THELMA Eili Harboe

Thelma – Filmkritik

„Der nächsten Evolutionsstufe verfallen“

Das globale Superhelden-Film-Imperium hat in den letzten 15 Jahren das Blockbusterkino intensiv geprägt. DC und Marvel Comics haben die Grundlage für diese Heldenfilme gelegt und spielen Milliarden ein. Die kritischen Stimmen der Filmwelt werden langsam immer lauter und prangern diese wirtschaftliche Monopolstellung an. Es gibt im Kinospielplan kaum noch Platz für andere Filme, die nicht aus dieser Heldenschmiede kommen. Mich stört aber vor allem das Fehlen von Kreativität. Nicht in der Arbeit der Filmschaffenden von Avengers und Co.,  sondern viel mehr für den Zuschauer. Alle Welten, Kreaturen und Fähigkeiten werden meist bis ins kleinste Detail gezeigt und erklärt, es fehlt das Mystische und Geheimnisvolle. Dem Zuschauer bleibt nur noch die Passivität, welche die eigene Fantasie verkümmern lässt. Filme zu sehen ist nicht ein Prozess der Berieselung, sondern sollte den Zuschauer immer aktiv mit seinen Gedanken einbinden.

Und außerdem: Superman, Spider-Man, Batman, Iron Man, fällt euch was auf? Ja, es fehlt an weiblichen Superheldinnen. Sicherlich gibt es hier und da eine Jean Grey oder eine Black Widow, aber so richtig hat erst Gal Gadot als „Wonder Woman“ (2017) eine weibliche Perspektive dieser Testosteron-Welt hinzugefügt. Dass „Thelma“ diese beiden Ärgernisse, Unterforderung des Zuschauers und der Mangel an weibliche Heldinnen, ganz subtil beseitigt, hätte ich vor dem Film nicht erwartet.


© Koch Films

Inhalt „Thelma“

Eine strenge christliche Erziehung in der verlassenen Landschaft Norwegens prägte den Studienneuling Thelma (Eili Harboe). Sie lebt zum ersten Mal in einer Stadt und lernt Menschen in ihrem Alter kennen. Jeden Tag muss sie mit ihren Eltern telefonieren, die jedes Detail ihres Lebens wissen wollen. Das hört sich jetzt vielleicht nach übertriebener Fürsorge bei einem Einzelkind an, bekommt aber durch die Abfrage ihres Studienplans und des Facebook-Profils eher die Bedeutung von Kontrolle als die von Sorge. Thelma will ihr junges Leben jedoch genießen und kämpft mit ihrer strengen Erziehung und dem studentischen Freigeist. Sie lernt Anja (Kaya Wilkins) kennen und nach ein paar Blicken merken wir bereits, dass beide mehr als freundschaftliche Gefühle für einander haben. Thelma wiederfahren immer wieder eine Art epileptische Anfälle, die sie nicht nur die Kontrolle über ihren Körper verlieren, sondern auch auf die Umwelt in Form von Wind, elektrischen Schwankungen und Tieren, Einfluss nehmen lassen. Über welche Kräfte Thelma verfügt, erfahren wir schrittweise, genauso wie wir auch ihre Persönlichkeit und Vergangenheit kennenlernen.

Eine Welt zum Eintauchen

Die Hauptdarstellerin Eili Harboe ist eine natürlich schöne und junge Frau, die mit nur ein bisschen Lippenstift schon wieder eine ganz andere Seite von sich zeigen kann. Sie verleiht Thelma eine liebenswerte, aber auch sinnliche und starke Erscheinung. Der wenige, aber konzentrierte Dialog im Film lässt, zusammen mit den ruhigen Einstellungen und Pausen, viel Raum für die eigene Gedanken: Welche Fähigkeiten hat sie? Wie will sie diese kontrollieren? Gibt es einen Auslöser dafür in ihrer Kindheit? Inszenatorisch und handwerklich zeigt der Regisseur Joachim Trier („Louder Than Bombs“) eine ganz starke Leistung. Die Nebendarsteller, erstklassig mit Ellen Dorrit Petersen und Henrik Rafaelsen als ihre Eltern besetzt, runden mit dem „Girl of Interest“ Kaya Wilkins das Schauspielensemble ab. Es gibt hier keine großen Effekte, keine schwarzen Löcher, die sich im Himmel auftun oder bunte Lasershows. Es ist ein konzentriertes Abbild der Realität, die mit seltsamen Vorkommnissen und subtilen Ereignissen zu kämpfen hat: Ein Mensch, der aus einem geschlossenen Raum einfach verschwindet oder ein Schwarm Vögel, der gegen Fensterscheiben fliegt. Der Kameramann Jakob Ihre fängt das spannende Geschehen mit nordisch schlichtem Stil ein und grenzt sich weit von Psychofilmen mit banalen Schock-Effekten ab. Wenn „Thelma“ den Zuschauer erst einmal unter Kontrolle hat, dann für die kompletten zwei Stunden Film.


© Koch Films

Die Thematiken der Drehbuchautoren Joachim Trier und Eskil Vogt gehen weit über christliche Erziehung und Coming-of-Age-Perspektiven hinaus. Es wird nicht nur die Frage nach der Verantwortung über ihre seltsamen Psi-Kräfte gestellt, sondern auch nach der freien Wahl des Partners und dem Prozess der elterlichen Abnabelung. Dass die religiöse Familie Thelmas nicht an die menschlichte Evolution glaubt, aber ihre Tochter nun anscheinend die nächste Evolutionsstufe darstellt, ist nur eines der interessanten Gedankenspiele des Drehbuchs.

Fazit

„Thelma“ ist überraschenderweise in seiner filmischen Einfachheit, einer der komplexesten und spannendsten Filme dieses Kinojahrs und fordert nicht nur seine Darsteller, sondern auch die Gedanken seiner Zuschauer. Die Schlichtheit der schönen Bilder und die gefühlvolle Musik von Ola Fløttum schaffen eine Stimmung, aus der man sich nicht mehr befreien kann.

Wenn das Marvel-Universum die Süßwarenabteilung der Superheldenfilme ist, dann ist „Thelma“ ein 5-Gänge-Menü unter Polarlichtern.

Titel, Cast und Crew

Thelma (2017)

Poster

Thelma Kinoposter

Kinostart/
Veröffentlichung

22.03.18

Regisseur

Joachim Trier

Trailer

Schauspieler

Eili Harboe (Thelma)
Kaya Wilkins (Anja)
Henrik Rafaelsen (Trond)
Ellen Dorrit Petersen (Unni)

Drehbuch

Eskil Vogt
Joachim Trier

Kamera

Jakob Ihre

Musik

Ola Fløttum

Schnitt

Olivier Bugge Coutté

Filmlänge

116 Minuten

FSK

ab 12 Jahren

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter