Stowaway (2021) – Filmkritik

„Blinder Passagier“

Als erstes ein Wort der Warnung an alle, die eine Weltraumoper, auch gerne als „Space-Opera“ bezeichnet, erwarten. Die bekanntesten Produktionen dieses Sub-Genres dürften STAR TREK, STAR WARS, FLASH GORDON oder BATTELSTAR GALACTICA sein. Alle, die sich zu solcher Art Filmen hingezogen fühlen, kann ich nur empfehlen, lasst die Finger von STOWAWAY. Allen anderen, die auch gerne über den Tellerrand schauen, wünsche ich viel Spaß, denn STOWAWAY ist das komplette Gegenteil. Der Film gehört eher in das Lager der anspruchsvollen Science-Fiction. In der Literatur wird diese spezielle Richtung auch als harte (hard) Science-Fiction bezeichnet, die sich vor allem mit aktuellen wissenschaftlichen Fakten sowie politischen und sozialen Problemen befasst. Eine Story, die möglicherweise schon morgen im echten Leben stattfinden könnte. Bekannteste Vertreter dieser Literaturgattung sind Arthur C. Clarke, John Brunner, Larry Niven, Michael Crichton oder Stanislaw Lem. Und so ist es auch in STOWAWAY, er benutzt nicht nur die Technik von heute und morgen, sondern spricht auch einige aktuelle soziale Konflikte an.

© 2021 EuroVideo Medien

Handlung

Das Raumschiff MTS 42 startet zu einer weiteren Marsmission. An Bord befinden sich die Astronauten Captain Marina Barnett (Toni Collette), die Medizinerin Zoe (Anna Kendrick) und der Biologe David (Daniel Dae Kim). Einige Stunden nach dem Start entdecken sie zufällig ihren unfreiwilligen blinden Passagier Michael (Shamier Anderson). Eine Rückkehr zur Erde oder ein Abbruch der Zwei-Jahres-Mission ist ausgeschlossen. Doch es kommt noch schlimmer. Bei der Entdeckung ihres unfreiwilligen Gastes entstand ein irreparabler Defekt am Versorgungssystem, was zur Folge hat, dass der Sauerstoff nicht für alle Passagiere ausreichen wird. Zehn Tage bleiben der Crew eine Lösung zu finden …

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Vier sind einer Zuviel

Bis zur Entdeckung des blinden Passagiers Michael Adams gestaltet sich der Flug und das anschließende Andockmanöver an die Weltraumstation im Erdorbit als ein gemütlicher Trip, bei dem alles wie geplant abläuft. Doch was wir nun erleben, ist ein intensives philosophisches Science-Fiction-Drama in Form eines ausgeklügelten Kammerspiels. Nach dem ersten Schock besprechen unsere Protagonisten in aller Ruhe das Problem und seine Auswirkungen, ohne jede Hektik oder gar Panik. Regie sowie Kameraführung beteiligen sich an dieser wohldosierten Konzentration auf das Wesentliche und produzieren weder hektische Schnitte noch unsinnige Aktion. Für den ein oder anderen Zuschauer wird dieser Teil von Joe Pennas neustem Werk zu dialoglastig sein, doch in meinen Augen macht alles einen Sinn. Ein mehr als kompliziertes ethisches Symposium entwickelt sich, über eine Situation, die im Grunde niemals ohne Opfer aufzulösen ist. Die einzelnen Figuren sind stimmig charakterisiert und jeder von Ihnen besitzt glaubhafte Argumente für das vor ihnen liegende Hindernis. Alle kämpfen mit sich und ihrem Gewissen, suchen verzweifelt nach Optionen und loten jede scheinbare Möglichkeit aus. Selbst Adams, dem unfreiwilligen Passagier, befallen schwere Schuldgefühle aufgrund der Situation, in der er alle gebracht hat. In langen Gesprächen kommen wir den einzelnen Charakteren näher, erfahren mehr über ihre Träume, Wünsche und Ängste. Doch am Ende landen wir stets wieder beim gleichen Problem, ohne einen Ausweg zu finden. Die einzige „echte“ Lösung will jedoch niemand aussprechen, obwohl sie alle nur zu gut kennen.

