The Dragon Dentist (2017) – Filmkritik

Ja, auch Drachen müssen zum Zahnarzt. Erst recht, wenn sie die wichtigste Waffe in einem verheerenden Krieg sind. Da kann der Koloss der Lüfte keine Zahnschmerzen gebrauchen. Die Grundprämisse des Animes THE DRAGON DENTIST hört sich lustig an, kommt aber mit einem viel ernsteren Grundton daher. Wenn man zu Beginn noch darüber nachdenkt, auf jeden Fall wieder Zahnseide zu benutzen, ist man schon nach dem ersten Akt mit der Sinnfrage des Lebens konfrontiert und in den brutalen Wirren des Krieges gefangen. Die Dramatik ist Regisseur Kazuya Tsurumaki (FLCL) zu verdanken, der bei allen NEON-GENESIS-Filmen und der TV-Serie beteiligt war. Leider ist der Anime in seiner Gesamtheit kein rundes Ganzes geworden. An visueller Bildgewalt mangelt es THE DRAGON DENTIST jedoch zu keiner Minute.

THE DRAGON DENTIST (2017)
© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Handlung

Zwei befeindete Nationen liefern sich einen erbitterten Krieg. Die eine verfügt über einen mächtigen fliegenden Drachen, der nicht nur gewaltige Angriffe aus der Luft möglich macht, sondern auch magische Fähigkeiten besitzt. Die Stärke des Drachen hängt vom Wohlbefinden seiner Zähne ab und so gibt es einen auserwählten Kreis von Zahnärzten, der sich um Mundhygiene und Krankheiten des urzeitlichen Wesens kümmert. Das ist nicht leicht, denn ein Zahn ist so hoch wie ein zweistöckiges Haus. Die Zahnärzte werden durch den Drachen selbst auserwählt. In seinen Zähnen werden die Seelen der im Krieg Verstorbenen aufbewahrt. Wenige erhalten eine zweite Chance als Zahnarzt und werden von den Zähnen wieder abgestoßen. So findet die junge Nonoko den Jungsoldaten Bell, der sich gerade wieder aus einem Zahn befreit. Bell beginnt nun seine Lehre in der Drachenzahnpflege. Aber der Kampf gegen Karies und Zahnstein ist in dieser magischen Welt ein äußerst gefährlicher.

THE DRAGON DENTIST (2017)
© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Storymodus: Zähne zeigen

Als Animefan ist man ein flottes Erzähltempo, unerwartete Szenarien und Charaktere, die zwischen Einführung und Ableben nur einen Wimperschlag zu sehen sind, gewohnt. Das ist bei THE DRAGON DENTIST nicht anders. Der Krieg zum Beispiel bildet nur den Handlungsrahmen. Wer hier gekämpft und warum, wird nie geklärt. Aber einen Sinn im Krieg zu erkennen, fällt unserer im Frieden lebenden Genration sowieso schwer. Auch das Zahnarztteam ist im Eiltempo vorgestellt und wenn man sich noch versucht Namen zu merken, gibt es bereits die ersten Toten. Nicht darüber nachdenken, einfach weiterschauen, dann gelingt auch der Übergang leichter. Als Zuschauer haben wir eben noch den Kampf um strahlende Zähne gesehen und im nächsten Moment landen wir auf der Erdoberfläche im Weltkriegsgeschehen. Dort wird geschossen, geritten und gejagt mit dem technischen Entwicklungsstand des Zweiten Weltkriegs.

© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Ideen und Konzepte werden im Galopp erklärt und beschrieben. Die Geschwindigkeit der Einführung in eine unbekannten Fantasiewelt will man ja als Aminefan auch, aber was bei THE DRAGON DENTIST wirklich stört, sind die gepresst wirkenden Erklärungen dazwischen. Immer wieder weisen Haupt- und Nebenfiguren auf Gesetze und Funktionen in dieser Welt hin. Der Drache verfügt zum Beispiel über einen Schutzschild. Das muss kein Soldat erklären, das sieht man, wenn die Geschosse auf einem rötlichen Feld vor der Drachenhaut zerbersten. Der Drache als solches darf auch nicht ins Kriegsgeschehen eingreifen, das erklärt uns irgendein Soldat mitten im Gefecht. Auf dem Rücken des fliegenden Ungetüms ist ein Kriegsschiff verbaut und das hat durch seine exponierte Lage einen Vorteil gegenüber den Bodentruppen. Außerdem sollen sich plötzlich Schüsse aus Waffen der Kämpfenden lösen, wenn der Drache über ihnen fliegt. Das sieht man jedoch nicht und es wird auch nur so nebenbei erzählt. Diese vielen Erklärungsversuche, die der Handlung Logik und Gesetze geben sollen, kann man ruhig weglassen und sich mehr auf die Stimmung konzentrieren. Der japanische Zeichentrick lebt von seinen ruhigen Momenten, wie zu Filmbeginn, wenn Zahnarzt-Azubi Bell in einem leeren Raum vor zwei Reiskuchen sitzt und sich nicht traut sie zu essen.

