The Hole in the Ground 2019 Review

The Hole in the Ground (2019) – Filmkritik

Die Handlung

Die allein erziehende Mutter Sarah (Seána Kerslake) und ihr introvertierter, achtjähriger Sohn Chris (James Quinn Markey) wohnen seit kurzem in einem renovierungsbedürftigen Haus am Rande eines Waldes in der irischen Provinz. Die Trennung von ihrem Mann scheint noch nicht lange her zu sein. Eine noch recht junge Narbe auf Sarahs Stirn, die sie mit ihren Haaren verdeckt, vermittelt noch nicht ganz verheilte Ehewunden. So wird das neue Eigenheim auch zu einem Projekt der Selbstheilung der neuen zweiköpfigen Familie. Symbolisch für diesen Prozess spachtelt Sarah den kompletten Film über eine altmodische Blümchentapete von den Wänden. Doch trotz aller Schwermut haben Mutter und Sohn eine liebevolle und verspielte Beziehung. Auf langen Autofahrten zwischen ihrem abgelegenem Haus und dem ländlich öffentlichen Leben, sprechen sie sehr mitfühlend über seine Anpassungsschwierigkeiten in der neuen Umgebung.

The Hole in the Ground 2019 Review
© Savage Productions

Während einer dieser Fahrten haben sie fast einen Unfall mit einer verwirrten älteren Frau (Kati Outinnen, Hauptdarstellerin vieler Aki-Kaurismäki-Dramödien), die plötzlich vor ihnen auf der Straße steht. Etwas später geraten Mutter und Sohn in einen Streit über die Trennung und Chris läuft in den nahe gelegenen Wald. Als Sarah ihm folgt, trifft sie plötzlich auf einen riesigen Krater. Die Erde in seinem Zentrum scheint in ständiger Bewegung, so dass der Eindruck eines riesigen Höllenschlunds entsteht. Bevor sie völlig in verzweifelte Panik verfällt, dass er in dieses riesige Loch gefallen sein könnte, steht Chris plötzlich neben ihr. In den kommenden Tagen fallen Sarah immer häufiger kleinste Veränderungen an ihrem Sohn auf. Eine weitere verstörende Begegnung mit der verwirrten Frau verstärkt noch Sarahs Gefühl, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte. Ist sein Verhalten lediglich eine traumatische Reaktion auf die Trennung der Eltern oder hat Chris’ Veränderung wirklich etwas mit dem HOLE IN THE GROUND zu tun?

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Das Thema und seine Form

Genau diese Frage stellt dieser irische Horrorfilm ins Zentrum seiner atmosphärisch dichten Handlung. Wie sehr leiden Menschen darunter wenn sie sich trennen und wie sehr verändert es ihre Kinder? Werden plötzlich ganz alltägliche Dinge zu Vorboten eines namenlosen Unheils, welches sich seinen Weg in unsere Welt graben möchte? Oder ist unser Unterbewusstsein dieses Grauen, aus welchem sich Trugbilder zu bedrohlichen Monstern manifestieren? In dieser Twilight Zone zwischen psychologischer Realität und irrealem Horror aus einer anderen Welt, bewegt sich dieser irische Horrorfilm auf einem atmosphärisch sehr hohen Niveau.

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Das Genre des Horrorfilms hat sich seit jeher immer schon dadurch besonders ausgezeichnet, dass es Filmemachern erlaubt, ganz reale Probleme, Ängste und Phänomen des Alltags mit einem phantastischen Rahmen zu verkleiden. In DER EXORZIST (1973) z. B. ist die Geschichte der vom Teufel besessenen Regan im Kern auch die, eines pubertierenden Mädchens vor den Augen einer im Glauben verunsicherten Erwachsenengesellschaft.

Was diesen Film besonders auszeichnete ist seine starke übernatürliche Komponente, eine Art phantastischer McGuffin, der das Alltägliche in einem erschreckend überhöhten Höllenglanz erstrahlen lässt. Erst durch diese Überhöhung wurde das Profane in seiner schwer greifbaren Komplexität fast körperlich erfahrbar. Die große Kunst dabei ist das richtige Gleichgewicht zwischen diesem überhöhten Alltäglichen und seinem übernatürlichen Auslöser zu erreichen.

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Die Umsetzung

Genau daran scheitert HOLE IN THE GROUND eigentlich als Horrorfilm. Der fantastische Auslöser kann mit der aufgeladenen Alltagswelt, in die er sich eingeschlichen hat, nicht ganz mithalten. Der Weg zur Auflösung ist letztendlich interessanter und spannender, als die Auflösung selbst. Dies allerdings auch nicht über die gesamte Laufzeit. Viele in sich gut gebaute Szenen verlieren in ihrer Abfolge ein wenig an Kraft weil sie letztendlich immer wieder um sich selbst drehen. So empfindet man dieses nur knapp 90-minütige Werk während seiner Gesamtlaufzeit teilweise als überlang. Dadurch tut man am Ende vielen sehr stimmig geschriebenen Dialogen und dicht inszenierten Szenen ein wenig Unrecht. Aber ein wirklich guter Film ist eben immer die Summe seiner Einzelheiten.

