Stories from the Trenches – Buchvorstellung

„Adventures in making High Octane Hollywood Movies with Cannon Veteran Sam Firstenberg“

Man sagt, es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Das ist einer dieser Sprüche, die man prima aus dem Ärmel ziehen kann, um super clever zu wirken, letztendlich jedoch nur wenig praktischen Nutzen bieten. Ja, man kann an seinem ersten Eindruck feilen und zum Vorstellungsgespräch wenigstens eine Hose anziehen, um den neuen Bekanntschaften den Blick auf die eigentlichen Qualitäten nicht zusätzlich zu vernebeln. Wer seine Einschätzungen aber lediglich nach halbweisen Kalenderzitaten ausrichtet, wird wohl langfristig auf mehr Fehlentscheidungen zurückblicken als nötig wären. Der knackigste Arsch klebt eben nicht zwangsläufig an der wildesten Sexbombe.

Warum diese pseudo-philosophischen Ausführungen? Weil STORIES FROM THE TRENCHES einen praktisch mit ersten Eindrücken erschlägt, die den geneigten Leser mal anziehen, mal abstoßen dürften, aber kaum die wirklichen Qualitäten dieses Mammutwerks ankratzen.

Zuerst einmal: Das Teil ist riesig! Mit seinen über 750 Seiten im A4-Format hat es locker die Ausmaße, um sich damit adäquat den XL-Bizeps eines durchschnittlichen 80er-Jahre-Actionhelden anzutrainieren. Das Cover-Artwork checkt auch brav alle Trigger-Bilder ab, die bei Fans des Krawallkinos aus dem vielleicht ikonischsten aller Filmjahrzehnte die Speichelproduktion auf Hochtouren bringen. Soweit, so vielversprechend.

Dann die Zweifel: Hmm, kein Hardcover. Hmm, alles nur schwarz-weiß-Fotos in genügsamer Qualität. Hmm, alles auf Englisch. Hmmm? Es besteht fast ausschließlich aus Interviews mit dem und über die Filme des legendären Cannon-B-Movie-Regisseurs Sam Firstenberg? Puh, das ist selbst für einen selbsternannten Connoisseur des (80er-)Action-Genres in seinen 30ern wie mich ziemlich nischig. Ich habe gar nicht so viele B-Movies gesehen. Na ja, im Abstand von drei bis vier Jahrzehnten bekommen einige Werke wohl ganz automatisch eine Status-Degradierung. Und den Namen Sam Firstenberg habe ich vermutlich noch nie gehört. Ahh, er hat AMERICAN NINJA/FIGHTER gedreht. DAS ist auf jeden Fall ein legendärer Titel.

Aber nebenbei bemerkt: Obwohl ich das Filmerbe der 80er liebe und gerne einer gewissen Nostalgie fröne, finde ich, dass das derzeitige 80er-Revival auf den popkulturellen Marktplätzen den falschen Ansätzen folgt. Abgesehen vom bloßen Kopieren aller stilprägenden Mittel besagter Ära, welches mal mehr mal weniger gut die Sentimentalitätsknöpfe drückt, halte ich das teils verblendete Überbewerten der erzählerischen und inszenatorischen Qualitäten gerade der „Sowas wird heute gar nicht mehr gemacht“-Macho-Bombast-Sparte und ewige Zurücktrauern an eine vermeintlich bessere Zeit für schrullig und keine erstrebenswerte oder gar fruchtbare Attitüde.

Was natürlich nicht heißt, dass es nicht lohnt sich mit dieser Epoche des (Heim-)Kinos auseinanderzusetzen – ganz im Gegenteil. Und schon beim etwas gemütlicheren Durchblättern sind alle Zweifel der vermeintlich so bedeutenden ersten Eindrücke schnell in den Hintergrund gerückt. Die abgedruckten Bilder vermitteln nicht nur coole Making of-Eindrücke, sondern auch direkt eine gewisse innige, ja schon familiäre Bindung, die zwischen den Beteiligten an den unterschiedlichen Sets geherrscht haben muss. Man spürt sofort, dass den Leser keine kühle Geschichtsstunde erwartet, sondern intime Einblicke in das Lebenswerk eines leidenschaftlichen Filmschaffenden.

