The King’s Man – The Beginning (2021) | Filmkritik

Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum: Insbesondere der erste der beiden KINGSMAN-Filme von Mathew Vaughn ist angenehme Abendunterhaltung, gewürzt mit ein zu gleichen Teilen Classic-Bond-Nostalgie und -Dekonstruktion, ein paar amüsanten Momenten und einem, für diese Art von großer Studioproduktion, überraschend hohen Härtegrad, veredelt durch einen A-List Cast, dessen Teilnehmer:innen sichtlich Spaß an der Sache hatten. Es sind aber auch ideologisch zumindest fragwürdige Filme, die Gewalt als einzige Lösung der Probleme propagieren, eine latente Misogynie ästhetisieren (inwieweit dies Teil der partiell parodistischen Intention der Filme ist, dürfte jeder/-em Rezipientin/-en selbst überlassen sein) und einer generell arg neo-konservativen Weltsicht verschrieben sind.

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In Zeiten der Cinematic Universes kam man nun bei Nichtmehr Fox auf die glänzende Idee, die Mythologie des Geheimbundes auszubauen und endlich die Frage zu beantworten, die sich eventuell niemals im Kinosaal gestellt wurde: Wie genau sind die Kingsmen denn eigentlich entstanden?

London, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges: Orlando Oxford (Ralph Fiennes) ist überzeugter Pazifist und versucht seinen Sohn Connor (Harris Dickinson) so gut es geht vor den Grauen der Welt am Anfang des 20. Jahrhunderts zu beschützen. Die Ermordung Franz Ferdindands und der damit ausbrechende erste Weltkrieg machen seinem pädagogischen Konzept einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Connor täte nichts lieber, als für her majesty aufs Schlachtfeld zu ziehen. Als die britische Regierung den Wert Connors als intelligenten Taktiker und nicht als bloßes Kanonenfutter erkennt, werden Vater und Sohn inklusive Butler (Djimon Houston) und Butlerin (Gemma Arteton) ins ferne Russland entsandt, um mal ganz unverbindlich zu schauen, was der sinistre Rasputin (Rhys Ifans) dem russischen Zaren eigentlich im Geheimen zuflüstert. Und was hat es mit diesem mysteriösen Geheimbund auf sich, dem sowohl Rasputin als auch der oberste Berater (Daniel Brühl) von Kaiser Wilhelm angehören?

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Es ist THE KING’S MAN zunächst hoch anzurechnen, dass er ein bisschen komplexer bzw. ambitionierter erzählt als der 0815 Blockbuster. Bis zu ersten echten Actionsequenz vergehen etwa 60 Filmminuten und um bei den Sondierungsgesprächen auf sowohl der Seite der Guten als auch der Bösen folgen zu können sind zumindest grobe Kenntnisse über die geopolitischen Verwicklungen aus der Zeit von 1910-1920 von Vorteil. Das ist, neben dem von der Reihe gewohnt hochkarätigen Cast, aber auch schon alles positive, was über dieses niederträchtige Schurkenstück von einem Film zu sagen ist.

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Der Hass der Filmreihe auf alles Arme und Hässliche war bereits in den ersten beiden Filmen deutlich spürbar, hier gehen die Drehbuchautoren Mathew Vaughn und Karl Gajdusek aber noch einen Schritt weiter. Den gesamten Film durchzieht eine merkwürdige Affirmation einer master-servant Dialektik. Der Wert und Status eines Menschen ist in der Kingsman-Welt durch seine Herkunft gekennzeichnet, meint, der Adel entscheidet und das Volk (das sowieso nur als CGI-Masse im Hintergrund erkennbar ist) hat eben die Entscheidungen zu befolgen. Die eklige Positionierung von THE KING’S MAN zu dieser, zu Zeit der filmischen Diegese sicherlich sogar noch vorherrschenden Meinung, wird in der Wahl seiner Schurken deutlich. Es sind die Berater der Weltmächte, die sich im Hinterzimmer trafen und den ersten Weltkrieg anzettelten, weil… ähm, ja, weil sie die Welt brennen, sehen wollen oder so, keine Ahnung. Das wäre als konterhistorische Erzählung im Paralleluniversum ja noch halbwegs verkraftbar, kompliziert wird es aber dann, wenn ungefähr zur Halbzeit des Filmes Lenin (August Diehl) in die Reihe der Superschurken aufgenommen wird und die Oktoberrevolution auch nur zu einem weitern Baustein in Richtung Weltherrschaft rekontextualisiert wird. Die Aussage des Films könnte klarer nicht sein: Herrschende Klasse, gib acht auf deine Untergebenen, den sonst stecken sie die ganze Welt in Flammen. Zudem „charmant“, in einem Film aus dem Jahre 2021 solch ungefilterte antikommunistische Propaganda erleben zu dürfen, ist Reagan nicht eigentlich schon raus aus dem Weißen Haus?

