Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 Review Mediabook

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 – Filmkritik & Review zum Mediabook

„The Taking of Pelham One Two Three“

Türen auf – Willkommen zu einer irren Fahrt in die 70er und den Geist des New Hollywood – Türen zu – Die Fahrt beginnt – Achten Sie auf bebrillte Herren mit Hüten und Schnäuzern

Sieht man einen „alten“ Film begibt man sich gleichzeitig auch auf eine Zeitreise in die Jahre in denen er erdacht und realisiert wurde. Idealerweise ist es dann auch ein zeitgenössischer Film, der genau dann spielt, wann er auch gedreht wurde. Spielt er dann auch noch „auf der Straße“, oder direkt darunter, an echten Schauplätzen, und verfolgen seine Handlung durch die kongeniale Kameralinse von Owen Roizman (Bei FRENCH CONNECTION knapp 4 Jahre zuvor begleitete er bereits in seinem Street Poetry Stil Gene Hackmann auf, unter und über den Straßen New Yorks), dann besteigen wir automatisch für knapp 90 min. die frühen und dreckigen 70er Jahre wie einen nach Graffiti und verbrauchter Luft riechenden U-Bahn Wagon.
Licht aus, schwarze Leinwand, weiße Titel und ein funkiger Beat mit schneidenden Jazzbläsern von David Shire ziehen uns wie in einem Zeittunnel direkt ins Geschehen unter den Straßen des Big Apple. Vielversprechender kann ein Film kaum beginnen.

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Zachary Garber  (Walter Matthau) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Handlung und Thema

Nach und nach betreten vier Männer mit Hüten, Schnäuzern, Brillen und länglichen Paketen einen gut besetzten U-Bahn Zug. Mr. Grey (Hector Elizondo), Mr. Green (Martin Balsam) und Mr. Brown (Earl Hindman) sind die auserwählten Komplizen von Mr. Blue (Robert Shaw), die an einem Wochentag zur Mittagszeit eine U-Bahn in ihre Gewalt bringen, um die Stadt New York um 1 Mio. Dollar zu erpressen.
Das Ganze geschieht fast klinisch korrekt und doch lassen alle vier in kleinen Gesten bereits ihre Grundcharaktere erkennen. Denn so homogen scheint die, nur für diesen Heist zusammen gewürfelte, Truppe nicht zu sein. Wir begegnen schnell dem kaltblütigen Tyrannen, dem aufmüpfigen Anarchisten, dem ängstlichen Opportunisten und dem blind gehorchenden Fußsoldaten.
Das ist zum einen hervorragend im Drehbuch angelegt und skizziert, zum anderen konsequent von Joseph Sargent inszeniert. Hier deutet sich bereits das Grundthema des Films an….

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Bernard Ryder/Blue (Robert Shaw) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Zur gleichen Zeit führt Zachary Garber (souverän in jedem Frame des Films, Walter Matthau), Chef der U-Bahn Polizei, eine japanische Delegation durch sein Reich, um ihnen die technischen Vorzüge amerikanischer Institutionen zu präsentieren. Nur die Technik läuft noch rund und bietet Anlass zur Bewunderung. In dieser Szenenfolge führt uns die Regie meisterhaft in die Grundstimmung und das sich fortlaufend immer klarer werdende Thema des Films ein: das in Frage Stellen von Autoritäten.

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Zachary Garber  (Walter Matthau) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Zwar ist Garber der Chef, wird aber von kaum jemanden seiner Mitarbeiter und Kollegen als solcher behandelt. Sinnbildlich dafür in der Figur des gelangweilten Marone, Garbers Stellvertreter, dargestellt von Jerry Stiller (ja, der Arthur Spooner aus KING OF QUEENS und Vater von Ben Stiller).

Jeder agiert für sich, jegliche Obrigkeit ablehnend. Matthaus Figur scheint dies aber kaum zu stören, da er selber so seine Schwierigkeiten mit dem System zu haben scheint. Er selbst agiert ironisch verständnisvoll seinen Leuten gegenüber, fast desillusioniert, bis er in seiner Profession als Verantwortlicher für andere Menschen gefordert ist. Ihm gelingt es ab dem Moment, wenn die Entführung nun klar als Bedrohung den Handlungsraum einnimmt, die Situation heldenhaft an sich zu reißen. Das strahlt auch bis auf eine Ausnahme auf seine Mitarbeiter aus. Auch hier wieder stellvertretend in der Figur Marone. Nun opfern sich alle für die Sache auf. Die passive Abwehrhaltung gegenüber einem erkrankten System, symbolisiert in der Figur des wegen einer Erkältung weinerlich bettlägerigen New Yorker Bürgermeisters, wandelt sich in couragiertes Handeln Einzelner mit Blick auf das Wesentliche: das Überleben der Geiseln.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Während der Bürgermeister nur seine zukünftigen Wählerstimmen im Blick hat und so lieber gar nichts entscheidet, befreien sich die bisher so Desillusionierten und werden selber zu Befreiern. Das System hat ausgedient. Auch das kurzzeitige Antisystem von Mr. Blue zerfällt, weil seine nur auf Geld fixierte Zielsetzung keine wirkliche Stabilität aufrecht erhalten kann. So zerstört sich das System schließlich selbst, weil es selber keine Vorbilder auf ein besseres Miteinander zu bieten hat. Der am Ende führerlose Wagon mit seinen im Stich gelassenen Insassen, kann nur durch ein eindeutiges „Stopp“ in Form einer roten Ampel gerettet werden, während die Entführer sich selbst vernichten und für den Bürgermeister nur Buhrufe übrig bleiben. Eindeutiger kann ein Film sich nicht positionieren.

