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The House that Jack Built (2018) – Filmkritik

„Damn Rusty James, you have changed!“

Beim Einführungsgespräch auf dem Filmfest Hamburg erklärt ein deutscher Produzent zunächst umständlich, warum heute leider keiner der Stars des Filmes anwesend sein könne: Herr von Trier reise nicht gerne, Bruno Ganz wäre sehr krank, Matt Dillon zu beschäftigt und Uma Thurman habe ganz einfach keine Lust gehabt. Dann wird ewig lange über die Brutalität und Unmenschlichkeit des gleich Folgenden, man muss es so drastisch sagen, geschwärmt. Nicht umsonst habe man in Cannes „Warnungsflyer“ verteilt, denn THE HOUSE THAT JACK BUILT, so der Titel des neuen Lars von Trier-Schockers (TM), sei wahrlich nichts für schwache Gemüter. Über sonstige Qualitäten des Gleichgezeigten wird kein Wort verloren, es geht nur um Gewalt und Schock. Die Anwesenden sollten sich glücklich schätzen, denn, dies wird bestimmt die einzige Gelegenheit sein, den Serienkiller-Thriller in seiner ungekürzten Form auf deutschen Leinwänden zu sehen.

So weit, so PR-Geplänkel. Doch irgendwie verursacht diese Einführung eher Langeweile denn Vorfreude. Man kennt sie ja, die jüngsten Ausflüge von Lars von Trier ins „Verbotene“. Und die waren selten tatsächlich schockierend, sondern meist so übertrieben intellektuell aufgeladen, dass sie beim Zuschauer eher ein unfreiwilliges Lachen als echte Emotionen hervorlockten. Zumindest seit ANTICHRIST.

© Concorde

Dann geht THE HOUSE THAT JACK BUILT los und die schlimmsten Erwartungen scheinen erfüllt. Die ganze Geschichte ist, wie bei NYMPHOMANIAC, in Kapitel bzw. „Vorfälle“ aufgeteilt, als Rahmenhandlung dient ein Gespräch zwischen Protagonist Jack (Matt Dillon) und Verge (Bruno Ganz), der sich später als Mephistopheles herausstellen soll und mit augenscheinlich diabolischem deutschem Akzent konversiert. Jack erzählt also erstmal: Er ist ein Serienkiller, bekannt unter dem Namen Mr. Sophisticated und hat während seiner Laufbahn 62 Morde verübt, wovon uns der Film die fünf relevantesten präsentieren wird. Die Opfer reichen von einsamen Hausfrauen über nervige Anhalterinnen (Uma Thurman, man könnte hier von verschenkt sprechen) bis hin zu einer entzückenden Bilderbuchfamilie. Ach ja, Tiere hat Jack als kleiner Bub natürlich auch gequält. Zudem ist er mit einer zwanghaften Sauberkeitsneurose geplagt, was vor allem im zweiten Kapitel tatsächlich für einige Lacher sorgt.

© Concorde

Überhaupt ist THE HOUSE THAT JACK BUILT in der ersten Stunde ziemlich komisch. Man hat sogar das Gefühl, von Trier habe irgendwie auf wundersame Art und Weise zu einem gesunden Maße an Selbstironie gefunden, was sich in Bruno Ganz‘ Rolle äußert, der allzu philosophische Abhandlungen seitens Jack gerne mal mit einem Kommentar à la: “Wolltest du nicht eigentlich nur ganz schnell erzählen, wie du diese und jene Frau umgebracht hast“ ausbremst. Auch macht das Drehbuch keinen Hehl daraus, was für ein Stereotyp die Figur des Jack doch eigentlich ist. Immer wieder gibt es Super 8-Einschübe von Jack, der wie im „Wir sind Helden“ Musikvideo zu „Nur ein Wort“ selbstbewusst grinsend Papptafeln mit seinen zahlreichen Störungen und Psychosen hochhält. Ein Haus will er neben all dem Morden auch noch bauen. Das verliert der Film aber doch recht bald aus den Augen. „Wasn’t there something about building a house?“ schnappt man beim Verlassen des Kinos im Vorbeigehen auf.

