Zum Inhalt springen

The Tiger (2015) – Filmkritik

In den letzten Jahrhunderten hat sich ein Raubtier gnadenlos an die Spitze der Nahrungskette gearbeitet: der Mensch. Doch es gibt so einige tierische Jäger, die ihm eine Zeitlang überlegen waren, bis die Menschheit sich mit Hilfe von Technik an die Spitze setzte. Filme lieben es diesen Kampf Mensch gegen Raubtier zu erzählen. Vor allem, weil es uns Menschen zu den Wurzeln des Überlebenskampfes zurückbringt und stets darstellt, welchen Preis die Welt zahlen wird, wenn die Natur weiter grausam vernichtet wird. THE TIGER erzählt von diesem Kräftemessen fein nuanciert, ohne seine Aufgabe eines spannenden Blockbusterfilms zu vergessen. Neben der Schauspielgröße Choi Min-sik (OLDBOY 2003) liegt hier ein wohl dosiertes Drehbuch vor, was eben nicht nur beliebte Genre-Punkte abarbeitet, sondern Raum gibt, über das Gesehene nachzudenken. Es geht bei weitem um mehr als den letzten Tiger Koreas.

© Pandastorm Pictures

Handlung

1925, Korea liegt unter der militärischen Macht Japans. In der Region um den zweithöchsten Berg Koreas, den Jirisan, kämpft das japanische Militär gegen die letzten wilden Tiger in den Wäldern als Zeichen ihrer Macht. Mit Hilfe von dort lebenden Jägern wie Goo-gyeong (Jeong Man-sik) und Chil-goo (Kim Sang-ho) will der japanische General Maezono (Ren Ôsugi) eine letzte große Trophäe. Der „Herrscher des Berges“, ein 400 Kilo schwerer, einäugiger Tiger treibt dort sein Unwesen und ist längst auf den Geschmack von Menschenfleisch gekommen. Doch selbst Fallen scheint er zu wittern. Es ist an der Zeit, den besten Jäger der Region zu beauftragen. Doch Chun Man-duk (Choi Min-sik) ist immer noch in Trauer um seine Frau und lebt das einsame Leben eines Heilkräutersammlers mit seinem 16-jährigen Sohn in den Bergen. Das Schicksal hat aber mehr mit ihm vor.

© Pandastorm Pictures

Von Wert

Mittlerweile gehören südkoreanische Produktionen zu den besten der Welt. Requisiten, Szenenbilder und Kostüme werden mit bester Kameratechnik aufgenommen. Dreck klebt an den zerschlissenen Kleidungen der Dorfbewohner, die hornigen Finger der Darsteller sind zerrissen und die Gesichter von Kälte gezeichnet. Einzig die digitalen Effekte können bei solch gestochen scharfen und farbbrillanten Bildern nicht mithalten. Zu Beginn ist der Tiger selten komplett zu sehen, was die Illusion aufrechthält, aber zum Filmende tritt er immer mehr in seiner majestätischen Größe auf, die auch seinen digitalen Ursprung preisgibt. Was trotz der herrlichen Aufnahmen in den Wäldern mit Schneetreiben und feinen Winden schmerzt, ist das kein einziges echtes Tier zu sehen ist. Ein paar Tauben werden einmal aus der Kiste gelassen, das war es leider. Professionelle Tieraufnahmen, sei es von Insekten oder Kleintieren, hätten das Naturschauspiel viel realer werden lassen.

© Pandastorm Pictures

Mehr als eine Legende

Was THE TIGER von ähnlichen Produktionen Mensch gegen Wildnis unterscheidet ist die Themenvielfalt die clever in die Handlung eingebettet wird. Bestimmte Handlungseckpunkte, die man erwartet, werden geschickt ausgesetzt und, was viele Drehbuchschreiber dieser Tage vergessen, die Handlung wird von den Figuren vorangetrieben nicht den Ereignissen. Wenn man erwartet, dass der Sohn entführt wird, damit Chun seinen Jagdauftrag erfüllt, macht die Geschichte etwas anderes, was viel nachvollziehbarer ist. Sie konzentriert sich auf die Motivation des Jungen. Die wenigen Zeitsprünge in die Vergangenheit sind auch nur dazu da, etwas Neues zu erzählen, nicht ihrer Existenz wegen. Mit solchen Mitteln wird die Welt, in der diese märchenhaften Legende erzählt, räumlich und nachvollziehbar.

