„Ab durch die Kreidezeit“
Es ist ein Steven-Spielberg-Film. Gibt es diesen Begriff überhaupt in Filmkreisen? Es sind nicht Filme von Steven Spielberg gemeint, sondern welche, die seine Art zu inszenieren und auch seine Lieblingsthemen kopieren. Ein gutes Beispiel ist SUPER 8 (2011) von J.J. Abrams. Junge Protagonisten in einem amerikanischen Vorort treffen auf paranormale Ereignisse, in diesem Fall Aliens. Der Familienzusammenhalt und Freundschaften werden durch diese Erfahrung auf die Probe gestellt und am Ende geht meist alles gut. THE END OF OAK STREET ist durch die eigene Trailerpromotion ein Kandidat für einen solchen Spielberg-Klon. J.J. Abrams, seines Zeichens Spielberg-Fanboy, hat sogar produziert. Skeptisch wird man allerdings, wenn man den Regienamen David Robert Mitchell liest, der mit dem Vorstadthorror IT FOLLOWS (2014) einen der besten Independent-Filme der 2010er-Jahre hingelegt hat und mit seinem dritten Langspielfilm UNDER THE SILVER LAKE (2018) bewies, dass man auch jetzt noch spannende Film noirs drehen kann. Mitchell betritt jetzt mit THE END OF OAK STREET (2026) wieder neues Territorium: Eine Vorstadtfamilie aus den 1980ern wird auf einmal ins Erdmittelalter (Mesozoikum) versetzt und muss gegen allerlei fleischfressende Dinosaurier um ihr Leben kämpfen. Natürlich muss auch der Familienzusammenhalt gestärkt werden. Ja, es klingt schon sehr nach: „Wenn Sie nicht in den JURASSIC PARK kommen, kommt er eben zu Ihnen.“ Doch beim Filmerlebnis kommt alles anders als man denkt, manchmal unfreiwillig komisch, dann extrem naiv und am Ende sogar noch mit ein paar Zeitreiseparadoxen im Gepäck. Im Nachhinein drängt sich der Eindruck auf, dass Mitchell nur für sein junges Ich einen Film drehen wollte.

Handlung
Die Familie Platt lebt in den 1980er-Jahren in einem idyllischen Vorort der USA. Die Häuser sind frisch gestrichen und der Rasen kurz und dicht. Herausforderungen des Lebens gibt es auch bei den Platts. Vater Greg (Ewan McGregor) findet keinen gut bezahlten Job und schlägt sich als Pizzabote im Viertel durch. Mutter Denise (Anne Hathaway) versteckt ihr schriftstellerisches Talent in Manuskripten im Keller, in denen die weibliche Hauptfigur alles hinter sich lässt. Ist Denise etwa mit ihrem Familienleben unzufrieden? Tochter Audrey (Maisy Stella) scheint intellektuell unterfordert und Sohn Brian (Christian Convery) hat Stress mit einem Nachbarsjungen. Die Sommerferien legen über diesen kleinen Mikrokosmos eine entspannte Langeweile. Doch dann wird auf einmal das Grundstück der Platts mit ihren 100 Häusern im Umkreis ca. 100 Millionen Jahre in die Vergangenheit teleportiert. In dieser Zeit war die Welt der Dinosaurier für den Homo sapiens aus den Eighties geradezu tödlich. Da hilft auch keine Schusswaffe, die anscheinend jeder in der Oak Street in der Schublade liegen hat. Die Fleischfresser haben jetzt das Sagen und sind ständig hungrig.

Themenpark: American Dream
Es gibt viele Gründe, warum diese Geschichte in den 1980ern spielt. Offensichtlich wollte Regisseur David Robert Mitchell (geb. 1974) ein fiktives Abenteuer aus seiner Kindheitszeit wiederbeleben. In den 80ern war die Welt der Menschen noch übersichtlich und der Zugang zu Wissen ein Weg in die nächste Bibliothek. Hier hilft sogar die dortige Mitarbeiterin, die sich prächtig mit prähistorischer Flora auskennt. Die Naivität der Menschen ist in dieser Zeit enorm, und die Figuren können sich schlecht auf Wissen zu Zeitreisen, Dinosaurierthemenparks und Wurmlöchern aus der Popkultur berufen. Sie sind gerade unschuldig gegenüber dem, was ihnen widerfährt. Und da ist auch schon die offenkundige Spielberg-Stimmung, nicht nur wegen der Dinos und der bürgerlichen Familie in einer Gefahrensituation. THE END OF OAK STREET ist immer wieder brutal und erschreckend. Nachbarn werden häppchenweise aufgefuttert, Kinder dienen als Köder und anonyme Menschen sterben chancen- und planlos in dieser Zeitreise. Spielberg, der dieses Jahrzehnt im Kino maßgeblich mitgeprägt hat, hatte in seinen Blockbustern „für die ganze Familie“ immer wieder überraschend blutige Schockmomente. Man denke allein an das Lebenddinner und die Opferrituale in INDIANA JONES UND DER TEMPEL DES TODES (1984).

