The Midnight Sky (2020) – Filmkritik

„Leuchtturmwärter der Erde“

Wir wissen mittlerweile gar nicht mehr, welche Katastrophe die Menschheit zuerst dahinraffen wird. Erderwärmung, Viren, Nahrungsmittelknappheit, Asteroideneinschlag, extraterrestrische Infektionen, Sonnenstürme und, und, und. Die Szenarios sind vielfältig und schon lange nicht mehr ausschließlich auf das Science-Fiction-Filmgenre begrenzt. THE MIDNIGHT SKY verstrickt sich erst gar nicht in wissenschaftlichen Simulationen und technischen Raffinessen. Die Erde ist kein lebensfreundlicher Ort mehr und die Letzten, die es zu retten gilt, sind auf Pionierarbeit im Sonnensystem unterwegs. THE MIDNIGHT SKY erzählt wenig und treibt mehr auf seinen Handlungsorten, die nicht unterschiedlicher hätten sein können: Ein Flug durchs Weltall und der Überlebenskampf in der Arktis. Die Netflix-Produktion von und mit George Clooney stellt Fragen wie: Wo gehöre ich hin? Was ist meine Heimat? Wann lohnt es sich nach vorn zu blicken anstatt zurück?

The Midnight Sky (2020)

@ Netflix

Handlung

2049, die Menschheit hat sich auf die Pole zurückgezogen, denn die Atmosphäre der Erde wird immer giftiger. Die Bewohner einer Arktisstation werden evakuiert. Die letzte unsichere Zuflucht liegt unter der Erde. Einzig Dr. Augustine Lofthouse (George Clooney) bleibt zurück. Er ist krank und sein Blut muss jeden Abend maschinell aufbereitet werden. Das Leben scheint auch ohne Umweltkatastrophe ein absehbares Ende für ihn zu finden. Er versucht mit den letzten Raumfahrtmissionen Kontakt aufzunehmen und sie zu warnen, dass die Erde verloren ist. Lofthouse ist in der Station jedoch nicht allein und stößt auf das Mädchen Iris (Caoilinn Springall). Sie spricht nicht.

The Midnight Sky (2020)

@ Netflix

Es gibt nur noch ein Shuttle, was aktiv erreicht werden kann: Die Aether fliegt vom Kolonialisierungsprojekt des Jupitermond K 23 gerade zurück zu unserem Heimatplaneten. Die fünfköpfige Crew weiß noch nicht, in welchem desaströsen Zustand sich die Erde befindet und zusätzlich steht ihnen ein freudiges Ereignis bevor. Die Astronautin Sully (Felicity Jones) ist schwanger. Lofthouse versucht währenddessen mit seiner stummen Begleiterin zu einer anderen Arktisstation zu gelangen, die über eine signalstärkere Antenne verfügt. Doch der Marsch ist gefährlich.

Zwei Seiten einer Münze

Zwei Orte, die nicht unterschiedlicher sein könnten, haben eine Sache gemeinsam: Man kann dort ohne technische Hilfe nicht lange überleben. Die Arktis bietet keine Nahrung, keine Wärme und keinen Schutz. Der Mensch ist auf technische Hilfsmittel angewiesen. Gleiches gilt für das Weltall, ein Vakuum mit tiefsten Temperaturen. Auch hier ist ohne eine Station oder ein Shuttle das Überleben unmöglich. THE MIDNIGHT SKY schwingt ruhig von einem Handlungsort zum anderen, erzählt deren Geschichten und Herausforderungen. Regisseur George Clooney lässt viel Zeit für die Räume, die Aussichten, die Darsteller. Informationen werden rar gestreut. Der Zuschauer wird zum Analysieren motiviert, fast schon zum Mitfantasieren. Die eigenen Erfahrungen bekannter Endzeit-Filme füllen die Lücken in diesem großen Untergangsszenario, aber bei den Figuren muss man genau hinschauen, um sie kennenzulernen.

@ Netflix

Es mutet ein bisschen seltsam an, dass ausgerechnet THE MIDNIGHT SKY, der auf das Filmerlebnis vor den heimischen Geräten ausgelegt ist und nicht für das Kino, sich viel Zeit beim Drehbuch lässt. Geldgeber Netflix scheint sich nicht zu sehr in den künstlerischen Prozess einzumischen wie es die Filmstudios schon seit Jahrzehnten tun und schon so manch Meisterwerk verstümmelten. Clooney weiß seine Zuschauer aber immer wieder durch straffe Schnitte und starke Kontrastwechsel aufmerksam zu halten. Was ein bisschen schade ist, dass die aufregenden Ereignisse an beiden Handlungsorten etwas logischer und realistischer hätten ausfallen können. Ein Bad im arktischen Meer kann man kaum überleben und auch die Reparatur der Kommunikationsstation auf der Aether hätte klischeefreier ablaufen können. Insgesamt sind vor allem bei den Weltallszenen Reminiszenzen an Science-Fiction-Filme aus den letzten Jahren erkennbar. Die schwerelose Kameraführung aus GRAVITY (2013) oder ein futuristischer Minimalismus in der Ausstattung wie bei PASSENGERS (2016). Aber allein schon das Farbspektrum, welches vor der Kameralinse immer wieder geschickt die Aufmerksamkeit des Zuschauers lenkt, ist ein Lob für künstlerische Führung wert.

