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The Night – Es gibt keinen Ausweg (2020) | Filmkritik

Horrorfilme aus dem Iran? Gibt es das überhaupt? Der Einzige, der mir spontan einfällt, ist A GIRL WALKS HOME ALONE AT NIGHT (2014), zwar wurde er in den USA produziert, aber die britische Regisseurin Ana Lily Amirpour, mit iranischer Abstammung erschafft hier ein einmaliges filmisches Kunstwerk in faszinierenden Schwarz-Weiß-Bildern mit einer spannenden Story über Vampire und ihr Leben im Iran. Umso mehr war ich gespannt, was der neuste Beitrag, ebenfalls eine US-iranische Produktion mit dem Titel THE NIGHT, zu bieten hat. Auf dem Regiestuhl finden wir den Iraner Kourosh Ahari, den es im Alter von 19 Jahren in die Neue Welt zog, um dort seiner Leidenschaft dem Filmemachen nachzugehen. Zudem wurde THE NIGHT als erster in den USA produzierter Film seit der 1979er-Revolution für das iranische Kino zugelassen.

© Koch Films

Handlung

Die junge Familie Babak (Shahab Hosseini), Neda (Niousha Noor) und ihr Kind Shabnam Naderi verfahren sich nach einer Party bei Freunden und beschließen kurzerhand in einem Hotel zu übernachten. Das ist schnell gefunden, doch nun entwickelt sich der Abend zu einem nicht enden wollenden Albtraum für alle beteiligten. Etwas Dunkles und Böses hält sich in den alten Mauern verborgen. Etwas, das über alle Fehler und Sünden seiner Bewohner informiert ist und es fordert Sühne für die begangenen Entgleisungen.

© Koch Films

Die Sünden deiner Vergangenheit

Dass die Beziehung zwischen Babak und Neda auf wackligen Beinen steht, ist gleich in den ersten Minuten ersichtlich. Dieser Eindruck verstärkt sich im Verlaufe des Films und formt sich, bildlich gesprochen, zu einem groben Keil aus, der zwischen beiden steckt. Um was es sich dabei genau handelt, entfaltet sich erst nach und nach in Kourosh Aharis Geschichte. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das neue Tattoo der beiden. Eine Art arkanes Bogenmuster an komplementären Stellen an ihren Handgelenken, doch keiner der beiden kennt die wahre Bedeutung davon. Die folgende Autofahrt deckt prompt weitere Probleme der kleinen Familie auf, die schließlich ihren vorläufigen Höhepunkt bei Ankunft im mysteriösen Hotel Normandie erreichen.

© Koch Films

Das Innere des Hotels, das es wirklich in Los Angeles gibt, erinnert im ersten Moment an das Overlook aus SHINING und dann auch wieder nicht. Verwinkelte Gänge, Zimmer an Zimmer, keine Menschenseele weit und breit, seltsame Geräusche und unheimliche Schatten. Der Portier, gespielt von George Maguire, setzt dem ganzen noch die Krone auf. Seine kurzen Auftritte sind genial und gruselig bis ins Mark. Mit jeder Szene, die der Film voranschreitet, erkennt der Rezipient die kleinen, aber feinen Unterschiede zum legendären Overlook. Langsam Erahnen wir, dass es um etwas anderes geht, aber nicht minder ebenso Böses als in dem verschneiten Archetyp. Eine höllische Schnitzeljagd beginnt, die gespickt ist mit Überraschungen und Schrecken, sowohl für den Zuschauer wie auch für die Protagonisten. Und wenn Babak und seine Familie tatsächlich für kurze Zeit einen Ausweg aus dem Hotel finden, ist da noch der ominöse Obdachlose, der sie mit unverständlichen Aussagen aufhält. Mehr als einmal erinnert sich in diesen Momenten der Zuschauer an Alice Cooper, in einer ähnlichen Rolle, in John Carpenter‘s DIE FÜRSTEN DER DUNKELHEIT (PRINCE OF DARKNESS, 1987). Für den Rezipienten bleibt nur die Erkenntnis, dass der Einfluss des Bösen weit über die Grenzen des Hotels hinausgeht und ein Entkommen unmöglich macht.