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Die Inszenierung

Das soll jedoch die Inszenatorische Qualität von Regisseur Lee Cronin nicht schmälern. Mit seinem ersten Langfilm zeigt der Ire, dass er eine ganze Menge von Bildern und Schauspielführung versteht. Gleich in der ersten Szene in einem Spiegelkabinett auf einer Kirmes nimmt er die Motive des kompletten Films in einer Art Prolog vorweg. Die dortigen Zerrspiegel geben einerseits spielerisch, aber auch prophetisch die Grundthematik des Films wider. Inwieweit entspricht das gespiegelte Abbild der wirklichen Person? Woher kommt die verfremdete Maske des eigenen Gesichts? Diese Frage wird Sarah bis zum Ende des Films nicht mehr loslassen.

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Ein weiteres Beispiel für das Können des Regisseurs und Co Autors Cronin ist der Streit zwischen Sarah und Chris bevor er in den Wald läuft. Eine Spinne wird hier zu einem Symbol für das sensible Band zwischen Mutter und Sohn. Auch ein sehr sensibler Dialog zwischen Sarah und dem Ehemann (James Cosmo, BRAVEHEART, TRAINSPOTTING) der verwirrten Frau zeigt wie wichtig Cronin seine Figuren sind. Wie beide besonders die Pausen zwischen den Worten mit reichen Subtexten füllen ist sehr berührend. Bei den Schockmomenten zeigt er ebenfalls ein sicheres Gespür für Wirkung. Ob es jeden in dieser Form so gebraucht hätte, ist am Ende eher Geschmackssache. Auf jeden Fall hat Lee Cronin hier als Regisseur einen starken Einstand. Als Autor läuft er seinen inszenatorischen Fähigkeiten allerdings noch etwas hinterher. Spannend wird es vielleicht, wenn er beim nächsten Mal nur die Regie bei einem stärkeren Drehbuch machen darf. Mal sehen wie es mit ihm weiter geht.

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Die Darsteller

Seána Kerslake als Mutter ist sicher eine interessante Entdeckung für das Medium Film. Zumindest die meisten Nicht-Iren dürften sie bisher noch nie irgendwo gesehen haben. Ihr spröder Charme und ihr subtil stimmiges Spiel erschaffen hier eine absolut glaubhafte Figur. Lediglich die ein oder andere vom Drehbuch gebaute Szene lässt nicht alle ihre Handlungen nachvollziehbar erscheinen. Doch auch diese füllt sie souverän aus. Ihr starker Auftritt in THE HOLE IN THE GROUND macht auf jeden Fall neugierig sie auch in weiteren Filmen und anderen Rollen sehen zu wollen. Kinderdarsteller James Quinn Markey als ihr Sohn, kommt ebenfalls sehr authentisch rüber. Mithilfe der sehr geschickten Art wie ihn Regisseur Cronin in Szene setzt, gelingt ihm eine sensible und dennoch in Einzelmomenten bedrohliche Figur. Insgesamt agieren beide Darsteller harmonisch miteinander und erreichen so ein hohes Maß an Identifikation und Mitgefühl.

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Die Musik

Neben einer sehr effektiv gestalteten Soundstruktur ist die weitestgehend dissonante Filmmusik von Stephen Mc Keon treibendes Element und das heimliche Highlight in diesem Film. Zwar keimen immer wieder kurze melodiöse Passagen hervor, diese müssen sich aber schnell einer sägend pochenden Dynamik unterordnen. In ihrer sehr gut aufeinander abgestimmten Mischung aus sphärischer Elektronik, irritierender Percussion, röhrenden Bläsern und vibrierendem Streicherensemble zieht einen die Musik wirklich in ihren Bann. Mc Keon hat so einen äußerst beunruhigenden und packenden Score im Geiste von SHINING geschaffen.

 

Fazit

Starke Darsteller, ein fesselnder Soundtrack, sehr stimmige Bilder und sein aktuelles Grundthema (Elterntrennung) machen HOLE IN THE GROUND auf jeden Fall sehenswert. Wer eine vielleicht nicht ganz überzeugende Auflösung des Unnatürlichen verkraften kann, wird hier mit einer sehr sensiblen Geschichte über Mutterliebe und einigen sehr verstörenden Filmmomenten belohnt.

Titel, Cast und CrewThe Hole in the Ground (2019)
Poster
Releaseab dem 02.05.2019 im Kino
ab dem 13.09.2019 auf Blu-ray
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RegisseurLee Cronin
Trailer
BesetzungSeána Kerslake (Sarah O'Neill)
James Quinn Markey (Chris O'Neill)
Kati Outinen (Noreen Brady)
James Cosmo (Des Brady)
Simone Kirby ( Des Brady)
KameraTom Comerford
MusikStephen McKeon
SchnittColin Campbell
Filmlänge91 Minuten
FSKab 16 Jahren

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