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Straße zum Jenseits (1972) – Filmkritik

Die 110te Straße in New York grenzt den Central Park nach Norden hin ab. Sie bildet ebenfalls eine Grenze zwischen den Stadtteilen Manhattan und Harlem. Zwei Bezirke, die in Bezug auf ihren demografischen Querschnitt nicht unterschiedlicher sein könnten, vor allem wenn es um die Hautfarbe geht. Warum reden wir über eine Straße in New York, wenn es doch eigentlich um die 70er-Jahre-Perle STRASSE ZUM JENSEITS gehen soll? Im Original heißt der Film ACROSS 110TH STREET und das Verbrechen um das sich dieser düstere Copthriller dreht, findet in der Nähe besagter Straße statt. Hier treffen Welten aufeinander, die Hüter des Gesetzes auf das organisierte Verbrechen, schwarze auf weiße Bevölkerung, Korruption auf moralische Ideale. Wie zwei tektonische Platten reiben sich diese gegensätzlichen Milieus aneinander, spucken Blut und Patronen aus ihren Geysiren der Gewalt.

STRASSE ZUM JENSEITS (1972)
© MGM / Wicked Vision

Handlung

300.000 Dollar sollen ihren Besitzer im organisierten Verbrechen wechseln. Die italienische Mafia führt die Übergabe mit dem Verbrecherring um Doc Johnson durch. Doch das Geschäft geht nicht entspannt über die Bühne. Jim Harris (Paul Benjamin) und Joe Logart (Ed Bernard) verkleiden sich als Polizisten und nehmen den Buchhaltern die Geldbündel ab. Es kommt zum Shootout und fünf Leichen säumen den Übergabeort. Vor dem Haus steht Henry J. Jackson (Antonio Fargas) mit dem Fluchtwagen bereit. Zwei Cops müssen noch von den Räubern ins Jenseits befördert werden und der Weg ist frei. Die Obergangster wollen selbstverständlich ihr Geld zurück, aber auch in New York sorgt der Raubmord mit sieben Leichen, zwei davon Polizisten, für jede Menge Aufmerksamkeit. So kommt es, dass der Fall nicht dem zuständigen Capt. Mattelli (Anthony Quinn) zugeteilt wird, sondern dem jungen Lt. Pope (Yaphet Kotto). Nun müssen beide zusammenarbeiten, um nicht nur hinter den Syndikaten das Blut aufzuwischen, denn die Mafia will nicht nur ihr Geld zurück, sondern ein Statement setzen.

STRASSE ZUM JENSEITS (1972)
© MGM / Wicked Vision

Across 110th street

Die Generation, die nicht mit STRASSE ZUM JENSEITS im Kino aufgewachsen ist, hat sicher auf andere Weise mit dem Film einen Berührungspunkt, nämlich einen musikalischen. Im Filmintro von Quentin Tarantinos JACKIE BROWN (1997) läuft der Track „Across 110th Street” von Bobby Womack und verortet das Folgende ganz klar im Black Cinema, nicht nur wegen Pam Grier in der Hauptrolle als drogenschmuggelnde Stewardess. Der swingende Soulsong „Across 110th Street“ schmückt in der Originalversion auch den Start von STRASSE ZUM JENSEITS und bringt den Konflikt nach Harlem.

© MGM / Wicked Vision

Fast ohne künstliche Aufnahmen aus dem Filmstudio ist der Zuschauer gleich ganz dicht im Geschehen. Das zeichnet, neben der stimmigen Charakterbeschreibung der Figuren und den starken Darstellern, die Inszenierung von Regisseur Barry Shear am meisten aus: eine agile Kamera, die immer draufhält. Kein Treppenhaus ist zu schmal, kein Menschengedränge zu dicht und keine Glühbirne zu hell. In dieser Nacht der Jagd – die Filmhandlung erstreckt sich tatsächlich nur über eine Nacht – ist der Zuschauer immer mit dabei und das an Originalschauplätzen wie dem Polizeiarchiv oder auf den Dächern vor der Wolkenkratzer-Skyline. Immer wieder gibt es Authentisches der Zeit zu entdecken, falls man doch einmal aus dem komplexen Netz der Gegensätze zu entweichen droht.

© MGM / Wicked Vision

Die Zwischentöne

STRASSE ZUM JENSEITS ist nicht nur ein Film Gut gegen Böse, Polizei gegen Verbrecher, Schwarz gegen Weiß und Rassismus gegen Gleichstellung. In diesem Moloch kann sich keiner eine perfekte Idealvorstellung leisten. So entsteht nicht nur für die Cops, die der Korruption verfallen sind und nicht nach Vorschrift arbeiten, ein Abbild mit Rissen, sondern auch die Verbrecher werden mit einem erzählerischen Hintergrund lebendig, um zu verstehen, warum sie so sind. Die drei Räuber wollen vor allem aus dem Drecksloch, in dem sie leben, herauskommen. Das wird beeindruckend in einem emotionalen Monolog von Paul Benjamin an seine Gloria (Norma Donaldson) auf den Punkt gebracht und ist zugleich stärkste Szene im Film: Um aus den Zwängen der Armut des vorbestraften Hausmeisters mit epileptischer Krankheit zu entkommen, gibt es nur eine Möglichkeit, die Reichen bestehlen und das sind in diesem Fall die Gangster Harlems.

