The Night comes fo Us Review Netflix

The Night Comes for Us (2018) – Filmkritik

„The Itchy and Scratchy Shooooow!“

Gareth Evans Action-Brett THE RAID, gehört sicher zu den beachtenswertesten Genre-Beiträgen der 2010er und führte Kampfsport-Entdeckung Iko Uwais erwartungsgemäß zu verdientem Ruhm. Nun, wo Teil 3 der ursprünglich geplanten Trilogie wohl nie erscheinen wird, trauen sich so langsam einige Nachahmer ans Tageslicht, um den dürstenden Fans Nachschlag zu servieren. Allen voran der, ebenfalls in Indonesien gedrehte und mit Uwais und Julie Estelle sogar RAID-erfahren besetzte Billig-Reißer HEADSHOT (in Deutschland über Netflix) zeigte sich 2016 auffällig inspiriert. Leider ist dessen einziges Herausstellungsmerkmal den Grausamkeitsgrad des Vorbildes nochmal zu überbieten. Wobei schon THE RAID 2  nur noch schwerlich den unangenehmen Eindruck menschenverachtenden Gewaltvoyeurismus wegprügeln konnte.

The Night comes fo Us Review Netflix
© NETFLIX

HEADSHOT -Co-Regisseur Timo Tjahjanto, welcher zusammen mit Evans bereits die SAVE HAVEN-Episode des Found-Footage-Schockers S-VHS inszenierte, bringt nun im Alleingang THE NIGHT COMES FOR US – wieder über Netflix, wieder mit Iko Uwais und Estelle und zusätzlich mit RAID-Veteran Joe Taslim und wieder rekordverdächtig brutal. Letzteres ist kaum sprichwörtlich zu verstehen, denn tatsächlich lässt TNCFU (Spricht sich super, was?) die ihm vorangehenden Schlachtfeste wie Episoden vom Sandmann aussehen, als wäre wirklich ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, den gorigsten aller Splatterfilme zu drehen. Obwohl mich die Beteiligung der kreativen Verantwortlichen, nach dem Schundwerk HEADSHOT mächtig abgeschreckt hat, muss ich zugeben: der Trailer ist fett und hat meine Neugier geweckt. Ich sah mich also in der Pflicht zu ergründen, ob sich dahinter nun ein ähnlich daneben geratener Fehlschuss verbirgt oder eine neue Action-Offenbarung.

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Schon lange ist es mir nicht mehr so schwer gefallen einen Film empfindungsmäßig einzuornden. Während des Sehens wurde mein Grinsen immer breiter, meine Begeisterung immer feierlicher, bis ich nach zwei Stunden Vollkontakt-Volldröhnung erschöpft und zufrieden vor dem Abspann saß. Doch schon am nächsten Tag mischte sich ein gewisses Unbehagen in meine Erinnerungen, wurden Kritikpunkte klarer, für die der Film zuerst kaum Luft ließ, die jedoch – trotz ihrer verspäteten Wirkung – nicht zu vernachlässigen sind und die eigentlich klare Empfehlung nun deutlich relativieren.

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Fangen wir mal mit dem Offensichtlichsten an, der Gewalt: Menschen sind in THE NIGHT COMES FOR US überwiegend Schlachtvieh, sie werden nicht getötet, sie werden vernichtet. So ziemlich jede erdenkliche Form von Zerkloppen, Zerhacken, Zerschneiden, Zerstechen, Zerbomben und Zerschießen zelebriert der Film in der perversesten Detailverliebtheit, die das Budget zulässt. Allerdings – Achtung für abgedroschene Rechtfertigung – ist das Gehacke so cartoonhaft überzogen, dass es (beinahe) sämtlichen realen Schrecken verliert. Die meisten Hauptfiguren kämpfen noch wacker, selbst wenn ihr Blutverlust bereits Ausmaße annimmt, als hätte eine ganze Vampirgesellschaft sie als menschlichen Sangria-Eimer missbraucht. Der selbstzweckhafte Einfallsreichtum und die technisch explizite, aber wenig natürliche Umsetzung des Gemetzels unterstützen den Eindruck, dass der Guilty Pleasure-Spaß tatsächlich an erster Stelle stand. Visuell bedient sich der Film einer plakativen, farbenkräftigen Comic-Ästhetik und zeigt sich dabei handwerklich makellos und stilsicher. Es wundert somit kaum, dass Regisseur Tjahjanto die Gewaltorgie tatsächlich auch nochmal in Graphic Novel-Form hat zu Papier bringen lassen.

