The Lodge (2019) – Filmkritik

In den letzten Jahren beschlich einen wiederholt das Gefühl als wäre der Horrorfilm in einer Zeitschleife à la UND TÄGLICH GRÜST DAS MURMELTIER (GROUNDHOG DAY, 1993) geraten. Eine sinnbefreite Aneinanderreihung von gleichen und ähnlichen Filmen, einer schlechter als der andere. Immer und immer wieder wurde der schon längst verstorbene Patient mit dem Defibrillator brutal wiederbelebt und erneut auf die Bühne gezwungen. Erst mit GET OUT (2017) und HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS (2018) schien es, als gäbe es endlich einen Ausweg aus dem Hamsterrad. Es folgten MANDY (2018), WIR (US, 2019), THE HOLE IN THE GROUND (2019) und DIE FARBE AUS DEM ALL (COLOR OUT OF SPACE, 2019). Mit THE LODGE kratzt nun der nächste hoffnungsvolle Kandidat an unsere Tür.

© Square One Entertainment

Handlung

Die Familie Hall lebt seit einiger Zeit getrennt und die Scheidung steht kurz bevor. Die beiden Kinder Aidan (Jaeden Martell) und Mia (Lia McHugh) leben bei ihrer Mutter Laura (Alicia Silverstone), die sie am Wochenende zu ihrem Ex-Mann Richard (Richard Armitage) fährt. Der eröffnet ihr, dass er erneut heiraten möchte, kurz darauf bringt sich Laura um. 6 Monate später: Aidan und Mia leben nun bei ihrem Vater und seiner Freundin Grace (Riley Keough), die große Schwierigkeiten hat einen engeren Kontakt zu seinen Kindern aufzubauen. Daraufhin beschließt Richard Weihnachtsfeiertage in ihrem Ferienhaus in den Bergen zu verbringen. Eine gute Gelegenheit für Grace mit den Kindern allein zu sein, den Richard muss aus beruflichen Gründen noch einige Tage in der Stadt verbleiben.

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Kranke Religion

Niemand geringeres als das erfolgreiche Regieduo Veronika Franz, geboren 1965 in Österreich und Severin Fiala, geboren 1985 ebenfalls in Österreich, stehen hinter THE LODGE. Wie schon bei ICH SEH, ICH SEH (2014) arbeiteten sie auch bei ihrem neusten Projekt gemeinsam am Drehbuch. Produziert wird das Ganze von den legendären Hammer-Films-Studios aus Großbritannien. Wer ICH SEH, ICH SEH kennt, der weiß genau, auf was er sich bei den beiden Österreichern einlässt: stiller, subtiler Horror, der sich auf leisen Sohlen in das Bewusstsein schleicht. Das Grauen breitet sich wie ein Virus beim Rezipienten aus. Erst unsichtbar, aber schon nach kurzer Zeit treten die ersten körperlichen Symptome auf. Von Beginn an ist klar, dass die Kinder Aidan und Mia ihrer neuen Mutter Grace die Verantwortung für den Tod ihrer leiblichen Mutter geben. Grace ist jedoch die einzig Überlebende einer Sekte, die Massensuizid begangen hat. Ihr Therapeut wiederum ist ihr geliebter Richard, der Vater von Aidan und Mia. Diese Kombination sorgt schon für ausreichend Spannung und Dynamik.

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Eingeführt wird Grace durch ein unheimliches Video, ehe sie, völlig verändert und scheinbar normal, auf der Bildfläche erscheint. Doch der eskapistische Grundton in ihrem Charakter geht nicht verloren, ganz im Gegenteil, er ist die gesamte Laufzeit über präsent. Die beiden Regisseure Franz und Fiala geben sich damit aber noch lange nicht zufrieden. Zusätzlich mischen sie eine gehörige Portion Ghosthouse und Psycho-Horror in die Story. Großen Anteil an der erdrückenden Atmosphäre haben die Schauspieler, allen voran die beiden Jungstars Jaeden Martell und Lia McHugh. Aber auch die alten Hasen wie Richard Armitage, Riley Keough oder Alicia Silverstone überzeugen auf ganzer Länge mit fantastischen Darbietungen.