© MGM / Wicked Vision

Auch die offensichtliche Zusammenarbeit von Anthony Quinns korrupten Mattelli und Yaphet Kottos integren Pope ist unerwartet anders. Wenn Mattelli einen schwarzen Verdächtigen durch sein Büro prügelt, muss Pope einschreiten und ihn darauf hinweisen, dass es nicht mehr 1940 ist. Quinns Figur ist aber in keiner Weise ein Vollblut-Rassist. Er arbeitet schon viele Jahre in Harlem und kennt seine „Kunden“, die guten wie die schlechten. Was ihn jedoch richtig sauer macht, ist, dass ihm nicht der Fall übertragen wurde, weil er zu alt ist. Sein korruptes Einkommen wird erst später angedeutet.

© MGM / Wicked Vision

Vielschichtige Figuren

Auch auf der Seite der Verbrecher, die nach den Räubern suchen, gibt es ein monochromes unfreiwilliges Teamwork: Der Italiener Nick D’Salvio (Anthony Franciosa) und Sherry (Charles Mathies). Ein Bandenkrieg scheint unausweichlich und beide arbeiten mit denselben brutalen Mitteln, wie zum Beispiel dem Abschneiden von Genitalien, um an Informationen zu kommen. Aber auch hier weht ein Hauch von Rassenkrieg in der Luft. Zum Beispiel wenn Nick auf einen Schwarzen einprügelt und die anderen nur dastehen und zusehen. Man sieht ihren Gesichtern an, dass sie es ungern zulassen, einen ihrer „Brüder“ am Boden zu sehen, auch wenn ihnen Blut an den Händen klebt.

© MGM / Wicked Vision

So läuft ein roter Faden der komplexen Figuren durch diesen Thriller im Film-noir-Gewand. Jeder scheint keinerlei Kämpfe mehr mit seinem Gewissen ausfechten zu müssen, sondern agiert nur noch auf die Weise, wie die Umgebung es zulässt. Und die ist dunkel, eng, gnadenlos und dreckig. Als zwei weiße Cops ihre Uniform in einer Reinigung in Harlem abholen, fragen sie nach den Kosten. 1,40 $ mit Steuern sollen sie zahlen. Die Antwort ist verschwörerisch herablassend: „One Bug and screw the tax“ (Einen Dollar und Scheiß auf die Steuer). In dieser Welt gelten keine Gesetze und die, die sie beschützen sollen, schreiben schon lange ihre eigenen.

STRASSE ZUM JENSEITS (1972)
© MGM / Wicked Vision

Die Blu-ray

Die Blu-ray von Wicked Vision

In ihrer Black-Cinema-Collection von Wicked Vision ist die Nummer drei mit STRASSE ZUM JENSEITS einer der stärksten Veröffentlichungen. Der Film berührt hauchdünn das Blaxploitation-Kino und ist auch außerhalb der Genreliebhaber sicher einen Kauf wert. Die ungekürzte Langversion liegt auf Blu-ray und DVD bei. Das düstere, dreckige Bild mit Filmkorn genau an den richtigen Stellen ist eine schöne Zeitkapsel in HD-Qualität. Es könnte direkt so in einem der Kinos in Harlem laufen. Bei der Tonspur sollte ruhig zur englischen gegriffen werden, sonst gehen einige Informationen verloren. Ein 24-seitiges Booklet von Thorsten Hanisch, ein Audiokommentar mit Dr. Gerd Naumann & Christopher Klaese und wieder ein sehr sehenswerter Videoessay „The Sound of Blaxploitation“ mit PD Dr. Andreas Rauscher sorgen für ein ausgeglichenes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Fazit

Authentischer kann eine Polizeifilm im New York der 1970er kaum sein. Fast schon dokumentarisch folgt STRASSE ZUM JENSEITS einem brutalen Raubmord und bildet ein Milieu ab, in dem nur die Bewohner die Regeln und Gesetze kennen. Das knallharte Ende bringt noch einmal die Kraft dieses Kinojahrzehnt auf den Punkt.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewStraße zum Jenseits (1972)
OT: Across 110th Street
Poster
RegisseurBarry Shear
Releaseseit dem 12.03.2021 auf Blu-ray in der Black-Cinema-Collection

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Trailer

Englisch
BesetzungYaphet Kotto (Lt. Pope)
Anthony Quinn (Capt. Mattelli)
Richard Ward (Doc Johnson)
Gilbert Lewis (Shevvy)
Anthony Franciosa (Nick D'Salvio)
Antonio Fargas (Henry J. Jackson)
Paul Benjamin (Jim Harris)
DrehbuchLuther Davis
FilmmusikJ.J. Johnson
KameraJack Priestley
SchnittByron 'Buzz' Brandt
Carl Pingitore
Filmlänge102 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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