THE REPORT Adam Driver

The Report (2019) – Filmkritik

„Das Gewicht der Informationen“

In unserer schnelllebigen Welt der Informationen findet immer wieder eine Gewichtung und Aussortierung statt. Da können schon mal Umweltkatastrophen von einem Sieg der deutschen Nationalmannschaft im Newsticker abgelöst werden. Spiegel-Online macht zum Beispiel keinen Hehl daraus, seine News-Reihenfolge der Nachfrage nach zu sortieren. Verständlich, dass ein neues Eisbärenbaby für mehr Klicks sorgt als die Veröffentlichung einer 500 Seiten starken Zusammenfassung über die Foltermethoden der USA nach den Anschlägen am 11. September 2001.

Was ich an Filmen schätzen gelernt habe, ist die unterhaltsame Aufbereitung von geschichtlichen Fakten. Klar ist sie immer subjektiv und will die Meinung der Zuschauer beeinflussen, aber einen 50 cm dicken Stapel geschwärzte Beweisführung, in der klar steht, dass die CIA gegen Menschenrechte verstoßen und Gefangenen schwere körperliche und psychologische Folter angetan hat, werden die wenigsten lesen. Für so einen Wahrheitsbericht lege ich gern meine Skepsis gegenüber den Streamingdiensten im Kinoprogramm ab und schaue THE REPORT von den Amazon Studios.

Inhalt

Daniel Jones (Adam Driver) fällt nicht gerade unter die Kategorie Extrovertiert und Charismatisch. Das ist ihm aber durchaus bewusst. Er will dennoch in der Politik mitmischen, aber eher im Hintergrund mit Analysen und Strategien. Was einer schnellen politischen Karriere recht hinderlich ist: Jones hat eine klare moralische Vorstellung Gutes zu tun. Als Assistent für einen Senatorenanwärter mit zu wenig Berufserfahrung abgelehnt, beginnt er seinen Dienst beim US-Senat und bekommt die unattraktive Aufgabe in umfangreichen Aufzeichnungen zu recherchieren.

2005 ließ Jose Rodriguez, Chef der NCS – eine CIA-Abteilung, deren Aufgabe es ist, die Umstände des 9/11 zu erfassen – 100 Videoaufnahmen der Befragungen Terrorverdächtiger löschen. Die Suche nach Terroristen plus die Kommunikation innerhalb der NCS wurde jedoch akribisch auf Millionen von Seiten dokumentiert. Diese soll Jones im Auftrag der US-Senatorin von Kalifornien, Dianne Feinstein (Annette Bening) durchgehen. Es werden fünf Jahre voller erschreckender Details, politischer Ignoranz und persönlicher Grabenkämpfe zu einem Musterbeispiel, dass Politiker von ihrer Wählerschaft längst losgelöst sind.

THE REPORT Annette Bening
© ATSUSHI NISHIJIMA © Amazon Studios & DCM

Drehbuchfilmer

Es ist das Spielfilm-Regiedebüt von Scott Z. Burns, der hauptsächlich für Steven Soderbergh Drehbücher geschrieben hat, wie zum Beispiel CONTAGION oder SIDE EFFECTS. Außerdem ist er für die Geschichte des 25. Bond-Films mitverantwortlich. THE REPORT lebt dank ihm von der starken Geschichte und den spannenden Dialogen, trotz der recht trockenen Thematik. Inszenatorisch lässt er sich zu zwei ungewöhnlichen Ideen hinreißen: Zu Beginn wird die Figur Daniel Jones noch mit viel Bildsprache charakterisiert: Jones fotografiert vor seinem Bewerbungsgespräch wie ein Schuljunge das Capitol in Washington und lässt eine Schneekugel als Symbol des Hoffnungsverlusts in einem Büro liegen. Danach gehört die Figur ganz dem talentierten Darsteller Adam Driver (STAR WARS VII-IX, PATERSON) und dieser erfüllt sie während des Verlaufs mit immer mehr Stärke, Sturheit und Energie. Kein Wunder bei den Lügen und dem Irrsinn, die er bei seiner Suche mehr und mehr ans Tageslicht befördert.

Die zweite gelungene Regie-Entscheidung von Burns sind die Folterszenen. Noch zu Beginn werden sie nüchtern in einer Power-Point-Präsentation „wissenschaftlich“ dargelegt und danach in ihrer ganzen Härte auch dem Zuschauer gezeigt. Die Bilder der gewalttätigen Befragungen und die Passivität des CIA-Personals, darunter auch zwei eiskalte Frauen (Maura Tierney und Joanne Tucker), sind stark genug und hallen bis zum Abspann im eigenen Bewusstsein nach.  Diese grausamen Bildern sind nach dem ersten Filmdrittel nicht mehr zu sehen. Brauchen sie auch gar nicht, denn jetzt steht der Kampf die Verantwortlichen zu verurteilen im Mittelpunkt eines 6.700 Seiten langen Reports. Das ist jedoch nach dem Regierungswechsel von George Bush Jr. zu Barack Obama extrem schwierig. THE REPORT ist auch ein Plädoyer dafür, dass Verantwortung nicht mit einer Wahlperiode endet. Jeder soll auch nach seinem Amt für Entscheidungen noch zur Rechenschaft gezogen werden.