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Referenz oder Reminiszenz?

Der aufmerksame Zuschauer wird viele Parallelen zu bekannten Werken in THE LODGE vorfinden, allen voran Alfred Hitchcocks REBECCA (1940). Als Erstes springt dem geübten Beobachter das Puppenhaus ins Auge, das wir schon aus Ari Asters HEREDITARY – DAS VERMÄCHTNIS kennen, hier aber eine gänzlich andere Funktion hat. Auch die Musik erweckt viele Assoziationen an Asters Meisterwerk und dem dazu gehörigen genialen Score von Colin Stetson. Das Ferienhaus in den Bergen ist ebenso isoliert und unheimlich wie seinerzeit das Overlook in Kubricks SHINING (1980). Lange Kamerafahrten durch dunkle Flure und Zimmer, die an die intensiven Bilder eines David Lynch aus LOST HIGHWAY (1997) erinnern. Und das waren jetzt nur ein paar Filme, die es hier noch zu entdecken gibt. THE LODGE spielt geschickt mit unseren Erwartungen, mit Bildern, die wir alle im Kopf haben, nur um uns dann den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Beeindruckend ist die Kameraarbeit von Thimios Bakatakis, der schon bei THE KILLING OF A SACRED DEER (2017) für spannende Sequenzen sorgte. Eine Kamera, die nur selten zur Ruhe kommt, immer in Bewegung ist, die gerne in Gesichter zoomt oder sich von ihnen entfernt, unmerklich, beinahe in Zeitlupe. Das alles erzeugt ein unwirkliches, unangenehmes Gefühl beim Rezipienten und eine Atmosphäre, die schlichtweg erdrückend wird, potenziert durch zermürbende Bilder. Doch Bakatakis kann auch anders, was an den eindrucksvollen Naturaufnahmen zu sehen ist. Die Außenaufnahmen entstanden übrigens im Winter 2018 in der Nähe von Montreal.

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… holprige Fahrbahn

Abseits von öden Jump-Scares und vorausschaubaren Storys wandelt THE LODGE auf sicheren Pfaden. Immer wieder wird der Zuschauer auf falsche Fährten gelockt, nur um sich erneut in einer Sackgasse wiederzufinden. Bei so viel Licht gibt es auch ein paar schattige Ecken, in denen sich die ein oder andere Ungereimtheit erfolgreich eingeschlichen hat. Dass ein Horrorfilm nicht immer logisch ist, ist wahrlich nichts Neues, aber zumindest in sich schlüssig sollte die Handlung sein. Da erreichen wir den Punkt, wo sich THE LODGE querstellt. Gerade zu Beginn verweigert uns der Plot ein tieferes Verständnis der Handlungsweisen zweier wichtiger Charaktere: Grace und Richard. Wie Grace es schaffte, den Selbstmord der Sekte zu überleben wird nicht weiter ausgeführt. Ebenso wenig erfahren wir, warum Richard sich ausgerechnet zur psychisch Kranken und sehr instabilen Grace hingezogen fühlt und deshalb seine intakte Familie aufgibt. Auch bleibt unverständlich, wie Richard sehenden Auges seine Kinder für ein paar Tage in die Hände dieser labilen Person übergibt, isoliert von der Umwelt im nirgendwo. Ein weiterer unrunder Punkt ist das frühe Auflösen der Geschehnisse. Nach ca. 80 Minuten sind die meisten Fragen abgehakt und das Finale nur noch Formsache, was etwas enttäuscht, wenn man sich den gesamten Film vor Augen führt.