@ Netflix

Weltraumfilm oder Überlebensdrama?

Wer nun auf diese zweistündige Reise gegangen ist, wird sich vielleicht etwas unzufrieden mit den eigenen Erwartungen zurückgelassen fühlen. THE MIDNIGHT SKY kann aber auch viel mehr sein als die beiden offensichtlichen Genre: Survival und Science-Fiction. Vor allem Weltraumabenteuer wussten schon immer mehr zu berichten als von fremden, bunten Welten. Sie bringen den Menschen in Ausnahmesituationen, führen ihn an seine Grenzen und konfrontieren ihn mit seinen menschlichen Instinkten, den guten wie schlechten. Vor allem ist hier eines der wenigen Male der Fall, wo eine durchweg sozial entspannte und abgestimmte Crew portraitiert wird, wie sie in den realen Astronautenprogrammen auch ausgewählt werden. Kein eitler Pilotcowboy, kein befehlstreuer Commander und keine Frau, die sich im botanischen Habitat versteckt. Auch die Räume sind auf unsere Touchdisplay-Epoche angepasst und zeigen eine minimalistische, funktionale Eleganz. Manche Strukturen tauchen an beiden Orten auf, wie die gewebeartige Wandstabilisierung auf der Kommandobrücke, die auch im Jagdgewehrgriff bei Lofthouse zu erkennen ist. Die Weltraumcrew, abgesehen von der jungen Astronautin Maya (Tiffany Boone), die einer dramaturgischen Mustervorlage zum Opfer fällt, entscheiden analytisch bewusst. Die einen wollen trotz der Umstände zur Erde zurück. Ihre Heimat und Familie, können sie nicht allein lassen, auch wenn die Anzeichen für deren Überleben düster sind. Die anderen akzeptieren die Zerstörung der Erde und blicken fast schon pilgerhaft in die Zukunft.

The Midnight Sky (2020)

@ Netflix

Der Überlebenskampf in der Eiswüste kommt auch erzählerisch eher einem Tagebucheintrag gleich als einem Survivaldrama. Fast schon illusionäre Szenerien entstehen wie das Abtauchen unter der Eisscholle und das Wolfsrudel, das sich dämonisch im Schneesturm verbirgt. Als Leitfigur fungiert hier die Rolle von Augustine Lofthouse. Wenn man nur ein paar Buchstaben in seinem Nachnamen ändert, entsteht das Wort Lighthouse. Die Rolle von George Clooney ist auch die eines Leuchtturmwärters. Er warnt die (Weltraum)schiffe davor zurückzukehren. Die Einsamkeit hat er gewählt, die für seine wissenschaftliche Arbeit unverzichtbar ist, und signalisiert die drohende Gefahr. Ohne seine Meinung zu sagen, vernimmt er die Entscheidung der einzelnen Crewmitglieder. Sein alternatives Leben, für das er sich nicht entschieden hat, fantasiert er sich an diesem einsamen Ort herbei. Beide Genres spielen ihre meist künstlich geraffte Dramaturgie nicht aus, sie hüllen einen ein wie der Blick auf eine unbekannte Landschaft oder in den endlosen Raum unserer Galaxy.

The Midnight Sky (2020)

@ Netflix

Fazit

Viele werden THE MIDNIGHT SKY als langatmige Melange aus bekannten Filmsequenzen abtun. Aber einige werden für sich mehr erkennen. Die Entscheidung, wohin man geht, ist vielleicht wichtiger als das große Ganze verändern zu wollen. Dieses Untergangsszenario im Gewand einer stilvollen Großproduktion mit viel künstlerischer Freiheit ist auch ein kleiner Strahl der Hoffnung am Science-Fiction-Horizont. Effekte und Actionbombast waren noch nie die treibenden Kräfte des Genres. Die leisen Filme, die ihre Zuschauer immer zum Mitdenken auffordern, verbleiben noch lange in unserem Bewusstsein.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Midnight Sky (2020)
Poster
RegisseurGeorge Clooney
Releaseseit dem 23.12.2020 im Stream bei Netflix verfügbar
Trailer
BesetzungGeorge Clooney (Augustine Lofthouse)
Felicity Jones (Sully)
David Oyelowo (Adewole)
Caoilinn Springall (Iris)
Kyle Chandler (Mitchell)
Demián Bichir (Sanchez)
Tiffany Boone (Maya)
Sophie Rundle (Jean)
DrehbuchMark L. Smith
Buchvorlagenach dem Buch GOOD MORNING, MINIGHT von Lily Brooks-Dalton
KameraMartin Ruhe
FilmmusikAlexandre Desplat
SchnittStephen Mirrione
Filmlänge118 Minuten
FSKab 12 Jahren

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