The Nightingale (2018) – Filmkritik

„Die Nachtigall, der Mangana und der Adler“

Man sollte meinen, dass Jennifer Kents zweiter Film, also der Nachfolger zum Festivalhit und Horrordiamant THE BABADOOK, etwas mehr Aufmerksamkeit seitens der internationalen Presse erfahren hätte. Aber nein, THE NIGHTINGALE erfuhr zwar große Wertschätzung in seinem Produktionsland Australien, aber abseits des lokalen Jubels sah es eher düster aus. Gut, 2019 war für den Horrorfan ein ertragreiches Jahr: Ari Aster illustrierte den folkloren Tageslichthorror in MIDSOMMAR, das zweite Kapitel von IT stellte seinen in fast allen Punkten enttäuschenden Vorgänger mühelos in den Schatten, Claire Denis erforschte die Hoffnungslosigkeit in HIGH LIFE und die Ikone Chucky kehrte in einem überraschend unterhaltsamen Reboot auf die Kinoleinwände zurück. THE NIGHTINGALE wischt jedoch mit all diesen, mehr oder weniger starken Einträgen, mühelos den Boden und übertrifft auch Kents Vorgängerfilm bei Weitem.

The Nightingale (2018)
Courtesy of Sundance Institute | Photo: Kasia Ladczuk © Koch Films

Handlung

Tasmanien zur britischen Kolonialzeit: Die irische Strafgefangene Clare Carrol (Aisling Franciosi) und ihr Ehemann Aiden (Michael Sheasby) sind Zwangsarbeiter der britischen Armee. Clare konnte sich, dank ihres Aussehens und ihrer engelsgleichen Gesangsstimme, ein wenig Komfort erarbeiten. Bis Leutnant Hawkins (Sam Claflin) nach einem besonders wüsten Trinkgelage über sie herfällt. Das fällt auch dem Oberst auf, der Hawkins’ Beförderungsambitionen als Konsequenz zerschlägt. Hawkins, zutiefst verärgert (und wieder einmal betrunken) ermordet daraufhin Aiden und Clares Baby. Zusammen mit dem Aborigine Billy (Baykali Ganambarr) macht sie sich durch die australische Wildnis auf, um Rache an dem despotischen Vergewaltiger, Gatten- und Babymörder zu nehmen.

Photo: Matt Nettheim © Koch Films

Wie lässt sich THE NIGHTINGALE einordnen?

Auf den ersten Blick spricht einiges für einen modernen Vertreter des „Rape and Revenge“ Genres, welches in den 1970er-Jahren mit den Exploitation-Meilensteinen LAST HOUSE ON THE LEFT und I SPIT ON YOUR GRAVE auf sich aufmerksam machte. Die Klassifizierung mag bei näherem Hinsehen nicht so recht passen, denn „exploitig“ ist THE NIGHTINGALE nie. Selbst in den bedrückenden und magenumdrehenden Vergewaltigungen gesteht Kent ihrer Heldin einen letzten Rest Würde zu und scheut sich davor, Details, die sowieso niemand sehen will, zu zeigen (Wir erinnern uns kurz an Jay Roachs BOMBSHELL, der zwar die sexuelle Belästigung bei FOX News anprangern wollte, es sich aber nicht nehmen ließ, sich an eben jener Belästigung an der Figur Margot Robbies geradezu genüsslich lippenleckend zu weiden). Mit zunehmender Laufzeit wird klar: THE NIGHTINGALE ist ein Western, inklusive THE-SEARCHERS-Referenz gegen Ende. Mehr noch als dem Topos der Rache ist dem Film die Erfassung des Landes übergeordnet, die Bewegung durchs Undurchquerliche und das gewaltsame Annektieren des Raumes durch den weißen Mann. Mit viel Respekt behandelt Kent die Aborigines, lässt ihren Sorgen und Traumata sogar fast mehr Raum als der Mission der Hauptfigur. Die Rachegeschichte entpuppt sich beim Einsetzen des Abspanns als weitere Facette des Hauptdiskurses des Filmes: Die unmenschlichen Verbrechen der britischen Kolonialisten.

Photo: Matt Nettheim © Koch Films

Ein vielschichtiger und komplexer Film ist THE NIGHTINGALE geworden, der unbedingt in der OV genossen werden sollte. Die mehrdeutigen Dialoge sind höchste Drehbuchkunst und lassen sich einfach nicht ins Deutsche übertragen, sei dies nur, weil etwa „the thief“ an sich keine Auskunft über das Geschlecht gibt.