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Fazit

Der gelungene Mix bekannter Themen und Muster fesselt den Betrachter von Beginn an. Wie schon bei ICH SEH, ICH SEH arbeitet auch THE LODGE noch lange nach dem Abspann im Kopf der Zuschauer weiter und fordert uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Wie eine zu schwere Mahlzeit, die einen einfach nicht zur Ruhe kommen lässt. Auch wenn THE LODGE einige kleine Stolpersteine in seiner Story bereithält, kann er durchaus überzeugen und liegt trotz allem weit über dem langweiligen Durchschnitt, der seit Jahren unentwegt an den Kinokassen angepriesen wird. Wäre schön, wenn nun endgültig dieser billige Teenie-Jump-Scare-08/15-Müll von unseren Bildschirmen verschwindet und die Filmemacher sich verstärkt dem echten Horror widmen, so wie in den zu Beginn erwähnten Filmen oder hier in THE LODGE.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewThe Lodge (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 06.02.2020
seit dem 12.06.2020 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurSeverin Fiala
Veronika Franz
Trailer
BesetzungRichard Armitage (Richard)
Jaeden Martell (Aidan)
Riley Keough (Grace)
Lia McHugh (Mia)
Katelyn Wells (Wendy)
Alicia Silverstone (Laura)
DrehbuchSergio Casci
Severin Fiala
KameraThimios Bakatakis
FilmmusikDanny Bensi
Saunder Jurriaans
SchnittMichael Palm
Filmlänge108 Minuten
FSKab 16 Jahren

2 Gedanken zu “The Lodge (2019) – Filmkritik

  1. Wer kennt sie nicht? Veronika Franz & Severin Fiala, das österreichische Regisseur-Duo, welches mit „Ich seh Ich seh“ ihren gemeinsamen Erstlingsbeitrag erschuf und der modernen Welt beweisen konnte, dass der gute Horrorfilm noch nicht tot ist. Tatsächlich ist „Ich seh Ich seh“ einer der wenigsten Horrorfilme der Welt geworden, der die Bedeutung des Genres überhaupt wirklich ernst nimmt. Hier handelte es sich nämlich nicht um ein Popcorn-Filmchen, das einen möglichst mit viel Getöse wachzuhalten versucht, sondern um einen ernsthaften Horrorfilm für reifere Erwachsene, dessen Gefühl beim Zuschauen als eher unangenehm oder unkomfortabel beschrieben wird. Nachdem in den letzten darauffolgenden Jahren weitere Genre-Perlen wie „True Love Ways“, „The Eyes of my Mother“, „Darling“, „The Witch“, „Suspiria“, „Possum“, „Hagazussa“, „The House that Jack Built“ (wobei dieser kein Horrorfilm ist, aber auf ähnliche Weise bedrückt) und aktuell „Midsommar“ ebenfalls Horrorfilme auf feinstem Niveau produziert wurden und unsere Filmsammlung bereicherten, durfte man sich nun schon seit etwas Längerem fieberhaft auf das nächste gemeinsame Projekt „The Lodge“ der beiden österreichischen Regisseur-Ikonen freuen. Tatsächlich erinnert der Film sehr stark an „Hereditary“, ist aber noch viel subtiler, noch intensiver, noch überwältigender, noch mehr Horror. Arbeiteten die beiden zwischenzeitlich jeder für sich an eigenen Projekten wie z.B. an der amerikanischen Co-Produktion „The Field Guide to Evil“, so kommt hier nun wieder ein echter Ösi in reinster eiskalter Psycho-Horror-Sitte zu uns auf die Leinwand geschneit. Und das so kalt wie der Frost. „The Lodge“ hat zwar nicht die Intensität seines verwandten, kaum zu überbietenden „Funny Games“ aus demselben wunderschönen Lande, wo das Kleinwalsertal blüht so herrlich, dass man eher glauben mag hier kommen dem Aschenbrödel seine Haselnüsse her anstatt solch derart bitterböse Filme, doch bohrt und frisst er sich subtiler in die Psyche anstatt wie Michael Haneke es tat mit weniger Tiefsinn. Meine Sorge war ja, dass man inzwischen (auch aufgrund amerikanischer Darsteller) dem Kommerz verfallen sei und sich dem Mainstream beuge, in dem man auf billige Jumpscares setze. Doch diese Sorge war ein Trugschluss, denn „The Lodge“ ist wieder in gepflegter Manier ein leiser, kontinuierlicher Alptraum, der die Seele zerfrisst, bis da nichts mehr ist. Ein richtig fieser, mieser Horrorbrocken. Es wird nicht wie mit dem Vorschlaghammer versucht der Mainstream-Zielgruppe von „ES“ laute CGI-Schreck-Momente vor die Kamera zu donnern, sondern ein professioneller Horror erzeugt, der sich eher wie ein Bohrer langsam und immer tiefer ins Innere der Seele frisst und sich dort festbeißt, bis dass dem Orlac seine Hände auch nicht mehr zur Last fallen.