THE DRAGON DENTIST (2017)
© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Entstehung

Warum THE DRAGON DENTIST als Ganzes keine runde Sache geworden ist, lässt sich vielleicht auf die Entstehung zurückführen: 2014 wurde der Kurzfilm THE DRAGON DENTIST (9 min) direkt im Netz veröffentlicht, geschrieben und inszeniert von Ōtarō Maijō. 2017 entstand aus diesem unverbrauchten Szenario ein zweiteiliges Anime-Television-Special mit je 45 Minuten. In Deutschland veröffentlicht Kazé beide Teile als Spielfilm mit 90 Minuten Länge in ausgewählten Kinos und danach auf Blu-ray und DVD.

© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Beim Kurzfilm liegen noch viele Aspekte im Dunkeln verborgen und machen neugierig auf mehr. In der Langfassung fehlt leider der Fokus auf einen roten Faden und so hätte man bestimmte Ereignisse, wie den Verrat einer Zahnarztkollegin, ruhig auslassen können. Denn eigentlich ist THE DRAGON DENTIST nicht nur eine Verarbeitung der Beteiligung Japans am Zweiten Weltkrieg, sondern bebildert den Übergang der japanischen Gesellschaft aus dem Shintoismus in eine materiell geprägte Gesellschaft.

© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Mythologie und Deutung

Drachen, gute wie böse, sind eher Symbole aus der chinesischen Mythologie, haben aber auch ihren Einfluss auf die japanische gefunden. Der japanische Drache (Ryu) wird als „Heiliges Biest“ verehrt. Der Drache in THE DRAGON DENTIST scheint jedoch nicht in die Mythologie der japanischen Kultur zu passen. Eine gänzlich neue Fabel mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten ist zu sehen. Der Drache hält zum Beispiel eine Wasserschöpfkelle (Hishaku) in der Hand, welche für den Wasserkessel bei einer Teezeremonie genutzt wird. Die Funktion des anderen Gegenstands in der Drachenkralle ist leider nicht zu erkennen. Auch dass die Seelen der Menschen nach ihrem Tod in den Zähnen eingeschlossen werden, hat keinerlei kulturellen Hintergrund. So wäre es für THE DRAGON DENTIST von Vorteil gewesen, mehr auf diese unbekannten Zusammenhänge einzugehen, als zu sehr auf Action zu setzen. Gerade Anime haben bewiesen, dass ihre Stärke vor allem in den ruhigen Momenten liegt.

THE DRAGON DENTIST (2017)
© Otaro Maijo, nihon animator mihonichi, LLP./NHK, NEP, Dwango, khara

Fazit

THE DRAGON DENTIST ein originelles Konzept zu nennen, wäre bei weitem untertrieben. Leider mäandert der Film zwischen zu vielen und zu wenigen Erklärungen hin und her. Einen roten Faden mit einer grundsätzlichen Aussage vermisst man. Dadurch fühlt sich der Film auch nach einem Zweiteiler an: Teil 1, die Welt der Drachenzähne und Teil 2, das Kriegsgeschehen. Das ist darauf zurückzuführen, dass THE DRAGON DENTIST auch ursprünglich im japanischen Fernsehen in zwei Teilen lief. Vielleicht hätte sich insgesamt eine Serie für dieses Szenario besser geeignet, denn von der Arbeit als Drachenzahnarzt möchte man gern mehr sehen. Definitiv etwas für Animefans, die glauben schon alles gesehen zu haben.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewThe Dragon Dentist (2017)
OT: The Dragon Dentist: Ryuu no Haisha
Poster
ReleaseKinostart: 28.10.2020
ab dem 03.12.2020 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurKazuya Tsurumaki
Trailer
AnimationsstudioStudio Khara
DrehbuchYoji Enokido
KameraToyonori Yamada
FilmmusikYoshitaka Koyama
SchnittEmi Tsujita
Filmlänge90 Minuten
FSKab 16 Jahren

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