© Pandastorm Pictures

Der Sohn will lieber mit dem Kopf Geld verdienen, anstatt hart zu arbeiten. Das neue Leben ist in der Stadt, nicht auf dem Land und für die Heirat mit seiner Jugendliebe braucht er finanzielle Mittel. So tritt er von sich aus in den Kampf mit dem Tiger. Die nächste Generation will sich weiterentwickeln, muss nun aber doch mit den Fehlern der vorherigen leben. Eine weitere erzählerische Schicht ist die Jäger-Konkurrenz von Chun: ein redseliger Chil-goo und ein narbiger Goo-gyeong, beide entwickeln sich Stück für Stück in dieser Jagd, ohne in Stereotypenrollen zu fallen. An ihnen wird auch der nationale Verrat gezeigt, sie müssen, um zu überleben, ihre Welt für die Invasoren ausbeuten.

© Pandastorm Pictures

THE TIGER entwickelt sich im Verlauf zu einem Rachekampf des Tigers gegen seine Aggressoren. Das Tier wird immer mehr vermenschlicht, so dass man beginnt Rachegefühle, Trauer oder Verständnis in die Raubkatze hineinzuinterpretieren. Dass mag für die einen zu viel werden, aber es öffnet auch eine Tür für Interpretationen. Immer wieder ist von Rebellen in den Bergen die Rede, die den Japanern trotzen. Man sieht jedoch nie welche. So kann der Tiger ein Symbol für den Widerstand gelten und der Kampf Tier gegen Mensch wird zur Kriegsmetapher. Und junge Menschen werden mit dem Versprechen auf ein besseres Leben in die Schlacht gezogen. Treffend gezeichnet in einer Szene, wenn ein Soldatenführer dem Jungen ein Gewehr schenkt, um damit gegen den Tiger zu kämpfen und sein Schicksal damit zu besiegeln. Die Interpretationsebene wird nie offensichtlich in den Vordergrund gestellt, sondern kommt immer wieder dann auf, wenn sich die Inszenierung Zeit nimmt und man sich fragt. wozu noch weitere Soldaten der Bestie zum Fraß vorgeworfen werden.

© Pandastorm Pictures

Fazit

Der Film lebt von der koreanischen Schauspielgröße Choi Min-sik, aber THE TIGER ist auch eine vielschichtige Fabel, die sich Zeit für ihre Figuren und die Welt, in der sie leben, nimmt. Auch wenn ein paar Szenen zu lang und etwas weniger Bombast der Inszenierung gutgetan hätte, ist es definitiv einen Blick wert.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Tiger (2015)
OT: Daeho
Poster
Releaseseit dem 29.04.2022 auf Blu-ray & DVD erhältlich.

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurPark Hoon-jung
Trailer
BesetzungChoi Min-sik (Chun Man-duk)
Jeong Man-sik (Goo-gyeong)
Jeong Seok-won (Offizier Ryu)
Jung Ji-so (Sun-yi)
Lee Na-ra (Mal-nyeon)
Ren Ôsugi (Maezono)
Ra Mi-ran (Chil-goo's Frau)
Kim Sang-Ho (Chil-goo)
Sung Yoo-Bin (Suk-yi)
Kim Hong-pa (Heilkräuter-Verkäufer)
DrehbuchPark Hoon-jung
KameraLee Mo-gae
MusikJo Yeong-wook
SchnittChangju Kim
Filmlänge136 Minuten
FSKab 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.