Mit den ersten Seiten hatte mich das Buch dann (nicht zuletzt, durch die schockierende Feststellung, dass sowohl Tobe Hooper, George A. Romero als auch Wes Craven bereits gestorben sind, was schändlicherweise irgendwie an mir vorbeigegangen ist). Es wird sofort Interesse für die ganz eigene Kunst des Filmemachens für den Billig-Heimvideomarkt geweckt und schonmal vorgekostet welche spannenden Einblicke den Leser erwarten. Und das alles mit einem einnehmenden Selbstbewusstsein, ohne jede Anbiederung, die man vielleicht von Künstlern erwarten würde, die in der öffentlichen Rezeption sicherlich oft im Schatten der Hollywood-Hochglanz-Konkurrenz standen.

Wie erwähnt ist das Buch mit dem ungewöhnlichen und ungewöhnlich langen Titel im Großen und Ganzen eine lange Interviewreihe von Autor Marco Siedelmann, allen voran mit Sam Firstenberg, jedoch auch mit einigen von dessen Weggefährten. Das mag für viele Fans des Metiers und andere Interessenten erstmal nicht das sein was man von einem Sachbuch erwartet. Ich muss aber mal proklamieren, was ich immer wieder auf’s Neue feststelle: Interviews sind unterschätzt! Die persönliche, annekdotenhaften Ausführungen aus erster Hand wirken oft nicht nur authentischer und ungefilterter als ein aufbereiteter Text. Auch das Leseerlebnis hat einen ganz anderen Reiz. Man hat dabei häufig das Gefühl einer ergiebigen, lebhaften Gesprächsrunde beizusitzen wie in der Gesellschaft guter Freunde oder wie eine gut geschriebene Dialogszene in einem Film. Die Interview-Umsetzung verleiht dem gigantischen Werk also nicht nur eine gewisse „Mittendrin“-Atmosphäre, sondern auch einen hervorragenden Lesefluss.

Da schadet es nicht, dass die Fragen so tiefgreifend sind wie die Antworten. Man wird das Buch kaum in einem Rutsch durchlesen. Dennoch kleben die Augen an den Seiten, weil man immer wissen will, welche Annekdote direkt aus dem Filmschaffungsprozess, dem Leben Firstenbergs oder den gesellschaftlichen Umständen drumherum auf den nächsten Seiten warten. Klar besitzt STORIES FROM THE TRENCHES einen starken Nostalgiefaktor. Firstenberg ist inzwischen im Ruhestand und dreht keine neuen Filme mehr. Fans werden somit sicher noch ein paar Wohlfühleinheiten mehr herausziehen. Doch das Schwelgen in der „guten alten Zeit“ ist vielmehr ein individueller Nebeneffekt, denn ausschlaggebendes Kaufargument. Das Buch ist ebenso ein Inspirations- und Nachschlagewerk für alle Filmemacher und solche die es werden wollen, Action-Genre hin oder her. Denn es ist nicht nur informativ und lehrreich, sondern auch motivierend.

Klar hätte ich mir von STORIES FROM THE TRENCHES eine zugänglichere Umsetzung gewünscht. Die gewaltige Menge an Text und dann auch noch ohne deutsche Übersetzung schränkt die Zielgruppe nochmal deutlich ein und macht das Lesen manchmal eher zu einem langfristigen Projekt, anstatt zu einer Freizeitbeschäftigung. Trotz meiner Wertschätzung für das Interview-Format, hätte ich mir doch einige Male gewünscht, dass die aus den Gesprächen gewonnenen Informationen und Erkenntnisse gebündelt in einen redigierten Text umgeschrieben worden wären. Ein Hardcover hätte zudem die Wertigkeit erhöht, welche Fans und Sammlern meist doch wichtig ist. Und hochwertige Farbfotos hätten dem Buch einen größeren Schmökerfaktor verliehen.

