The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte (2019) | Filmkritik

Bei Sichtung von THE MORTUARY fühlt es sich an, als würde der Zuschauer in einer Zeitmaschine sitzen und in einem alten Comic der „Gespenster Geschichten“ stöbern oder ein paar Folgen von Rod Serlings legendärer Serie UNGLAUBLICHE GESCHICHTEN (TWILIGHT ZONE, 1959 – 1964) erleben. Ein unterhaltsamer Mix aus Horror, Fantasy und Komödie, der sogleich angenehme Erinnerungen an unsere Jugendjahre weckt. THE MORTUARY ist das Aufeinandertreffen des alten, klassischen Horrors und seiner modernen, neuen Richtung. Das bezieht sich nicht nur auf die Inhalte, sondern auch auf die Darsteller, die Charaktere der Handlungen, die Kulissen, einfach alles. Und wie schon in den bekannten Vorbildern präsentiert uns Regisseur Spindell seine Anthologie, die mit viel Herzblut und Liebe zum Genre aufwartet, ebenfalls mit einem Augenzwinkern und reichlich Situationskomik. Ryan Spindell, aufgewachsen mit der Serie GESCHICHTEN AUS DER GRUFT (TALES FROM THE CRYPT, 1989-1996), der nicht nur als Regisseur, sondern auch als Produzent und Autor arbeitet, war bis hierhin mit einigen Kurzfilmen in Erscheinung getreten. THE MORTUARY ist nun sein lang geplanter Debütspielfilm. Daneben arbeitet er gelegentlich an den beiden TV-Horror-Serien TWO SENTENCE HORROR STORIES (2017-) und 50 STATES OF FRIGHT (2020-) mit.

© Capelight Pictures

Ein schneller Blick zurück

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Die Geschichte der Anthologie-Filme im Horrorgenre ist lang, doch keine Angst, ich halte mich kurz: Zu jeder Zeit und in fast allen Ländern ist diese besondere Filmform bis heute bekannt, doch wie schon bei vielen anderen Genres entstanden auch hier die ersten Versuche in Deutschland. Als Beispiele seien Richard Oswalds UNHEIMLICHE GESCHICHTEN (1919), Fritz Langs DER MÜDE TOD (1921) und DAS WACHSFIGURENKABINETT (1924) von Paul Leni und Leo Birinsky genannt. Einer der Klassiker ist ganz sicher der britische TRAUM OHNE ENDE (DEAD OF NIGHT, 1945), produziert von den Ealing Studios. Ganz besonders hervorgetan im Bereich der Anthologien hat sich über viele Jahre das ebenfalls britische Studio Amicus. Unter seinen zahllosen Veröffentlichungen stechen hier ganz besonders DIE TODESKARTEN DES DR. SCHRECK (1965), TOTENTANZ DER VAMPIRE (1971) ebenso wie ASYLUM – IRRGARTEN DES SCHRECKENS (1972) hervor. Im Laufe der Zeit erschienen weitere Anthologien, darunter dürften DIE DREI GESICHTER DER FURCHT (I TRE VOLTI DELLA PAURA, 1963), TWO EVIL EYES (DUE OCCHI DIABOLICI, 1990), H.P. LOVECRAFTS NECRONOMICON (1993), BODY BAGS (1993) wie auch TRICK‘R TREAT – DIE NACHT DER SCHRECKEN (2007) am geläufigsten sein. Aus der Neuzeit wären V/H/S – EINE MÖRDERISCHE SAMMLUNG (2012), THE ABCS OF DEATH (2012), SOUTHBOUND (2015) sowie GHOST STORIES (2017) erwähnenswert.

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte (2019)

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Handlung

Leichenbestatter Montgomery Dark (Clancy Brown) bringt nicht nur die Toten würdevoll unter die Erde, er sammelt auch ihre letzte Geschichte, die zum Ableben selbiger führte. In Raven‘s End landet jeder Bewohner früher oder später auf seinem Tisch, egal ob Beerdigung oder Verbrennung, hier gibt es den kompletten Service. Eines Tages erscheint die junge Sam (Caitlin Fisher) auf seiner Türschwelle, die sich um den ausgeschriebenen Job bewirbt. Montgomery ist schnell von der jungen Frau angetan, da sie keinerlei Scheu vor den Toten zeigt. Außerdem bekundet sie eine große Faszination für alles Morbide und Jenseitige. Je tiefer der verschrobene Leichenbestatter die junge Sam durch das dunkle Anwesen führt, umso deutlicher wird auch, dass nicht jedes Geheimnis gelüftet werden sollte.

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Klassischer Horror vs. Moderner Horror

Die einzelnen Episoden in THE MORTUARY, wie auch die Rahmenhandlung sind stringent und spannend umgesetzt, jedoch können sie den Horrorfan am Ende nicht wirklich überraschen, da sie letztendlich dann doch zu konservativ ausgelegt sind. Auch wenn sich jede Episode an bekannte Vorbilder orientiert und interessante Wendungen bietet, teils skurril teils sehr morbid, bleibt die Überraschung letztendlich aus. Das Set-Design und die Ausstattung der Episoden sind gelungen und prachtvoll anzuschauen, egal in welcher Zeit die Storys auch spielen mögen. Trotz allem muss ich anmerken, dass mir an der ein oder anderen Stelle spürbar etwas zu viel CGI im Einsatz ist.

