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The Lobster (2015) – Filmanalyse

Wenn du Single wirst, bleiben dir 45 Tage in einem Hotel vor den Toren der Stadt, um wieder einen Partner zu finden. Ist deine Zeit abgelaufen, wirst du zu einem Tier deiner Wahl verwandelt. Verhaltensweisen, die sich kontraproduktiv auf dieses Ziel auswirken, ziehen empfindliche Körperstrafen nach sich. Tagsüber wird propagandistischen Vorträgen gelauscht, die die Mangelhaftigkeit des Single-Daseins veranschaulichen. Abends kannst du die im angrenzenden Wald lebenden, geflüchteten Singles jagen und so deinen Aufenthalt verlängern.

Der Druck dieser Situation allein dürfte jede Partnersuche verunmöglichen oder sie auf das Äußerste reduzieren, also auf sexuelle Gefälligkeiten und verzweifelte Entscheidungen. Doch in Yorgos Lanthimos Dystopie ist der Begriff von Liebe und Partnerschaft noch drastischer pervertiert. Echte Anziehung gibt es schon im Freundschaftlichen nicht mehr. Alles Zwischenmenschliche ist formalisiert und wird von Etikette erstickt. Den Menschen ist offensichtlich jede Unbekümmertheit und jeder Exzess, der Liebe wie Freundschaft bestimmt, abhandengekommen. Aussicht auf Liebe hat man dann, wenn man jemanden findet, der eine Gemeinsamkeit mit einem teilt. Etwa dasselbe Studienfach. Eine schöne Singstimme. Oder eine Neigung zu spontanem Nasenbluten. Und wehe, es stellt sich heraus, dass diese Gemeinsamkeit erlogen war.

© Sony Pictures Germany

All das wabert im ersten Teil des Films, der der stärkere ist, kafkaesk vor sich hin. Kein Aufbegehren, kein Hinterfragen seitens der Eingesperrten. Keine Gründe, kein Sinn auf Seiten der Inquisition. Dann entschließt sich der Held (Colin Farrell) zur Flucht.

THE LOBSTER (2015)

© Sony Pictures Germany

Im Wald aber, bei den Singles, die sich der Beziehungsdiktatur entzogen haben und jede Nacht um ihr Leben fürchten, trifft der Held keineswegs auf die Freiheit. Auch hier wurde ein strenges Regime errichtet: Wer flirtet, dem werden die Lippen zerschlitzt. Masturbation wird verherrlicht und ein jeder muss sein eigenes, einsames Grab ausheben, denn niemand wird es für ihn tun, wenn er gestorben ist. Das wäre zu viel der Fürsorge, die sie hier so verachten wie die Städter und die Hotelmanagerin das Flanieren ohne Partner.

THE LOBSTER (2015)

© Sony Pictures Germany

Dann aber doch: Eine Frau (Rachel Weisz) eilt dem Helden zu Hilfe und ob dieser menschlichen Geste scheint sich tatsächlich so etwas wie eine authentische Liebschaft zwischen den beiden zu entwickeln. Mehr schlecht als recht halten sie ihre Leidenschaft füreinander geheim, entwickeln eine Zeichensprache. Doch die Anführerin (Léa Seydoux) hat Witterung aufgenommen. Bei einem spontanen Besuch in der Stadt überredet sie des Helden Liebste zu einer Augenoperation.

Zu diesem Zeitpunkt steht der Entschluss des Liebespaars zur Flucht längst fest. In der Stadt könnten sie ein schönes Leben führen: beide sind kurzsichtig.

© Sony Pictures Germany

Auf dem OP-Tisch des Arztes wird jedoch nicht die Kurzsichtigkeit geheilt. Die Geliebte wird geblendet.

Der Held überschüttet sie mit Zuneigung. Kümmert sich rührend. Doch einen Kuss gewährt ihm seine Herzensdame nicht mehr. Sie haben nichts gemeinsam, und so schickt es sich nicht. Doch der Held verzagt nicht. Sie fliehen, unter dem Versprechen, sich selbst ebenfalls zu blenden. An einer Raststätte sucht der Held mit einem Steakmesser bewaffnet die Toilette auf, seine Liebste wartend zurücklassend. Wartend auf ihren Liebsten, oder?