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Ein besserer Herrscher ist natürlich Oxford der Ältere, bei ihm dürfen die Untergeben auch mal einen Whiskey mit ihm Trinken und bereitwillig ihr Leben für ihn aufs Spiel setzen, denn sowohl er als auch sie kennen ihre von der Gesellschaft arbiträr vorgeschriebenen Rollen und halten sie perfekt ein. In einer der merkwürdigsten Sequenzen des Filmes, die aus Rücksicht auf spoilerphobe Leser:innen hier aber nicht weiter vertieft wird, illustriert der Film endgültig seine ekelerregende, dezent faschistische Ideologie, wenn das Volk endgültig als Kanonfutter depiktiert wird und ein Angehöriger nur deshalb zu Tode kommt, weil er die Identität eines Bürgers „niederer Abstammung“ annahm.

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Wenn Ralph Fiennes dann im Finale des Films erkennen muss, dass Pazifismus keine Lösung ist (das ist nicht mal mehr Subtext, das ist fast die direkt zitierte Dialogzeile) und einen Bösewicht mithilfe seines Friedenskreuzes über den Jordan schickt, dann sitzt man nur noch fassungslos im Kinosaal. Wenn dann die Kingsmen endlich gegründet werden, und zwar als „Geheimdienst über der allen Instanzen und ohne moralische Grenzen“, dann kann man eigentlich nur noch lachen. Gewalt ist die einzige Lösung, Gewalt wird mit Gegengewalt bekämpft und Legislative und Judikative sind im Kampf für die „Gerechtigkeit“ auch nur lästige Hindernisse. Puh.

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Das alles reicht ja eigentlich schon, um aus THE KING’S MAN die oben beschriebene Niedertracht von einem Film zu machen, zusätzlich zu seiner uninspirierten Action, dem konfusen und dem selten homogenen Plot, der sich eher anfühlt, als ob aus Versehen der Kater Murr über drei verschiedene Drehbücher gelaufen wäre. Wenn uns dann aber in der Midcredit Szene die unausweichliche Fortsetzung angeteasert wird, dann ist ob deren Inhalt die einzig angebrachte Reaktion, einmal ganz laut „Fuck You“ zu rufen (oder vielleicht ruft man das doch lieber in sich hinein, Kinoetiquette will gewahrt werden).

Giullio Andreotti soll nach einer privaten Vorführung „seines“ Biopics IL DIVO gesagt haben: „Dieses Werk ist ein Schurkenstreich, eine Niederträchtigkeit, ein boshafter Film“. Kann man auch so als Urteil über THE KING’S MAN stehen lassen.

© Fynn

Titel, Cast und CrewThe King's Man - The Beginning (2021)
OT: The King's Man
Poster
RegieMatthew Vaughn
ReleaseKinostart: 06.01.2021
Trailer
BesetzungDjimon Hounsou (Shola)
Ralph Fiennes (Orlando Oxford)
Matthew Goode (Morton)
Gemma Arterton (Polly)
Rhys Ifans (Grigori Rasputin)
Daniel Brühl (Erik Jan Hanussen)
Joel Basman (Gavrilo Princip)
Matthew Goode (Morton)
Charles Dance (Kitchener)
DrehbuchMatthew Vaughn
Karl Gajdusek
FilmmusikDominic Lewis
Matthew Margeson
KameraBen Davis
SchnittJason Ballantine
Robert Hall
Filmlänge130 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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