„Endstation: Langzeitbeziehung“
Das bekannte Kammerspiel, in dem zwei Paare aufeinandertreffen. Verschiedene Charaktere, Beziehungsansichten und Geschmacksrichtungen kollidieren beim Dinner. Das kann, wie im echten Leben, spannend, humorvoll und dramatisch werden. Mir gefällt vor allem an solchen cineastischen Tischdebatten, wie zum Beispiel bei DER GOTT DES GEMETZELS (2011), dass sie den aktuellen Zeitgeist des Bürgertums widerspiegeln. Das ist manchmal wunderbar ignorant gegenüber der realen Welt, wie hier auch in THE INVITE von Olivia Wilde, welcher ein Remake des Films SENTIMENTAL (2020) ist, der bereits 2023 von Sabine Boss in DIE NACHBARN VON OBEN eine Neuauflage erfuhr. Wenn jedoch der Kinovorhang nach dem Film wieder fällt, muss man erkennen, in welcher Blase diese Paare diskutiert haben und wir selbst mit ihnen. Die Außenwelt hat wesentlich mehr Einfluss auf unsere individuellen Probleme als die innere Einstellung. Der eigene Seelenfrieden hängt enorm von politischen, wirtschaftlichen und sozialen Faktoren ab. Nicht jeder kann sich beispielsweise, wie die Figuren in diesem Film, einen frühzeitigen Ruhestand leisten oder eine schöne Wohnung mitten in San Francisco erben.

Handlung
Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) sind seit Jahren zusammen und haben eine Tochter. Joe steckt in einer tiefen Depression, die seine schlechte Laune stetig nährt. Angela versucht schon seit Monaten, die geerbte Wohnung neu zu gestalten und zu konzipieren. Um aus dem alten Trott herauszukommen, lädt sie die Nachbarn über ihnen zum Essen ein. Joe ist nicht begeistert, weil Pina (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) ein sehr lautes Sexleben führen. Die Lustschreie mitten in der Nacht rauben dem Paar immer wieder den Schlaf, und das rege Treiben führt ihnen auch den Mangel an eigenen Intimitäten vor Augen. Doch der Abend bringt noch eine andere Einladung, die weit über den leckeren Käse und guten Wein hinausgeht.

Inszenierung
Schauspielerin und Regisseurin Olivia Wilde weiß THE INVITE selbstsicher zu inszenieren. Die Wohnung gleicht trotz aktueller Dekorationstipps einer recht dunklen Behausung. Sie schwebt zwischen wertvoller, geerbter Immobilie und wohligem Instagram-Account. Auch wenn nicht viel Raum für die Kamera bleibt, bringt Wilde gekonnt die Paare durch eine Rahmung im Hintergrund zusammen oder trennt sie. Pina und Hawk können als frisch verliebtes Paar kaum die Finger voneinander lassen und verschmelzen in ihren schwarzen Outfits – sexy Pärchen in Schwarz vs. wollige Pastell-Eltern. Angela und Joe stehen meist voneinander entfernt in ihren matten, natürlichen Kleidern und werden immer wieder von Balken, Bildern und Räumen voneinander getrennt. Der Dreh auf 35-mm-Film lässt THE INVITE insgesamt nahbarer wirken.

Eine Szene setzt raffiniert eine Gegenüberstellung: Als sich Pina und Joe bei einem Joint im Arbeitszimmer näherkommen und Joe sich traut, eine private Frage zu Pinas vorheriger Beziehung zu stellen, wechselt der Film ins Schlafzimmer zu Angela und Hawk, der gerade drei Zukunftsvisionen für Angela vorstellt – in keiner kommt ihr Mann vor. Sie sprechen über drei Farbmuster, die Angela an die Wand gemalt hat. Mit Absicht sind sie so gefilmt, dass sie gleich zu sein scheinen, aber hier wird vor allem die Annäherung Joes deutlich, wie auch die scheinbar zu Ende gegangene Beziehung. Manche Menschen haben einen tieferen, emotionaleren Zugang zu verschiedenen Farben, wohingegen manche nicht über Grundfarben hinauskommen. So spielt THE INVITE auch mit der Frage, welches Paar nicht nur besser zusammenpasst, sondern auch, welche Persönlichkeiten sich in den letzten Jahren massiv geändert haben – wie zum Beispiel Joes Distanz zu seiner früheren musikalischen Leidenschaft.

Sex und Alltagsprobleme
Die amerikanische Produktion liebt es, uns besonders viele Sexthemen zu servieren. Je weiter von konservativem Beischlaf entfernt, umso besser. Die Neugierde siegt, und erstaunlich schnell wird eine monogame Beziehung über den Haufen geworfen. Jetzt könnte THE INVITE die richtigen Fragen stellen, inwiefern ein abwechslungsreiches Sexleben eine langjährige, angestaubte Beziehung rettet oder ob alltägliche Probleme wie hohe Lebenskosten, langweiliger Berufsalltag und Konsum als Stimmungsaufheller den Lebenssinn zerstören. Dass Angela und Joe das besondere Angebot ihrer Nachbarn ohne große Schüchternheit annehmen, macht den Unterhaltungswert aus und verortet THE INVITE eindeutig als Komödie. Dennoch mag es für manche zu oberflächlich und ein bisschen zu reißerisch wirken. Die oben genannte Szene mit den drei Farbinterpretationen bringt den Film gut zusammen. Angela werden Zukunftsvisionen als Spaziergängerin am nordischen Strand, als festes Familienmitglied auf einer Veranda im Süden oder als urbane Einzelgängerin in Kopenhagen vor einem Date eröffnet. Sie „kann“ all dies sein. Alles hat nichts mit ihrer aktuellen Situation zu tun, und nichts könnte weiter von der Farbwirkung des erdigen, olivfarbenen Farbtons im Schlafzimmer entfernt sein.

Fazit
THE INVITE erzählt eine anekdotenreiche Kennenlerngeschichte ohne großen Tiefgang. Das kann die Erfüllung mancher Erwartungen an einen unterhaltsamen Filmabend sein, aber vielleicht möchte man doch etwas mehr inspirierende Konversation, um andere Lebensstile zu verstehen, als einen kurzen Höhepunkt mit Katerstimmung am nächsten Morgen.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