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In Attitüde und Inszenierung wirkt THE NIGHT COMES FOR US in seinen besten Momenten wie eine echte Wiedergeburt des Actionkinos der 80er und frühen 90er Jahre, ohne sich dabei geistlos den Klischees und stilistischen Charakteristika dieser Zeit zu opfern wie es heutzutage in einer Flut von Nachahmern zelebriert wird. Dieses Kunststück, obendrein noch mit einer gewaltigen Portion mehr Charme, gelang unter meinen jüngeren Film-Entdeckungen nur noch dem Macho-Gekloppe UNDISPUTED III. In ungeahnte Höhen steigt der Coolness-Faktor, sobald und immer dann, wenn Julie Estelle ins Spiel kommt. Sie ist ohne Zweifel das absolute Highlight des Films und verbindet stoische Überlegenheit und unaufdringliche Schönheit mit konkurrenzlosen Arschaufreißerqualitäten, ohne dabei je unbeherrscht ins Chargieren zu verfallen, wie es fast dem kompletten restlichen Cast wenigstens zeitweise passiert. Ihre Figur hat das Potential das eigentliche Kulterbe des Films zu werden und verlangt geradezu  ein eigenes Spin-Off. Nach ihrem denkwürdigen Auftritt als Hammer Girl in THE RAID 2 hat sich Estelle hiermit endgültig ihren Platz unter den großen weiblichen Action-Ikonen erkämpft. Einfach nur wow!

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Bei all dem Fratzengeballer schadet es natürlich nicht, dass die Action tadellos inszeniert ist. Kamera und Schnitt schaffen stets den perfekten Mittelweg aus Tempo, Kraft und Übersichtlichkeit und der energetische Soundtrack pumpt den Puls hoch. Die Choreographien verlieren bis zum Schluss nichts an Reiz, was angesichts ihrer schieren Masse schon eine Errungenschaft ist, erreichen jedoch nie ganz die Originalität und technische Finesse, um einen neuen Genre-Maßstab zu setzen. Doch das ist nun wirklich Kritik auf allerhöchstem Niveau, wenn man ein derart atemloses Vollkontakt-Feuerwerk bezeugen darf.

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Weniger ein Arthouse-Kritiker als einfach nur ein Mensch mit mindestens zwei funktionierenden Gehirnzellen muss man allerdings sein, um den „Plot“ komplett bescheuert zu finden. Man hat den Eindruck, dass der Film es nicht mal versucht. Wie schon bei HEADSHOT wirkt es als hätte sich der Autor bestimmte Konfrontationen, Motivationen, Dialogfetzen und sogar Verhaltensweisen aus anderen Filmen herausgepickt, die er besonders cool findet und sie völlig schmerzbefreit in die „Handlung” getreten, ob sie nun ein einheitliches Ganzes ergeben oder nicht. Allein die Prämisse, dass Ito (Taslim) sich eines Besseren besinnt, als er ein weinendes Mädchen sieht, dass im Begriff ist gleich zerschossen zu werden, NACHDEM sein Killer-Kommando gerade ein ganzes Fischerdorf niedergemäht hat, ist schon schwer zu schlucken. Daraus wird natürlich eine Erlösungsgeschichte geschöpft wie sie das Action-Kino so gerne hat, die aber nirgendwo hinführt und genau genommen auch nirgendwo herkommt. Denn einer minimal kohärenten Nachvollziehbarkeit wie Taslims und Uwais’ Figuren zu dem wurden was sie sind und warum sie sich in bestimmten Situationen verhalten wie sie es eben tun, kann man sich nur mit viel Fantasie annähern. Warum akzeptieren die Triaden erst Diebstahl, um dann doch alle umbringen zu lassen? Ach, ja, weil Chaos herrschen soll. … WAS? … WARUM? … Welches Chaos? Warum haut Ito mit dem Mädchen nicht einfach ab, sondern bleibt die ganze Zeit im Umkreis ihrer Häscher? Warum müssen die beiden coolen Killer-Mädels auch die eigenen Leute niederstrecken? Warum lächelt Joe auf einmal wie ein Wahnsinniger? Und warum grinst Sunny Pang die ganze Zeit wie ein überheblicher Klugscheißer, als hätte er irgendeine Ahnung was mit dem Drehbuch abgeht? Hat er nicht. Es gibt kein Drehbuch. Timo Tjahjanto hat einfach nur Stichpunkte untereinandergeschrieben.