Allerdings ist das eben so im B-Movie-Geschäft. Man muss sparen wo man kann, um seine Vision an die Zuschauer bzw. Leser zu bringen. Und wären alle Wünsche erfüllt, wäre STORIES FROM THE TRENCHES dann vielleicht auch nicht das was es jetzt ist, ein einzigartiges Mammutwerk mit Charakter, welches das Zeug hat, in Zukunft selbst zur Legende unter den Filmbüchern zu werden.

  • Stories From The Trenches
  • Adventures in making High Octane Hollywood Movies with Cannon Veteran Sam Firstenberg
  • Autor: Marco Siedelmann
  • Herausgeberin Nadia Bruce-Rawling
  • Sprache: Englisch
  • 755 Seiten, Veröffentlichung 29.01.2020
  • Verlag: Editions Moustache
  • ISBN: 978-3960346692
  • Bei Amazon bestellen

Filmhinweise

Electric Boogaloo

Diese 2015 erschienen Dokumentation ist die vielleicht beste filmische Ergänzung zu STORIES FROM THE TRENCHES. Sie beleuchtet die Entstehung, Hochphase und das Ende der Cannon Films-Gesellschaft, die zum Synonym für günstig produzierte Genre-Kost der 1980er-Jahre geworden ist. Im Zentrum stehen dabei die beiden berüchtigten langjährigen Chefs Yoram Globus und ganz besonders Menahem Golan. ELECTRIC BOOGALOO – ein Titel, der übrigens auf der von Sam Firstenberg gedrehte BREAKING-Fortsetzung BREAKING 2: ELECTRIC BOOGALOO basiert – mischt die oftmals geradezu aberwitzigen Anekdoten zahlreichen Cannon-Veteranen (u. a. Firstenberg) und Hintergrundmaterial, mit Szenen und Entstehungsgeschichten einiger der legendärsten Werke aus der Menahem/Globus-Ära. Die Doku geht zwar nicht unbedingt soweit in die Tiefe wie man es sich wünschen würde, doch dafür gibt es ja das oben besprochene Buch. Stattdessen ist ELECTRIC BOOGALOO aber rasant und selbst so überaus unterhaltsam wie die Guilty-Pleasure-Machwerke, die darin so zelebriert werden. Unbedingte Empfehlung!

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Sam Firstenberg- und Cannon-Filme

Die Ära der Videotheken ist vorbei und die einschlägigen Streaming-Dienste setzen vermehrt auf Eigenproduktionen und Exklusiv-Deals für aktuelle Filme. Ältere Streifen – vor allem diese, die eher nicht zum historisch wertvollen Kulturerbe gezählt werden – erhalten somit meist wenig Liebe.

Wer also an den Werken Firstenbergs oder allgemein Produktionen aus dem Cannon-Portfolio interessiert ist, wird am ehesten bei Amazon fündig. Zusätzlich zur Prime-Mitgliedschaft lässt sich dort der MGM-Channel buchen (MGM hält die Rechte an den meisten Cannon-Filmen). Dort finden sich zum Beispiel Firstenbergs sicher bekanntestes Werk, Dudikoff-Star-Macher und Ninja-Trend-Katalysator AMERICAN FIGHTER und dessen Fortsetzungen oder Chuck Norris‘ ersten beiden MISSING IN ACTION Einsätze. Außerdem sind auch immer wieder Titel im regulären Angebot enthalten oder lassen sich für ca. 4 € leihen. Ansonsten hilft fast nur noch der (Gebraucht-)Kauf. Eine weitere beliebte Firstenberg/Dudikoff-Zusammenarbeit, NIGHT HUNTER lässt sich sogar als Blu-Ray-Neu-Version auf Deutsch angeln. Darüber hinaus lohnt vermutlich nur die ebay-Suche. Und nein, wir werden weder von Amazon noch von ebay bezahlt.

© Johannes

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