The Gentlemen (2019)

The Gentlemen (2019) – Filmkritik

„Der letzte Ehrenmann“

Uns Menschen fehlt immer mehr die eigene Würde. Wie Kleinkinder starren wir bei jeder Gelegenheit auf unsere mobilen Seelentröster. Ertragen wir in unserem Alltag keinen ruhigen Moment mehr? Sind wir ständig auf der Suche nach Bespaßung oder haben wir Angst davor etwas zu verpassen? Sehr selten sieht man noch Personen, erhobenen Hauptes, die aufrechtstehend in dieser Welt leben, verwachsen mit dem Diesseits und mit beiden Füßen stabil auf dem Boden unter ihnen. Sie schauen ihren Mitmenschen in die Augen, halten die Tür für andere offen oder schenken vor einem Gespräch sogar eine Begrüßung. Zu einem Gentleman gehört eben nicht nur die maßgeschneiderte Garderobe und teure Uhr am Handgelenk. Ein Gentleman respektiert sein Gegenüber. Er ist ebenfalls ein Virtuose der Sprache und ein Mann mit Prinzipien. Und Gnade dir Gott, du hintergehst ihn, dann zeigt er seine Krallen.
Der britische Regisseur Guy Ritchie ist zurück, nicht etwa im Filmbusiness – mit ALADDIN und KING ARTHUR hat er ordentlich die Kasse klingeln lassen – nein, er ist zurück in den Straßen Londons, in den gemütlichen Hinterzimmern der Pubs und in seinem Lieblingsmilieu: dem organisierten Verbrechen. Aber jetzt in seiner würdevollsten Version: THE GENTLEMEN.

Matthew (Jeremy Strong) und Michael Pearson (Matthew McConaughey) // © LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Handlung

Michael Pearson (Matthew McConaughey) ist der Gras-König von London. Wenn man hochwertiges Marihuana kauft, wird es mit Sicherheit seines sein. Er hat sich ein Multimillionen-Unternehmen auf der britischen Insel aufgebaut. In seinem mittleren Alter hat er jedoch das Geschäft satt. Es ist Zeit sich zur Ruhe zu setzen, den illegalen Dreck hinter sich zu lassen, ein schönes Anwesen zu kaufen und die Abende mit seiner Frau Rosalind (Michelle Dockery) im Bett zu verbringen. Aber etwas derart Großes und Illegales verkauft sich nicht über Nacht und der Interessent will wohl überlegt sein. Er findet ihn in Matthew (Jeremy Strong). Doch wie die erste Szene in THE GENTLEMEN ohne wenige Worte vermittelt: Es kommt nichts wie erwartet und nach Plan läuft selten etwas.

Rosalind (Michelle Dockery) und Michael Pearson (Matthew McConaughey) // © LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Das Drehbuchgenie

Zeitsprünge, unerwartete Wendungen, neue Blickwinkel und komplexe Beziehungen beherrscht Guy Ritchie mit graziler Leichtigkeit. Mit seinen beiden „Debütfilmen“ im Filmzirkus (BUBE, DAME, KÖNIG, GRAS und SNATCH) trat er ins Rampenlicht und wurde als britischer Tarantino gefeiert. Handwerklich als Regisseur ist Ritchie seinem amerikanischen Kollegen nicht ebenbürtig, aber an der Schreibmaschine bietet er ihm die Stirn. Wenn THE GENTLEMEN nach der sofortigen Überzeugung seiner erlesenen Besetzung und seinem stilvollen Geschmack für Requisiten und Interior einen um den Finger gewickelt hat, will sagen, gänzlich in seine Geschichte hineingesogen hat, nimmt die Geschichte volle Fahrt auf.

Guy Ritchie gibt in der Drehpause letzte Anweisungen // © LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Richties Drehbücher sind schon immer ihre eigenen Erzähler gewesen. Es ist wie in ein Pub zu gehen, sich mit einem randvollen Pint an den Tisch eines guten Freundes zu setzen und seiner Geschichte zu lauschen. In diesem Film bittet uns der Schnüffler Fletcher an seinen Tisch – gespielt von einem grandiosen Hugh Grant, dem man hierfür ruhig eine Oscarnominierung zugestehen könnte. Fletcher erzählt bei einer Flasche 40 Jahre altem Whisky, in feinstem britischen Slang und zarter gleichgeschlechtlicher Attitüde. Sein Gesprächspartner Ray (Charlie Hunnam) erträgt es mit professioneller Art, aber wir sind von den Enthüllungen bereits ganz gefesselt. Die Fans der „Metaebenen“ werden durch diese Rahmenhandlung noch mehr verwöhnt, denn Fletcher offeriert seine Geschichte in Form eines Drehbuch-Pitches. Man ertappt sich bei dem Gedanken, Ritchie macht dies als Wiedergutmachung gegenüber seinen Filmfans der ersten Stunde: „Seht her, ich kann es noch und diese Story werdet ihr lieben.“ Ja, er kann es: perfektes Timing, komplexe Figuren, schwarzer Humor und Dialoge, nach denen man sich die Finger lecken möchte mit der wohl besten Melange aus englischem Schimpfwortvokabular und adliger Prosa.