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Der Film ist stets um Realismus in Verbindung mit einer durchdachten Story bemüht. Trotz allem gibt es einige Punkte, die nicht ganz ins Bild passen wollen. Im Finale haben wir zum Beispiel einen Astronauten, dem es sichtlich an Fitness mangelt. Aufgrund des harten Trainings, das alle durchlaufen müssen, eher unwahrscheinlich. Ebenso der Knackpunkt des Films: der blinde Passagier. Ob gewollt oder ungewollt, es sollte der Bodencrew am Gewicht der Rakete auffallen, dass hier etwas aus dem Ruder läuft. Zudem sollte man annehmen, dass das Personal bemerkt, wenn plötzlich einer ihrer Techniker nicht auffindbar ist. Doch auch das Ende erscheint etwas zu schnell, gerade so, als wäre der Rest des Films der Schere oder dem Budget zum Opfer gefallen.

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Kommen wir noch einmal zu unserem unfreiwilligen Astronauten: Dass diese Rolle ein „Pepole of Color“ einnimmt, ist sicherlich kein Zufall. Joe Penna setzt die Situation, in der sich Ingenieur Michael Adams unverschuldet wiederfindet, gleich mit der Konfrontation, die zwischen Flüchtlingen und der westlichen Zivilisation zurzeit entsteht. Er wirft einen kritischen Blick auf die großflächigen Völkerwanderungen, die seit einigen Jahren im Gange sind und fragt ohne Umschweife den Zuschauer: Wer darf Leben und wer nicht, und wer hat das Recht, diese Entscheidungen zu treffen? Dieser gewaltige Aufmarsch von Menschen aus sogenannten Drittländern, die von Unglücken jeglicher Art geplagt werden und ihr Heil im vermeintlichen Paradies der westlichen Welt suchen, bedeutet für uns alle schwerwiegende Verwerfungen, die durchaus noch in viel weitreichenderen Katastrophen enden können. Und so wie in Pennas Film ist auch für uns dieses globale Problem nicht ohne weiteres auflösbar.

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Internationale Koproduktion

Der überschaubare Cast wurde mit hochkarätigen, international bekannten Schauspielern besetzt, allen voran die Australierin Toni Collette (KNIVES OUT, 2019 und HEREDITARY, 2018). Daneben sehen wir die US-Amerikanerin Anna Kendrick (PITCH PERFECT, 2012 und INTO THE WOODS, 2014) sowie den Koreaner Daniel Dae Kim (LOST, 2004 – 2010 und HAWAII FIVE-0, 2010 – 2020). Die Rolle des ungeliebten blinden Passagiers übernahm der Kanadier Shamier Anderson (CITY OF LIES, 2018 und BRUISED, 2020). Auch wenn die Story an der ein oder anderen Stelle um einige Nuancen zu dick aufträgt, ist die Performance der Akteure rundum gelungen und jederzeit überzeugend. Selbst Shamier Anderson schafft es eine gewisse Sympathie beim Zuschauer für seine todbringende Position an Bord zu ergattern.

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Der brasilianische Regisseur Joe Penna ist auch kein unbekannter, spätestens mit seinem Debütspielfilm ARCTIC (2018) machte er auf sich aufmerksam. Seine Karriere begann auf YouTube, danach durfte er sich an einigen Werbeclips, Musikvideos und Kurzfilmen beweisen, ehe er seine ersten Aufträge für diverse TV-Serien bekam. Mittlerweile gehört er zu einer kleinen und begehrten Gruppe von aufstrebenden Regisseuren, die neuen Wind nach Hollywood bringen könnten, wenn sie die Möglichkeit dazu erhalten.

Ebenfalls sollte noch erwähnt werden, dass diese internationale Koproduktion ausschließlich in Deutschland gedreht wurde. Zum einen in den Bavaria Studios, zum anderen in Köln. Daneben übernahm die europäische Firma „Rise Visual Effects Studios“ die Arbeit an den hervorragenden Effekten in STOWAWAY, die auch schon an weiteren namhaften Hollywoodproduktionen beteiligt waren.

Fazit

STOWAWAY reiht sich hinter solch großartiger Werke wie MOON (2009), GRAVITY (2013), EUROPA REPORT (2013) und DER MARSIANER: RETTET MARK WATNEY (THE MARTIAN, 2015) ein. Zwar erreicht Joe Pennas neuster Film nicht ganz das Niveau seiner fantastischen Vorgänger, doch er liefert packende Unterhaltung mit Tiefgang was allemal sehenswert ist.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewStowaway - Blinder Passagier (2021)
Poster
Releaseab dem 11.11.2021 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurJoe Penna
Trailer
BesetzungAnna Kendrick (Zoe Levenson)
Daniel Dae Kim (David Kim)
Shamier Anderson (Michael Adams)
Toni Collette (Marina Barentt)
DrehbuchJoe Penna
Ryan Morrison
KameraKlemens Becker
MusikVolker Bertelmann
SchnittRyan Morrison
Filmlänge116 Minuten
FSKab 12 Jahren

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