© Concorde

Festzuhalten bleibt aber: In seinen ersten 60 Minuten macht „Jack“ furchtbar viel Spaß. Leider geht THE HOUSE THAT JACK BUILT dann noch weitere 90 Minuten, die teilweise so unansehbar und langweilend sind, dass einen der Verdacht beschleicht, die Cannes-Zuschauer hätten das Werk vielleicht nicht unbedingt aus Ekel verlassen. Denn irgendwann sehen sich die Bruno Ganz-Figur und Jack eine Art Supercut aus sämtlichen von Trier-Filmen an und kommen zu dem Schluss, dass das hier ja noch echte Kunst und bewundernswert sei. Natürlich wird auch mal wieder über Hitler und das NSDAP-Deutschland philosophiert, man erfreut sich besonders an der Tatsache, dass man das KZ Buchenwald, im wahrsten Sinne des Wortes, um Goethes Lieblingsbuche herum baute. Und ab diesem Punkt beschleicht einen ein ganz unangenehmes Gefühl: Vielleicht war all das, was man als wohlwollender Zuschauer am Anfang noch so tollkühn als Selbstironie gedeutet hat, gar nicht das, wofür man es gehalten hat. Immer deutlicher wird, wie sehr sich von Trier doch in seine Hauptfigur inkarniert hat. Denn Jack begreift sich vor allem als Künstler, der von dem gemeinen Pöbel einfach nicht anerkannt wird, Parallelen zum Regisseur bestimmt nur rein zufällig.

© Concorde

Ganz unangenehm wird es, wenn die letzen 30 Filmmeter plötzlich zu einer Art Göttliche Komödie- Supercut verkommen, voller CGI, welches in den 90ern sicherlich für Aufsehen gesorgt hätte. Immerhin der Abspann hat eine ganz nette Song-Pointe zu bieten, die hier aber nicht verraten werden soll. Kommen wir aber doch lieber zum Elefanten im Raum: Wie unmenschlich brutal ist THE HOUSE THAT JACK BUILT denn nun final? Nun ja, hier gibt es jetzt nichts zu sehen, was Fulci und Co. nicht vor 40 Jahren schon in Bella Italia veranstaltet hätten. Zudem wirkt die gesamte Gewaltdarstellung durch die ständige intellektuelle Verfremdung so abstrakt und fern (und gegen Ende einfach nur noch peinlich), dass sich wohl kein Zuschauer hier ernsthaft auf den Schlips getreten fühlen dürfte. Jedenfalls keiner, der diesen Film sowieso schon auf seiner Watchlist hatte. Der größte Lichtblick des Filmes ist am Ende des Tages Matt Dillon. Schaut man ihm durch die modische 80er Jahre-Brille in die Augen, meint man hier bei Zeiten tatsächlich das pure Böse zu sehen. Im Sekundenschlag wechselt er vom charmanten Architekten zur Tötungsmaschine, die auch durchaus mal zu einem sadistischen Spielchen aufgelegt ist. Selbst Hannibal Lecter dürfte ungern mit Jack alleine in einem Raum sein wollen. Doch gerade der Fakt, dass Dillons Spiel so gut ist, macht im Rückschluss wieder traurig, man mag sich nur ausmalen, wie sehr er in einer reinrassigen Genreproduktion, ohne verkrampfte Diskussionen über die Flugfähigkeit von Flugzeugen oder dem Komponieren von Symphonien hätte glänzen können. Der Rest der Darsteller, auch Grandseigneur Bruno Ganz, agieren auf Sparflamme. Uma Thurman ist als nervige Anhalterin: Nervig. Riley Keough (UNDER THE SILVER LAKE) gibt den leicht tumben One Night Stand und ist: Leicht tumb. So lässt sich eigentlich jede Rolle knapp zusammenfassen.

Fazit

THE HOUSE THAT JACK BUILT ist ein Film, den wirklich kein Mensch braucht. Er taugt nicht als Genrefilm, an einer tieferen Analyse seines Protagonisten ist er schon gar nicht interessiert und als überlange Dekonstruktion von Lars von Triers Werk und Stil nervt er einfach nur.

© Fynn

Titel, Cast und CrewThe House that Jack Built (2018)
Poster

Release
ab dem 29.11.2018 im Kino
ab dem 06.06.19 auf Blu-ray
bei Amazon bestellen

RegisseurLars von Trier
Trailer
BesetzungMatt Dillon (Jack)
Bruo Ganz (Verge)
Uma Thurman (Lady 1)
Siobhan Fallon Hogan (Lady 2)
Sofie Gråbøl (Lady 3)
Riley Keough (Simple)
Jeremy Davies (Al)
DrehbuchJenle Hallund
Lars von Trier
KameraManuel Alberto Claro
SchnittJacob Secher Schulsinger
Molly Malene Stensgaard
Filmlänge155 Minuten
FSKab 18 Jahren

Ein Gedanke zu „The House that Jack Built (2018) – Filmkritik“

  1. Das Video von „Wir sind Helden“ ist übrigens nur eine (bewusste (und auch irgendwie ironische)) Kopie von Bob Dylans Klassiker „Subterranean Homesick Blues“ von 1965. Da waren „Wir sind Helden“ wahrlich nicht die ersten, die das nachgemacht haben. Ich sag nur mal INXS „Mediate“ (1987).

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