© Sony Pictures Germany

The Lobster ist kein perfekter Film, weil er Längen hat und überflüssige Episoden. Aber wie schon mit DOGTOOTH (2009) gelingt es Yorgos Lanthimos, anhand einer absurden Prämisse tief in die Verfasstheit unserer Lebenswirklichkeit einzudringen. Wo in DOGTOOTH die Frage nach der Realität und ihrem Zustandekommen aufgeworfen wurde, ist es in THE LOBSTER der Begriff von Partnerschaft. Und wahrscheinlich muss man hinzufügen: Der Begriff von Partnerschaft in der Welt des Datings.

Ob nun Algorithmen, immergleiche Profile oder so arbiträre Gemeinsamkeiten wie die eigene Kurzsichtigkeit (welch Ironie) die Grundlage für die Anbahnung einer Partnerschaft bilden – auf ein festes Fundament lässt sie sich so nicht stellen. Und die Art der Anbahnung muss zwangsläufig die Menschen selbst samt ihrer sozialen Kompetenzen in Mitleidenschaft ziehen. Die Manie, mit der die Figuren in THE LOBSTER nach Gemeinsamkeiten Ausschau halten, sogar bereit sind, sich regelmäßig blutig zu schlagen oder den Mord am eigenen Bruder achselzuckend hinzunehmen, unterstreicht die Panik, die alle Beteiligten ergriffen hat. Bloß nicht der sein, der kein Match findet. Verloren geht, das bebildert Lanthimos ebenso genial wie er es mit seinen steifen Dialogen untermauert, das Zwischen. Zwischen diesen Menschen gibt es nichts. Kein Verlangen, keine Begierde, keine Verletzlichkeit. Nur Zurschaustellung gewisser Merkmale. In diesem Fall nicht Profilfotos oder spektakuläre Hobbys, sondern die Art von Match, die der menschliche Verstand ohne Zuhilfenahme von Algorithmen zustande bringen kann: Er blutet aus der Nase, ganz wie ich. Cute.

THE LOBSTER (2015)

© Sony Pictures Germany

Allerdings ist Lanthimos‘ Satire keineswegs ausschließlich auf das Dating im Zeitalter von Apps gemünzt. Vielmehr erlaubt THE LOBSTER einen kritischen Blick auf die Historie: Was heute Profile, waren früher Stand und das, was man eine „gute (arrangierte) Partie“ nannte. Irgendwo dazwischen, zwischen dieser Zeit und dem Heute, muss es eine Zeit gegeben haben, in der Romantik ihren Platz hatte, weil es ein Zwischen gab, weil es eine Anbahnung gab, der der Zufall innewohnte. Und eine Bejahung der Verschiedenheit, in vollem Bewusstsein darüber, dass es der Verschiedenheit zweier Menschen bedarf, um ein Zwischen zwischen ihnen zu ermöglichen.

In diesem Sinne ist die Blendung der Geliebten eine Chance: ihrer Verschiedenheit schmerzhaft bewusst geworden, könnten sie sich jetzt aufrichtig lieben. Doch die herrschende Ideologie hält sie selbst dort draußen im Wald bei den Hunden, Kamelen und Flamingos noch gefangen.

© Sony Pictures Germany

Interessanterweise gibt es einen zweiten Begriff, der auf ein Zwischen angewiesen ist: jener der Macht. Sie existiert nicht außerhalb oder in uns. Nur zwischen uns. Und in THE LOBSTER gibt es Macht allenthalben zu bestaunen. Die tüchtigen Jägerinnen sind den weniger erfolgreichen überlegen, auf Partnersuche gar nicht angewiesen. Die Hotelmanagerin verfügt über die Insassen, wie ihr beliebt und selbst im Wald verschafft die Macht der Gewalt ihre Legitimation.

Sofern die Abwesenheit von Macht Freiheit ermöglicht und aufrichtige Liebe genau das ist, dann konkurrieren Macht und Liebe miteinander um das Zwischen zwischen den Menschen. Genau dieser Konflikt prägt das letzte Drittel von  THE LOBSTER: Gewinnt die Liebe oder das Regime?