    Anzumerken sei auch noch, wie clever mit dem Thema Sterben umgegangen wird. Ich weiß, dass sich Veronika Franz so sehr dafür interessiert. Beim Zuschauen fühlte ich mich wie auf der Schwelle zwischen Leben und Tod, was sehr interessant ist, da ich kurz vorher noch zufällig einen Beitrag über Quantenverschränkung sah, wo darüber diskutiert wurde welchen Zustand etwas haben kann und dass es bei den kleinsten aller Teilchen so ist, dass diese weder den einen noch den anderen oder gar beide Zustände gleichzeitig annehmen können. So kann man sich auch Gedanken darüber machen, ob die Stiefmutter am Ende ihr Ziel als Täterin erreicht hat, oder ob sie Opfer war. Meine lieben Freunde macht euch auf was gefasst. „The Lodge“ arbeitet mit Sinnestäuschung und lässt euch mitfühlen, wie das Leben allmählich davonscheidet, bis das es in den eigenen vier Holzwänden erstickt. Zwei Kinder allein mit ihrer Mama, das erinnert an „Ich seh Ich seh“ und das können die beiden Regisseure auch am Besten. Böse Kinder oder: können Kinder überhaupt böse sein? Ja natürlich! Kinder können sehr sehr böse sein. Bereits im ersten Schuljahr wird gemobbt, getreten, geboxt, geschubst, beleidigt, und Interessen entwickelt wie ein totes Tier wohl von innen aussehen mag. Kinder sind Psychos, kommen auf perverse Fantasien, weil deren Gehirn gerade erst in der Entwicklungsphase steckt. Spielen dann noch schlimme Familienverhältnisse eine Rolle (Papa und Mama streiten oft) schlägt das ganz tiefe Wunden in die jungen Seelen. Schon wieder ist hier ein voller Erfolg gelungen. Die Atmosphäre beklemmend wie die in „Silent Hill“ und primär meine ich die Videospiel-Klassiker. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass dies nicht der letzte Beitrag dieses Regisseur-Duos war, denn „The Lodge“ erreicht tatsächlich dieselbe Güte von „Ich seh Ich seh“ und das heißt, dass wir es mit einem gottverdammten Meisterwerk zutun haben. Da muss sich sogar „Midsommar“ warm anziehen, wenn der Winter kommt.

    Dass dieses kleine, oder besser gesagt große Film-Juwel hier nur mit so wenigen Sternen abgestraft wird, sagt eher etwas über den Geschmack der heutigen Kino-Generation als über den Film. Leute, lasst euch nicht von den negativen Kommentaren verunsichern! Kauft euch diesen Hammer Film und schaut ihn euch alleine im Dunkeln und laut an. Ansonsten wird Gott euch eure Sünden nicht vergeben.

    1. Hallo Alexander von Brennenburg,

      erst einmal vielen Dank für Deinen umfangreichen Kommentar.
      Aber an einigen Punkten muss ich Dich korrigieren: Zum einen, falls Du es noch nicht bemerkt hast, wir vergeben keine Sterne, um einen Film zu bewerten. Zum anderen gehöre ich NICHT zur heutigen Kino-Generation, wie Du so schön geschrieben hast. Das habe ich auch ausdrücklich in meinem Fazit erwähnt. Warum THE LODGE nicht ganz das Meisterwerk ist wie HEREDITARY, habe ich ausführlich in meiner Besprechung dargelegt, was aber nicht heißt, dass der Film schlecht ist. THE LODGE rangiert meilenweit über dem, was heute so gerne an den Kinokassen angepriesen wird, das steht übrigens auch in der Besprechung. Vielen Dank für Deine Meinung zum Film.

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