt ein einsames, aber erfülltes Leben. Beruflich in Istanbul unterwegs, kauft sie auf einem Markt eine schöne blaugestreifte Glasflasche. Im Hotelzimmer – übrigens das Hotelzimmer in dem Agatha Christie „Der Mord im Orient-Express“ geschrieben hat – erscheint ihr nach der Reinigung des kleinen Souvenirs ein Dschinn (Idris Elba). Seine Freiheit nach ewiger Gefangenschaft in dem Flakon, dankt er ihr mit drei Wünschen. Doch Alithea ist mit ihrem Leben zufrieden, weiß aber auch von den unzähligen Geschichten dieser Art, die nie gut für den Wünscher oder die Wünscherin ausgegangen sind. Sie will viel lieber vom Leben des Dschinns hören und so reisen sie zusammen in vergangene Welten der Sehnsüchte, Magien, Intrigen und der ewigen Hoffnung.

© LEONINE Studios

Es war einmal …

Es dauert ein bisschen bis man sein eigenes Ego und die Erwartungen an THREE THOUSAND YEARS OF LONGING hinter sich gelassen hat. Allem voran die ersten Bilder und die einfachen Computereffekte lassen nichts qualitativ Hochwertiges erahnen. Das Visuelle bewegt sicher leider auf TV-Produktionsniveau, aber dank des sparsamen Budgets haben Regisseur Miller und Produzent Mitchell inhaltliche Freiheiten, die eines der großen Studios nie gewährt hätte. Der Film lässt sich in keine Art von marktanalytischer Zielgruppe pressen. Weder die Begriffe Familien- oder Märchenfilm werden dem Ganzen gerecht. Ein großer Anteil am Hinwegsehen über die anfänglichen Enttäuschungen der fehlenden kraftvollen Bilder in Qualitäten von MAD MAX: FURY ROAD haben wir den beiden Hauptdarstellern zu verdanken. Durch ihre Fähigkeiten kann man sich voll und ganz auf die Geschichte einlassen: Tilda Swinton in gewohnt extro-/introvertierten Rolle mit feingliedrigem Mienenspiel und Idris Elba, der Geltung, Gebrochenheit und den Hauch von Gefahr mühelos in jeder Einstellung abrufen kann. Aber wie schon erwähnt, ist THREE THOUSAND YEARS OF LONGING nicht der Film mit bahnbrechender filmischer Inszenierung, sondern ein Film über das Geschichtenerzählen.

© LEONINE Studios

Sender, Transmitter und Empfänger

Wenn Alithea und der Dschinn zu Beginn noch im Bademantel das Vertragliche verhandeln und das Kleingedruckte durchgehen, was solch mächtigen Wünschen stets innewohnt, ist man als Zuschauer bereits voll auf Empfang eingestellt. Wir wollen von Wünschen nichts hören, sondern uns hinzusetzen und vom Leben des Dschinns erfahren. Es sind vier Kapitel, von der ersten großen Liebe des Dschinns bis zur letzten Verbannung in die Flasche: „Die Königin Sheba“, „Die Sklavin von Suleiman“, „Der Sultan“ und „Die Konsequenz von Zefir“. Jede einzelne Geschichte ist voller Spannung und Magie. Der Dschinns erzählt mit rhetorischer Raffinesse und pointiertem Rhythmus. Aber Alithea ist ganz die Wissenschaftlerin, stellt Zwischenfragen und ertappt sich beim Erraten dessen was als nächstes passiert. Hier zeigt sich die große Stärke des Filmerlebnisses, dass es sich nicht nur um eine einseitige Narration handelt, sondern vielmehr um einen Dialog zweier Wesen, die immer wieder ihre Rolle als Sender, Transmitter und Empfänger wechseln. Am Ende ist es dann ihre Geschichte selbst, die Begegnung zwischen Alithea und dem Dschinn, die ihre eigene narrative Dynamik entwickelt.

© LEONINE Studios

Und die Moral von der Geschichte?

Viele der erzählten Geschichte lassen sich auf unser Leben beziehen, aber George Miller geht mit seiner Drehbuchautorin Augusta Gore noch einen Schritt weiter. Sie verorten THREE THOUSAND YEARS OF LONGING in die Gegenwart der Covid-Pandemie, der populären Meinungskonflikte und dem Informationsüberfluss. Kann denn in einer solchen Welt überhaupt noch ein Märchen erzählt werden, ohne dass es in seine Bestandteile zerlegt und bis zur Unkenntlichkeit ausdiskutiert wird? Die Antwort ist ein klares Ja, aber nur wenn man die Geschichte vor allem an sich selbst richtet, vielleicht um der Einsamkeit oder dem tristen Alltag damit zu entfliehen.

© LEONINE Studios

Fazit

Wem es gelingt, sich andächtig vor THREE THOUSAND YEARS OF LONGING zu setzen, eigene Erwartungen fallen zu lassen und wer aufmerksam hört und fühlt, wird beschwingt den Kinosaal verlassen. Ein paar Sorgen und Nöte weniger auf den Schultern, aber dafür mit einer liebevollen Erzählung im Herzen, die sich über das egoistische Wünschen hinwegsetzt.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThree Thousand Years of Longing (2022)
Poster
RegieGeorge Miller
ReleaseKinostart: 01.09.2022
ab dem 27.01.2023 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

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Trailer
BesetzungTilda Swinton (Alithea)
Idris Elba (Der Dschinn)
Aamito Lagum (Sheba)
Nicolas Mouawad (König Solomon)
Ece Yüksel (Gulten)
Matteo Bocelli (Prinz Mustafa)
Lachy Hulme (Sultan Suleiman)
Megan Gale (Hürrem)
Zerrin Tekindor (Kösem)
Ogulcan Arman Uslu (Murad IV)
Jack Braddy (Ibrahim)
Burcu Gölgedar (Zefir)
DrehbuchGeorge Miller
Augusta Gore
KameraJohn Seale
FilmmusikLogan Nelson
SchnittTom Holkenborg
Filmlänge108 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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