Stronger Tatiana Maslany Jake Gyllenhaal

Stronger – Filmkritik

„Unverhofft zum Heldentum“

Jake Gyllenhaal gehört zu einem der besten Schauspieler unserer Zeit. Er hat es geschafft, sich nicht mit einer bestimmten Rolle, wie zum Beispiel Tom Hanks in Forrest Gump, prominent zu werden, sondern mit vielen kleinen Produktionen und in diesen immer mit einer einzigartigen Schauspielleistung. Wenn man seinen Namen vor Augen hat, fällt es schwer einen markanten Film hervorzuheben. Aber wenn der geistige Damm erst einmal gebrochen ist, sprudeln nur so die abgefahrensten Rollen aus einem heraus: „Nightcrawler“, „Demolition“, „Moonlight Mile“, „Southpaw“, „Jarhead“ und natürlich „Donnie Darko“. Danach trudeln auch kommerzielle Filme wie „Prince of Persia“ oder „The Day After Tomorrow“ ein. Der Mann muss sich schließlich auch einmal einen Smoking für eine Gala kaufen. Wenn man die kommenden Projekte von ihm sieht, wird in den nächsten zwei Jahren der Name Jake Gyllenhaal noch öfter auf Kinopostern auftauchen, vor allem auch in der Rolle des Produzenten. Seine frisch gegründete Produktionsfirma Nine Stories Productions arbeitete bereits am aktuellen Film – ebenfalls mit Gyllenhaal in der Hauptrolle: „Stronger“. Hier zeigt er nicht nur wieder eine uns noch unbekannte Persönlichkeit, sondern der Film als Ganzes ist wunderbar echt inszeniert und dies sollte bei der Verfilmung einer wahren Begebenheit am Wichtigsten sein.


© Studiocanal

Inhalt „Stonger“

Jeff Baumann, gespielt von Jake Gyllenhaal,  ist ein einfacher Typ, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Er feuerte seine Ex-Freundin beim Boston Marathon 2013 an, als neben ihm zwei Bomben bei einem Anschlag explodieren und ihm beide Beine wegreißen. Ein Reporter fotografiert Jeff wie er aus einem Ort voller Trümmer und Blut getragen wird und dadurch erhält der Anschlag ein Gesicht, nämlich seins. Auf einen Schlag ist er berühmt, hat jedoch mit dem posttraumatischen Stress zu kämpfen, der bei öffentlichen Auftritten immer wieder an seine geistige Tür klopft. Erin Hurley, gespielt von Tatiana Maslany („Orphan Black“), ist besagte Ex-Freundin, die – durch ein anfänglich schlechtes Gewissen – Vertraute und Pflegerin für Jeff wird. Seine umfangreiche Familie ist sehr einfach gestrickt und erkennt schwer, warum Jeff nicht als „Boston Strong“, wie in die Medien getauft haben, vermarktet werden möchte.

Realitätsnahe Themen

Bei einer wahren Geschichte kommt es viel auf die Schauspielbesetzung an. Neben Jake Gyllenhaal und Tatiana Maslany, die wirklich vertraut auf der Leinwand interagieren, ist Mirinda Richardson als Jeffs Mutter Patty Baumann hervorzuheben. Sie spielt die alkoholkranke Mutter, was nie thematisiert wird, mit viel Stolz und Liebe gegenüber ihrem Sohn. Patty und die große Familie Jeffs sind sehr begrenzt in ihren Fähigkeiten, in Bildung wie auch finanziell. Das macht die Geschichte neben der Traumatabewältigung weiterhin interessant. Es ist für Jeff die Zeit angebrochen das mütterliche Nest zu verlassen, auch wenn er umso mehr auf Hilfe angewiesen ist. Ob ihm hierbei Erin helfen kann wird „Stronger“ auf eine vielschichte Art erzählen. Die Geschichte wird durchgehend mit viel Witz und Menschlichkeit erzählt. Die Szenen, in denen dem Zuschauer gezeigt wird, dass Jeff keine Beine mehr hat, sind realistisch und intensiv gedreht. Hierbei zeigt sich wie gut visuelle Effekte eingesetzt werden können, was natürlich auch der akribischen Bewegungsstudie Gyllenhaals zu verdanken ist.
Neben den Schauspielern ist ein gutes Drehbuch für einer echte Geschichte entscheidend. Der Drehbuchautor John Pollono hat bei „Stronger“ nicht nur jede Menge Milieu-Kenntnisse mitgebracht, sondern versteht es auch, realistische Dialoge ohne große Theatralik zu schreiben.