THE REPORT Jon Hamm
© ATSUSHI NISHIJIMA © Amazon Studios & DCM

Die Räume der Politik

Hauptfigur Daniel Jones hat Rückendeckung durch die mittlerweile älteste US-Senatorin Kaliforniens Dianne Feinstein, gespielt von Annette Bening (AMERICAN BEAUTY, CAPTAIN MARVEL). Bening gibt die starke Politikerin souverän und analytisch. Nicht immer zum Wohl der Gemeinschaft, sondern auch mal zu Gunsten der eigenen Karriere. Wenn die Senatorin einfach im Gespräch den Raum verlässt und Jones verständnislos zwinkernd zurücklässt, kann er sich immer wieder Zusammenhänge von der Assistentin Marcy Morris (Linda Powell) erklären lassen. Morris brauchen auch wir als US-Politik-Amateure dringend für das Verständnis der Zusammenhänge.

THE REPORT ist ebenso ein filmisches Dokument der politischen Räume. Wer bei der Netflix-Serie HOUSE OF CARDS schon unterwegs war, kennt die sauberen, farblosen Räume mit kolonialem Dekor. Hier ist die Entscheidung bereits getroffen bevor ein Gremium oder der Senat darüber abstimmt. Es ist eine Politik der Hinterzimmer. Stark bleibt die Szene in einem gläsernen Konferenzraum mit dem Anwalt Corey Stoll (Cyrus Clifford) und Daniel Jones im Gedächtnis, die mit einem Zeitsprung-Rahmen im Film noch mehr Bedeutung bekommt. Jones wird von der CIA wegen Datendiebstahl verklagt und er sucht bei dem Verteidiger Stoll rechtliche Beratung. Stoll dringt mit wenigen Fragen zum Kern des Falls vor. Nicht etwa, ob der Report der Wahrheit entspricht, sondern dass die Klage ein finanzielles Ausbluten von Jones ist und er somit seinen Recherchen nicht mehr nachgehen kann.

„They want, that you bleed your money all over my floor.“

Stoll spricht die Wahrheit aus, kritisiert aber auch nicht, warum er eine sechsstellige Gage bereits vor dem Gerichtsprozess erhält. Die Ungerechtigkeit ansprechen, aber vom eigenen Wohlstand nichts abgeben: Eine neue Form des liberalen Kapitalismus wird hier vorgeführt.

THE REPORT Adam Driver
© ATSUSHI NISHIJIMA © Amazon Studios & DCM

Snowden vs. Jones

Im Vergleich zu Edward Snowden, der ebenfalls gelungen in SNOWDEN porträtiert wurde, ist Daniel Jones emotionaler und nicht so analytisch wie der Programmierer. Außerdem will er den Bericht mit legalen Mitteln an die Öffentlichkeit bringen. Jones hat noch Vertrauen in das politische System, wohingegen Snowden nach seinem Diebstahl von vertraulichen Dokumenten einem Leben im Exil nicht entkommen konnte. Jones ist im Gegensatz zu Snowden auch von der US-Regierung mit der Untersuchung beauftragt worden. Es ist eine Chance auf Selbstheilung im System und vielleicht ein Lichtblick für alle pessimistischen Politikinteressierten. Wir Zuschauer bringen Jones aber auch viel Mitgefühl entgegen: Über Jahre hinweg arbeitet er sich akribisch in einem Büro mit Luftschutzbunker-Atmosphäre durch einen Haufen Informationen. Wir wollen, dass er Erfolg hat. Die Filmmusik von David Wingo, der bereits in TAKE SHELTER die Paranoia lieblich vertonte, schafft es auch in THE REPORT diesem „Stapel an erschreckender Wahrheit“ eine akustische Hoffnung angedeihen lassen.

Fazit

Ich springe über meinen Schatten und spreche eine ganz klare Filmempfehlung für diese Amazon-Produktion aus, welche für Prime-Kunden einen Monat nach Kinostart verfügbar ist. Die Wahrheit, dass Folter keine einzige vertrauenswürdige Information hervorbringt, muss bekannt werden. THE REPORT hat jedoch bei der aktuellen politischen Lage der USA noch einen viel herberen Nachgeschmack, wenn man sieht, welche Energie nötig ist, etwas längst Vergangenes aufzudecken. Kaum vorstellbar, dass diese Kraft nach einer bzw. zwei Legislaturperioden von Donald Trump vorhanden sein wird. Ich lasse mich gern eines Besseren belehren.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Report (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 07.11.2019
RegisseurScott Z. Burns
Trailer
BesetzungAdam Driver (Daniel Jones)
Corey Stoll (Cyrus Clifford)
Evander Duck Jr. (Off Site Security Guard) Jon Hamm (Denis McDonough)
Linda Powell (Marcy Morris)
Annette Bening (Senator Dianne Feinstein)
DrehbuchScott Z. Burns
KameraEigil Bryld
MusikDavid Wingo
SchnittGreg O'Bryant
Filmlänge119 Minuten
FSKderzeit unbekannt

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