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Geschlechterrollen sind ein weiteres großes Thema für Regisseurin Jennifer Kent. War THE BABADOOK eine Metapher auf Mutterschaft, erforscht Kent hier die Urbilder des Femininen und des Maskulinen. Hauptfigur Clare trägt den ganzen Film über ein Kleid, die britischen Soldaten, logisch, ihre Uniform. Und diese Uniformen bedeutet eben Macht und Status, während Clares zusehends verdrecktes Kleid ihr keinen Respekt entgegenbringt. Eine Pistole bedeutet Macht und irgendwo auch Potenz, in einer der eindrucksvollsten Szene des Films verbindet Kent durch das Übergeben einer Waffe kindliche Unschuld und archaische Gewalt. Schon die Eröffnungsszene illustriert den komplexen Charakter Clares nahezu perfekt, es ist beinahe die Art von erstem Bild, dass an sich schon den ganzen Film in zehn Sekunden zusammenfasst. Mit ihrem Baby auf dem Arm stapft Clare durch den Wald. Auf den ersten Blick ein kanonisiertes Bild für die treusorgende Mutter. Wenn da nicht das Messer wäre, dass sie zudem in der Hand hält. Hure oder Heilige, Mutter oder Killerin – die Rollen für Frauen in der Filmwelt sind stark polar.

The Nightingale (2018)
Photo: Matt Nettheim © Koch Films

Kent tut über die fast 140 Minuten Laufzeit ihres Filmes alles dafür, diese kanonisierten Grenzen aufzuweichen. Dazu kontrastiert sie zunächst: Gegenübergestellt wird klinisch-penibles Arbeiten in der Küche gegen die unrasierten, vulgären Soldaten, die sich auf den Krieg vorbereiten. Plötzlich überlappt der Ton vom Exerzierplatz in Clares vorher so klar gekennzeichneten Raum und die Anweisungen Hawkins’, man solle doch bitte schießen, akustiert nun plötzlich das feminine Haarekämmen. Solch desorientierende, grenzenverwischende Szenen sind das Herzstück von THE NIGHTINGALE, die neben einem emotionalen und teilweise knüppelharten Western auch eine kluge Reflexion über das filmische Frauenbild abliefert. Aisling Franciosis meisterhaftes Spiel, das in einer gerechten Welt sämtliche vergebbare Darstellerpreise bekommen hätte, lässt gerade diesen reflexiven Aspekt zum Hochgenuss werden. Clare ist sich ihrer Rolle als Objekt stets bewusst, beherrscht meisterlich ein Spiel mit mehren, den jeweiligen Situationen angemessenen Masken und kämpft mühsam gegen eben jene Objektifizierung an. Dies gipfelt in der aus dem Giallo bekannten Messerpenetrationsermächtigung.

The Nightingale (2018)
Photo: Matt Nettheim © Koch Films

Es kann nicht genug über diesen faszinierenden Hauptcharakter geschrieben werden, denn Clare ist bei Weitem keine strahlende Heldin. Sie mag aufs allerschlimmste verletzt und benutzt worden sein, ist aber gegenüber Billy, der ja noch viel mehr als sie selbst ein Leidtragender der englischen Soldaten ist, zunächst genauso rassistisch eingestellt wie ihre Peiniger. Kent präsentiert keine Figuren im simplen Gut-Böse-Schema, sie lässt Raum für Irritationen und Widersprüche. Selbst der von Sam Claflin herrlich widerlich angelegte Hawkins hat verständliche Gründe für sein Handeln, muss er doch letzten Endes auch nur eine Rolle in einem System spielen, welches Kent in seinem Ablauf ebenfalls ausführlich beleuchtet.

THE NIGHTINGALE ist einer der besten Filme des Jahres. Er ist aber, nicht nur ob seiner Brutalität und Rohheit, sondern seiner immensen Komplexität und Vielschichtigkeit, von der FSK zurecht ausgewiesen, ein Film für Erwachsene.

© Fynn

Titel, Cast und CrewThe Nightingale (2018)
Poster
Releaseab dem 25.06.2020 im Mediabook und auf Blu-ray bzw. DVD

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RegisseurJennifer Kent
Trailer
BesetzungAisling Franciosi (Clare)
Michael Sheasby (Aidan)
Baykali Ganambarr (Billy)
Claire Jones (Harriet)
Damon Herriman (Ruse)
Sam Claflin (Hawkins)
Harry Greenwood (Jago)
Eloise Winestock (Luddy)
Ewen Leslie (Goodwin)
Charlie Jampijinpa Brown (Onkel Charlie)
DrehbuchJennifer Kent
KameraRadek Ladczuk
FilmmusikJed Kurzel
SchnittSimon Njoo
Filmlänge136 Minuten
FSKab 18 Jahren

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