The Sparks Brothers (2021) – Filmkritik

Manche Musiker kommen aus dem Nichts, erstrahlen vor einem Millionenpublikum und werden mit ihren Plattenverträgen nie wieder Geldsorgen haben. Dann gibt es Künstler, die früh erfolgreich sind und nach ein paar schlechten Entscheidungen nur noch ein jämmerliches Dasein fristen oder sogar den frühen Tod finden. In keine der beiden Kategorien passt die Band Sparks. Seit über 50 Jahren beeinflusst ihre Kreativität mit über 25 Alben das Ökosystem der Musikindustrie auf indirekte Weise. Sparks, die Brüder Russel und Ron Mael, das sind für einige erfahrene Musikfans die Urväter der Popmusik. „Die Lieblingsband deiner Lieblingsband“, wie es so treffend auf dem Filmposter heißt. Es wird Zeit, dass dieser Einfluss auch filmisch beglaubigt wird mit THE SPARKS BROTHERS und den dreht kein anderer als der britische Autorenfilmer, Filmnerd und Sparks-Fanboy Edgar Wright (BABY DRIVER, SHAUN OF THE DEAD).

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Der Dokumentarfilm kann nur zum Scheitern verurteilt sein, denn wie soll man ein solches Füllhorn an Kreativität und Kunst in einen Film packen? Edgar Wright inszeniert das ganz clever, denn ihm gelingt es beide potentiellen Zuschauergruppen in die Kinos bzw. vor den Fernseher zu locken: Diejenigen, welche schon weit in das Universum von Sparks abgetaucht sind und mit THE SPARKS BROTHERS die volle Ladung persönlicher Eigenheiten und kreative Entscheidungsgründe des musikalischen Brüderpaars bekommen. Es werden aber auch die Zuschauerinnen und Zuschauer, die noch keine Ahnung von den einzigartigen Masterminds haben, abgeholt. Für die Unwissenden werden sich bei einigen Songs brachiale AHA-Effekte (vielleicht mit „When Do I Get To Sing My Way“?) einstellen. Selbst kann ich mich zur zweiten Gruppe zählen, der einfach auf die Expertise von Edgar Wright vertraute und während des Films einen melodischen Funken nach dem anderen in die Augen gestreut bekam.

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Zeitzeugen

Es gibt viele, die etwas zu erzählen haben, allen voran die aktuellen und Ex-Bandmitglieder, Produzenten, Journalisten und andere Musiker (Beck, Flea, Steve Jones). In einer monochromen Interview-Box-Situation geben sie Anekdoten und musikhistorische Meilensteine zum Besten, selbst eine Träne darf bei einer sechs Jahre anhaltenden Finanzdurststrecke von Sparks vergossen werden. Sonst bleibt THE SPARKS BROTHERS ein fröhlicher Film, auch dank seiner Hauptfiguren, die immer leichtfüßig ironisch kreativ sind, aber stets auf einen enormen Fundus an Songarbeiten zurückblicken können. Wenn man alle B-Seiten mit dazurechnet, stammen über 800 Songs aus der Feder von Ron und Russell Mael. Nach jedem Album scheinen sie ihre neu entdeckte musikalische Stilrichtung niederzubrennen und wieder von Neuem über Musik nachzudenken. So kam es, dass sie in der 70ern einfach mal vier Musikrichtungen abfrühstückten: Pop, Rock, Punk und Synthie-Pop. Für musikalische Laien wie mich, ist jeder neue unbekannte Song von einem Rausch begleitet. Nicht nur die musikalische Richtung der unbekannten Lieder ist schwer festzumachen, sondern auch die völlig irren Musikvideos dazu. Zusätzlich philosophiert noch ein Zeitzeuge über die äußerst verqueren, poetischen Texte. Deswegen sind die 140 Minuten von THE SPARKS BROTHERS Geschichtsunterricht der Popmusik in Extremform. Als ob jemand einem den Stecker direkt ins Großhirn einklinkt, schon rauscht man durch den Sparks-Kosmos, vergisst zu trinken, zu atmen oder sogar zu blinzeln.

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Der Einblick

Tausende Fotos, Archiv- und Liveaufnahmen sind flüssig zusammengeschnitten. Vor allem alte Fotos und Videos sind sauber restauriert, so dass nie das Gefühl aufkommt in der staubigen Mottenkiste von ein paar verkappten Musikern, die nie den Erfolg hatten, den sie verdient haben, zu wühlen. Auch verschiedene Erinnerungen der Zeitzeugen an einen Moment, wie etwas „wirklich“ geschehen ist, montiert Edgar Wright ironisch zusammen. Film buff Wright lässt es sich nicht nehmen auf zwei Filmarbeiten der Sparks zu verweisen: Der Liveauftritt im Thriller ACHTERBAHN (1977) und der noch frische Erfolg, die komplette Musik im Musical ANNETTE (2021). Der Film hat leider noch keinen Verleih in Deutschland gefunden.

© Anna Webber

Was bleibt universell zu ergründen, wenn man von diesem kreativen Berg aus Melodien, verschlüsselter Lyrics und Art-Pop-Musik-Videos regelrecht überschwemmt wird? Eine der Grundfragen: Wie kann es Künstlerinnen und Künstlern gelingen über einen langen Zeitraum kreativ und gleichzeitig originell zu bleiben? Vor allem wenn die kommerzielle Dringlichkeit wichtiger wird als die Kunst selbst, ist der Ausverkauf nicht mehr weit entfernt. Für mich als Filmnerd, lässt es sich auch mit dem in THE SPARKS BROTHERS genannten Regisseur Tim Burton vergleichen. Burton hat meiner Meinung nach irgendwann die Verbindung zur künstlerischen Aussage verloren und arbeitet nur noch mit den Stilen, für die er bekannt ist. Als Gegenbeispiel kann ich die Filme der Coen-Brüder nennen, wo selten ein Werk dem anderen ähnelt und das Kunststück, das einzigartige Erlebnis im Vordergrund steht. Apropos Brüder, das kreative Teamwork von Geschwistern ist auch ein Aspekt, der zum Ende von THE SPARKS BROTHERS kurz beleuchtet wird, ohne sein Geheimnis zu verraten.

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Fazit

Also, liebe Leser und musikalisch Interessierte: Ob man die Band Sparks kennt oder sie erst noch kennenlernen wird, entscheidet nicht darüber, ob man sich THE SPARKS BROTHERS ansehen sollte. Viel wichtiger sind die kleinen vertrauensvollen Verbindungspersonen, die man zu ihnen hat. Für mich war es der Regisseur Edgar Wright, für andere vielleicht die Band Franz Ferdinand mit denen Sparks ein Album aufgenommen hat (F.F.S.), für andere wiederum einer der coolsten Clubsongs als Geburt des Synthie-Pop („The Number One Song in Heaven“) oder aber die coolsten Plattencovers der Musikgeschichte. Seht und staunt:

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Sparks Brothers (2021)
Poster
RegisseurEdgar Wright
ReleaseKinostart: 08.10.2021
ab dem 30.06.2022 auf UHD, Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungRon Mael
Russell Mael
Beck
Jane Wiedlin
Christi Haydon
Dean Menta
Harley Feinstein
Tony Visconti
Mike Myers
Fred Armisen
Giorgio Moroder
'Weird Al' Yankovic
Flea
Jason Schwartzman
Nick Rhodes
Steve Jones
John Taylor
Patton Oswalt
KameraJake Polonsky
SchnittPaul Trewartha
Filmlänge140 Minuten
FSKAb 6 Jahren

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