Stronger Tatiana Maslany
© Studiocanal

Die Geschichte steht im Vordergrund

Um einen Film noch authentischer zu machen, ist es wichtig, dass sich andere Kunstformen des Films zurücknehmen. Die Filmmusik von Michael Brooks („Brooklyn“) stellt sich weit in den Hintergrund und versucht gar nicht erst die Emotionen des Zuschauers zu leiten. Das Gleiche gilt für den Kameramann Sean Bobbitt, Hausfotograf für die Filme von Steve McQueen. Bobbit will keine ästhetischen Bilder finden. Der bewusst knapp gewählte Ausschnitt, der Szenen mit Gyllenhaal verdeutlicht, wie eingeschränkt er durch diese Behinderung ist. Das Umfeld schrumpft quasi auf Armlänge. Diese Technik wird noch beeindruckender, wenn sich die Hauptfigur in der engen Wohnung seiner Mutter, die nicht für einen Rollstuhl geeignet ist, zurechtfinden muss. Wenn Jeffs Verbände zum ersten Mal entfernt werden, kommen die schauspielerische Leistung und der Kamera-Ausschnitt intensiv zusammen. Diese Szene ist so lebensnah inszeniert, dass man als Zuschauer bei jeden Stück mitleiden wird. Was „Stronger“ ebenfalls einzigartig macht, ist das Ausbleiben von beliebten gesellschaftkritischen Aspekten, die gern bei einer solchen Geschichte ihren Platz gefunden hätten. Es geht nicht um das desaströse System der Krankenversicherungen in der USA, den schwachen Bildungsstand, die Medien als Meinungslenker oder die Armut der ehemaligen Mittelschicht. Nein, die Geschichte bekommt eine Eigendynamik. Wenn Jeff zum ersten Mal auf seinen Retter, der mit auf dem Foto des Anschlags zu sehen ist trifft, geht es um den Tod seiner beiden Söhne und nicht um Jeff. Jetzt wird auch Jeff bewusst, dass er die Vertrauensperson für die vielen Kriegstraumata geworden ist, welche die Amerikaner in einem entfernten und schwer erklärbaren Krieg erleiden.

Fazit

Ein bestens gelungenes Portrait von einfachen Menschen, die mit einem tiefen Schicksalsschlag zurechtkommen müssen und ganz nebenbei eine echte Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA. Wo gejubelt wird, wenn Terroristen erschossen werden und Sport eine Religion ist. Jake Gyllenhaal trägt nicht allein zum Erfolg dieses Films bei, sondern auch die ausgezeichnete Arbeit des ganzen Teams.

Titel, Cast und Crew

Stronger (2017)

Poster

Stronger Jake Gyllenhaal Kinoposter
Studiocanal

Kinostart/
Veröffentlichung

am 19.04.2018

Regisseur

David Gordon Green

Trailer

Schauspieler

Jake Gyllenhaal (Jeff Bauman)
Tatiana Maslany (Erin Hurley)
Miranda Richardson (Patty Bauman)
Richard Lane Jr. (Sully)
Clancy Brown (Big Jeff / Jeff Bauman Senior)

Drehbuch

John Pollono

Buchvorlage

"Stronger" von Jeff Bauman und Bret Witter

Kamera

Sean Bobbitt

Musik

Michael Brook

Schnitt

Dylan Tichenor

Filmlänge

119 Minuten

FSK

ab 12 Jahren

 

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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