THE LOBSTER (2015)

© Sony Pictures Germany

Und, so bitter und so gekonnt geplottet: Am Ende, vor dem Waschbeckenspiegel mit dem Steakmesser in der Hand, ist diese Frage schon beantwortet. Der Held trifft keine Entscheidung zwischen der Freiheit und der Macht. Als tragischer Held ist er auf dieselbe Frage zurückgeworfen, die ihm im Hotel gestellt wurde. Wie weit bist du bereit, für das zu gehen, was wir hier Partnerschaft nennen? Und was setzt du aufs Spiel, um deinen eigenen, gesünderen, freiheitlichen Begriff von Partnerschaft zu bewahren? Im Hotel drohte die Verwandlung ins Tier. Hier an der Autobahnraststätte droht dem Individuum die Einsamkeit, wenn es auf das eigene Augenlicht nicht verzichten mag. Die Pointe lautet: Am Tisch des Diners sitzt keine Frau, für die sich so etwas lohnen würde. Auch sie hat Schaden genommen, lange bevor sie geblendet wurde.

© Sony Pictures Germany

Und dann ist da noch die Vorgeschichte. Der Held wurde von seiner Frau verlassen, die ihn „einfach gar nicht mehr liebte“. Und in dieser Welt natürlich einen neuen Partner gefunden hat. „Trägt er eine Brille oder Kontaktlinsen?“, fragt der konsternierte Held. Offenbar ist auch der neue Mann seiner Ex-Frau kurzsichtig und offenbar hat das auch ihn mit ihr verbunden. Diese prinzipielle Ersetzbarkeit stellt sich notwendig ein, sobald Liebe auf der Erfüllung bestimmter Merkmale beruht. Basiert eine Partnerschaft auf einer gewissen Punktzahl, also kurzsichtig, Sozialwissenschaftler, verbeamtet, gibt es keine Möglichkeit, ihr Fortbestehen zu garantieren. Dafür müsste sie an etwas anderes gebunden sein. Die Romantiker nannten das einmal „Liebe“. Und so ist sie zu definieren: als Unersetzbarkeit. Gib deinem Partner Punkte auf einer Reihe von Skalen. Attraktivität, Humor, Kurzsichtigkeit. Dann stell dir jemanden vor, der ihn in all diesen Punkten übertrifft. Rein rational betrachtet, müsstest du bereit sein, deinen Partner gegen diese Person auszutauschen. Sie ist der bessere Fang. Würdest du?

Wenn nicht, dann liebst du ihn.

In  THE LOBSTER ist diese Art von Liebe dahin. Das geniale Moment der Schlussszene liegt in der Reproduktion eines Klischees: Er liebte sie so sehr, dass er sich selbst blendete, um mit ihr zusammen zu sein. Der ultimative Liebesbeweis. Doch im Kontext von  THE LOBSTER ist es genau das nicht. Wenn Liebe also so wie hier definiert wird und Partnerschaft zum Dogma geworden ist, sind selbst die alten Beweise für die Liebe hinfällig. Es ist diese Vielschichtigkeit, dieser Aufruf zum freien Interpretieren, der Lanthimos‘ Filme sehenswert macht, selbst wenn sie, wie auch hier, nicht in Gänze überzeugen.

© Ein Gastbeitrag von von Christian J. Bauer.

Christian schaut und schreibt nicht nur gern über Filme, sondern bietet seine Fähigkeiten zu fairen Preisen als Lektor, Ghostwriter und Autor an. Schaut mal auf seine Webseite, die noch weitere Filmanalysen bietet.

Titel, Cast und CrewThe Lobster (2015)
Poster
Releaseseit dem 28.04.2016 auf DVD.

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RegisseurYorgos Lanthimos
Trailer
BesetzungColin Farrell (David)
Rachel Weisz (kurzsichtige Frau)
Ben Whishaw (humpelnder Mann)
John C. Reilly (lispelnder Mann)
Léa Seydoux (Anführerin der Singles)
Michael Smiley (einsamer Swimmer)
Roger Ashton-Griffiths (Doktor)
Jessica Barden (Frau mit Nasenbluten)
Olivia Colman (Hotel Managerin)
DrehbuchYorgos Lanthimos
Efthymis Filippou
KameraThimios Bakatakis
SchnittYorgos Mavropsaridis
Filmlänge109 Minuten
FSKab 16 Jahren

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