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© Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Bis dahin erleben wir u. a. eine wirklich klug geschnittene, mitreißende Sequenz, in der unter enormen Zeitdruck versucht wird das Lösegeld von einer Bank quer durch New York zu den Entführern zu bringen. Hier werden kurzzeitig Kleinstrollen in den Figuren von vier Polizisten, die zu Kurieren des Geldes werden, zu Helden. Ein sehr schöner Kniff, dass die ausführenden Organe, die sonst so oft als die bösen Ausführenden eines korrupten Systems fungieren müssen, nun auf Seite der Helden agieren dürfen. Hier entfaltet die sonst sehr spärliche Filmmusik zudem ihre ganze Kraft und begleitet uns durch die dreckigen, echten Straßen von 1974.

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Bernard Ryder/Blue (Robert Shaw) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Dem Film gelingt es sein Grundthema in jeder Szene und weiteren Figuren konsequent zu variieren. Das ist intelligent und mitreißend erzählt.

Walter Matthau versuchte Anfang der 70er sein Image als Komödienschauspieler ein wenig zu lockern und spielte kurz hintereinander zwei großartige „ernste“ Rollen. Einmal in CHARLEY VARRICK (1973) von Don Siegel, einem der Mitbegründer des realistischen Cop- und Thrillergenres. Und dann diesen ironischen Garver, der mit seiner gelben Krawatte eine Art Späthippie mit Nixonhaarschnitt verkörpert, der in seinem Handeln jedoch dem uramerikanischen Helden wieder viel näher ist, als der drei Jahre zuvor agierende Clint Eastwood als DIRTY HARRY. Einen interessanteren Good Guy hat man durch Matthaus Darstellung selten im Kino gesehen.

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Zachary Garber  (Walter Matthau) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Mit Robert Shaw erhält Matthau einen faszinierenden Gegenpart. Trotz seiner unnachgiebig, berechnenden Kaltschnäuzigkeit, beeindruckt er in seinem konsequenten Handeln. Überhaupt bietet der Film bis in die kleinste Nebenrolle großartige Charaktere. Wer mag, kann hier zudem mal auf die Suche nach späteren TV Serien Nebenfiguren gehen und so Nachbar Wilson aus HÖR MAL WER DA HÄMMERT, oder Mildred aus REMINGTON STEELE entdecken.

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Bernard Ryder/Blue (Robert Shaw) // © Metro-Goldwyn-Mayer Studios

Insgesamt ist dies ein echtes Juwel aus der Ära eines jungen, respektlosen und wirklich innovativen Hollywoods, welches durch Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Sam Peckinpah oder William Friedkin herausragende Repräsentanten bekam. Leider konnte sich Joseph Sargent nie in diese Riege heldenhafter Regisseure einreihen. Der frühere TV Regisseur, erlangte später eher spöttischen Ruhm für JAWS IV als dass er ähnlich große Fußspuren in der Filmlandschaft seiner Kollegen hinterlassen hätte. Aber diesen Film wird ihm niemand mehr streitig machen können.

Die Blu-Ray im Mediabook

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123 Review Mediabook
Cover des Mediabooks © OFDb Filmworks

Diese liebevolle Neuveröffentlichung von OFDb Filmworks im Mediabook holt uns bereits mit dem Cover und einem sehr ausführlichen Booklet ab. Wir erfahren in welchem Kontext und Geist seiner Zeit der Film entstanden ist. So macht es noch mehr Lust ihn  in voller Pracht wieder genießen zu dürfen. Das Bild präsentiert den Film in grobkörnigen, dennoch scharfen und vibrierenden Bildern. Es wirkt zumindest so, als sei das Ziel gewesen den damaligen Look des Films ins heutige „scharfe“ Sehen digitaler Sehgewohnheiten zu transportieren. Das ist aus meiner Sicht sehr gut gelungen. Der Film wirkt „echt“, so als sei er gestern in einem Schneideraum direkt in einem stillgelegten U-Bahn Kassenhäuschen geschnitten worden. So sollte man Filme wieder auflegen: Mit Hintergrundinformationen zur Entstehung und Realisierung des Films und dem Anspruch ihn so wirken zu lassen als sähe man ihn in einem abgerockten Bahnhofskino in der Spätvorstellung zum allerersten Mal.

Film und Blu-ray Note 1.

Titel

Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 1-2-3 (1974)
OT: The Taking of Pelham One Two Three

Regisseur

Joseph Sargent

Poster

Release

Mediabook von OFDb Filmworks
bei ofdb.de bestellen
bei Amazon kaufen (Affiliate-Link)

Auflage Mediabook

Auf 2.000 Stück limitiert Cover A
Auf 333 Stück limitiert Cover B

Trailer

(Englisch)

Schauspieler

Walter Matthau (Zachary Garber)
Robert Shaw (Bernard Ryder/Blue)
Martin Balsam (Harold Longman/Green)
Hector Elizondo (Giuseppe Benvenuto/Grey)
Earl Hindman (George Steever/Brown)
James Broderick (Denny Doyle)

Drehbuch

Peter Stone

Buchvorlage

Nach dem Buch "Abfahrt Pelham 1 Uhr 23" von John Godey

Kamera

Owen Roizman

Musik

David Shire

Schnitt

Gerald B. Greenberg
Robert Q. Lovett

Technische Daten

Blu-ray
Bildformat: 2,35:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (Linear PCM 2.0 Stereo)
Untertitel: Deutsch & Englisch

Filmlänge

104 min

Altersfreigabe

Ab 16 Jahren freigegeben

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