Jetzt kann man natürlich denken, dass der Film eine Analogie zu unserer Zeit ist, in der die wohlhabende, westliche Welt an die planetaren Grenzen gelangt ist und es nicht einmal ansatzweise vermag ihren Rollrasen und „die gute alte Zeit“ zu verteidigen. Wir haben den Sommer 2026, in Europa stellt die Anzahl von Waldbränden einen erschreckenden Rekord auf und vielleicht will uns Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion sagen: „Ohne Anpassung könnt ihr euch nicht gegen diese Veränderungen verteidigen.“ So einen Film hätte man gern gesehen, doch man bekommt „blöd, blöder, Premium-blöd“ (Zitat aus dem Anime SPACE DANDY).
Was passiert hier eigentlich?
THE END OF OAK STREET will spannend und schockierend sein. Beides kann man dem Film bescheinigen. Die Darsteller sind ihren Rollen gewachsen und auch die Inszenierung kann immer wieder überzeugen – abgesehen von dem inflationär genutzten Split-Diopter-Effekt. Die Computereffekte sind zeitgemäß und das Monsterartwork scheint neuste Erkenntnisse der Paläontologie zu berücksichtigen. Doch man kommt immer wieder zu Momenten, in denen man über diese ganze verrückte Situation nachdenkt.
Blöd: Zuallererst scheint der nachbarschaftliche Zusammenhalt, der zum Straßenfest gezeigt wird, gar nicht so gelebt zu werden. Okay, der nervige Nachbar ist ein Idiot, aber sobald die Familie Platt erkennt, dass es lebensbedrohlich wird, rennen sie nach Hause und verbarrikadieren sich. Einzig eine Nachbarin, die Denise als Lektorin dienlich ist, soll gewarnt werden, spielt der Familie aber nur eine Schrotflinte in die Hände. Jeder in dieser Straße scheint direkt in den Jede-Familie-kämpft-für-sich-Modus zu wechseln. Bewaffnet scheinen sie eh alle zu sein, helfen tut es ihnen anscheinend auch nicht.

Blöder: Wenn man eine kleine Häusersiedlung Millionen Jahre in die Vergangenheit teleportieren würde, würden nicht nur die großen Vertreter der Fauna im Garten stehen, sondern es würden erstmal die kleinen heranschwirren. Insekten, viel größer als die Heutigen, würden ihnen das Leben direkt zur Hölle machen. Das lässt sich natürlich schlecht im Kino als Unterhaltung verkaufen. Außerdem war der Sauerstoffanteil damals wesentlich höher als heute. Das würde unserem Lebendfutter erstmal eine gute Zeit verschaffen, aber dann ziemlich schnell auf den Kreislauf gehen, von Temperaturen und Luftfeuchtigkeit wollen wir gar nicht erst anfangen.
Premium-Blöd: Wenn man sich auf Zeitreisen einlässt, muss man sich für eine Sache entscheiden: Entweder man kann die Vergangenheit ändern, das Zeitkontinuum bleibt stabil und erzeugt Paralleluniversen oder wir sind beim russischen Physiker Igor Novikov. Wenn Zeitreisen in die Vergangenheit möglich sind, dann können die Ereignisse, die durch die Zeitreise verursacht werden, niemals zu einem Paradoxon führen. Alles, was ein Zeitreisender in der Vergangenheit tut, war schon immer Teil dessen, was passiert ist. Dieses Prinzip versucht zum Beispiel die Serie DARK zu verhandeln. Für welche Richtung entscheidet sich THE END OF OAK STREET? Für keine von beiden, denn es muss am Ende auch Spielberg-typisch gut ausgehen.

Bonuslevel
Was jedoch so wirklich stört, ist die Naivität und fehlende Selbstreflexion der Figuren. So wie den Figuren der Geruchs- und Tastsinn genommen wurde – deswegen können sich die tonnenschweren Reptilien auch so gut anschleichen – so wurde ihnen auch die Fähigkeit, sich anzupassen, genommen. Während die Männer der Familie direkt religiöse Ursachen erfinden, erkennen die Frauen zum Glück recht schnell, dass sie Zeitreisende sind, die vielleicht auch wieder zurückkönnen. Doch die Tage im Zusammenleben mit der animalischen Bedrohung scheinen das Verhalten der Familie kaum zu beeinflussen. Es wird laut gerufen und auf sich aufmerksam gemacht. Die Rettung des Hundes scheint wichtiger zu sein als das eigene Leben und immer wieder stolzieren die Figuren über die Vorgärten, als ob sie eine Zielscheibe auf den Rücken tragen würden. Der Mangel an gemeinschaftlicher Zusammenarbeit lässt zu Recht alle im Umkreis allein vor sich hinsterben. Und diese Passivität auf Grund des erzwungenen Unterhaltungswert, macht einen beim Zuschauen erstaunlich wütend.

Fazit
Das war wohl nix. Immerhin wird sich diese Multi-Millionen-Dollar-Jugendfantasie mit zwei Szenen in die Filmgeschichte schreiben. Ob das nun einen Kinobesuch rechtfertigt, mag die Langeweile in den Sommerferien entscheiden, aber dieses eine Polaroid-Foto wird Ewan McGregor eine Besetzung für die nächste Flintstones-Verfilmung auf jeden Fall sichern.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