The Gentlemen (2019)
Ray (Charlie Hunnam) und Fletcher (Hugh Grant) // © LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Die Darsteller

Matthew McConaughey als Hauptfigur meistert den amerikanischen Löwen im englischen Haifischbecken fulminant, auch sprachlich. Aber dass er zu einem der besten Darsteller der letzten Jahre gehört, braucht man zum Glück im Jahr 2020 nicht mehr herzubeten. Hugh Grant spielt den schmierigen Drückeberger punktgenau. Auf Colin Farrell muss man leider eine ganze Filmhälfte warten, aber dafür ist die Überraschung mit auf der Seite der schlecht erzogenen Kids, die ihn versehentlich anpöbeln. Mit dem „Coach“ spaßt man nicht, außer der Meister hinter der Kamera, der ihm diesen hässlichen Sportanzug verpasst hat.

The Gentlemen (2019)
The Coach (Colin Farrell) und Ray (Charlie Hunnam) // © LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Auch die Nebenrollen sind voll und ganz in der Welt der GENTLEMEN aufgegangen. Wie sollten sie auch anders, bei diesen Dialogen: Michelle Dockery (DOWNTON ABBEY) ist eine verführerische und knallharte Ehefrau. Henry Golding (CRAZY RICH, NUR EIN KLEINER GEFALLEN) als gieriger Dry Eye und Eddie Marsen (HAPPY-GO-LUCKY, FEEDBACK) als ekliger Verleger der Yellow Press. Selbst Charlie Hunnam (SONS OF ANARCHY, KING ARTHUR) kann auch mehr zeigen als den Helden und Haudrauf. Ein paar Neurosen und souveräne intellektuelle Zeilen in seinen Passagen machen ihn zu einem ernstzunehmenden Mimen. Einzig Jeremy Strong (MOLLY’S GAME, THE BIG SHORT) wirkt etwas deplatziert. Er passt einfach nicht in diese brutale Welt und man kann ihm leider bis zum Schluss nicht glauben, soweit oben in den Hierarchien der Unterwelt angekommen zu sein.

© LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Apropos Unterwelt, dieses Wort ist wirklich nur noch eine Erinnerung an längst vergessene Zeiten. THE GENTLEMEN zeigt, dass die Verbrecher schon lange in den höchsten Büros sitzen, bei den schönsten Dinnerpartys anstoßen und bei einem Mord keine Handschuhe mehr anziehen. Im Nachhinein fällt einem auch auf, dass die Vertreter des Gesetzes kein einziges Mal erwähnt oder gar als Bedrohung genannt werden. Das hier ist sein eigener Mikrokosmos und es herrscht die Evolution des Stärkeren, der manchmal auch ein bisschen Glück oder loyale Menschen an seiner Seite braucht. Ein ganz großer Spaß ist es auch, wenn die Jugend in dieser Geschichte immer wieder an die Wand gespielt wird. Sei es mit stumpfen YouTube-Videos, ziellosem Drogenkonsum oder einfach bescheuertem Kleidungsgeschmack. Aber ein Gentleman verurteilt sie nicht, sondern wäscht ihnen die Birne, appelliert an ihre Vernunft und manchmal dringt er zu ihnen durch. Die eigenen Eltern als Vorbilder haben schon lange ausgedient.

The Gentlemen (2019)
© LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Fazit

Den Blankoscheck mit ALADDIN bei Disney einzulösen sei Guy Ritchie verziehen, denn mit THE GENTLEMEN hat er sich wieder mit viel Liebe zu seinen Charakteren hinter eine vielschichtige und anspruchsvolle Geschichte geklemmt. Auch wenn Ritchie in der Welt des Verbrechens mit Vorbildern wirbt, scheinen das die letzten mit Prinzipien in unserer Welt zu sein. THE GENTLEMEN biegt nicht nur das eigene Rückgrat gerade, sondern schürt das Verlangen nach einer guten Tasse Tee und einem kühlen Bier. Please, a cup of tea and pint of beer.

Unbedingt in Originalsprache oder mit deutschen Untertiteln sehen, es lohnt sich!

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Gentlemen (2019)
Poster
ReleaseKinostart: 27.02.2020

RegisseurGuy Ritchie
Trailer
BesetzungMatthew McConaughey (Mickey Pearson)
Charlie Hunnam (Ray)
Hugh Grant (Fletcher)
Michelle Dockery (Rosalind Pearson)
Colin Farrell (Coach)
Jeremy Strong (Matthew)
Lyne Renée (Jackie)
Henry Golding (Dry Eye)
Tom Wu (Lord George)
Chidi Ajufo (Bunny)
Eddie Marsan (Big Dave)
DrehbuchGuy Ritchie
Ivan Atkinson
Marn Davies
KameraAlan Stewart
FilmmusikChristopher Benstead
SchnittJames Herbert
Filmlänge113 Minuten
FSKab 16 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.