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Dünne Handlungsstränge und Logikfehler sind in diesem Genre nun wirklich oft zu vernachlässigen, vor allem, wenn die gebotenen und wichtigeren Qualitäten, wie im auch im Falle von THE NIGHT COMES FOR US, kaum Wünsche offen lassen. Trotz aller überbordenden Comic-Gewalt nimmt sich der Film leider aber viel zu ernst und gaukelt dabei eine erzählerische Tiefe vor, die auf dem puddingweichen Fundament willkürlicher Versatzstücke fußt. Das ist einerseits so ärgerlich, weil ich mich vom Film oder besser seinen Machern wirklich ein bisschen beleidigt fühle, da sie anscheinend der Meinung sind, sie könnten mir einfach jeden Mist andrehen, solange das Blut nur ordentlich spritzt. Neben dieser ungesund egogetriebenen Überbewertung auf Beziehungsebene von etwas das auch wahrscheinlicher mit erzählerischem Unvermögen erklärt werden kann, wiegt für den Sehgenuss viel schwerer, dass mich dadurch nahezu keine der Figuren und ihr Schicksal in irgendeiner Weise interessiert und mich dadurch auch kaum mitfiebern lässt. Ob Ito oder Arian, immerhin die beiden Hauptfiguren über den Jordan gehen, war mir bis zum Schluss vollkommen egal.

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Allerdings ist mir das auch erst am Ende des Films wirklich aufgefallen, weswegen auch praktisch alle von mir angesprochenen Kritikpunkte vollkommen egal sind. Die nahezu ununterbrochene Action-Offensive verbietet unmittelbare Reflektion und unzählige Stimmen von Genre-Fans haben THE NIGHT COMES FOR US bereits zum Instant-Klassiker erkoren. Was zählt da schon mein weinerlicher Ruf nach einem Mindestmaß an Sinnhaftigkeit? Am Ende müssen Action-Liebhaber den Streifen ohnehin gesehen haben, allein schon wegen Julie Estelles Killer-Auftritt – am besten übrigens im Original mit Untertiteln. Denn nicht nur ist die deutsche Synchronisation eher mittelmäßig und verwirrend, da auch die ursprünglich englisch gesprochenen Passagen deutsch vertont und gleichzeitig mit Untertiteln versehen wurden, sondern weil Indonesisch, wie ich feststellen musste, einfach echt cool klingt.

Fazit: Zwischen Action-Sensation und filmischer Zumutung pendelnde Gore-Bombe, deren irrsinnige Gewaltexzesse geradeso die Over-Top-Spaßkurve kriegen. Erzählerisch wird nicht mal Minimalniveau erreicht. Dennoch Pflichtprogramm für Genre-Fans.

 

Titel, Cast und CrewThe Night Comes for Us (2018)
PosterThe Night comes fo Us Review Netflix

Release
ab dem 19.10.2018 im Stream auf NETFLIX
RegisseurTimo Tjahjanto
Trailer
DarstellerIko Uwais (Arian)
Julie Estelle (The Operator)
Joe Taslim (Ito)
Zack Lee (Bobby)
Sunny Pang (Chien Wu)
Hannah Al Rashid (Elena)
DrehbuchTimo Tjahjanto
KameraGunnar Nimpuno
Filmlänge120 Minuten
FSKAb 18 Jahren

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