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Als Hauptcharaktere neben dem Hotel haben wir das schon erwähnte iranische Ehepaar, aber im ganzen Film stoßen wir auf keinerlei Kommentare oder unsinnige Erklärungen zum islamischen Glauben, keine rassistischen Beleidigungen oder sonst etwas in der Art, wie es ganz sicherlich in einer reinen US-Produktion vorgekommen wäre. Das muss lobend erwähnt werden, denn andere Produktionen heben solch kritische Punkte bewusst hervor, um das Publikum zu provozieren und zu polarisieren. Stattdessen erleben wir ein normales Ehepaar mit Kind und einer Handvoll Sorgen und Problemen. Ein weiterer Pluspunkt in THE NIGHT ist das Fehlen jeglicher CGI, keinerlei Splatter, ja selbst Blut ist nur in ganz wenigen Szenen zu finden. Kourosh Ahari und sein Kameramann Maz Makhani verlassen sich ganz auf ihr handwerkliches Können, packende Bilder mithilfe von Licht und Schatten zu erschaffen, quälend langsame Kameraschwenks und einem Soundteppich, wie er nicht besser sein könnte. Dazu kommt, dass der mir zuvor unbekannte Regisseur mit psychologischem Horror umzugehen versteht, was er uns im Verlauf des Films mehrfach deutlich macht. All das verbindet sich schon nach wenigen Minuten zu einer beängstigenden Atmosphäre des Schreckens und düsteren Bildern, die den Zuschauer so schnell nicht wieder loslassen.

© Koch Films

Bekannte und Verwandte

In fast jeder Besprechung zu THE NIGHT kommt es zu einem Vergleich mit Stanley Kubricks Horrormeisterwerk SHINING (THE SHINING, 1980), doch das wäre unfair. Die Ähnlichkeit der Thematik und der Location sind gegeben, aber THE NIGHT ist etwas komplett Eigenständiges. Hinzu kommt das Kourosh Ahari seinen ganz eigenen Erzählrhythmus und seine eigenen Visionen des Schreckens auf die Leinwand transportiert, ohne sich bei seinen Kollegen zu bedienen. Der Rezipient glaubt zwar jedes Grauen vorhersagen zu können, weil er ähnliches schon in anderen Filmen sehen konnte, doch am Ende reiben sich alle verwundert die Augen und müssen überrascht feststellen, dass alles nicht so ist wie angenommen. Dass THE NIGHT in einer langen Tradition von Geisterhäusern steht, ist unbestreitbar, doch nicht nur Reminiszenzen an SHINING blitzen bei der Sichtung auf, auch andere garstige Gemäuer kommen dem Rezipienten unweigerlich in den Sinn: BIS DAS BLUT GEFRIERT (THE HAUNTING, 1963), SCHLOSS DES SCHRECKENS (THE INNOCENTS, 1961), AMITYVILLE HORROR (1979) oder LANDHAUS DER TOTEN SEELEN (BURNT OFFERINGS, 1976) lassen schön grüßen.

© Koch Films

Fazit

Kourosh Ahari hat mit seinem THE NIGHT ein neues unheimliches Gebäude in Szene gesetzt, dass an die Traditionen der oben erwähnten Vorbilder anknüpft und gekonnt fortführt. Kouroshs Werk hat es in sich und muss sich vor keinem Vergleich scheuen oder gar verstecken. Die Darsteller sind grandios, die Story bis zur letzten Sekunde spannend und das Finale verstörend. Genauso und nicht anders muss ein Geisterhausfilm sein. Die aktuell allgegenwärtige „Jump-Scare-Fraktion“ kann sich hier eine große Scheibe abschneiden und lernen, wie echter Grusel funktioniert. Zu hoffen bleibt, dass THE NIGHT nicht der letzte Horrorfilm von Kourosh Ahari ist.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewThe Night - Es gibt keinen Ausweg (2020)
Poster
Releaseab dem 26.08.2021 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurKourosh Ahari
Trailer
BesetzungShahab Hosseini (Babak Naderi)
Niousha Noor (Neda Naderi)
George Maguire (Rezeptionist)
Michael Graham (Polizist)
Armin Amiri (Farhad)
Elester Latham (Obdachloser)
Leah Oganyan (Shabnam Naderi)
DrehbuchKourosh Ahari
Milad Jarmooz
KameraMaz Makhani
MusikNima Fakhrara
SchnittKourosh Ahari
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

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