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Beeindruckend in der Hauptrolle hingegen ist Clancy Brown, sein echter Name lautet Clarence J. Brown III, in seiner Rolle als finsterer Montgomery Dark. Geboren 1959 in Urbana, Ohio, USA, wuchs der US-Mime als Sohn von Joyce Helen (Eldridge), einer Konzertpianistin, und dem republikanischen Kongressabgeordneten Clarence J. Brown Jr. auf. Vor allem durch sein Äußeres erinnert Brown frappierend an den „Tall Man“ Angus Scrimm aus Don Coscarellis DAS BÖSE (PHANTASM, 1979 – 2016). Regisseur Spindell setzt gerade ihn besonders finster in Szene, jedoch mit einem Charakter ausgestattet, der an den guten alten „Crypt Keeper“ aus GESCHICHTEN AUS DER GRUFT erinnert, was durchaus unterhaltsam ist.

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte (2019)

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Seine Kontrahentin Sam, mindestens ebenso beeindruckend gespielt von Caitlin Custer, ist da eher mit einem durchtriebenen, zwielichtigen Charakter am Start. Custer, südlich von Alabama geboren, unternahm ihre ersten Schritte in kleinen Theaterstücken und Musicals, später arbeitete sie für das Fernsehen, dem sie bis heute treu geblieben ist. Aber auch alle anderen Darsteller können in ihren jeweiligen Episoden voll und ganz überzeugen. So treffen in diesen beiden Rollen auch charakterlich der klassische auf den modernen Horror.

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Tipp: Wo wir gerade bei Anthologien sind:

ASYLUM – IRRE-PHANTASTISCHE HORROR-GESCHICHTEN (ASYLUM: TWISTED HORROR AND FANTASY TALES, 2020). Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Produktion der Amicus-Studios die ich weiter oben schon erwähnte. Diese bereits erhältliche Kurzgeschichtensammlung bedient alle fantastischen Genres auf hohem Niveau, egal ob Fantasy, Horror oder Science-Fiction, sogar die Komödie und Satire kommen mehrfach zum Einsatz. Eine überaus erwachsene, vor allem aber auch anspruchsvolle Anthologie, die vom Zuschauer etwas mehr fordert als nur gedankenloses Zusehen. Ein wahnsinniger Ausflug in Dantes Inferno, mal witzig, mal extrem blutig, doch jederzeit skurril und zuweilen äußerst makaber und immer mit einer Botschaft. Mit nahezu Lichtgeschwindigkeit werden die einzelnen Episoden auf den Zuschauer abgefeuert. Ob als bissige Sozialkritik, als mysteriöse Zukunftsvision oder als bluttriefende Horrormär verkleidet, überrollt die Handlung jeden Interessierten. Die einzelnen Episoden werden stringent und deskriptiv in Szene gesetzt und fordern den Zuschauer heraus. Kein stupider Konsum, der die Lösungen auf dem Silbertablett präsentiert. Wechselnde Filmtechniken, Animationen, CGI und gelungene visuelle Effekte runden das Sehvergnügen ab. Eines der zahlreichen Highlights ist ganz sicher THE CLEANSING HOUR, die Kurzversion des Films EXORZISMUS 2.0 (THE CLEANSING HOUR, 2019). Diese wenige Minuten umfassende Version überzeugt im Gegensatz zu seinem großen Bruder auf ganzer Länge. Unverständlich, wie dieser langweilige Spielfilm daraus werden konnte.

The Mortuary – Jeder Tod hat eine Geschichte (2019)

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Fazit

Die skurrile Anthologie THE MORTUARY des US-Amerikaners Ryan Spindell überzeugt in vielerlei Hinsicht. Leider können die Storys am Ende nicht wirklich überraschen. Auch wenn der Horror mehr in Richtung morbide Komödie ausgelegt ist, bedeutet das allerdings nicht, dass es hier keinen Splatter oder kein Blutbad gibt, ganz im Gegenteil. Trotz aller positiven Zutaten reicht es am Ende nicht ganz zum großen Knall. Spindells Debüt ist ein Lichtblick in dem ganzen belanglosen Unsinn der letzten Monate und macht Hoffnung auf weitere Produktionen dieses noch jungen und talentierten Regisseurs.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewTHE MORTUARY – JEDER TOD HAT EINE GESCHICHTE (2019)
OT: THE MORTUARY COLLECTION
Poster
RegisseurRyan Spindell
Releaseseit dem 26.02.2021 auf UHD, Blu-ray, DVD und im 4K-Mediabook

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Trailer
BesetzungClancy Brown (Montgomery Dark)
Caitlin Custer (Sam)
Tristan Byon (Bill)
Eden Campbell (Katie)
Hannah R. Loyd (Jen)
Christine Kilmer (Emma)
DrehbuchRyan Spindell
FilmmusikMondo Boys
KameraRussell Metty
SchnittEric Ekman
Joseph Shahood
Filmlänge111 Minuten
FSKab 16 Jahren

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